Arktische Küstensalzwiese – Lebensraum der hohen Breiten (EUNIS A2.5)
Die arktische Küstensalzwiese (EUNIS A2.5) ist ein salzbeeinflusster Lebensraum der Arktis, der an den Nordküsten Islands, Norwegens, Russlands sowie auf Spitzbergen und Nowaja Semlja vorkommt. Geprägt wird sie von niedrigwüchsigen Pflanzengesellschaften mit typischen Arten wie Puccinellia phryganodes und Carex glareosa. Innerhalb der Europäischen Union tritt sie nicht auf, wird aber im Rahmen der EU28+-Bewertung der Europäischen Roten Liste der Lebensräume als Near Threatened (potenziell gefährdet) eingestuft, vor allem bedroht durch Küstenerosion, industrielle Aktivitäten und Verschmutzung.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Arctic coastal salt marsh
- EUNIS
- A2.5 – Coastal saltmarshes and saline reed beds
- EU-28
- -
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 1310 – Salicornia and other annuals colonizing mud and sand
Das Wichtigste in Kürze
Die arktische Küstensalzwiese (EUNIS-Code A2.5 ) ist ein Lebensraum der hohen Breitengrade. Sie kommt ausschließlich nördlich des Polarkreises an flachen, salzbeeinflussten Küsten vor – in Fjorden, Ästuaren und auf arktischen Inseln. In Europa ist sie auf die Nordküsten Islands, Norwegens und Russlands sowie auf die Inselgruppe Spitzbergen, Jan Mayen und Nowaja Semlja beschränkt. Innerhalb der heutigen Europäischen Union (EU28) existiert dieser Biotoptyp nicht.
Die Vegetation ist artenarm, aber hoch spezialisiert; zwei Pflanzengesellschaften – das Puccinellion phryganodes (untere Marsch) und das Caricion glareosae (obere Marsch) – kennzeichnen den Typ. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (Scope: EU28+) bewertet die Arktische Küstensalzwiese als Near Threatened (potenziell gefährdet). Die Hauptbelastungen sind Küstenerosion, Veränderungen des Meereises, Ölbohrungen und Schadstoffeinträge.
Der FFH-Anhang-I-Typ 1310 (Salicornia und andere einjährige Arten auf Schlamm und Sand) deckt teilweise ähnliche Strukturen ab; der in der FFH-Richtlinie berichtspflichtige Erhaltungszustand ist für diesen arktischen Lebensraum jedoch nicht verfügbar, weil er nicht in EU-Mitgliedstaaten vorkommt.
| Kategorie | Wert |
|---|---|
| EUNIS-Code | A2.5 |
| Name | Coastal saltmarshes and saline reed beds; Arktische Küstensalzwiese |
| Europäische Rote Liste (EU28+) | Near Threatened |
| FFH-Anhang I (Code) | 1310 |
| FFH-Typbezeichnung | Salicornia und andere einjährige Arten auf Schlamm und Sand |
| Artikel-17-Erhaltungszustand | in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben |
EUNIS-Typologie und Einordnung
Nach dem European Nature Information System (EUNIS) wird die Arktische Küstensalzwiese dem Code A2.5 (Coastal saltmarshes and saline reed beds) zugeordnet. Dieser weite Typ umfasst Salzwiesen und salzbeeinflusste Röhrichte der europäischen Meeresküsten. Die arktische Ausprägung bildet eine eigene, biogeographisch abgrenzbare Einheit, die durch das Vorkommen der pflanzensoziologischen Verbände Puccinellion phryganodes und Caricion glareosae gut charakterisiert wird.
Die Trennung zu den atlantischen Salzwiesen verläuft fließend, folgt aber im Wesentlichen einer Linie zwischen 65° und 70° nördlicher Breite (nach Dijkema et al. 1984). Nördlich davon fehlen viele typische Arten der gemäßigten Salzwiesen oder treten nur noch sporadisch auf. Gleichzeitig erscheinen Arten, die weiter südlich allenfalls als seltene Gastvorkommen gelten.
Verbreitung und Abgrenzung in Europa
Die Arktische Küstensalzwiese ist ein Lebensraum des Arktischen Ozeans und seiner Nebenmeere. Die Vorkommen konzentrieren sich auf:
- die Nordküste Islands (v. a. Fjorde und Ästuare)
- die Nordküste Norwegens (einschließlich der Finnmark)
- die Nordküste Russlands (u. a. Barentssee- und Karaseeküste)
- die Inselgruppe Spitzbergen (Svalbard)
- die Insel Jan Mayen
- die Doppelinsel Nowaja Semlja (Nova Zembla)
Nach der Definition der Europäischen Umweltagentur (EEA) tritt dieser Biotoptyp nicht in der Europäischen Union (EU28) auf. Daher gibt es keine FFH-Meldung und keinen offiziellen Erhaltungszustand nach Artikel 17 der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Für die Bewertung auf europäischer Ebene wurde der erweiterte Bewertungsraum EU28+ herangezogen, der auch Island, Norwegen und weitere Nicht-EU-Staaten umfasst.
Charakteristische Pflanzenarten und Zonation
Die Vegetation der Arktischen Küstensalzwiese ist durch eine klare Zonation in Abhängigkeit von Überflutungshäufigkeit und Salzkonzentration geprägt. Charakteristische Arten der unteren, häufiger überfluteten Bereiche sind:
- Puccinellia phryganodes (Kriechender Salzschwaden) – eine zirkumpolare Art, die oft dichte Matten bildet
- Carex glareosa (Salz-Segge) – kennzeichnend für die obere Marsch
- Potentilla anserina subsp. egedii (Egedis Fingerkraut)
- Stellaria humifusa (Niederliegende Sternmiere)
- Gentianella detonsa (Bärtiger Enzian)
- Carex salina, Carex ursina, Carex subspathacea – weitere arktische Seggenarten
- Salicornia pojarkova („Eismeer-Queller“) – an schlickigen Standorten
Daneben treten auch salztolerante Arten der gemäßigten Breiten auf, die hier aber kaum Dominanz entwickeln:
- Agrostis stolonifera (Weißes Straußgras)
- Festuca rubra (Rotschwingel)
- Plantago maritima (Strand-Wegerich)
- Triglochin maritima (Strand-Dreizack)
- Puccinellia distans subsp. borealis (nördlicher Salzschwaden)
- Carex mackenziei (Mackenzie-Segge)
An Moosen sind vor allem Bryum salinum und Drepanocladus uncinatus beteiligt. Gehölze fehlen in diesem Lebensraum vollständig.
Artenvielfalt: Spezialisten der Arktis
Die Arktische Küstensalzwiese zählt zu den artenärmsten Salzwiesen Europas, doch der Anteil exklusiv arktischer Arten ist hoch. Im Vergleich mit den atlantischen Salzwiesen (z. B. Wattenmeer) fehlen Quellerarten wie Salicornia europaea agg. oder Strandflieder (Limonium vulgare). Dafür kommen hier Arten wie Carex glareosa, Puccinellia phryganodes oder Salicornia pojarkova vor, die im südlicheren Europa fast vollständig fehlen.
Diese Spezialisierung macht den Lebensraum besonders empfindlich gegenüber Klimaveränderungen und direkten Störungen. Viele der charakteristischen Arten sind schwachwüchsig und können nur bei geringer Konkurrenz überleben.
Ökologischer Zustand: Rote-Liste-Einstufung und Gefährdung
Auf der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (veröffentlicht durch die EEA, Datenpaket 2022) wird die Arktische Küstensalzwiese wie folgt bewertet:
- Kategorie: Near Threatened (potenziell gefährdet)
- Geltungsbereich: EU28+ (EU-Mitgliedstaaten plus Island, Norwegen, Schweiz u.a.)
- Kriterium: in den vorliegenden Quelldaten nicht im Einzelnen aufgeschlüsselt
Für die EU28 allein liegt keine Einstufung vor, da der Lebensraum dort nicht vorkommt. Die nächstmögliche Gefährdung ergibt sich vor allem aus der kleinen Fläche, der Bindung an kalte Küstenabschnitte und den zunehmenden anthropogenen Belastungen in der Arktis.
Typische Anzeichen eines guten ökologischen Zustands sind laut Definition:
- Geringer Anteil offener, vegetationsloser Flächen
- Dominanz charakteristischer arktischer Arten (kein Vordringen südlicher Generalisten)
- Keine sichtbaren Erosionsspuren
- Keine Spuren von Freizeitnutzung oder Schadstoffen
Verbindung zu FFH und Annex I
Der Arktischen Küstensalzwiese ist in der Europäischen Roten Liste der FFH-Anhang-I-Code 1310 („Salicornia und andere einjährige Arten auf Schlamm und Sand“) zugeordnet. Es handelt sich dabei um einen Querverweis („#“), der anzeigt, dass der Lebensraum nicht vollständig mit diesem FFH-Typ übereinstimmt, aber strukturelle und floristische Gemeinsamkeiten aufweist. Insbesondere einjährige Quellerbestände auf Schlickböden bilden eine Brücke; die ausdauernde, grasreiche Vegetation der arktischen Salzwiese geht jedoch weit darüber hinaus.
Da die gesetzliche Berichtspflicht nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie nur für Biotope in EU-Mitgliedstaaten gilt, liegt für die arktische Küstensalzwiese kein offizieller Erhaltungszustand vor. In den Daten der EEA (Artikel-17-Datenbank) ist dieser Typ daher nicht geführt.
Bedrohungen und Schutzperspektiven
Die wesentlichen, in der Roten Liste genannten Belastungsfaktoren sind:
- Küstenerosion – verstärkt durch tauenden Permafrost und reduziertes Meereis
- Veränderungen des Meereises – geringere Eisbedeckung verändert Überflutungsregime und Salinität
- Industrielle Aktivitäten – vor allem Offshore-Ölbohrungen in der Arktis mit Folgen wie Lärm, Verschmutzung und Infrastrukturbau
- Schadstoffeinträge – Ölrückstände, Schwermetalle und langlebige organische Schadstoffe, die sich in der Arktis anreichern
Schutzmaßnahmen liegen in erster Linie in der Ausweisung streng geschützter Küstenabschnitte (z. B. in Spitzbergen teilweise realisiert) und internationaler Zusammenarbeit im Rahmen des Arktischen Rates. Die geringe Fläche und die Empfindlichkeit gegenüber kleinklimatischen Änderungen machen diesen Biotop zu einem Frühwarnsystem für den Klimawandel in der Arktis.
Bedeutung für den Natur- und Klimaschutz
Auch wenn die Arktische Küstensalzwiese keine Relevanz für den heimischen Garten oder kommunale Grünplanung hat – eine Nachbildung im Garten ist ausgeschlossen –, zeigt sie doch, wie wertvoll extreme Lebensräume sind. Sie ist Kohlenstoffspeicher im Permafrost, Lebensraum für hochspezialisierte Arten und ein Archiv natürlicher Küstendynamik. Ihr Schutz ist ein Baustein, um die biologische Vielfalt der gesamten europäischen Salzwiesenpalette zu erhalten.
Für Naturinteressierte in Europa wird der Lebensraum vor allem über Schutzgebiete auf Island oder Spitzbergen erlebbar. Exkursionen und Citizen-Science-Projekte in diesen Regionen tragen dazu bei, den Wissenstand zu verbessern und Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
Häufige Fragen
Was versteht man unter einer arktischen Küstensalzwiese?
Die arktische Küstensalzwiese (EUNIS A2.5) ist ein salzbeeinflusster, baumfreier Lebensraum der arktischen Küsten, der durch niedrigwüchsige Salzpflanzen der Verbände Puccinellion phryganodes und Caricion glareosae geprägt wird. Sie kommt nördlich von etwa 65–70° N vor und unterscheidet sich deutlich von den atlantischen Salzwiesen.
Wo in Europa findet man die arktische Küstensalzwiese?
Die Vorkommen beschränken sich auf die Nordküsten Islands, Norwegens und Russlands sowie auf arktische Inseln wie Spitzbergen (Svalbard), Jan Mayen und Nowaja Semlja. Innerhalb der Europäischen Union (EU28) tritt dieser Lebensraum nicht auf.
Wie ist die arktische Küstensalzwiese in der Roten Liste der Lebensräume eingestuft?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet den Typ für das Gebiet EU28+ als Near Threatened (potenziell gefährdet). Grundlage sind Belastungen wie Küstenerosion, industrielle Aktivitäten und Verschmutzung. Eine EU28-spezifische Einstufung existiert nicht, da der Typ dort nicht vorkommt.
Welche typischen Pflanzenarten kommen in der arktischen Küstensalzwiese vor?
Zu den charakteristischen Arten gehören Puccinellia phryganodes, Carex glareosa, Potentilla anserina subsp. egedii, Stellaria humifusa, Gentianella detonsa, mehrere arktische Seggen (Carex salina, Carex ursina, Carex subspathacea) sowie der Eismeer-Queller Salicornia pojarkova. Viele dieser Pflanzen sind auf die Arktis beschränkt.
Besteht eine offizielle FFH-Schutzverpflichtung für diesen Lebensraum?
Der Lebensraum wird dem FFH-Anhang-I-Typ 1310 (Salicornia und andere einjährige Arten) zugeordnet, jedoch nicht vollständig deckungsgleich. Ein Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie wird nicht berichtet, da der Typ nicht in EU-Mitgliedstaaten vorkommt.