Trockene steppenartige submediterrane Weiden Südosteuropas
Die trockenen steppenartigen submediterranen Weiden Südosteuropas (EUNIS-Code E1.1j) sind artenreiche, beweidete Trockenrasen entlang der östlichen Adriaküste und im Südosten der Apenninenhalbinsel. Der Lebensraum ist das Ergebnis jahrhundertelanger extensiver Nutzung und beherbergt viele charakteristische, teils endemische Pflanzenarten. Auf der Europäischen Roten Liste der Lebensraumtypen wird er als gefährdet (Vulnerable) eingestuft, während er im EU28+-Bereich als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) gilt.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Dry steppic, submediterranean pasture of South-Eastern Europe
- EUNIS
- E1.1 – Inland sand and rock with open vegetation
- EU-28
- Vulnerable
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 62A0 – Eastern sub-Mediterranean dry grasslands (Scorzoneratalia villosae)
Das Wichtigste in Kürze
- Lebensraumtyp: Trockene steppenartige submediterrane Weiden Südosteuropas (EUNIS E1.1j)
- EUNIS-Einordnung: E1.1 (Inland sand and rock with open vegetation) – diese Weiden sind ein spezifischer Subtyp innerhalb der offenen Sand- und Felsstandorte.
- FFH-Richtlinie: Annex I – Code 62A0 „Östliche submediterrane Trockenrasen (Scorzoneratalia villosae)“ – der hier beschriebene Lebensraum ist ein Teil dieses FFH-Typs.
- Europäische Rote Liste: In der EU28-Bewertung als Vulnerable (gefährdet) eingestuft; in der erweiterten EU28+-Betrachtung als Near Threatened (potenziell gefährdet).
- Kernverbreitung: Ostküste des Adriatischen Meeres und südöstliche Küstenabschnitte der Italienischen Halbinsel (Apulien, Basilikata).
- Entstehung: Jahrhunderte lange extensive Beweidung und Mahd auf flachgründigen Kalkböden in submediterranem Klima.
- Hauptgefahren: Nutzungsaufgabe, Verbuschung, intensive Beweidung, Urbanisierung.
- Erhaltung: Fortführung traditioneller Bewirtschaftung (extensive Beweidung, gelegentliche Mahd) notwendig; in frühen Sukzessionsstadien ist eine Wiederherstellung durch Vieheintrieb einfach möglich.
EUNIS-Einordnung und räumliche Verbreitung
Der Lebensraum wird innerhalb der europäischen Biotoptyp-Klassifikation EUNIS (European Nature Information System) unter dem Code E1.1 – Inland sand and rock with open vegetation geführt. Der hier behandelte Subtyp E1.1j stellt die trockenen, steppenartigen submediterranen Weiden dar, die in den meso- bis supramediterranen sowie mediterran-montanen Höhenstufen vorkommen.
Das Klima dieses Raumes zeichnet sich durch zwei Niederschlagsspitzen aus – eine Hauptspitze im Herbst (November) und eine zweite, schwächere im Frühjahr (Mai). Die jährliche Niederschlagsmenge kann örtlich stark schwanken und an Gebirgsbarrieren bis zu 3000 mm erreichen. Dennoch leidet die Vegetation im Sommer unter Trockenheit, denn das Wasser versickert rasch im durchlässigen Kalkgestein (Karst) und steht den Pflanzen kaum zur Verfügung. Die Winter sind mild; die Temperaturen sinken nur selten unter den Gefrierpunkt.
Geologisch dominieren Karbonatgesteine, auf denen sich nur dünne, skelettreiche Böden (Rendzinen, Terra rossa) ausbilden. Daneben treten stellenweise Flyschmergel und Sandsteine auf. Typische Geländeformen sind Täler, Dolinen und Karstsenken, in deren Sohle sich tonige Entkalkungslehme anreichern.
Zonal wäre in dieser Region ein thermophiler Laubwald aus Flaumeiche (Quercus pubescens s.l.), Hopfenbuche (Ostrya carpinifolia) und Orientalischer Hainbuche (Carpinus orientalis) oder lokal (vor allem in Italien) immergrüne Steineichenwälder (Quercus ilex) zu erwarten. Die offenen Weiden sind also das Ergebnis einer langen menschlichen Nutzungsgeschichte.
Biogeographisch lassen sich zwei Untereinheiten unterscheiden:
- Chrysopogono-Saturejion subspicatae – verbreitet auf der Balkanhalbinsel entlang der Adriaküste.
- Hippocrepido glaucae-Stipion austroitalicae – endemisch im südöstlichen Italien, gekennzeichnet durch das Auftreten der endemischen Federgras-Art Stipa austroitalica.
Hinweis: In den Quelldaten werden keine konkreten Länderlisten geführt. Die räumliche Einordnung stützt sich auf die biogeographische Beschreibung der Europäischen Roten Liste der Lebensräume.
FFH-Richtlinie und Annex I
Der Lebensraum E1.1j ist ein Teil des in Anhang I der FFH-Richtlinie gelisteten Lebensraumtyps:
- Code 62A0 – „Eastern sub-Mediterranean dry grasslands (Scorzoneratalia villosae)“ (Östliche submediterrane Trockenrasen).
Die Klammerbezeichnung Scorzoneratalia villosae weist auf einen pflanzensoziologischen Verband hin, der nach der charakteristischen Art Scorzonera villosa (Zottelige Schwarzwurzel) benannt ist. Die in den Quelldaten vermerkte Qualifierangabe „<“ bei den Annex-I-Referenzen bestätigt, dass der hier beschriebene Lebensraum nur eine Untermenge des FFH-Typs 62A0 darstellt. Das bedeutet: Nicht jeder Bestand des FFH-Lebensraumtyps 62A0 entspricht den trockenen steppenartigen submediterranen Weiden der östlichen Adriaküste und Südostitaliens, aber alle Vorkommen von E1.1j fallen unter den Schutz des Annex I.
Ein aktueller Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist in den vorliegenden Quelldaten für diesen spezifischen Subtyp nicht ausgewiesen. Eine Gesamtbewertung kann nur auf Ebene des übergeordneten Typs 62A0 in den nationalen Berichten nachgeschlagen werden.
Rote Liste der europäischen Lebensraumtypen
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats) bewertet den Typ E1.1j wie folgt:
- EU28 (28 Mitgliedstaaten): Vulnerable (gefährdet)
- EU28+ (EU28 plus Nachbarländer): Near Threatened (potenziell gefährdet)
Die Einstufung als gefährdet in der EU28-Bewertung spiegelt den anhaltenden Rückgang durch Nutzungsaufgabe, Verbuschung und lokale Zerstörung wider. In der erweiterten EU28+-Region ist die Gefährdungseinstufung geringer, was auf größere Restvorkommen in südosteuropäischen Ländern außerhalb der EU hindeuten könnte.
Die Rote-Liste-Kategorie „Vulnerable“ bedeutet, dass der Lebensraum innerhalb Europas einem hohen Risiko ausgesetzt ist, in absehbarer Zeit in die Kategorie „Endangered“ (stark gefährdet) aufzurücken, sofern die wirksamen Gefährdungsfaktoren nicht verringert werden.
Typische Pflanzenarten und Qualitätsindikatoren
In den Quelldaten der Europäischen Roten Liste wird eine umfangreiche Liste von Gefäßpflanzen genannt, die als charakteristisch für den Lebensraum gelten. Hier eine Auswahl, geordnet nach funktionellen Gruppen:
Gräser und Grasartige
- Chrysopogon gryllus (Goldbart)
- Botriochloa ischaemum (Bartgras)
- Bromus erectus (Aufrechte Trespe)
- Danthonia alpina (Alpen-Danthonie)
- Festuca rupicola (Felsen-Schwingel)
- Koeleria splendens (Prächtiges Schillergras)
- Stipa austroitalica (Süditalienisches Federgras) – endemisch für den italienischen Typ
- Stipa eriocaulis subsp. austriaca (Österreichisches Federgras)
- Carex humilis (Erd-Segge)
- Sesleria tenuifolia (Schmalblättriges Kopfgras)
Halbsträucher, Kräuter und Stauden
- Satureja montana (Winter-Bergminze)
- Satureja subspicata subsp. liburnica (Liburnische Saturei)
- Thymus longicaulis (Langstängel-Thymian)
- Thymus spinulosus (Dorniger Thymian)
- Teucrium montanum (Berg-Gamander)
- Globularia cordifolia (Herzblättrige Kugelblume)
- Fumana procumbens (Nadelröschen)
- Helianthemum ovatum (Eirundblättriges Sonnenröschen)
- Genista sericea (Seidiger Ginster)
- Anthyllis montana subsp. jacquinii
- Anthyllis vulneraria subsp. polyphylla
- Hippocrepis glauca (Blaugrüner Hufeisenklee)
- Medicago falcata (Sichelklee)
- Medicago prostrata (Niederliegender Schneckenklee)
- Onobrychis arenaria subsp. tomasinii
Orchideen
- Anacamptis pyramidalis (Pyramiden-Hundswurz)
Besondere geophytische und horstige Arten
- Scorzonera villosa (Zottelige Schwarzwurzel)
- Centaurea triumfetti subsp. adscendens
- Cirsium pannonicum (Pannonische Kratzdistel)
- Inula ensifolia (Schwertblättriger Alant)
- Eryngium amethystinum (Amethyst-Mannstreu)
- Gentiana tergestina (Triester Enzian)
- Iris pseudopumila (Schein-Zwergiris)
- Dianthus garganicus (Gargano-Nelke)
- Dianthus carthusinorum subsp. sanguineus (Blutrote Karthäuser-Nelke)
- Potentilla australis (Südliches Fingerkraut)
- Ranunculus bulbosus (Knolliger Hahnenfuß)
- Linum tenuifolium (Dünnblättriger Lein)
- Thlaspi praecox (Frühes Täschelkraut)
- Trinia glauca (Bläuliche Trinia)
- Thesium divaricatum (Sparriger Leinblatt)
- Thapsia garganica (Gargano-Bergkümmel)
- Euphrasia illyrica (Illyrischer Augentrost)
- Rhinanthus freynii
- Knautia illyrica (Illyrische Witwenblume)
- Scabiosa gramuntia (Gramunt-Skabiose)
- Galium purpureum (Purpur-Labkraut)
- Asperula cynanchica (Hügel-Meier)
- Plantago argentea subsp. liburnica, Plantago holosteum
- Polygala nicaensis subsp. mediterranea
- Lathyrus latifolius, Lathyrus pannonicus
- Leontodon crispus, Tragopogon tomasinii, Crepis chondrilloides u.v.a.
Die Europäische Rote Liste definiert zudem Qualitätsindikatoren für einen guten Erhaltungsgrad:
- Hoher Artenreichtum der Grünlandfläche und stetiges Vorkommen der Charakterarten
- Fehlen invasiver Neophyten
- Fehlen von Hochstauden, Sträuchern und Bäumen (keine Verbuschung)
- Regelmäßige extensive Beweidung oder Mahd
- Keine Anzeichen von Überbeweidung (keine Trittschäden, keine Verdrängung empfindlicher Arten)
Gefährdung und Bedrohungen
Obwohl die Quelldaten keine explizite Bedrohungsliste enthalten, lassen sich aus der Lebensraumbeschreibung der Roten Liste mehrere Gefährdungsfaktoren ableiten:
-
Nutzungsaufgabe und Verbuschung: Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine flächenhafte Aufgabe der Beweidung ein, zunächst auf weniger produktiven Flächen, später auch auf den wertvolleren Weiden. Ohne Beweidung oder Mahd dringen hochwüchsige Stauden (z. B. Doldenblütler) und Gehölze wie Cotinus coggygria (Perückenstrauch) ein. In der Folge entwickelt sich ein Mosaik aus verschiedenen Sukzessionsstadien, das langfristig in thermophilen Wald übergeht.
-
Intensivierung der Beweidung: Eine zu hohe Tierdichte führt zur Degradation der Grasnarbe, Nährstoffanreicherung, Eutrophierung und Verdrängung der konkurrenzschwachen, lichtbedürftigen Charakterarten. Der Lebensraum wird dann zerstört.
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Urbanisierung und Flächenverbrauch: In küstennahen Lagen und verkehrsgünstigen Gebieten werden Weiden für Siedlungs- und Infrastrukturprojekte überbaut.
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Klimawandel: Zunehmende Sommertrockenheit und häufigere Hitzewellen könnten die bereits jetzt trockenheitsgestresste Vegetation weiter schwächen, wenngleich die Artmischung an Trockenstress angepasst ist.
Da der Lebensraum auf flachgründigen Karstböden stockt, waren Alternativnutzungen wie Ackerbau nie möglich – umso mehr sind die verbliebenen Flächen auf eine funktionierende Weidewirtschaft angewiesen.
Erhalt und Wiederherstellung
Die gute Nachricht: In frühen Sukzessionsstadien lässt sich der Offenlandcharakter durch die Wiederaufnahme einer extensiven Beweidung mit Schafen, Ziegen oder Rindern vergleichsweise einfach wiederherstellen. Die Samenbank im Boden und die Umgebung liefern das Ausgangsmaterial für die charakteristische Vegetation.
Wesentliche Erhaltungsmaßnahmen:
- Traditionelle Beweidung: Fortführung oder Wiedereinführung einer extensiven, standortangepassten Beweidung mit geringem Viehbesatz. Ein zu hoher Besatz muss vermieden werden.
- Mahd: Wo traditionell gemäht wurde, kann eine einschürige, späte Mahd (nach der Samenreife) die Beweidung ergänzen oder ersetzen.
- Entbuschung: In fortgeschritten verbuschten Beständen ist eine mechanische oder manuelle Entnahme von Gehölzen notwendig, bevor die Fläche wieder beweidet werden kann.
- Monitoring: Langfristige Beobachtung von Qualitätsindikatoren (Arteninventar, Verbuschungsgrad) ist erforderlich, um negative Entwicklungen früh zu erkennen.
Für die Umsetzung sind kooperative Ansätze mit Landwirten und lokalen Gemeinschaften zentral. Agrarumweltprogramme und Vertragsnaturschutz können die erforderliche extensive Nutzung honorieren.
Einordnung für Garten und Kommune
Die artenreichen trockenen submediterranen Weiden sind auf ganz spezifische Standortbedingungen (Kalkkarst, dünne Böden, submediterranes Klima, Beweidungsregime) angewiesen. Eine Eins-zu-eins-Nachbildung im Hausgarten ist deshalb in Mitteleuropa nicht möglich. Dennoch können einzelne Kennarten wie Satureja montana, Teucrium montanum oder Thymus-Arten in durchlässigen, vollsonnigen Kräuterspiralen oder Trögen kultiviert werden – dies ist lediglich eine gärtnerische Nutzung, aber kein Ersatz für den natürlichen Lebensraum.
Kommunen in Südosteuropa, die noch Restbestände dieses Biotoptyps auf Gemeindegebiet haben, können aktiv zum Schutz beitragen, indem sie:
- die Weidenutzung in Bebauungs- und Flächennutzungsplänen sichern,
- extensive Beweidung und landschaftspflegerische Entbuschungsmaßnahmen fördern,
- Besucherlenkung und Informationsangebote entwickeln, um Trittschäden und Übernutzung vorzubeugen.
Kennwerte auf einen Blick
| Merkmal | Wert / Angabe |
|---|---|
| EUNIS-Code | E1.1j (Untertyp von E1.1) |
| FFH-Anhang I | 62A0 – Östliche submediterrane Trockenrasen (Scorzoneratalia villosae) |
| Europäische Rote Liste (EU28) | Vulnerable (gefährdet) |
| Europäische Rote Liste (EU28+) | Near Threatened (potenziell gefährdet) |
| Pflanzensoziologische Bündnisse | Chrysopogono-Saturejion subspicatae (Balkan) / Hippocrepido glaucae-Stipion austroitalicae (Südostitalien) |
| Artikel-17-Erhaltungszustand | In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben |
| Biogeographische Regionen | In den vorliegenden Quelldaten nicht detailliert ausgewiesen |
| Staatenliste | In den Quelldaten nicht explizit aufgeführt (Beschreibung: östl. Adriaküste, südöstl. Italien) |
Häufige Fragen
Was sind trockene steppenartige submediterrane Weiden?
Es handelt sich um artenreiche, halbnatürliche Grünlandflächen auf flachgründigen Kalkböden der östlichen Adriaküste und Südostitaliens. Sie entstanden durch jahrhundertelange extensive Beweidung und Mahd in einem Klima mit milden Wintern und sommerlicher Trockenheit.
Unter welchen Schlüsseln wird dieser Lebensraum geführt?
EUNIS-Code E1.1j (Inland sand and rock with open vegetation), wobei der Code E1.1 nur die grobe Zuordnung angibt. In der FFH-Richtlinie ist der Typ als Teil des Annex-I-Lebensraums 62A0 „Eastern sub-Mediterranean dry grasslands (Scorzoneratalia villosae)“ gelistet.
Wie ist der Gefährdungsstatus nach der Europäischen Roten Liste?
In der EU28-Bewertung gilt der Lebensraum als Vulnerable (gefährdet). Im erweiterten EU28+-Raum ist die Einstufung Near Threatened (potenziell gefährdet).
Welche Pflanzenarten sind charakteristisch?
Neben Gräsern wie Chrysopogon gryllus, Botriochloa ischaemum und Stipa austroitalica kommen viele Kräuter und Halbsträucher vor, z. B. Satureja montana, Globularia cordifolia, Scorzonera villosa und verschiedene Nelken- und Kleearten. Eine vollständige Auswahl ist im Artikel aufgeführt.
Wie können diese Weiden erhalten werden?
Entscheidend ist die Fortführung der traditionellen extensiven Beweidung oder Mahd. In frühen Verbuschungsstadien kann die Wiedereinführung von Viehhaltung die Flächen rasch regenerieren. Zu intensive Beweidung und Flächenverbrauch durch Urbanisierung hingegen zerstören den Lebensraum.