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EUNIS: MC351; MC4Europäische Rote Liste: Data DeficientFFH-Anhang I: 1160

Algen-dominierte Lebensgemeinschaften im zirkalitoralen Sediment des Mittelmeers – EUNIS MC351/MC4

Der Biotoptyp MC351/MC4 beschreibt von aufrecht wachsenden Makroalgen dominierte Lebensgemeinschaften im zirkalitoralen Sediment des Mittelmeers. Sie treten meist zwischen 30 und 100 Metern Tiefe bei geringen Restlichtmengen (5–0,5 % des Oberflächenlichts) auf. Sechs Subhabitate werden unterschieden, darunter Kelpwälder mit Laminaria rodriguezii, Rotalgenwiesen mit Osmundaria volubilis und Kiesböden mit Cystoseira spp. Die Europäische Rote Liste der Biotoptypen stuft den Lebensraum als ‚Data Deficient‘ (Daten unzureichend) ein. Über den Annex-I-Code 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) besteht ein indirekter Bezug zur FFH-Richtlinie.

Einordnung

Originalbezeichnung
Algal dominated communities in the Mediterranean circalittoral sediment
EUNIS
MC351; MC4
EU-28
Data Deficient
EU-28+
Data Deficient
FFH-Anhang I
1160 – Large shallow inlets and bays

Das Wichtigste in Kürze

  • Definition: Algen-dominierte Gemeinschaften auf detritischen, oft kiesigen Sedimenten des zirkalitoralen Bereichs (ca. 30–100 m Tiefe) im Mittelmeer, wo aufrecht wachsende Makroalgen den Meeresboden besiedeln.
  • EUNIS-Codes: MC351 und MC4 (marine Biotopklassifikation).
  • Rote Liste Europa: Data Deficient – die Gefährdung ist aufgrund unzureichender Daten nicht bewertbar.
  • FFH-Bezug: Der Lebensraum fällt unter den Annex-I-Lebensraumtyp 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme).
  • Biogeografische Region: Ausschließlich mediterran (MED).
  • Charakteristisch: Üppige Algenflora aus Rot-, Braun- und Grünalgen, begleitet von Seescheiden, Stachelhäutern, Krebsen und Fischen.
  • Gefährdungen: Invasive Arten wie Caulerpa cylindracea und Caulerpa taxifolia können die Gemeinschaften verdrängen.

Was ist der Biotoptyp MC351/MC4?

Der Biotoptyp „Algal dominated communities in the Mediterranean circalittoral sediment“ umfasst marine Lebensräume, in denen Makroalgen das Erscheinungsbild des Meeresbodens prägen. „Zirkalitoral“ bezeichnet den Tiefenbereich eines Kustengewässers, der unterhalb der gut durchlichteten Zone liegt und in dem nur noch wenig Restlicht ankommt – im Mittelmeer typischerweise zwischen etwa 30 und 100 Metern.

Der Untergrund besteht aus Sedimenten, die einen nennenswerten Detritusanteil oder Kiesschichten aufweisen. Auf diesem für Makroalgen sonst schwer besiedelbaren Grund können aufrechte Algenarten gedeihen, solange die hydrodynamischen Bedingungen moderat bis gering sind und die Nährstoffversorgung passt. Die Lichtverfügbarkeit liegt meist nur noch zwischen 5 % und 0,5 % der Oberflächeneinstrahlung. Die Algenbedeckung schwankt dabei je nach Standort und Jahreszeit erheblich.

Typisch für den Lebensraum ist eine hohe Artenvielfalt bei den Algen. Neben kleinen, rasenartigen Formen bilden manche Arten regelrechte Algenwälder, vor allem im Bereich von 70 bis 100 Metern Tiefe. Der Biotoptyp zählt zu den artenreichsten und zugleich empfindlichsten marinen Lebensräumen des Mittelmeers.


EUNIS-Klassifikation und Sub-Habitate

Das europäische Klassifikationssystem EUNIS führt den Lebensraum unter den marinen Codes MC351 und MC4. Bei MC351 handelt es sich um eine feinere Untergliederung, während MC4 allgemeiner die Zugehörigkeit zu algen-dominierten Zirkalitoralgemeinschaften auf Sediment anzeigt. Die wissenschaftliche Beschreibung aus dem European Red List-Paket unterscheidet sechs typische Ausprägungen (Sub-Habitate), die in der folgenden Tabelle zusammengefasst sind:

Sub-HabitatTiefenbereichDominante Algen / MerkmaleBesonderheiten
Rotalgenwiesen50–90 mOsmundaria volubilis, Phyllophora crispaBesonders häufig im zentralen und nordwestlichen Mittelmeer
Tiefsee-Kelpwald (Laminaria rodriguezii)70–100 m, vereinzelt flacherLaminaria rodriguezii, Phyllariopsis spp.Typisch für das gesamte Mittelmeer, benötigt stabile Bedingungen
Kelpwald mit starken Strömungen(Alborán-See, NW-Afrika, Straße von Messina)Laminaria ochroleuca, Saccorhiza polyschidesNur in Zonen mit sehr starker Strömung
Braunalgenrasen55–100 mHalopteris filicinaBildet dichte Bestände auf Kies
Kiesböden mit Fadenalgen30–50 mArthrocladia villosa, Sporochnus pedunculatusUnterliegt starken Schwankungen zwischen den Jahren
Cystoseira-Kiesböden30–100 m (variabel)Cystoseira abies-marina, C. foeniculacea u. a.Artenreiche Besiedlung, mehrere Cystoseira-Arten beteiligt

Die Algengemeinschaften kommen nicht zwingend gemeinsam mit Maërl (einer Sonderform von Kalkrotalgen) vor, obwohl manche Arten wie Lithothamnion corallioides oder Phymatolithon calcareum auch in diesem Biotoptyp auftreten können.


Europäische Rote Liste der Biotoptypen

Die Europäische Rote Liste der Habitate (EU28 und EU28+) bewertet den Lebensraum „Algal dominated communities in the Mediterranean circalittoral sediment“ als Data Deficient (DD) – Daten unzureichend. Das bedeutet: Es liegen nicht genügend Informationen vor, um die Gefährdung einzuschätzen. Weder ein Trend noch eine konkrete Einstufung in eine Gefährdungskategorie sind möglich.

Gründe für diese Einstufung liegen in der schwierigen Erreichbarkeit der Tiefenbereiche, der natürlichen Variabilität der Artengemeinschaften und fehlenden systematischen Monitoring-Programmen. Einige Subhabitate – etwa die Arthrocladia-Sporochnus-Rasen – zeigen eine große zwischenjährliche Dynamik in Artenzusammensetzung und Biomasse, was Vergleiche erschwert. Andere, wie die Kelpwälder mit Laminaria rodriguezii, gelten als vergleichsweise konstant.

Um künftig eine fundierte Rote-Liste-Bewertung zu ermöglichen, empfehlen die Bearbeiterinnen und Bearbeiter ein regelmäßiges Monitoring der Abundanz und der lokalen Artenvielfalt als Indikator für die Lebensraumqualität.


FFH-Richtlinie und Annex I

In der FFH-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG) ist der Biotoptyp nicht als eigenständiger Lebensraumtyp aufgeführt. Er wird jedoch dem Annex-I-Code 1160 „Large shallow inlets and bays“ (Große flache Buchten und Meeresarme) zugeordnet. In den Quellen der EUNIS-Datenbank wird dieser Bezug als Crosswalk mit dem Qualifier „#“ vermerkt. Das bedeutet, dass die algen-dominierten circalitoralen Gemeinschaften als Teil dieses großräumigen Lebensraums interpretiert werden können und bei Managementmaßnahmen für große Flachwasserbuchten mit zu berücksichtigen sind.

Diese Einordnung ist fachlich nachvollziehbar, weil viele der Subhabitate in geschützten Meeresarmen oder in strömungsbeeinflussten Rinnen innerhalb solcher Buchten auftreten. Allerdings erreichen die Kelpwälder mit Laminaria rodriguezii Tiefen von fast 100 Metern, was nicht mehr als „flach“ im klassischen Sinne gilt. Die Zuordnung ist daher als pragmatischer Brückenschlag zu verstehen, um den Schutzstatus zu sichern, nicht als strenge ökologische Deckungsgleichheit.

Ein aktueller Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie liegt für diesen Biotoptyp in den vorliegenden Quelldaten nicht vor.


Typische Arten und Artenvielfalt

Die charakteristische Lebewelt des Biotoptyps setzt sich aus einer beeindruckenden Vielfalt von Algen und Tieren zusammen. Die dominierenden Gruppen sind:

Rotalgen (Rhodophyta)
Neben den bereits genannten Osmundaria volubilis und Phyllophora crispa treten zahlreiche weitere Arten auf: Rytiphlaea tinctoria, Alsidium corallinum, Scinaia complanata sowie Kalkrotalgen wie Lithophyllum racemus, Spongites fruticulosus und Mesophyllum sphaericum. Auch zarte Blattformen (z. B. Erythroglossum balearicum) und gallertartige Arten (Nemastoma dumontioides) sind typisch.

Braunalgen (Phaeophyta)
Die großen Kelp-Arten Laminaria rodriguezii, L. ochroleuca und Saccorhiza polyschides bilden die auffälligste Schicht. Hinzu kommen kleinere Braunalgen wie Dictyopteris polypodioides, Carpomitra costata, Asperococcus bullosus und mehrere Cystoseira-Arten (z. B. Cystoseira zosteroides). Sie bieten einer Vielzahl wirbelloser Tiere Lebensraum und Schutz.

Grünalgen (Chlorophyta)
Neben der harmlosen Umbraulva dangeardii sind vor allem die beiden invasiven Caulerpa-Arten C. taxifolia und C. cylindracea zu nennen. Sie können in gestörten Beständen massiv auftreten und die heimische Algenflora verdrängen.

Wirbellose Tiere
Seescheiden (Aplidium conicum, Rhopalaea neapolitana), Stachelhäuter (Chaetaster longipes, Ophiopsila aranea, Spatangus purpureus), Krebse (Einsiedlerkrebse Dardanus callidus, Dardanus arrossor, Pagurus prideaux) und Nesseltiere (Eunicella singularis, Eunicella verrucosa) sind regelmäßig anzutreffen. Sie tragen zur Strukturvielfalt und zur Funktion des Ökosystems bei.

Fische
Zu den charakteristischen Fischen gehören unter anderem Dasyatis pastinaca (Gewöhnlicher Stechrochen), Zeus faber (Petersfisch), Mullus surmuletus (Streifenbarbe), Pagrus pagrus (Gewöhnliche Rotbrasse) und Blennius ocellaris (See-Aaskäfer). Sie nutzen die Algenbestände als Versteck, Nahrungshabitat oder Jagdgebiet.


Bedrohungen und Entwicklung

Die Qualität des Lebensraums ist vor allem von natürlichen und menschlich beeinflussten Faktoren abhängig: Nährstoffeintrag, Sedimentfrachten, Temperaturschwankungen, Salinität und Hydrodynamik. Einige Subhabitate – besonders die Kiesböden mit Arthrocladia villosa und Sporochnus pedunculatus – zeigen starke jährliche Schwankungen, während andere langfristig stabil erscheinen.

Eine zentrale Gefährdung geht von invasiven Arten aus. Die Grünalgen Caulerpa cylindracea und Caulerpa taxifolia können unter veränderten Bedingungen dichte Bestände bilden und die heimischen Algengemeinschaften fast vollständig ersetzen. Der Biotop kann dadurch in einen von Neobiota dominierten Zustand übergehen.

Weitere potenzielle Bedrohungen, die in den vorliegenden Quelldaten nicht konkret ausgewiesen sind, könnten Fischerei mit Bodenberührung, Meeresverschmutzung und die Auswirkungen des Klimawandels (Temperaturerhöhung, Verschiebung der Wasserschichtung) umfassen. Auch Freizeittauchen kann lokal Störungen verursachen, allerdings sind viele Bestände aufgrund der Tiefe ohnehin nur selten von Tauchern besucht.

Trends in der regionalen Verbreitung und der Artenzusammensetzung dienen als Anhaltspunkt für Veränderungen der Habitatqualität. Da die Datenlage insgesamt dünn ist, bleibt der tatsächliche Zustand jedoch in vielen Regionen ungeklärt.


Erhaltungszustand und Schutz

Wie bereits erwähnt, liegen für diesen Biotoptyp keine offiziellen Angaben zum Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie vor. Das Monitoring mariner Lebensräume ist aufwendig und die Tiefenstufe des Zirkalitorals entzieht sich standardisierten Kartierungen.

Die Europäische Rote Liste verweist auf die Notwendigkeit, mehr und systematisch erhobene Daten zu sammeln. Erst dann wird eine verlässliche Gefährdungsbeurteilung möglich. Schutzmaßnahmen sollten an den bekannten Faktoren ansetzen: Begrenzung von Nährstoffeinträgen aus Flusssystemen und Aquakulturen, strenge Ballastwasser-Kontrollen zur Vermeidung weiterer invasiver Arten und Ausweisung von Meeresschutzgebieten, die explizit auch tiefere Zirkalitoralbiotope einschließen.


Bedeutung für Küstengemeinden und „Garten“-Analogie

Für Küstenkommunen im Mittelmeerraum ist der Biotoptyp alles andere als alltagsrelevant – es handelt sich um einen verborgenen, tiefer gelegenen Lebensraum, der selten sichtbar wird. Touristische oder fischereiliche Nutzungen können den Lebensraum tangieren, bleiben aber meist auf wenige Arten (z. B. Zielarten der Angelfischerei) beschränkt. Eine direkte Nachbildung oder Pflege in Aquarien oder öffentlichen Gärten ist nicht möglich und sollte nicht suggeriert werden. Der Wert des Biotoptyps liegt in seiner ökologischen Funktion als Kinderstube für Fische und als Reservoir seltener Algenarten. Der Schutz der Meeresumwelt profitiert von einem intakten Zustand dieser Tiefenlebensräume.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Was ist das Besondere an algen-dominierten Zirkalitoralgemeinschaften?
Sie beherbergen eine Vielzahl oft nur im Mittelmeer vorkommender Makroalgen und bilden strukturreiche, von Kelp und Rotalgen geprägte Unterwasserlandschaften in Tiefen, die nur noch sehr wenig Licht erhalten.

2. Wo kommen diese Lebensräume genau vor?
Ausschließlich im Mittelmeer (biogeografische Region MED). Konkrete Ländernennungen fehlen im europäischen Datensatz, weil der Biotoptyp nach ökologischen Kriterien abgegrenzt wird.

3. Warum ist die Rote Liste-Einstufung „Data Deficient“?
Es gibt nicht genügend systematisch erhobene Daten über Verbreitung, Entwicklung und Gefährdung. Viele Bestände liegen in schwer zugänglichen Tiefen; zudem variieren manche Subhabitate stark von Jahr zu Jahr.

4. Besteht ein Schutz nach der FFH-Richtlinie?
Indirekt ja: Der Lebensraumtyp wird dem Annex-I-Lebensraum 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) zugeordnet. Einen expliziten eigenen Schutzstatus oder einen aktuellen Erhaltungszustand nach Artikel 17 gibt es in den vorliegenden Daten jedoch nicht.

5. Welche Rolle spielen invasive Algen?
Die beiden Caulerpa-Arten C. taxifolia und C. cylindracea können einheimische Algengemeinschaften verdrängen und den gesamten Lebensraumcharakter verändern. Sie gelten als die größte unmittelbare Bedrohung.


Quellen

Die Inhalte basieren auf den EEA-erweiterten Daten der European Red List of Habitats 2022 sowie auf den EUNIS-Datenbanken. Alle Angaben zu Arten, Subhabitaten und Klassifikationen sind direkt aus den Quellinformationen übernommen.

Häufige Fragen

Was ist das Besondere an algen-dominierten Zirkalitoralgemeinschaften?

Sie beherbergen eine Vielzahl oft nur im Mittelmeer vorkommender Makroalgen und bilden strukturreiche, von Kelp und Rotalgen geprägte Unterwasserlandschaften in Tiefen, die nur noch sehr wenig Licht erhalten.

Wo kommen diese Lebensräume genau vor?

Ausschließlich im Mittelmeer (biogeografische Region MED). Konkrete Ländernennungen fehlen im europäischen Datensatz, weil der Biotoptyp nach ökologischen Kriterien abgegrenzt wird.

Warum ist die Rote Liste-Einstufung „Data Deficient“?

Es gibt nicht genügend systematisch erhobene Daten über Verbreitung, Entwicklung und Gefährdung. Viele Bestände liegen in schwer zugänglichen Tiefen; zudem variieren manche Subhabitate stark von Jahr zu Jahr.

Besteht ein Schutz nach der FFH-Richtlinie?

Indirekt ja: Der Lebensraumtyp wird dem Annex-I-Lebensraum 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) zugeordnet. Einen expliziten eigenen Schutzstatus oder einen aktuellen Erhaltungszustand nach Artikel 17 gibt es in den vorliegenden Daten jedoch nicht.

Welche Rolle spielen invasive Algen?

Die beiden Caulerpa-Arten C. taxifolia und C. cylindracea können einheimische Algengemeinschaften verdrängen und den gesamten Lebensraumcharakter verändern. Sie gelten als die größte unmittelbare Bedrohung.

Quellen