Zum Hauptinhalt springen
EUNIS: E4.2; H5.1Europäische Rote Liste: Near Threatened

Fjell-Feld: Moos- und flechtenreiche Gipfelzonen Nordeuropas (EUNIS E4.2, H5.1)

Das Fjell-Feld (EUNIS E4.2, H5.1) ist ein durch Wind und Frost geprägter Lebensraum auf Bergkuppen, Graten und Hängen der borealen Zone. Die Vegetation besteht aus einer lückigen Krautschicht mit wenigen Gefäßpflanzen sowie ausgedehnten Flechtenteppichen (v.a. Rentierflechten und Cetraria-Arten). Die Europäische Rote Liste der Biotoptypen führt den Typ in der EU28 als Near Threatened (potenziell gefährdet), im EU28+-Raum (mit Island und Norwegen) jedoch als Least Concern (ungefährdet). Eine Listung im Anhang I der FFH-Richtlinie besteht nicht.

Einordnung

Originalbezeichnung
Fjell field
EUNIS
E4.2; H5.1 – Moss and lichen dominated mountain summits, ridges and exposed slopes; Fjell-fields and other freeze-thaw features with very sparse or no vegetation
EU-28
Near Threatened
EU-28+
Least Concern

Das Wichtigste in Kürze

Das Fjell-Feld ist ein arktisch-alpiner Lebensraum, der auf windexponierten Kuppen und Rücken der skandinavischen Fjellregion und in Teilen Schottlands vorkommt. Es zeichnet sich durch extrem flachgründige, steinige und nährstoffarme Böden aus, auf denen sich nur eine sehr spärliche höhere Vegetation halten kann. Stattdessen dominieren strauchartige Flechten (vor allem aus den Gattungen Cladonia und Cetraria) sowie Moose. Damit gehört es zu den für das Auge überraschend farbigen, aber ökologisch hochspezialisierten Biotoptypen Europas.

EUNIS-Codes: E4.2 (Moose and lichen dominated mountain summits, ridges and exposed slopes) und H5.1 (Fjell-fields) Rote-Liste-Status Europa: Near Threatened (EU28) / Least Concern (EU28+) FFH-Anhang I: nicht gelistet Hauptverbreitung: Skandinavische Gebirge, Nordschweden, Schottland; ähnliche Typen auf Island.


Was ist ein Fjell-Feld?

Der Begriff „Fjell-Feld“ stammt aus dem skandinavischen Raum (norwegisch „fjell“ = Berg) und bezeichnet baumfreie, windgepeitschte Gipfel- und Hanglagen oberhalb der Waldgrenze. Der Lebensraum wird oft mit dem englischen Ausdruck „fellfield“ oder „fjell-field“ beschrieben. EUNIS fasst ihn unter zwei Codes zusammen:

  • E4.2 – Moos- und flechtenreiche Berggipfel, Gratfluren und exponierte Hänge
  • H5.1 – Fjell-Felder und andere gefrier-tau-gesteuerte Flächen mit sehr spärlicher oder fehlender Vegetation

Die für diesen Typ typische Windhärte sorgt dafür, dass Schnee ausgeblasen wird und sich kaum Feinboden ansammelt. Pflanzen sind daher den winterlichen Extremen unmittelbar ausgesetzt. Nur eine geringe Zahl hochangepasster Gefäßpflanzen sowie eine Fülle an Kryptogamen (Flechten und Moose) überdauert diese Bedingungen. Konvexe Geländeformen – also Kuppen und Rücken – sind charakteristisch; Mulden mit längerer Schneebedeckung fallen hingegen in andere Biotoptypen.


EUNIS-Klassifikation und verwandte Typen

In der EUNIS-Habitatklassifikation wird das Fjell-Feld durch zwei überlappende Einheiten abgebildet:

EUNIS-CodeBezeichnung im OriginalDeutsche Kurzfassung
E4.2Moss and lichen dominated mountain summits, ridges and exposed slopesMoos- und flechtenbeherrschte Berggipfel, Grate und exponierte Hänge
H5.1Fjell-fields and other freeze-thaw features with very sparse or no vegetationFjell-Felder und andere Frostmusterböden mit sehr spärlicher Vegetation

Die Zuordnung verdeutlicht, dass es fließende Übergänge gibt: Von dichteren Flechtenteppichen (E4.2) bis zu nahezu vegetationsfreien Frostschuttbereichen (H5.1). Innerhalb von H5.1 werden zudem zwei ähnliche, aber eigenständige Untertypen unterschieden:

  • H5.1b – Polare Wüsten, die noch extremere Bedingungen aufweisen
  • H5.1c – Spärlich bewachsene Vulkanaschefelder Islands

In den gemäßigten Hochgebirgen Mitteleuropas fehlt dieser Typ weitgehend; dort treten an windgefegten Silikatgipfeln eher alpine Graslandgesellschaften (E4.3b) oder Kalkmagerrasen (E4.4) auf.


Gefährdung nach der Europäischen Roten Liste der Biotoptypen

Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats) bewertet das Fjell-Feld differenziert nach Bezugsraum:

  • EU28 (2013–2020): Near Threatened (NT) – Das Habitat gilt in der Europäischen Union (ohne Norwegen, Island) als potenziell gefährdet.
  • EU28+ (erweiterter Raum mit Island, Norwegen, Schweiz und Balkanländern): Least Concern (LC) – Im gesamten erweiterten Europa wird der Typ als ungefährdet eingestuft.

Der Unterschied erklärt sich dadurch, dass der größte Teil des natürlichen Areals außerhalb der strengen EU28-Grenzen liegt, vor allem in Norwegen und auf Island. Innerhalb der EU28 sind die Vorkommen auf Schweden und Schottland begrenzt, sodass hier eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Störungen besteht. Die Bewertung erfolgte ohne Angabe eines spezifischen Kriteriums; die Einstufung als „Near Threatened“ weist jedoch darauf hin, dass bei anhaltenden oder steigenden Belastungen eine Höherstufung in eine Gefährdungskategorie möglich ist.


FFH-Richtlinie und formaler Schutzstatus

Der Lebensraum Fjell-Feld ist nicht im Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG) gelistet. Daher existieren:

  • keine gesetzlichen Berichtspflichten nach Artikel 17 FFH-RL
  • keine daraus abgeleiteten Erhaltungszustandsbewertungen („article17_status“ ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben)
  • kein gesonderter europarechtlicher Schutzstatus

Das Fehlen einer Anhang-I-Listung bedeutet jedoch nicht, dass das Fjell-Feld schutzlos ist. Vielmehr liegen die Flächen oft in naturschutzfachlich wertvollen, entlegenen Gebieten, die über nationale Kategorien (Nationalparks, Naturschutzgebiete) gesichert sein können. Aufgrund der Abgelegenheit ist die direkte menschliche Beeinflussung gering; regional kann Überweidung durch Rentiere ein Problem darstellen.


Lebensraum und Standortbedingungen

Fjell-Felder sind naturbelassene, azonale Offenlandbiotope mit extremen abiotischen Faktoren:

  • Boden: sehr flachgründig, steinig, meist sauer, nährstoffarm und mikrobiell wenig aktiv. Kryoturbation (Durchmischung durch Frosthebung) ist typisch.
  • Wasserhaushalt: deutlich trockener als umgebende Mulden oder Schneetälchen; Schmelzwasser fließt rasch ab, der Wind trocknet zusätzlich aus.
  • Wind und Schnee: Ständige starke Winde fegen Schnee und Feinboden fort; die Pflanzen sind im Winter kaum durch eine schützende Schneedecke isoliert.
  • Sonneneinstrahlung: Im Sommer hoch, wodurch die Erwärmung stärker ausfällt als in den polaren Wüsten.

Diese Standortbedingungen erlauben nur einer spezialisierten Flora das Überleben. Moose und Flechten – als poikilohydre Organismen – können Austrocknung schadlos überstehen und bei Feuchtigkeit schnell wieder aktiv werden. Gefäßpflanzen besiedeln vor allem kleine Spalten oder windgeschützte Nischen.


Charakteristische Pflanzen und Flechten

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten im europäischen Red-List-Profil gelisteten Arten zusammen. Sie ist nicht abschließend, verdeutlicht jedoch die Dominanz von Moosen und Flechten.

GruppeTypische Arten (Auswahl)Besonderheit
GefäßpflanzenCarex bigelowii, Juncus trifidus, Deschampsia flexuosa, Festuca ovina agg., Loiseleuria procumbens, Empetrum nigrum agg., Arctostaphylos alpina, Lychnis alpina, Diapensia lapponicaKleine Horste, polsterförmig oder niederliegend; meist wenige Zentimeter hoch.
MooseRacomitrium lanuginosum, Polytrichum piliferum, P. juniperinum, Dicranum elongatum, Gymnomitrion coralloides, Prasanthus suecicusBilden oft helle, dichte Polster; Racomitrium lanuginosum kann große Flächen überziehen.
FlechtenCladonia stellaris, C. rangiferina, C. mitis, C. uncialis, Cetraria islandica, C. nivalis, C. cucullata, Alectoria ochroleuca, Stereocaulon paschale, Thamnolia vermicularisStrauchartig wachsende Rentierflechten und wurmförmige Lichenen; prägen den optischen Eindruck.

Besonders auffällig sind die ausgedehnten Teppiche der sonst als „Rentierflechten“ bekannten Cladonia-Arten (C. stellaris, C. rangiferina, C. mitis). Sie verleihen dem Fjell-Feld einen hellgrauen bis weißlichen Schimmer. Im nassen Zustand werden sie weich und gummiartig, trocken sind sie spröde. Cetraria-Arten wie das Isländische Moos (C. islandica) und die Schneeflechte (C. nivalis) ergänzen das Artenspektrum.


Verbreitung in Europa

Fjell-Felder konzentrieren sich auf die boreale und unterarktische Zone Nordeuropas. In den Quelldaten sind keine Länderlisten aufgeführt; die Beschreibung erlaubt jedoch folgende räumliche Einordnung:

  • Skandinavische Gebirge: In der alpinen Stufe Norwegens und Schwedens weit verbreitet, auch in tieferen Lagen Nordschwedens durch windexponierte Heidezüge.
  • Schottland: Vorkommen in den nördlichen Highlands, wo ähnliche klimatische Bedingungen herrschen.
  • Island: Der eigentliche Fjell-Feld-Typ wird dem Subtyp H5.1c (vulkanische Aschefelder) zugeordnet, stellt jedoch eine eigenständige Einheit dar. Erwähnung findet er aufgrund enger floristischer und struktureller Ähnlichkeit.

In den mitteleuropäischen Hochgebirgen (Alpen, Pyrenäen) kommen zwar windgefegte Gipfelkuppen vor, doch sind diese in der Regel durch alpine Graslandtypen (EUNIS E4.3) oder Kalkrasen (E4.4) charakterisiert, nicht durch die flechtendominierte Ausprägung des nordischen Fjell-Felds.


Indikatoren guter Qualität und Gefährdungsfaktoren

Der europäische Red-List-Bericht nennt neben der Einstufung auch Merkmale für einen guten Erhaltungszustand:

  • Keine Anzeichen von Überweidung (insbesondere durch Rentiere)
  • Keine direkten menschlichen Störungen (Trittschäden, technische Infrastruktur)
  • Vorkommen dichter, großflächiger Flechtenteppiche

Das Habitat ist standörtlich relativ stabil und durch seine Abgelegenheit vor vielen Einflüssen geschützt. Die größte Gefährdung stellen lokal intensive Beweidung durch Rentiere sowie der Bau von touristischer Infrastruktur (Wege, Skigebiete) in angrenzenden Zonen dar. Durch den Klimawandel könnten zudem die winterlichen Temperatur- und Schneeverhältnisse kippen, was konkurrierende Pflanzen begünstigen könnte. Belastbare Aussagen zu Trends auf EU-Ebene liegen aus den vorliegenden Daten jedoch nicht vor.


Fjell-Felder und der Mensch: Garten- und Kommunenbezug

Das Fjell-Feld kann nicht 1:1 in einen Garten oder eine städtische Grünanlage überführt werden. Die extreme Kombination aus stetigem Wind, fehlender Schneedecke und flachgründigem Steinschutt ist in einem kultivierten Umfeld nicht reproduzierbar. Dennoch kann das Wissen um diesen Biotoptyp helfen, das Verständnis für nährstoffarme, offene Standorte zu schärfen.

Wer in Mitteleuropa einen naturnahen, moos- und flechtenreichen Steingarten anlegen möchte, orientiert sich besser an heimischen Silikatmagerrasen oder Sandrasen, nicht am arktisch-alpinen Fjell-Feld. Kommunen können die Faszination solcher Extremlebensräume in Umweltbildungseinrichtungen vermitteln, etwa durch Schautafeln in botanischen Gärten oder bei naturkundlichen Ausstellungen. Die entscheidende Botschaft lautet: Dieser Lebensraum funktioniert nur unter extremen, natürlichen Rahmenbedingungen und sollte in seiner natürlichen Form geschützt werden.


Bedeutung für die Artenvielfalt

Obwohl die Artenzahl vergleichsweise gering ist, beherbergt das Fjell-Feld eine hochspezialisierte Lebensgemeinschaft mit vielen arktisch-alpinen Endemiten. Die Qualität liegt nicht in der Pflanzenartenzahl, sondern in der Einzigartigkeit der Anpassungen und der Dominanz von Kryptogamen, die in anderen Lebensräumen nur eine Nebenrolle spielen. Vor allem die Diversität an Rentierflechten und Becherflechten ist bemerkenswert.

Tierarten, die direkt vom Fjell-Feld abhängen, sind in den vorliegenden Quelldaten nicht aufgeführt. Dennoch profitiert die assoziierte Wirbeltierfauna (z.B. Schneehase, Alpenschneehuhn, Rentiere) indirekt von diesen Flächen als Nahrungs- und Rastgebiet. Die mikrobielle und bodenlebende Fauna ist bisher nur unzureichend untersucht.


Zusammenfassung

Das Fjell-Feld ist ein in Europa weitgehend auf Skandinavien und Schottland beschränkter Biotoptyp der baumfreien Höhenstufen. Er vereint Moos- und Flechtenreichtum mit extremer Standortnische und ist laut Roter Liste in der EU28 „Near Threatened“. Durch seine Abgelegenheit und natürliche Stabilität ist er insgesamt jedoch nicht akut vom Verschwinden bedroht. Ein formaler Schutz über die FFH-Richtlinie besteht nicht, doch gewährleisten nationale Schutzgebiete vielerorts einen Erhalt der einzigartigen Fjell-Felder.

Häufige Fragen

Was ist ein Fjell-Feld?

Ein Fjell-Feld ist ein baumfreier Lebensraum auf windexponierten Bergkuppen, Graten und Hängen in der borealen Zone. Es ist durch flachgründige, steinige Böden, geringe Schneebedeckung im Winter und eine Vegetation geprägt, die von Moosen und strauchartigen Flechten (z.B. Rentierflechten) dominiert wird. Gefäßpflanzen treten nur spärlich auf.

Wo kommen Fjell-Felder in Europa vor?

Fjell-Felder finden sich hauptsächlich in den Skandinavischen Gebirgen Norwegens und Schwedens, in tieferen Lagen Nordschwedens sowie in den schottischen Highlands. Auf Island existiert ein ähnlicher, aber als eigener Subtyp (H5.1c) geführter Lebensraum auf Vulkanaschefeldern. In den Alpen und Pyrenäen fehlt der Typ weitgehend.

Warum ist das Fjell-Feld gefährdet?

In der EU28 stuft die Europäische Rote Liste der Lebensräume das Fjell-Feld als Near Threatened (potenziell gefährdet) ein. Gründe sind das relativ kleine Areal innerhalb der EU und die potenzielle Bedrohung durch Überweidung mit Rentieren, touristische Erschließung sowie langfristig durch den Klimawandel. Im erweiterten Europa (EU28+ inkl. Norwegen, Island) gilt es hingegen als Least Concern (ungefährdet).

Welche typischen Pflanzen und Flechten findet man im Fjell-Feld?

Typische Gefäßpflanzen sind Carex bigelowii, Juncus trifidus, Arctostaphylos alpina und Loiseleuria procumbens. An Moosen dominieren Racomitrium lanuginosum, Polytrichum piliferum und Dicranum-Arten. Die auffälligste Gruppe sind die Strauchflechten, vor allem Rentierflechten wie Cladonia stellaris, C. rangiferina sowie Cetraria islandica, C. nivalis und Alectoria ochroleuca.

Ist das Fjell-Feld durch die FFH-Richtlinie geschützt?

Nein, das Fjell-Feld ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet. Somit bestehen weder Berichtspflichten nach Artikel 17 noch ein europarechtlicher Schutzstatus. Der Schutz erfolgt gegebenenfalls über nationale Schutzgebietsausweisungen.

Quellen