Cyrno-Sardeischer oromediterraner Silikat-Trockenrasen (EUNIS E1.5) – Steckbrief & Gefährdung
Der Cyrno-Sardeische oromediterrane Silikat-Trockenrasen (EUNIS-Code E1.5) ist ein hochalpiner, silikatischer Rasenlebensraum, der auf Korsika in Lagen zwischen 1.800 und 2.100 m vorkommt, fragmentarisch auch auf dem Monte Gennargentu auf Sardinien. Der von Endemiten und seltenen Arten geprägte Lebensraum wird in der Europäischen Roten Liste der Biotope als „Endangered“ (stark gefährdet) geführt. Er ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet, ein Erhaltungszustand nach Artikel 17 der Habitat-Richtlinie wurde nicht erhoben.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Cyrno-Sardean oromediterranean siliceous dry grassland
- EUNIS
- E1.5 – Mediterranean-montane grassland
- EU-28
- Endangered
- EU-28+
- Endangered
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Typ: E1.5 – Mediterranean-montane grassland (mediterran-montanes Grasland); hier die spezifische Ausprägung Cyrno-Sardeischer oromediterraner Silikat-Trockenrasen (Red-List-Code RLE1.5c).
- Vorkommen: Im Wesentlichen auf Korsika, insbesondere in den Massiven Monte Cinto, Monte Rotondo, Monte Renoso und Monte Incudine. Fragmentarisch möglicherweise auch auf dem Monte Gennargentu in Sardinien.
- Höhenstufe: Oromediterran, zwischen ca. 1.800 und 2.200 m ü. NN.
- Boden: Silikatgesteine mit sauren Böden (pH 5–6), beeinflusst durch Kryoturbation und Gelifluktion (Bodenfließen in Frostnähe).
- Gefährdung (Europäische Rote Liste): Endangered (gefährdet) im EU28- und EU28+-Bericht.
- FFH-Schutz: Nicht in einem der Anhänge der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie enthalten.
- Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
Einordnung im EUNIS-System
Die Europäische Naturinformation (EUNIS) führt diesen Lebensraum unter der Einheit E1.5 – Mediterranean-montane grassland. Das ist ein breiter Typ für montanes Grasland des Mittelmeerraums. Innerhalb dieser Gruppe unterscheidet der Europäische Rote-Liste-Bericht die Untereinheit RLE1.5c, den Cyrno-Sardeischen oromediterranen Silikat-Trockenrasen. Der Name bezieht sich auf das cyrno-sardische Verbreitungsgebiet – „Cyrnus“ ist der antike Name für Korsika, „Sardus“ für Sardinien. Es handelt sich also um einen regional klar begrenzten, höhenzonalen Sonderfall der mediterranen Bergrasen.
Beschreibung des Lebensraums
Vom Wind geformte Höhenrasen Korsikas
Die korsischen Bestände gedeihen in einer Höhenlage von etwa 1.800 bis 2.100 m; oberhalb von 2.100 m lichtet sich die Vegetationsdecke zunehmend. Auf diesen sauren, silikatischen Böden, die im Winter durch Frostwechsel (Kryoturbation) und langsames Bodenfließen (Gelifluktion) dynamisch bleiben, bilden niedrigwüchsige Gräser und Kräuter lückige Rasen.
Die dominierenden Arten sind horstige und ausläufertreibende Hemikryptophyten. Besonders häufig sind:
- Bellardiochloa variegata (Buntes Alpen-Rispengras, auch als Poa violacea geführt),
- Ligusticum corsicum (ein korsischer Endemit),
- Plantago sarda (Sardisches Wegerichgewächs),
- Sagina pilifera (Haariges Mastkraut) und
- Luzula spicata subsp. italica (Ähren-Hainsimse, italienische Unterart).
Hinzu kommen zahlreiche korsische Endemiten wie Armeria multiceps, Paronychia polygonifolia und Trisetum conradiae. Vereinzelt treten auch Zwergsträucher auf, vor allem Genista lobelii (Dorn-Ginster) und Flecken des Kriech-Wacholders Juniperus communis subsp. alpina.
Oberhalb von 2.100 m wird der Rasen offener; die Vegetation weicht in windgeschützte Lücken zurück. Die Böden bleiben oberflächlich nährstoffarm und sauer (pH 5–6).
Das sardische Fragment – ein Extremstandort
Auf Sardinien erreicht nur der Monte Gennargentu mit 1.834 m die oromediterrane Stufe. An seinen windexponierten Graten findet sich eine fragmentarische Ausprägung des Lebensraums. Starke Winde selektieren hier streng: Es dominieren kriechende Hemikryptophyten und polsterförmige Chamaephyten, die zwischen Zwergsträuchern Schutz suchen. Charakterarten sind hier insbesondere Festuca morisiana, Armeria sardoa subsp. genargentea und Hieracium soleirolianum. Die Vegetation ist strukturell identisch mit den korsischen Rasen, jedoch in der Artenzusammensetzung durch sardische Endemiten ergänzt.
Artenvielfalt und charakteristische Arten
Die Lebensgemeinschaft ist reich an Endemiten und seltenen, an die Höhenlage angepassten Pflanzen. Neben den bereits genannten Schlüsselarten listet die Rote-Liste-Quelle folgende charakteristische Gefäßpflanzen (alphabetisch):
| Wissenschaftlicher Name | Anmerkung |
|---|---|
| Armeria multiceps | Korsischer Endemit |
| Bellardiochloa variegata | Dominantes Horstgras |
| Cerastium soleirolii | Korsischer Endemit |
| Genista lobelii | Dorniger Zwergstrauch |
| Hieracium auricula subsp. micranthum | Korsischer Endemit |
| Juniperus communis subsp. alpina | Alpen-Wacholder (kriechende Form) |
| Luzula spicata subsp. italica | Ähren-Hainsimse |
| Minuartia verna s.l. | Frühlings-Miere (Artengruppe) |
| Nardus stricta | Borstgras, säurezeigend |
| Paronychia polygonifolia | Korsischer Endemit |
| Plantago sarda | Wegerich, endemisch im Raum Korsika-Sardinien |
| Poa balbisii var. prorepens | Niederliegendes Rispengras |
| Reseda phyteuma | Rapunzel-Resede |
| Robertia taraxacoides | Löwenzahnblättriges Korbblütlergewächs |
| Sagina pilifera | Haariges Mastkraut, endemisch |
| Scleranthus burnatii | Korsischer Knäuel (Nelkengewächs) |
| Sempervivum arachnoideum | Spinnweb-Hauswurz |
| Trisetum conradiae | Korsischer Endemit |
| – (sardische Ausprägung) | Festuca morisiana, Armeria sardoa subsp. genargentea, Hieracium soleirolianum |
Diese Tabelle spiegelt die im offiziellen EUNIS-Rote-Liste-Datensatz aufgeführten Arten wider. Die hohe Zahl an korsischen und sardischen Endemiten unterstreicht den naturschutzfachlichen Wert dieses Lebensraums.
Gefährdung und Schutzstatus
Europäische Rote Liste – „Endangered“
Die European Red List of Habitats 2022 bewertet den Cyrno-Sardeischen oromediterranen Silikat-Trockenrasen sowohl für die EU28-Staaten als auch für das erweiterte EU28+ mit der Kategorie Endangered (EN) – also als gefährdet. Spezifische Gefährdungskriterien (A–E) sind im Datensatz nicht ausgewiesen. Die Einstufung beruht auf der extremen räumlichen Beschränkung (nur Korsika und möglicherweise ein Splitter auf Sardinien) und der damit verbundenen Verwundbarkeit.
Fehlender FFH-Annex-I-Status
Der Lebensraum ist nicht in einen der Anhänge der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie, 92/43/EWG) aufgenommen. Damit unterliegt er keiner direkten Verpflichtung zur Ausweisung von Schutzgebieten oder zum Monitoring nach Artikel 17 dieser Richtlinie. In den vorliegenden Quelldaten ist daher auch kein Erhaltungszustand nach Artikel 17 hinterlegt.
Welche Gefahren bestehen?
Zwar enthält der rote-Liste-Datensatz keine detaillierte Bedrohungsliste, doch lassen die genannten Qualitätsindikatoren Rückschlüsse zu: Eine intakte Ausprägung verlangt:
- Vorkommen seltener Arten, insbesondere korsischer Endemiten
- Abwesenheit nährstoffliebender, hochwüchsiger Konkurrenzpflanzen
- Kein Anzeichen für die Ausbreitung von (Zwerg-)Sträuchern
- Keine Überweidung
Daraus ergeben sich mögliche Risikofaktoren: Übermäßiger Viehtritt und Verbiss, Nährstoffeintrag (etwa durch atmosphärische Deposition oder intensive Weidewirtschaft) und die schleichende Verbuschung könnten die empfindlichen Rasen negativ verändern. Infolge des Klimawandels könnten zudem aufsteigende Baum- und Strauchgrenzen die Rasen weiter zurückdrängen.
Ökologische Bedeutung und Verbreitung in Europa
Die Verbreitung ist auf die tyrrhenische Inselwelt beschränkt. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf Korsika (Frankreich). Die Population deckt die oromediterrane Höhenstufe der höchsten Massive ab, vor allem Monte Cinto, Monte Rotondo, Monte Renoso und Monte Incudine. Das sardische Vorkommen (Italien) am Monte Gennargentu ist hingegen nur fragmentarisch und möglicherweise klimatisch marginal. Andere mediterrane Bergregionen Europas besitzen zwar ebenfalls montane Silikatrasen (z. B. in den Gebirgen Zentralspaniens oder Süditaliens), jedoch nicht diese cyrno-sardische Ausprägung mit ihrem charakteristischen Endemitenreichtum.
Durch die Insellage und die geringe absolute Verbreitungsfläche ist der Lebensraum biogeografisch isoliert. Eine solche räumlich eng begrenzte Einheit reagiert besonders empfindlich auf Störungen und verliert im Fall einer Schädigung rasch an genetischer Vielfalt.
Was bedeutet das für Bürger und Gemeinden?
Dieser Biotoptyp ist ein hochspezialisiertes Ökosystem der Hochlagen und kann nicht in einem Garten oder Park nachgebildet werden. Seine Standortbedingungen – oromediterranes Klima, saure Silikatböden, Kryoturbation und extreme Windbelastung – sind nicht im Siedlungsraum reproduzierbar. Bürger können jedoch einen Beitrag leisten:
- Bewusstsein schärfen: Wer auf Korsika oder Sardinien wandert, sollte sich der Empfindlichkeit dieser Bergrasen bewusst sein und die Wege nicht verlassen, um Trittschäden zu vermeiden.
- Naturschutzorganisationen unterstützen: Lokale und internationale Projekte zum Schutz der korsisch-sardischen Endemitenflora können durch Spenden oder ehrenamtliche Kartierungen gefördert werden.
- Informationen verbreiten: Kenntnisse über die Einzigartigkeit dieses Lebensraums helfen, Druck für einen angepassten Schutz aufzubauen – auch wenn er rechtlich nicht durch die FFH-Richtlinie abgedeckt ist.
Kommunen der Inseln können durch nachhaltige Tourismuslenkung, Beweidungsmanagement in den betroffenen Hochlagen und die Berücksichtigung des Biotoptyps in Raumordnungsplänen zum Erhalt beitragen. Ein direkter Flächenschutz ist aufgrund der fehlenden europäischen Schutzverpflichtung allerdings nationalen und regionalen Bemühungen überlassen.
Qualitätsindikatoren für einen guten Erhaltungszustand
Basierend auf den von der EEA veröffentlichten Daten sind folgende Kriterien maßgeblich für eine intakte Ausprägung des Lebensraums:
- Vorkommen seltener Arten, insbesondere korsischer Endemiten (z. B. Armeria multiceps, Paronychia polygonifolia, Trisetum conradiae).
- Fehlen nährstoffliebender, hochwüchsiger Konkurrenzarten – die Vegetation bleibt niedrig und lückig.
- Keine Anzeichen einer Verbuschung – weder ein dichter Deckungsgrad von Genista lobelii noch flächiges Auftreten von Juniperus communis subsp. alpina.
- Keine Überweidung – Trittschäden und selektiver Verbiss sind nicht erkennbar.
Diese Indikatoren dienen als Handlungsanleitung für Schutz und Monitoring. Sie sind nicht aus einer FFH-Managementplanung abgeleitet, sondern direkt dem Rote-Liste-Steckbrief entnommen.
FAQ – Cyrno-Sardeischer Silikat-Trockenrasen
1. Was sind cyrno-sardeische oromediterrane Silikat-Trockenrasen?
Es sind hochmontane, silikatische Graslandgesellschaften der oromediterranen Höhenstufe auf Korsika und eventuell Sardinien. Sie kommen auf sauren, frostbeeinflussten Böden vor und werden von Gräsern, Kräutern und teils Zwergsträuchern gebildet. Viele Pflanzenarten sind endemisch und kommen nur dort vor.
2. Wo kommen die Bestände in Europa vor?
Der Hauptverbreitungsschwerpunkt liegt auf Korsika (Frankreich), insbesondere in den Massiven Monte Cinto, Monte Rotondo, Monte Renoso und Monte Incudine. Fragmentarische Vorkommen könnten auf dem Monte Gennargentu in Sardinien (Italien) existieren. Andere europäische Regionen besitzen diesen Biotoptyp nicht in der charakteristischen cyrno-sardischen Ausprägung.
3. Welchen Gefährdungsstatus hat der Lebensraum?
Die Europäische Rote Liste der Biotope 2022 bewertet ihn als „Endangered“ (gefährdet), sowohl im EU28- als auch im erweiterten EU28+-Bewertungsraum. Die Einstufung basiert auf der extrem begrenzten geografischen Verbreitung und der daraus folgenden Verletzlichkeit.
4. Steht der Lebensraum unter dem Schutz der FFH-Richtlinie?
Nein. Der Biotoptyp ist nicht in einem der Anhänge der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG) gelistet. Daher gibt es keine rechtlichen Pflichten zur Ausweisung von Schutzgebieten und kein Monitoring über das Artikel-17-Verfahren. Ein Erhaltungszustand nach Artikel 17 wird folglich nicht berichtet.
5. Welche Pflanzen sind besonders charakteristisch?
Zu den charakteristischen Arten zählen Gräser wie Bellardiochloa variegata und Luzula spicata subsp. italica, dazu viele endemische Kräuter, darunter Armeria multiceps, Paronychia polygonifolia, Plantago sarda, Sagina pilifera und Trisetum conradiae. Auf Sardinien treten zusätzlich Festuca morisiana und Armeria sardoa subsp. genargentea hinzu. Vereinzelt sind auch Zwergsträucher wie Genista lobelii und Juniperus communis subsp. alpina beigemischt.
Häufige Fragen
Was sind cyrno-sardeische oromediterrane Silikat-Trockenrasen?
Es sind hochmontane, silikatische Graslandgesellschaften der oromediterranen Höhenstufe auf Korsika und eventuell Sardinien. Sie kommen auf sauren, frostbeeinflussten Böden vor und werden von Gräsern, Kräutern und teils Zwergsträuchern gebildet. Viele Pflanzenarten sind endemisch und kommen nur dort vor.
Wo kommen die Bestände in Europa vor?
Der Hauptverbreitungsschwerpunkt liegt auf Korsika (Frankreich), insbesondere in den Massiven Monte Cinto, Monte Rotondo, Monte Renoso und Monte Incudine. Fragmentarische Vorkommen könnten auf dem Monte Gennargentu in Sardinien (Italien) existieren.
Welchen Gefährdungsstatus hat der Lebensraum?
Die Europäische Rote Liste der Biotope 2022 bewertet ihn als „Endangered“ (gefährdet), sowohl im EU28- als auch im erweiterten EU28+-Bewertungsraum.
Steht der Lebensraum unter dem Schutz der FFH-Richtlinie?
Nein. Der Biotoptyp ist nicht in einem der Anhänge der FFH-Richtlinie gelistet. Es gibt daher keine rechtlichen Pflichten zur Ausweisung von Schutzgebieten und kein Monitoring über das Artikel-17-Verfahren.
Welche Pflanzen sind besonders charakteristisch?
Zu den charakteristischen Arten zählen Bellardiochloa variegata, Luzula spicata subsp. italica, Armeria multiceps, Paronychia polygonifolia, Plantago sarda, Sagina pilifera, Trisetum conradiae und auf Sardinien Festuca morisiana und Armeria sardoa subsp. genargentea.