Atlantische Maerl-Gründe (Rhodolith-Betten): Ein verborgener Schatz am Meeresgrund
Atlantische Maerl-Gründe (auch Rhodolith-Betten) sind marine Biotope, die von freilebenden, nicht festsitzenden Kalkrotalgen aufgebaut werden. Sie kommen in 20–150 m Tiefe auf groben, sauberen Sedimenten unter Strömungseinfluss vor. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft sie als „Vulnerable“ (gefährdet) ein, und sie sind in den FFH-Lebensraumtypen 1110 und 1160 enthalten.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Atlantic maerl beds
- EUNIS
- MB322; MB421; MB622
- EU-28
- Vulnerable
- EU-28+
- Vulnerable
- FFH-Anhang I
- 1110; 1160 – Sandbanks which are slightly covered by sea water all the time; Large shallow inlets and bays
Das Wichtigste in Kürze
- Biotoptyp: Marine Lebensgemeinschaft aus freilebenden, kalkbildenden Rotalgen (Rhodolithe) auf Sedimentböden.
- EUNIS-Codes: MB322; MB421; MB622 (genaue Bezeichnungen innerhalb der EUNIS-Typologie in den Quelldaten nicht weiter spezifiziert).
- Europäische Rote Liste: Vulnerable (gefährdet) – Bewertung für EU28 und EU28+.
- FFH-Annex-I-Bezug: In den Lebensraumtypen 1110 (Sandbänke mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten) eingeschlossen (Qualifier „#“).
- Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
- Biogeografische Region: NEA (North East Atlantic).
- Garten- und Kommunenbezug: Maerl-Gründe lassen sich nicht in Gärten oder städtischen Gewässern nachbilden. Für Küstenkommunen sind sie jedoch als artenreiche, produktive Ökosysteme von großer Bedeutung für die marine Raumplanung und den Schutz von Meeresgebieten.
Was sind Atlantische Maerl-Gründe?
Atlantische Maerl-Gründe – auch als Rhodolith-Betten bezeichnet – sind ein rein mariner Lebensraum, der von nicht festsitzenden, kalkbildenden Rotalgen (Corallinaceae) dominiert wird. Anders als die meisten Algen sind diese Arten nicht mit dem Untergrund verwachsen, sondern liegen lose auf dem Meeresboden und bilden dort ausgedehnte, mehr oder weniger dichte Bestände. Die Algenkörper (Thalli) wachsen in verschiedenen Formen: als kleine, kompakte „Pralinen“, als verzweigte, zweiglose Äste oder als große, unregelmäßige, kastenartige Gebilde. Lebend ist dabei meist nur die oberste, wenige Zentimeter dicke Schicht; darunter folgt abgestorbenes Kalkmaterial, das über lange Zeiträume stabile Biotope aufbaut.
Die Abgrenzung des Biotoptyps folgt einer klaren Definition: Ein Rhodolith-Bett liegt vor, wenn auf sedimentären Böden freilebende, nicht genikulierte Kalkrotalgen (unvollständig umkrustete Körner ausgeschlossen) mit mehr als 10 % Lebenddeckung vorkommen. Die Böden bestehen aus grobem, sauberem Sediment, etwa Kies und Sand, und sind ständig von Bodenströmungen geprägt. Solche Bedingungen finden sich sowohl an offenen Küsten als auch in strömungsreichen, oft steinigen Kanälen von Meeresarmen.
Im Unterschied zu nordeuropäischen Maerl-Vorkommen handelt es sich bei den hier beschriebenen atlantischen Maerl-Gründen um einen erweiterten Begriff, der in der vorliegenden Roten-Liste-Bewertung auch mediterrane Rhodolith-Betten umfasst – auch wenn der Name auf den Atlantik beschränkt scheint. Die charakteristischen Artenzusammensetzungen unterscheiden sich dabei je nach Biogeografie und lokalen Umweltbedingungen.
EUNIS-Typologie: MB322, MB421, MB622
Die EUNIS-Datenbank (European Nature Information System) ordnet den Atlantischen Maerl-Gründen drei verschiedene Codes zu:
- MB322 – (genaue Bezeichnung nicht in den Quelldaten angegeben)
- MB421 – (genaue Bezeichnung nicht in den Quelldaten angegeben)
- MB622 – (genaue Bezeichnung nicht in den Quelldaten angegeben)
Diese Mehrfachzuordnung deutet darauf hin, dass der Biotoptyp in der sehr fein aufgelösten EUNIS-Hierarchie mehreren Bodentypen oder Ausprägungen zugewiesen wird, die alle unter das Konzept der Rhodolith-Betten fallen. Eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Einheiten war in den vorliegenden Quelldaten nicht enthalten.
Europäische Rote Liste: Gefährdung Vulnerable
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats) bewertet die Atlantischen Maerl-Gründe innerhalb ihres Geltungsbereichs – das sind die EU28-Mitgliedstaaten sowie EU28+ – als Vulnerable (VU, gefährdet). Die Gefährdungskategorie wurde auf Basis einer Gesamtbewertung festgelegt; das genaue Rote-Liste-Kriterium ist in den vorliegenden Daten nicht einzeln ausgewiesen.
Biogeografisch ist der Biotoptyp nur der Region NEA (North East Atlantic, Nordostatlantik) zugeordnet. Es liegen keine länderspezifischen Gefährdungsangaben vor; auch die konkreten Bedrohungsfaktoren sind in den von der Europäischen Umweltagentur (EEA) bereitgestellten Quelldaten nicht aufgeführt. Das Fehlen solcher Angaben bedeutet nicht, dass keine Gefährdungen bestehen – es spiegelt lediglich die Datenbasis der ausgewerteten Quellen wider.
FFH-Anhang-I-Bezug: Zwei geschützte Lebensraumtypen
Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL, 92/43/EWG) listet in ihrem Anhang I Lebensraumtypen von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen. Atlantische Maerl-Gründe werden nicht als eigener Typ geführt, sind aber in zwei weit gefassten Einheiten enthalten:
- 1110 – Sandbänke mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser (Sandbanks which are slightly covered by sea water all the time)
→ Qualifier: „#“ (die genaue Bedeutung des Qualifiers in den Quelldaten nicht erläutert). - 1160 – Flache große Meeresarme und -buchten (Large shallow inlets and bays)
→ Qualifier: „#“
Diese Einordnung bedeutet, dass Schutz- und Managementmaßnahmen für die genannten FFH-Lebensraumtypen auch den Maerl-Gründen zugutekommen können. Für eine gezielte Planung ist jedoch eine feinere Erfassung der tatsächlichen Vorkommen erforderlich.
Artikel-17-Berichterstattung: Erhaltungszustand unklar
Gemäß Artikel 17 der FFH-Richtlinie berichten die Mitgliedstaaten regelmäßig über den Erhaltungszustand der geschützten Lebensraumtypen. Für den hier behandelten Biotoptyp liegt jedoch kein eigener Artikel-17-Erhaltungszustand vor. Dies liegt vermutlich daran, dass Maerl-Gründe nur als Bestandteil der breiter gefassten Typen 1110 und 1160 gemeldet werden und nicht separat ausgewertet wurden. In den vorliegenden Quelldaten ist der Eintrag zum Artikel-17-Status daher leer.
Lebensraum und Artenvielfalt
Atlantische Maerl-Gründe sind weit mehr als reine Algenbestände. Aufgrund ihrer dreidimensionalen Struktur aus lebenden und toten Kalkalgen bieten sie eine Vielfalt an Mikrohabitaten und zählen zu den artenreichsten benthischen Lebensgemeinschaften europäischer Meere.
Charakteristische Arten (Auswahl)
Die nachfolgende Tabelle fasst wichtige Organismengruppen und einige ihrer typischen Vertreter zusammen. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern veranschaulicht das Artenspektrum.
| Gruppe | Beispiele für charakteristische Arten |
|---|---|
| Kalkrotalgen (Corallinaceae) | Lithothamnion corallioides, Phymatolithon calcareum, Neogoniolithon brassica-florida, Mesophyllum lichenoides |
| Andere Rotalgen | Peyssonnelia rosa-marina, Osmundaria volubilis, Dasya rigidula (u. a.) |
| Grünalgen | Valonia macrophysa, Codium bursa, Halimeda tuna, Flabellia petiolata |
| Braunalgen | Dictyota dichotoma, Cystoseira spinosa, Sargassum hornschuchii |
| Muscheln | Gonilia calliglypta, Pteromeris minuta |
| Schnecken | Bittium latreilli |
| Krebstiere | Cestopagurus timidus, Galathea intermedia, Cheirocratus sundevallii (u. a.) |
| Vielborster | Lysidice ninetta, Eunice vittata, Nereis rava |
| Fische | Scorpaena notata, Mullus barbatus, Symphodus mediterraneus, Epinephelus marginatus |
Indikatoren für die Qualität eines Maerl-Grundes
Die folgenden Kriterien dienen der Bewertung, ob ein Maerl-Grund in einem günstigen Zustand ist:
| Qualitätsmerkmal | Zielgröße (günstiger Zustand) |
|---|---|
| Gesamtfläche des Rhodolith-Bettes | > 500 m² |
| Lebenddeckung durch lebende Rhodolithe | > 50 % |
| Dicke der lebenden Schicht | Überlagerung lebender Rhodolithe, die eine 3D-Struktur erzeugt |
| Biodiversität der habitatbildenden Arten | Hohe Vielfalt an corallinen Rotalgen oder Peyssonnelia spp. |
| Biodiversität der Begleitfauna und -flora | Hohe Artenvielfalt in der assoziierten Gemeinschaft |
Ökologische Funktion: Karbonatfabriken der Meere
Maerl-Gründe zählen zu den produktivsten Systemen aus biogenem Kalksediment in europäischen Gewässern. Die Algen bilden kontinuierlich neue Kalkstrukturen und fungieren als regelrechte „Karbonatfabriken“. Das abgestorbene Material bildet über Jahrtausende mächtige Ablagerungen und trägt zur Stabilisierung des Meeresbodens bei. Gleichzeitig fungieren die lebenden Rhodolithe als Kinderstube und Rückzugsraum für zahlreiche Fischarten, Krebse und Weichtiere.
Bedeutung für Küstenkommunen und den Naturschutz
Auch wenn Maerl-Gründe kein Element sind, das im Garten oder in städtischen Parks nachgebaut werden kann, ist ihr Erhalt für viele atlantische Küstenregionen von hoher Bedeutung. Sie liegen oft in flachen, küstennahen Bereichen und sind daher nicht nur ökologisch wertvoll, sondern auch empfindlich gegenüber menschlichen Eingriffen. Für Kommunen heißt das:
- Bei der Erstellung von Managementplänen für Meeresschutzgebiete müssen Vorkommen von Maerl-Gründen identifiziert und als schutzwürdig eingestuft werden.
- Bauvorhaben, Hafenbaggerungen oder Fischerei mit bodenberührenden Geräten können diese Habitate nachhaltig schädigen – eine vorausschauende Raumplanung kann Konflikte minimieren.
- Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit kann helfen, den verborgenen Lebensraum ins Bewusstsein zu rücken, auch wenn er unter Wasser kaum sichtbar ist.
Da in den vorliegenden Quelldaten weder konkrete Bedrohungen noch Wiederherstellungshinweise aufgeführt sind, bleibt eine detaillierte Betrachtung für den Einzelfall Aufgabe regionaler Experten.
Fazit
Atlantische Maerl-Gründe sind ein europaweit gefährdeter, artenreicher Meeresboden-Lebensraum, der von kalkbildenden Rotalgen geformt wird. Ihre Aufnahme in die Europäische Rote Liste (Vulnerable) und die Kopplung an die FFH-Lebensraumtypen 1110 und 1160 unterstreichen die Notwendigkeit, sie besser zu schützen. Die EUNIS-Codes MB322, MB421, MB622 geben einen groben typologischen Rahmen, lassen aber viele ökologische Details offen. Für eine zielführende Erhaltung sind dringend weitere Kartierungen und ein effektives Management erforderlich, das insbesondere auf die Qualitätsindikatoren Fläche, Lebenddeckung und Begleitbiodiversität ausgerichtet ist.
Häufige Fragen
Was sind Atlantische Maerl-Gründe?
Atlantische Maerl-Gründe sind marine Biotope, die von frei auf dem Meeresboden liegenden kalkbildenden Rotalgen (Rhodolithe) aufgebaut werden. Sie besiedeln grobe, saubere Sedimente unter dem Einfluss von Bodenströmungen und kommen in Tiefen von etwa 20 bis 150 Metern vor.
Warum sind Atlantische Maerl-Gründe in der Europäischen Roten Liste als „Vulnerable“ eingestuft?
Die Einstufung in die Kategorie Vulnerable (gefährdet) basiert auf einer Gesamtbewertung nach den Kriterien der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+). Das konkrete Gefährdungskriterium ist in den vorliegenden Quelldaten nicht einzeln ausgewiesen, die Seltenheit und Empfindlichkeit des Lebensraums begründen jedoch die hohe Gefährdung.
In welchen FFH-Lebensraumtypen sind Atlantische Maerl-Gründe enthalten?
Sie sind in zwei FFH-Lebensraumtypen des Anhang I eingeschlossen: Typ 1110 (Sandbänke mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser) und Typ 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten). Beide sind als „#“ qualifiziert, was auf eine enge fachliche Verbindung hinweist.
Welche Arten sind für Atlantische Maerl-Gründe charakteristisch?
Typische Kalkrotalgen sind Lithothamnion corallioides und Phymatolithon calcareum. Daneben treten zahlreiche andere Algen auf, unter anderem Peyssonnelia-Arten, sowie Weichtiere, Krebstiere, Vielborster und Fische wie Seeskorpion (Scorpaena notata) oder Rotbarbe (Mullus barbatus).
Was bedeuten die EUNIS-Codes MB322, MB421 und MB622 für diesen Biotoptyp?
In der EUNIS-Typologie sind dem Biotoptyp Atlantic maerl beds drei verschiedene Codes zugeordnet, die jedoch in den vorliegenden Quelldaten nicht mit eigenen Namen beschrieben sind. Deshalb ist keine genauere Abgrenzung anhand von Bezeichnungen möglich.