Madeirisches oromediterranes Silikat-Trockengrasland (EUNIS E1.5)
Das Madeirische oromediterrane Silikat-Trockengrasland (EUNIS-Code E1.5) ist ein von endemischen Gräsern geprägter Lebensraum, der ausschließlich auf der Insel Madeira in Höhen über 1.500 m vorkommt. Der Biotoptyp wird auf der Europäischen Roten Liste der Lebensräume als „Critically Endangered“ (vom Aussterben bedroht) eingestuft.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Madeiran oromediterranean siliceous dry grassland
- EUNIS
- E1.5 – Mediterranean-montane grassland
- EU-28
- Critically Endangered
- EU-28+
- Critically Endangered
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Code: E1.5 (Mediterranean-montane grassland)
- Lebensraumtyp: Madeirisches oromediterranes Silikat-Trockengrasland – ausdauernde Horstgrasfluren der Hochgebirgslagen Madeiras
- Rote Liste Europa: Vom Aussterben bedroht (Critically Endangered)
- FFH-Anhang I: Nicht gelistet
- Vorkommen: Streng endemisch auf der portugiesischen Insel Madeira, in Höhen über 1.500 m
- Charakteristisch: Endemitengräser wie Parafestuca albida, Deschampsia maderensis u. a., dazu einzigartige Blütenpflanzen und eine der seltensten Vogelarten der Welt
EUNIS-Klassifikation und Einordnung
Das Madeirische oromediterrane Silikat-Trockengrasland wird im European Nature Information System (EUNIS) unter dem Code E1.5 und der Bezeichnung „Mediterranean-montane grassland“ geführt. Es handelt sich um einen Sonderfall innerhalb dieser Gruppe, denn während E1.5 allgemein mediterrane Berggrasländer umfasst, beschreibt der hier behandelte Untertyp eine auf die Insel Madeira beschränkte, azonale Dauergesellschaft.
Der Lebensraum ist kein typisches Weidegrünland, sondern eine natürliche, von Horstgräsern (cespitose Gräser) dominierte Vegetation, die auf silikatischen vulkanischen Substraten, vor allem auf flachen Andosolen, wächst. Seine Physiognomie reicht von dichten, teppichartigen Matten auf kleinen Hochflächen bis zu lückigen Beständen in Felsspalten.
Rote Liste und Gefährdung
Nach der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (Bewertung für EU28 und EU28+ aus dem Jahr 2022) wird dieser Biotoptyp als Critically Endangered (CR) – vom Aussterben bedroht eingestuft. Das bedeutet, dass er ohne gezielte Schutzmaßnahmen in absehbarer Zeit vollständig verloren gehen könnte.
Die Einstufung beruht auf seiner extrem kleinen Fläche, dem streng endemischen Vorkommen und der Empfindlichkeit gegenüber Veränderungen. Anders als viele andere Graslandtypen ist er nicht durch Nährstoffeintrag oder Verbuschung gefährdet – die Hauptfaktoren liegen in der besonderen Dynamik von Beweidung und Störung.
FFH-Richtlinie und Artikel-17-Berichterstattung
Der Lebensraum ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie (92/43/EWG) gelistet. Somit liegen keine EU-weiten Erhaltungszustandsbewertungen nach Artikel 17 der Richtlinie vor. Für den Naturschutz auf europäischer Ebene ist der Biotoptyp dennoch von großer Bedeutung, wie die Einstufung in die höchste Gefährdungskategorie der Roten Liste zeigt.
Lebensraum: Lage, Klima und Standort
Dieser Graslandtyp ist streng auf die Insel Madeira beschränkt. Er besiedelt die Gipfellagen der höchsten Berge (Pico Ruivo, Pico do Arieiro und weitere) in einer Höhe von mehr als 1.500 Metern über dem Meeresspiegel.
Klima und Boden:
- Bioklima: Oromediterran, humid bis ultrahyperhumid (sehr feucht)
- Substrat: Silikatische Vulkangesteine (Hartgestein oder Pyroklastika) mit flachgründigen Andosol-Böden
- Wasserhaushalt: Dauerfeuchte Bedingungen durch hohe Niederschläge und Nebel, aber keine Staunässe
Der Standort kann sowohl aus erdgefüllten Felsspalten (chasmophytisch) als auch aus flachen Verebnungen an Hängen bestehen. Die Vegetation ist eine natürliche Dauergesellschaft (Permasigmetum), die durch regelmäßige gravitative Bodenverlagerungen und das extreme Klima offen gehalten wird.
Charakteristische Pflanzenwelt
Die Krautschicht wird von endemischen Gräsern Madeiras dominiert, die weltweit nur in diesem Lebensraum vorkommen. Die wichtigsten sind:
- Parafestuca albida (monotypische Gattung, endemisch für Madeira)
- Deschampsia maderensis
- Festuca jubata (strikter Madeira-Endemit, nicht mit den Azoren geteilt)
- Anthoxanthum maderense
- Agrostis obtusissima
- Holcus pintodasilvae
Neben den Gräsern prägen zahlreiche krautige Endemiten das Bild und erreichen hier ihr ökologisches Optimum:
- Armeria maderensis
- Anthyllis lemmaniana
- Crepis andryaloides
- Orchis scopulorum
- Micromeria varia subsp. thymoides var. cacuminicolae
- Rumex bucephalophorus subsp. fruticescens
Hinzu kommen transgressive Endemiten, die aus benachbarten Lebensräumen einstrahlen, z. B. Odontites holliana, Saxifraga maderensis var. pickeringii oder Argyranthemum pinnatifidum subsp. montanum.
Qualitätsanzeiger: Je größer der Anteil dieser lebensraumtypischen Arten und je geringer der Deckungsgrad generalistischer oder stickstoffzeigender Gräser (z. B. Bromus spp., Dactylis smithii subsp. hylodes, Agrostis castellana), desto höher ist die ökologische Qualität. Besonders artenreiche, „coenotisch gesättigte“ Bestände sind selten und besonders wertvoll.
Vegetationsmosaik und Kontaktgesellschaften
Das Silikat-Trockengrasland tritt nie isoliert auf, sondern bildet ein Mosaik mit weiteren endemischen Pflanzengesellschaften Madeiras:
| Angrenzender Lebensraum | EUNIS-Code | Kurzbeschreibung |
|---|---|---|
| Baumheide-Wälder Madeiras (Polysticho-Ericion arboreae) | G2.7 | Immergrüne, baumförmige Erica-Wälder |
| Zwergstrauchheiden der Erica maderensis | G2.7 (Untertyp) | Flach wachsende Hochlagen-Heide |
| Sukkulente Rosettenpflanzen-Gesellschaften (Sinapidendro-Aeonion glandulosi) | F8.2 | Xerophytisches Dickicht auf Felsflächen |
| Gesellschaften mit Thymus micans | E1.Ad | Weitere azidophile Hochgebirgsrasen |
Diese Seitenkontakte sorgen für einen Austausch von Arten und erhöhen die Biodiversität des gesamten Komplexes.
Dynamik und Einfluss der Beweidung
Der Lebensraum unterlag historisch einer Beweidung durch Hausziegen. Auf den flacheren Plateaus führte ständiger Ziegenfraß zu stickstoffgeprägten, artenärmeren Grasländern, die von Agrostis castellana und Holcus-Arten beherrscht wurden. Die optimale Ausbildung des Lebensraums war auf Felsspalten beschränkt.
Mit der Aufgabe der Ziegenbeweidung in jüngerer Zeit wanderten die charakteristischen Graslandarten sukzessive wieder in die Plateaus ein. Daher wird die aktuelle Fläche des Lebensraums als größer eingeschätzt als noch vor zehn Jahren. Auf sehr flachen Böden bleibt die Gesellschaft aufgrund der gravitativen Störung stabil; auf etwas tieferen Standorten kann die natürliche Sukzession zu Gehölzen führen – ein Prozess, der langfristig Fläche kosten könnte.
Besondere Bedeutung für die Fauna
Die Tierwelt des Biotoptyps ist in den Quelldaten nur punktuell erfasst. Eine herausragende Art ist jedoch der Madeira-Sturmtaucher (Pterodroma madeira, Zino’s Petrel) – eine der seltensten Vogelarten der Welt mit einem Bestand von nur etwa 30 Brutpaaren. Dieser Seevogel brütet ausschließlich in diesem Lebensraum, genauer in Erdhöhlen innerhalb der Grasfluren und Felsritzen. Der Erhalt des Graslandes ist damit überlebenswichtig für die Art.
Gefährdungsfaktoren und Schutz
In den vorliegenden Quelldaten sind keine expliziten Bedrohungen aufgelistet. Aus der Beschreibung lassen sich jedoch folgende Dynamiken ableiten:
- Die historische Ziegenbeweidung hat die Ausdehnung auf Plateaus stark eingeschränkt; die Aufgabe der Beweidung wirkt sich aktuell positiv aus.
- Bei zu starker Bodenentwicklung könnte Verbuschung durch natürliche Sukzession langfristig eine Gefahr darstellen.
- Die extrem kleine Fläche und die Bindung an eine einzige Insel setzen den Lebensraum jedem lokalen Ereignis (Brände, invasive Arten, extremere Klimaereignisse) stark aus.
Konkrete Schutzmaßnahmen oder ein offizieller Erhaltungszustand sind in den EEA-Daten nicht dokumentiert. Die Aufnahme in die Rote Liste als „Critically Endangered“ unterstreicht jedoch den dringenden Handlungsbedarf.
Zusammenfassende Tabelle
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| EUNIS-Code | E1.5 (Mediterranean-montane grassland) |
| Lebensraumname | Madeiran oromediterranean siliceous dry grassland |
| Rote Liste EU | Critically Endangered (CR) |
| FFH-Anhang I | Nicht gelistet |
| Vorkommen | Madeira, Portugal; >1500 m ü. NN |
| Böden | Flachgründige Andosole auf silikatischem Vulkangestein |
| Dominante Gräser | Parafestuca albida, Deschampsia maderensis, Festuca jubata, Anthoxanthum maderense, Agrostis obtusissima, Holcus pintodasilvae |
| Weitere typische Endemiten | Armeria maderensis, Anthyllis lemmaniana, Crepis andryaloides, Orchis scopulorum u. a. |
| Besondere Tierart | Madeira-Sturmtaucher (Pterodroma madeira), brütet nur hier |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist das Madeirische oromediterrane Silikat-Trockengrasland?
Es handelt sich um eine natürliche Graslandgesellschaft der Hochgebirgslagen Madeiras, die von endemischen Horstgräsern und weiteren nur dort vorkommenden Pflanzenarten dominiert wird. Sie ist ein eigenständiger Biotoptyp mit EUNIS-Code E1.5.
Warum ist dieser Lebensraum vom Aussterben bedroht?
Die Europäische Rote Liste stuft ihn als „Critically Endangered“ ein, weil er nur auf einer einzigen Insel vorkommt, extrem kleine Flächen besiedelt und empfindlich auf Standortveränderungen reagiert.
Welche Pflanzen sind typisch für diesen Lebensraum?
Dominant sind die endemischen Gräser Parafestuca albida, Deschampsia maderensis, Festuca jubata, Anthoxanthum maderense und andere. Dazu kommen zahlreiche krautige Endemiten wie Armeria maderensis und Orchis scopulorum.
Welche Vogelart brütet ausschließlich in diesem Grasland?
Der Madeira-Sturmtaucher (Pterodroma madeira, Zino’s Petrel) mit einem Weltbestand von etwa 30 Paaren brütet nur in diesem Lebensraum und ist daher direkt von dessen Erhalt abhängig.
Gibt es Schutzmaßnahmen für diesen Biotoptyp?
In den offiziellen Quelldaten sind keine konkreten Schutzmaßnahmen oder ein Erhaltungszustand nach FFH-Richtlinie verzeichnet. Der Lebensraum ist jedoch durch seine isolierte Lage in unzugänglichen Hochlagen teilweise geschützt; die Rote Liste signalisiert dringenden Handlungsbedarf.
Häufige Fragen
Was ist das Madeirische oromediterrane Silikat-Trockengrasland?
Es handelt sich um eine natürliche Graslandgesellschaft der Hochgebirgslagen Madeiras, die von endemischen Horstgräsern und weiteren nur dort vorkommenden Pflanzenarten dominiert wird. Sie ist ein eigenständiger Biotoptyp mit EUNIS-Code E1.5.
Warum ist dieser Lebensraum vom Aussterben bedroht?
Die Europäische Rote Liste stuft ihn als „Critically Endangered“ ein, weil er nur auf einer einzigen Insel vorkommt, extrem kleine Flächen besiedelt und empfindlich auf Standortveränderungen reagiert.
Welche Pflanzen sind typisch für diesen Lebensraum?
Dominant sind die endemischen Gräser *Parafestuca albida*, *Deschampsia maderensis*, *Festuca jubata*, *Anthoxanthum maderense* und andere. Dazu kommen zahlreiche krautige Endemiten wie *Armeria maderensis* und *Orchis scopulorum*.
Welche Vogelart brütet ausschließlich in diesem Grasland?
Der Madeira-Sturmtaucher (*Pterodroma madeira*, Zino’s Petrel) mit einem Weltbestand von etwa 30 Paaren brütet nur in diesem Lebensraum und ist daher direkt von dessen Erhalt abhängig.
Gibt es Schutzmaßnahmen für diesen Biotoptyp?
In den offiziellen Quelldaten sind keine konkreten Schutzmaßnahmen oder ein Erhaltungszustand nach FFH-Richtlinie verzeichnet. Der Lebensraum ist jedoch durch seine isolierte Lage in unzugänglichen Hochlagen teilweise geschützt; die Rote Liste signalisiert dringenden Handlungsbedarf.