Lebensgemeinschaften der baltischen unteren circalittoralen Weichböden (Schlick und Sand) – EUNIS MD6331, MD6341
Der EU-Lebensraumtyp „Communities of Baltic lower circalittoral soft sediments (mud and sand)“ (EUNIS MD6331, MD6341) beschreibt die Lebensgemeinschaften auf Weichböden der tieferen zentralen Ostsee. Er liegt dauerhaft unterhalb der Halokline und ist durch periodischen Sauerstoffmangel geprägt. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft diesen Typ als gefährdet (Vulnerable) ein.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Communities of Baltic lower circalittoral soft sediments (mud and sand)
- EUNIS
- MD6331; MD6341
- EU-28
- Vulnerable
- EU-28+
- Vulnerable
Das Wichtigste in Kürze
- Was: Benthische Lebensgemeinschaften auf weichen Sedimenten (vorwiegend Schlick) der unteren circalittoralen Stufe der zentralen Ostsee.
- EUNIS-Codes: MD6331, MD6341
- Wo: Tiefbecken der zentralen Ostsee (Bornholm Becken, Danziger Tief, Gotland Becken) unterhalb der permanenten Halokline (ca. 70–100 m Tiefe).
- Besonderheit: Extrem wechselhafte Sauerstoffverhältnisse; in Stagnationsphasen völliger Sauerstoffschwund und Bildung von Schwefelwasserstoff, was zum Absterben der Bodenfauna führt.
- Rote Liste (EU): Gefährdet (Vulnerable) – sowohl in der EU28 als auch in der EU28+-Bewertung.
- FFH-Anhang I: Nicht gelistet. Artikel-17-Erhaltungszustand: In den Quelldaten nicht angegeben.
- Typische Arten (bei ausreichend Sauerstoff): Ruderfußkrebse (z. B. Laophonte baltica, Amphiascoides dispar), Vielborster (z. B. Scoloplos armiger), Flohkrebs Pontoporeia femorata und der Polychaet Terebellides stroemi.
Einführung: Ein verborgenes Ökosystem im Tiefenwasser der Ostsee
Die tiefen Weichböden der zentralen Ostsee gehören zu den am wenigsten bekannten und zugleich empfindlichsten Lebensräumen Europas. Unterhalb der durchschnittlichen Ostsee-Tiefe von etwa 55 Metern erstreckt sich eine Welt, die kein Sonnenlicht erreicht und deren Bewohner extremen Schwankungen von Salzgehalt und Sauerstoff ausgesetzt sind. Der Lebensraumtyp „Communities of Baltic lower circalittoral soft sediments (mud and sand)“ – in der EUNIS-Klassifikation unter den Codes MD6331 und MD6341 geführt – fasst die Lebensgemeinschaften dieser Zone zusammen.
Anders als die flacheren und besser erforschten Küstenhabitate sind diese benthischen, also am Meeresboden lebenden Gemeinschaften fast vollständig von der vertikalen Wasserschichtung abhängig. Die Halokline, eine Grenzschicht zwischen salzärmerem Oberflächenwasser und salzreicherem Tiefenwasser, unterbindet den vertikalen Austausch. Darunter wird Sauerstoff knapp – und das prägt alles Leben.
EUNIS-Klassifikation und räumliche Einordnung
In der europäischen Lebensraumtypologie (EUNIS) handelt es sich um einen marinen Habitattyp der baltischen Region. Die Codes MD6331 und MD6341 beziehen sich auf die untere circalittorale Zone, die im Ostsee-Kontext als aphotische (lichtlose) Zone definiert ist. Während MD6331 allgemein die Weichböden der tieferen Ostsee repräsentiert, deckt MD6341 vermutlich spezifischere Ausprägungen oder regionale Varianten ab – genaue Differenzierungen sind in den vorliegenden Quelldaten nicht näher ausgeführt.
Biogeografische Region: Ausschließlich „BAL“ (Baltic sea).
Länder: In den Quelldaten nicht explizit gelistet; der Typ kommt in den zentralen Ostseebecken vor, die von Küstenstaaten wie Deutschland, Dänemark, Schweden, Polen, Litauen, Lettland, Estland und Russland umgeben sind.
Die drei Tiefbecken und ihre geologischen Besonderheiten
Der Lebensraum ist eng an die großen Tiefbecken der zentralen Ostsee gebunden:
- Bornholm Becken (südwestlich von Bornholm, max. ca. 105 m tief)
- Danziger Tief (nördlich der Danziger Bucht, max. ca. 118 m)
- Gotland Becken (das größte und tiefste Becken, max. ca. 250 m)
Hinzu kommt die Slupsker Rinne (Słupsk Bank), die sich hydrografisch von den anderen Tiefgebieten unterscheidet: Hier erreichen höhere Sauerstoffwerte und ein günstigerer Salzgehalt den Boden, sodass sich eine etwas reichere Bodenfauna halten kann.
Die folgende Tabelle fasst die charakteristischen Bedingungen in den wichtigsten Becken zusammen (alle Angaben basierend auf den Quelldaten).
| Becken / Gebiet | Tiefe (ca.) | Salzgehalt Bodenwasser | Sauerstoffsättigung Bodenwasser | Makrofauna in Stagnationsphasen | Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|---|
| Bornholm Becken | bis 105 m | 14–21 ppt | periodisch stark abfallend, z. T. völlig sauerstofffrei | zeitweise erloschen (z. B. 1956–57) | stark schwankend, abhängig von Einstromereignissen |
| Danziger Tief | bis 118 m | ähnlich Bornholm Becken | oft Hypoxie oder Anoxie | zeitweise erloschen | ähnlich Bornholm Becken |
| Gotland Becken | bis 250 m | erhöht (tiefer liegend) | lang anhaltende Sauerstoffmangelzonen, H₂S-Bildung | weite Bereiche makrofaunafrei | tiefste und ausgedehnteste Sauerstoffminimumzone |
| Slupsker Rinne | ca. 80–100 m | deutlich erhöht (>15 ppt) | noch ausreichend Sauerstoff | ganzjährig besiedelt | einziges tiefes Gebiet der eigentlichen Ostsee mit dauerhaft mariner Bodenfauna |
Umweltbedingungen: Halokline, Pyknokline und das Sauerstoffproblem
Das Schlüsselmerkmal dieses Lebensraums ist die permanente Halokline (Salzgehaltssprungschicht) im Tiefenbereich von etwa 70 bis 100 Metern. Wo die Ostsee flacher ist – etwa im Nordosten – fehlt diese Schicht. Unter der Halokline steigt der Salzgehalt auf Werte zwischen 14 und 21 ppt (ca. 1,4–2,1 %). Das dichtere, salzreichere Wasser kann nur durch unregelmäßige Einstromereignisse von salzhaltigem Nordseewasser über die Belte und den Sund erneuert werden.
Die gleichzeitig auftretende saisonale Thermokline (Temperatursprungschicht) im Sommer verstärkt die Schichtung. Unterhalb beider Sprungschichten – der Pyknokline (Dichtesprungschicht) –, die meist bei etwa 80 Metern liegt, herrschen hypoxische (sauerstoffarme) bis anoxische (sauerstofffreie) Verhältnisse. Ohne Zufuhr von frischem, sauerstoffgesättigtem Tiefenwasser sinkt die Sauerstoffsättigung auf Werte von nur noch 3 bis 80 %.
Einstromereignisse – das Eindringen größerer Mengen salzreichen Wassers aus der Nordsee – sind unregelmäßig und fallen manchmal jahrelang aus. In solche Stagnationsphasen bildet sich Schwefelwasserstoff (H₂S) im bodennahen Wasser, was für höhere Lebewesen toxisch ist. Historische Beobachtungen (1948–1952) zeigten, dass bei mehrfacher Erneuerung des Tiefenwassers Bodenwürmer wie Halicryptus spinulosus und Scoloplos armiger vorkamen, während zwischen 1956 und 1957 das Ausbleiben von Einstromereignissen zum völligen Erlöschen der Fauna in den tiefsten Teilen des Bornholm- und Danziger Beckens führte.
Typische Arten: Überlebenskünstler unter Extrembedingungen
Wo Sauerstoff und Salzgehalt ausreichen, stellt sich eine artenarme, aber bemerkenswerte Gemeinschaft ein. Die charakteristischen Arten sind kleinwüchsig und gehören überwiegend zur sogenannten Meiofauna (Tiere zwischen 0,063 und 1 mm) und zur Makrofauna (größer als 1 mm, meist im Sediment grabend).
Bei ausreichend Sauerstoff und erhöhtem Salzgehalt wurden folgende Arten dokumentiert:
- Copepoda (Ruderfußkrebse), Ordnung Harpacticoida:
- Laophonte baltica
- Amphiascoides dispar
- Kliopsyllus constrictus
- Polychaeta (Vielborster):
- Scoloplos armiger (besonders im Gotland Becken auf tonigem Grund)
- Terebellides stroemi
- Amphipoda (Flohkrebse):
- Pontoporeia femorata (vor allem auf Lehmboden)
Die tiefsten, ständig sauerstoffarmen Zonen sind fast frei von Makrofauna. Die dort noch vorhandene Meiofauna ist extrem verarmt und besteht oft nur aus wenigen tausend Fadenwürmern (Nematoden) pro Quadratmeter.
Hinweis: Die Liste typischer Arten ist nicht als vollständig zu betrachten. Sie gibt nur die in den Quelldaten genannten Beispiele wieder.
Qualitätsindikatoren – ein noch offenes Feld
Einheitliche, europaweit vereinbarte Qualitätsindikatoren existieren für diesen Habitattyp laut den Quelldaten nicht. In bestimmten Schutzgebietskontexten – insbesondere innerhalb von Natura 2000-Gebieten – können jedoch lokale Referenzwerte festgelegt sein. Mögliche biotische und abiotische Indikatoren umfassen:
- Vorkommen charakteristischer und störungsempfindlicher Arten
- Wasserqualitätsparameter (Sauerstoffsättigung, Nährstoffgehalte)
- Integrierte Indizes (z. B. trophischer Index, Sukzessionsstadien)
Die Abwesenheit eines standardisierten Bewertungsschemas erschwert ein länderübergreifendes Monitoring und den Vergleich des Erhaltungszustandes.
Gefährdung und Europäische Rote Liste
Der Lebensraumtyp wird auf der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28- und EU28+-Bewertung) als „Vulnerable“ (gefährdet) eingestuft. Das genaue Kriterium, das dieser Einstufung zugrunde liegt, ist in den vorliegenden Quelldaten nicht genannt. Die Gefährdung ergibt sich jedoch aus der Kombination von:
- Eutrophierung: Nährstoffeinträge fördern die Algenproduktion in der Deckschicht, deren abgestorbene Biomasse absinkt und beim Abbau den Sauerstoff im Tiefenwasser zusätzlich zehrt.
- Stagnation: Ausbleibende Einstromereignisse lassen die Deckschichtung stabiler werden und Sauerstoff schwinden.
- Klimawandel: Eine mögliche Verstärkung von Temperaturschichtung und verringerte Intensität von Wasseraustauschprozessen könnten die Situation verschlechtern (indirekt aus den Beschreibungen ableitbar, aber so nicht explizit in den Quelldaten aufgeführt).
Wichtig: Während der allgemeine Trend auf eine zunehmende Ausdehnung der sauerstofffreien Zonen hindeutet, können physikalische Durchmischungsereignisse (Stürme, episodische Einstromereignisse) die Effekte der Eutrophierung kurzfristig abmildern. Dennoch gelten weite Bereiche als stark gefährdet.
Schutzstatus: FFH-Richtlinie und Artikel-17
- FFH-Anhang I: Dieser Lebensraumtyp ist nicht in Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG) gelistet. Es existiert also keine unmittelbare gemeinschaftsrechtliche Verpflichtung zur Ausweisung von Schutzgebieten speziell für diesen Typ.
- Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten (Stand 2022) ist kein Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie für diesen Habitattyp angegeben. Sofern zukünftige Berichtszyklen diesen Typ aufgreifen, könnte sich das ändern.
Dennoch können Teilflächen innerhalb von Natura 2000-Meeresschutzgebieten liegen, wo sie als Schutzgegenstand berücksichtigt werden – allerdings nicht auf Basis einer Anhang-I-Auflistung, sondern als charakteristischer Teil eines marinen Ökosystems.
Bedeutung für den Naturschutz und Ausblick
Obwohl dieser Lebensraum für die meisten Menschen unsichtbar bleibt, hat er eine hohe ökologische Bedeutung. Er ist der Lebensraum spezialisierter, an wechselnde Sauerstoffverhältnisse angepasster Organismen und spielt eine wichtige Rolle im Stoffkreislauf der Ostsee. Die extremen Standortbedingungen machen das System zu einem empfindlichen Indikator für Veränderungen in der Ostsee.
Für Kommunen und Entscheidungsträger im Ostseeraum ist es relevant, weil die Eutrophierung auch aus küstennahen Nährstoffeinträgen stammt. Eine Reduktion von Nährstofffrachten aus Landwirtschaft und Siedlungen trägt dazu bei, die Sauerstoffzehrung in den Tiefbecken zu verringern. Auch wenn der Habitattyp nicht 1:1 in einen Garten oder in ein flaches Küstengewässer übertragbar ist, kann jede Maßnahme zur Verbesserung der Ostseewasserqualität positiv auf dieses empfindliche Ökosystem wirken.
Mögliche Renaturierungsmaßnahmen sind in den vorliegenden Quelldaten nicht beschrieben. In Fachkreisen werden jedoch eine deutliche Reduktion der Nährstoffzufuhr und die Förderung einer natürlicheren Hydrografie diskutiert.
FAQ
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Was bedeutet „lower circalittoral“ in der Ostsee? Die untere circalittorale Stufe ist die tiefer gelegene Zone des Meeresbodens, in die kein Sonnenlicht mehr vordringt (aphotisch). In der Ostsee fällt sie mit dem Bereich unterhalb der permanenten Halokline (ca. 70–100 m) zusammen.
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Warum ist der Lebensraumtyp trotz seiner Unzugänglichkeit gefährdet? Er ist durch Sauerstoffmangel infolge von Nährstoffeinträgen (Eutrophierung) und ausbleibenden Einstromereignissen bedroht. Periodisch kommt es zum vollständigen Verschwinden der Bodenfauna in weiten Teilen der Tiefbecken.
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Welche Tiere leben dort, wenn genug Sauerstoff vorhanden ist? Vor allem kleine Krebse (Copepoden wie Laophonte baltica) und Würmer (Polychaeten wie Scoloplos armiger). Bei geringem Sauerstoff reduziert sich die Fauna auf wenige Meiofauna-Arten, etwa tausende Nematoden pro Quadratmeter.
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Ist der Lebensraumtyp in der FFH-Richtlinie gelistet? Nein, er ist kein Anhang-I-Lebensraumtyp der FFH-Richtlinie. Es gibt auch keinen offiziellen Artikel-17-Erhaltungszustandsbericht für diesen Typ.
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Kann man diesen Lebensraum im eigenen Garten nachbilden? Nein. Es handelt sich um einen Tiefsee-Lebensraum der Ostsee mit extremen Standortfaktoren (hoher Salzgehalt, Lichtmangel, variable Sauerstoffverhältnisse), die in einem Garten oder Gartenteich nicht simuliert werden können.
Quellen
Häufige Fragen
Was bedeutet „lower circalittoral“ in der Ostsee?
Die untere circalittorale Stufe ist die tiefer gelegene Zone des Meeresbodens, in die kein Sonnenlicht mehr vordringt (aphotisch). In der Ostsee fällt sie mit dem Bereich unterhalb der permanenten Halokline (ca. 70–100 m) zusammen.
Warum ist der Lebensraumtyp trotz seiner Unzugänglichkeit gefährdet?
Er ist durch Sauerstoffmangel infolge von Nährstoffeinträgen (Eutrophierung) und ausbleibenden Einstromereignissen bedroht. Periodisch kommt es zum vollständigen Verschwinden der Bodenfauna in weiten Teilen der Tiefbecken.
Welche Tiere leben dort, wenn genug Sauerstoff vorhanden ist?
Vor allem kleine Krebse (Copepoden wie Laophonte baltica) und Würmer (Polychaeten wie Scoloplos armiger). Bei geringem Sauerstoff reduziert sich die Fauna auf wenige Meiofauna-Arten, etwa tausende Nematoden pro Quadratmeter.
Ist der Lebensraumtyp in der FFH-Richtlinie gelistet?
Nein, er ist kein Anhang-I-Lebensraumtyp der FFH-Richtlinie. Es gibt auch keinen offiziellen Artikel-17-Erhaltungszustandsbericht für diesen Typ.
Kann man diesen Lebensraum im eigenen Garten nachbilden?
Nein. Es handelt sich um einen Tiefsee-Lebensraum der Ostsee mit extremen Standortfaktoren (hoher Salzgehalt, Lichtmangel, variable Sauerstoffverhältnisse), die in einem Garten oder Gartenteich nicht simuliert werden können.