Permanenter Gletschersee und Eisschildsee (C1.7) – ein Lebenraum aus Eis und Schmelzwasser
Der Biotoptyp C1.7 (Permanente Gletscherseen und Eisschildseen) umfasst Gewässer, die ganzjährig oder nahezu ganzjährig von Eis bedeckt sind und direkt aus Gletscher- oder Eisschildschmelze entstehen. Sie sind europaweit selten, die meisten Vorkommen liegen in Island und Norwegen. Die Europäische Rote Liste der Habitate stuft diesen Typ als Vulnerable (gefährdet) ein, vor allem auf Grund des Gletscherrückgangs.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Permanent lake of glaciers and ice sheets
- EUNIS
- C1.7 – Permanent lake ice
- EU-28
- Vulnerable
- EU-28+
- Data Deficient
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Code: C1.7 – Permanent lake ice (Permanenter Gletschersee)
- Beschreibung: Seen, die durch schmelzende Gletscher oder Eisschilde entstehen und eine dauerhafte Eisbedeckung aufweisen. Sie sind extrem nährstoffarm und von Kälte geprägt.
- Vorkommen in Europa: Schwerpunkt in Island und Norwegen; in den Alpen äußerst selten. Ein prominentes Beispiel ist die Lagune Jökulsárlón in Island.
- Gefährdung: In der Europäischen Roten Liste (EU28) als „Vulnerable“ (gefährdet) eingestuft. Für die erweiterte Region EU28+ reichen die Daten nicht aus („Data Deficient“).
- FFH-Schutz: Der Lebensraum ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet. Ein Bericht nach Artikel 17 liegt daher nicht vor.
- Charakterarten: Mikroskopische Kältealgen und Cyanobakterien; höhere Pflanzen fehlen meist. Gelegentlich wandern wirbellose Tiere, Fische oder Vögel aus benachbarten Gewässern ein.
- Qualitätsmerkmal: Stabile Hydrologie – ein Gleichgewicht zwischen Gletscheraufbau und -abschmelzung.
EUNIS-Klassifikation: C1.7 – Permanentes Seeeis
In der europaweiten Klassifikation der natürlichen Lebensräume (EUNIS) trägt dieser Biotoptyp den Code C1.7 und den englischen Namen Permanent lake ice. Die deutsche Bezeichnung „Permanenter Gletschersee und Eisschildsee“ umschreibt treffend seinen Ursprung: Das Gewässer wird direkt von der Schmelze eines Gletschers oder Eisschildes gespeist und bleibt ganzjährig oder fast ganzjährig von einer Eisdecke bedeckt.
Typisch ist eine Lage direkt am Gletscherrand. Das Schmelzwasser sammelt sich in Senken oder Spalten, oft hinter einem Felsriegel oder einer Moräne aufgestaut. Auch subglaziale Seen – also Wasseransammlungen unter dem Eis – werden diesem Typ zugerechnet. Auf Island liegen große Gletscher wie der Vatnajökull zudem über aktiven Vulkanen; dadurch kann geothermische Energie große Mengen Schmelzwasser bilden und katastrophale Ausbrüche (Gletscherläufe / „Jökulhlaup“) verursachen. Diese Dynamik gehört zur natürlichen Eigenart des Habitats.
Die permanente oder nahezu permanente Eisdecke ist das definierende Merkmal. Im Sommer kann sie teilweise zurückweichen, sodass offene Wasserflächen mit treibenden Eisblöcken entstehen. In extremen Fällen reicht die Eisbildung bis auf den Seegrund.
Rote Liste: Gefährdung und Datenlage
Die Europäische Rote Liste der Habitate (2022) bewertet den Zustand des Lebensraumtyps differenziert:
| Bewertungsregion | Kategorie |
|---|---|
| EU28 | Vulnerable (VU) – gefährdet |
| EU28+ (größeres Europa inkl. Norwegen, Island, etc.) | Data Deficient (DD) – ungenügende Datengrundlage |
Die Einstufung als „Vulnerable“ im engeren EU-Raum spiegelt vor allem den anhaltenden Gletscherschwund wider. Da die Alpengletscher klein sind und der Lebensraum hier ohnehin nur punktuell vorkommt, schlägt sich der Klimawandel besonders stark nieder. Für die erweiterte Region (EU28+) sind die verfügbaren Daten derzeit nicht ausreichend, um eine belastbare Kategorie festzulegen. Dies betont den Bedarf an systematischem Monitoring in den arktischen und subarktischen Hauptverbreitungsgebieten.
Wichtig: Der Biotoptyp ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet. Deshalb existiert keine Berichtspflicht nach Artikel 17 und kein unionsweit harmonisierter Erhaltungszustand. Schutzmaßnahmen müssen sich auf nationale Instrumente und internationale Abkommen stützen.
Europa: Verbreitung und Schwerpunkte
Permanente Gletscherseen sind auf dem europäischen Kontinent auf wenige Länder konzentriert. Die größten Bestände liegen in:
- Island: Das dichteste Vorkommen permanent eisbedeckter Seen. Bekannte Beispiele sind die Lagune Jökulsárlón sowie subglaziale Wasserreservoire unter dem Vatnajökull und Mýrdalsjökull.
- Norwegen: Insbesondere im Bereich der kontinentalen Eisschilde und großer Plateaugletscher.
- Alpen (sehr selten): Kleine Gletscherseen am Rand abschmelzender Alpengletscher, die nur für kurze Zeit des Jahres eisfrei werden.
In den Quellgebieten von Flüssen stehen diese Seen in engem Kontakt zu anderen arktischen und alpinen Lebensräumen: Felswände, Schuttfelder, Moränenzüge und Sanderebenen. Sie bilden mosaikartige Übergänge zu Schmelzwasserbächen (C2.2a) und alpinen Flüssen (C3.5d).
Lebensraum: Eis, Wasser und extreme Bedingungen
Der Gletschersee ist ein weitgehend abiotisch geprägter Lebensraum. Der Nährstoffgehalt ist extrem gering (ultraoligotroph), das Licht trübe durch Feinsedimente und die Temperatur dauerhaft nahe dem Gefrierpunkt. Nur hochspezialisierte Organismen können hier bestehen.
Strukturelle Merkmale:
- Ganzjährige oder mehr als 11 Monate andauernde Eisbedeckung.
- Saisonaler Wechsel zwischen geschlossener Eisdecke und offenen Wasserbereichen mit treibenden Eisblöcken.
- Häufig Unterwassereis bis auf den Seegrund.
- Lage am Gletscherfuß, aufgestaut durch Moränen oder Felsbarrieren; seltener subglazial.
Qualitätsindikator: Eine langfristig stabile Hydrologie, bei der sich Gletscheraufbau und -schmelze die Waage halten. Instabilität zeigt sich durch zunehmende Eisverluste oder häufigere katastrophale Ausbrüche.
Artenvielfalt: Mikroskopische Spezialisten
Höhere Pflanzen fehlen in permanenten Gletscherseen fast vollständig. Die Lebewelt wird von mikroskopischen Algen und Cyanobakterien geprägt, die an extreme Kälte und Nährstoffarmut angepasst sind. Erst wenn Verbindungen zu anderen Gewässern bestehen, können Wasserpflanzen und Tiere einwandern.
Typische Algengruppen
| Gruppe | Beispielgattungen/-arten |
|---|---|
| Cyanoprokaryoten (Blaualgen) | Nostoc, Lyngbya, Oscillatoria, Leptolyngbya, Planktothrix rubescens, Tolypothrix |
| Kieselalgen (Diatomeen) | Achnanthes, Cyclotella, Cymbella, Pinnularia |
| Grünalgen | Botryococcus braunii, Mougeotia, Closterium |
| Eis- und Schneealgen | Mesotaenium berggrenii, Chlamydomonas nivalis (kommen in tauendem Schnee und schlammigem Eis vor) |
Gelegentliche Einwanderer
- Moose und Makroalgen: Falls nahe gelegene Hochgebirgsseen oder Bäche existieren.
- Makroinvertebraten: Kältetolerante Larven von Zuckmücken, Steinfliegen usw.
- Fische und Vögel: In Seen tieferer Lagen oder an der Küste können bei Gezeitenströmungen (wie in Jökulsárlón) Fische aus dem Meer eindriften. Wasservögel nutzen die Seen als Ruheplätze.
Das Leben spielt sich überwiegend benthisch (am Grund) und planktisch im freien Wasser ab. Im Sommer können Schneealgen an tauenden Eisrändern kurzzeitig sichtbare Färbungen erzeugen.
Bedrohungen und Schutzerfordernisse
Die Quell-Daten der Europäischen Roten Liste enthalten keine explizite Auflistung von Gefährdungsursachen oder Renaturierungshinweisen. Aus der Habitatbeschreibung und dem Wissensstand lassen sich jedoch die entscheidenden Einflüsse ableiten:
- Klimawandel: Der fortschreitende Gletscherrückgang ist die mit Abstand größte Bedrohung. Eine dauerhafte Eisdecke kann sich nur bei ausreichend negativer Massenbilanz des Gletschers halten.
- Geothermale Ereignisse: Insbesondere in Island beeinflussen subglaziale Vulkanausbrüche die Hydrologie spontan und können Seen schlagartig entleeren. Solche Ausbrüche sind Teil des natürlichen Systems, können aber durch veränderte Druckverhältnisse infolge von Eisschwund häufiger oder heftiger werden.
- Infrastruktur und Tourismus: An zugänglichen Gletscherlagunen (z. B. Jökulsárlón) kann lokaler Nutzungsdruck entstehen, der jedoch insgesamt eine untergeordnete Rolle spielt.
Da kein Anhang-I-Status besteht, sind aktive Renaturierungsmaßnahmen nicht auf europäischer Ebene harmonisiert. Notwendig wären ein verbessertes Monitoring der Eisbedeckung, der Wassertemperatur und der Algenbiozönosen sowie eine konsequente Klimaschutzpolitik.
Was bedeutet das für Kommunen und Gärten?
Ein permanenter Gletschersee lässt sich weder in einem Garten noch in einer Parkanlage nachbilden. Er existiert ausschließlich in unmittelbarer Nähe abschmelzender Gletscher, unter arktischen bis hochalpinen Bedingungen. Kommunen können dennoch einen Beitrag zum Erhalt leisten, indem sie:
- Lokale Klimaschutzmaßnahmen vorantreiben, um den Gletscherschwund zu verlangsamen.
- Auf Bürgerinformationsangebote setzen, z. B. in Naturparkhäusern, um das Verständnis für diese extremen Lebensräume zu fördern.
- In Gletscherregionen (Alpen, Skandinavien, Island) bei Planungen strikt auf Gewässer- und Uferschutz achten, damit Schmelzwasserbäche nicht verbaut oder verunreinigt werden.
Für den einzelnen Bürger bleibt die Möglichkeit, sich über den Klimawandel und seine Folgen für Eislebensräume zu informieren und das eigene Konsumverhalten entsprechend auszurichten.
Häufige Fragen (FAQ)
-
Was zeichnet einen permanenten Gletschersee nach EUNIS aus?
Es handelt sich um ein Gewässer (Code C1.7), das direkt aus Gletscher- oder Eisschildschmelze gespeist wird und eine ganzjährige oder nahezu ganzjährige Eisbedeckung aufweist. Definition laut EUNIS und Europäischer Roter Liste. -
Ist dieser Lebensraum nach der FFH-Richtlinie geschützt?
Nein. Der Biotoptyp ist nicht im Anhang I gelistet. Daher wird auch kein Erhaltungszustand nach Artikel 17 berichtet. -
Welche Länder haben die meisten Vorkommen?
Die vorliegenden Quellen nennen Island und Norwegen als europäische Schwerpunkte. In den Alpen ist der Typ extrem selten. -
Welche Tiere und Pflanzen kommen vor?
Höhere Pflanzen fehlen meist. Es dominieren kälteangepasste Cyanobakterien (z. B. Nostoc, Oscillatoria), Kieselalgen und Grünalgen. Bei Verbindung zu anderen Gewässern können gelegentlich Moose, wirbellose Tiere, Fische und Vögel einwandern. -
Warum gilt der Lebensraum als gefährdet?
In der EU28-Bewertung wird er als Vulnerable (VU) eingestuft, weil die schmelzenden Gletscher und die steigenden Temperaturen die dauerhafte Eisbedeckung bedrohen. Für die erweiterte Region EU28+ ist die Datenlage unzureichend.
Häufige Fragen
Was zeichnet einen permanenten Gletschersee nach EUNIS aus?
Es handelt sich um ein Gewässer (Code C1.7), das direkt aus Gletscher- oder Eisschildschmelze gespeist wird und eine ganzjährige oder nahezu ganzjährige Eisbedeckung aufweist. Definition laut EUNIS und Europäischer Roter Liste.
Ist dieser Lebensraum nach der FFH-Richtlinie geschützt?
Nein. Der Biotoptyp ist nicht im Anhang I gelistet. Daher wird auch kein Erhaltungszustand nach Artikel 17 berichtet.
Welche Länder haben die meisten Vorkommen?
Die vorliegenden Quellen nennen Island und Norwegen als europäische Schwerpunkte. In den Alpen ist der Typ extrem selten.
Welche Tiere und Pflanzen kommen vor?
Höhere Pflanzen fehlen meist. Es dominieren kälteangepasste Cyanobakterien (z. B. Nostoc, Oscillatoria), Kieselalgen und Grünalgen. Bei Verbindung zu anderen Gewässern können gelegentlich Moose, wirbellose Tiere, Fische und Vögel einwandern.
Warum gilt der Lebensraum als gefährdet?
In der EU28-Bewertung wird er als Vulnerable (VU) eingestuft, weil die schmelzenden Gletscher und die steigenden Temperaturen die dauerhafte Eisbedeckung bedrohen. Für die erweiterte Region EU28+ ist die Datenlage unzureichend.