Trachtlücke im Juni schließen: Erfahre, wie Du Wildbienen bei Nahrungsmangel hilfst. Experten-Tipps zu Pflanzen wie der Wiesen-Witwenblume und richtiger Mahd.
Im Juni vollzieht sich in Deinem Garten ein oft unbemerkter, aber folgenschwerer Wandel. Während die üppige Blütenpracht der Obstbäume, wie der Kornelkirsche (Cornus mas), längst vergangen ist und auch die klassischen Frühlingsgeophyten (Pflanzen, die den Winter in Form von Zwiebeln oder Knollen überdauern) eingezogen sind, lassen die Hochsommerblüher oft noch auf sich warten. In der Imkerei und Ökologie wird dieser Zeitraum als Trachtlücke bezeichnet. „Tracht“ umfasst hierbei die gesamte von Insekten eingetragene Nahrung, also Nektar, Pollen und Honigtau.
Das Problem verschärft sich in den letzten Jahrzehnten durch die globale Erwärmung. Die Phänologie (die Lehre von den im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungserscheinungen der Natur) zeigt, dass viele Insekten aufgrund milder Frühjahrstemperaturen früher aktiv werden. Pflanzen reagieren jedoch nicht immer im gleichen Zeitmaß auf die Erwärmung, da ihre Entwicklung oft auch von der Tageslänge gesteuert wird. Die Folge ist eine zeitliche Entkoppelung: Wenn die Insekten schlüpfen, finden sie keine passenden Blüten vor – oder die Blüten sind bereits verblüht, wenn die Larvenentwicklung den höchsten Energiebedarf aufweist.
Besonders kritisch ist diese Entwicklung für sogenannte oligolektische Wildbienen. Dies sind Arten, die auf den Pollen ganz bestimmter Pflanzenfamilien oder sogar Gattungen spezialisiert sind. Ein prägnantes Beispiel aus Deinem Garten könnte die Knautia-Sandbiene (Andrena hattorfiana) sein. Diese Wildbiene ist für die Versorgung ihrer Brut zwingend auf die Wiesen-Witwenblume (Artengruppe) (Knautia arvensis) angewiesen. Ökologische Erhebungen verdeutlichen, dass eine einzelne Biene den Pollen von etwa 15 bis 20 Blütenköpfen benötigt, um nur eine einzige Larvenzelle zu verproviantieren. Findet die Biene im Juni aufgrund gemähter Wiesen oder fehlender Wildstauden keine Witwenblumen, bricht die lokale Population zusammen.
Auch für Generalisten, wie die Gartenhummel (Bombus hortorum) oder den Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni), wird die Luft im Juni dünner. Während in der Agrarlandschaft oft Monokulturen nach der Blüte von Raps (Brassica napus) veröden, kommt Deinem Garten eine entscheidende Rolle als Trittsteinbiotop (vernetzendes Lebensraumelement) zu.
Um die Trachtlücke effektiv zu schließen, solltest Du auf Arten setzen, die eine lange Blühdauer aufweisen oder genau im Übergang vom Juni zum Juli ihren Höhepunkt erreichen. Die folgende Tabelle gibt Dir eine Auswahl an bewährten heimischen Wildpflanzen:
| Artname (deutsch) | Wissenschaftlicher Name | Blühbeginn | Ökologischer Nutzen |
|---|---|---|---|
| Wiesen-Witwenblume | Knautia arvensis | Juni | Hauptfutterquelle für spezialisierte Sandbienen. |
| Weiße Taubnessel | Lamium album | April (bis Okt) | Kontinuierlicher Nektarspender für Hummeln. |
| Anis | Pimpinella anisum | Juli | Wichtige Weide für Schwebfliegen und kleine Wildbienen. |
| Gewöhnlicher Natternkopf | Echium vulgare | Juni | Extrem hoher Nektarwert; zieht über 40 Insektenarten an. |
| Wiesen-Flockenblume | Centaurea jacea | Juni | Universalquelle für Tagfalter und Wildbienen. |
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Staffelmahd einführen: Mähe Deinen Rasen oder Deine Wiese niemals komplett ab. Wenn Du Abschnitte stehen lässt (die sogenannte Inselmahd), behältst Du wichtige Rückzugsräume und Futterquellen für Insekten bei. In den stehengelassenen Bereichen können Arten wie die Weiße Taubnessel (Lamium album) weiter blühen und Samen bilden.
Blühfaule Stauden zurückschneiden: Manche Frühsommerblüher wie der Steppensalbei (Salvia nemorosa) können durch einen rechtzeitigen Rückschnitt nach der ersten Blüte zu einer zweiten Blüte (Remontieren) im Spätsommer angeregt werden. Dies hilft, die nächste potentielle Lücke im August zu verkleinern.
Offene Bodenstellen zulassen: Viele der im Juni aktiven Wildbienen sind Erdnister. Sie benötigen neben Nahrung auch Zugang zu offenem, unbewachsenem Boden, um ihre Niströhren anzulegen. Vermeide daher eine lückenlose Mulchschicht aus Rindenmulch, da dieser die Bodenatmung behindert und den Zugang versperrt.
Wassergaben optimieren: In trockenen Junimonaten stellen Pflanzen die Nektarproduktion ein, um Wasser zu sparen. Wenn Du Deine heimischen Wildstauden in extremen Hitzeperioden moderat wässerst, erhältst Du deren Funktion als „Tankstelle“ für Insekten aufrecht.
Verzicht auf Ordnungsliebe: Verblühte Stängel von Doldenblütlern wie Anis (Pimpinella anisum) sollten erst im nächsten Frühjahr entfernt werden. Sie dienen oft als Schlafplatz für solitäre Wildbienen oder als Verpuppungsort für Schmetterlingsraupen.
Durch diese gezielten Maßnahmen verwandelst Du Deinen Garten in eine verlässliche Oase, die den biologischen Rhythmus der Insektenwelt unterstützt, auch wenn das Klima aus dem Takt gerät. Kompetentes Gärtnern bedeutet heute mehr denn je, die zeitlichen Zusammenhänge der Natur zu verstehen und aktiv zu steuern.
Ein Zeitraum im Frühsommer, in dem blühende Wildpflanzen fehlen, sodass Insekten wie Bienen und Schmetterlinge keine ausreichende Nahrung finden.
Viele Frühlingsblüher sind verblüht, während Sommerstauden oft noch keine Knospen tragen. Der Klimawandel verstärkt diese zeitliche Verschiebung massiv.
Die Knautia arvensis blüht ab Juni sehr ausdauernd und ist die lebensnotwendige Pollenquelle für die spezialisierte Knautia-Sandbiene.
Durch zeitversetztes Mähen einzelner Flächen bleiben blühende Inseln als Nahrungsquelle und Rückzugsort für Insekten dauerhaft erhalten.
label_main_article: Naturgarten-Strategie: Von der Frühjahrsblüte zur sommerlichen Vielfalt
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