Zum Hauptinhalt springen
EUNIS: E5.2Europäische Rote Liste: Near Threatened

Makaronesischer thermophiler Waldsaum – Lebensraum der Lorbeerwald-Lichtungen

Der Makaronesische thermophile Waldsaum (EUNIS-Code E5.2) ist ein artenreicher Saumlebensraum aus mehrjährigen Stauden und Kräutern, der an halbschattigen, humusreichen Lichtungen und Rändern makaronesischer Lorbeerwälder gedeiht. Er ist besonders reich an endemischen Pflanzen der Azoren, Madeiras und der Kanaren und wird in der europäischen Roten Liste als Near Threatened (potenziell gefährdet) geführt.

Einordnung

Originalbezeichnung
Macaronesian thermophilous woodland fringe
EUNIS
E5.2 – Thermophile woodland fringes
EU-28
Near Threatened
EU-28+
Near Threatened

Das Wichtigste in Kürze

Der Makaronesische thermophile Waldsaum (EUNIS-Code E5.2, spezifisch die Untereinheit c – Macaronesian thermophilous woodland fringe) ist ein gehölzfreier, von großen Stauden beherrschter Lebensraum. Er besiedelt halbschattige, nährstoffarme (aber humusreiche) Lichtungen und Waldränder der immerfeuchten Lorbeerwälder auf den Azoren, Madeira und den Kanarischen Inseln. Weil er eng an intakte Waldökosysteme sowie an das Fehlen von Beweidung und Stickstoffeinträgen gebunden ist, gilt sein Erhaltungszustand als fragil. Die europäische Rote Liste der Lebensraumtypen stuft ihn als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) ein. Eine Aufnahme in den Anhang I der FFH-Richtlinie besteht derzeit nicht; ebenso liegen keine länderbezogenen Daten zum Erhaltungszustand nach Artikel 17 vor.

Was ist der Makaronesische thermophile Waldsaum?

Der Lebensraum gehört zu den sogenannten thermophilen Waldsäumen (EUNIS-Kategorie E5.2), die in ganz Europa vorkommen. Die makaronesische Ausprägung (RLE5.2c) unterscheidet sich jedoch grundlegend von den kontinentalen Säumen: Sie ist nicht nitrophil, sondern humusgeprägt und auf die spezielle Wärme- und Feuchtedynamik der Lorbeerwald-Lichtungen angewiesen. Die Pflanzengesellschaften bestehen aus mehrjährigen, großblättrigen Kräutern und Stauden, die einen heterogenen, oft üppigen Wuchs bilden – anders als die schattenadaptierte Unterwuchsflora im Waldesinneren.

Entscheidend für das Vorkommen sind Mikrostandorte mit höherer Sonneneinstrahlung als im geschlossenen Wald, aber immer noch abhängig vom Streueintrag der umgebenden Bäume. Ohne diese organische Auflage verarmt der Standort rasch. Auch das Fehlen von Stickstoffeinträgen durch weidende Großherbivoren ist für den Fortbestand des Lebensraums obligatorisch.

Ein Lebensraum mit drei Inselvarianten

Je nach Archipel lassen sich drei floristische Ausprägungen unterscheiden:

  • Madeira-Variante (Ranunculo cortusifolii-Geranion canariensis) mit Arten wie Dactylorhiza foliosa und Geranium palmatum.
  • Azoren-Variante (Pericallion malvifoliae), die floristisch am stärksten von den anderen abweicht und enge Kontakte zu den endemischen Azorengrasländern (E1.F) aufweist.
  • Kanaren-Variante (ebenfalls Ranunculo cortusifolii-Geranion canariensis) mit eigenständigen Endemiten wie Geranium canariense oder Pericallis-Arten.

Die Kanaren-Variante kommt nicht nur an Lorbeerwaldrändern vor, sondern kann auch in lichten, subhumiden Kanarenkiefernwäldern (EUNIS G3.8) gefunden werden. Auf Madeira dringt sie in höher gelegene Baumheide-Wälder (G2.7) vor.

EUNIS-Typologie und europäische Rote Liste

Innerhalb des EUNIS-Systems ist der Lebensraum unter dem Code E5.2 (Thermophile woodland fringes) eingeordnet. Für die Rote-Liste-Bewertung wurde die makaronesische Untereinheit (RLE5.2c) als eigenständiger Typ behandelt. Die Erhaltungsbewertung erfolgte sowohl für die EU28 als auch für die erweiterte EU28+-Region.

Gefährdungskategorie: Near Threatened (NT)
Bewertungsrahmen: European Red List of Habitats: EU28 and EU28+ assessments
Kriterium: in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben
Letzte Aktualisierung: Datenpaket 2022 der Europäischen Umweltagentur

Die Einstufung „Near Threatened“ bedeutet, dass der Lebensraum aktuell noch nicht die Schwellenwerte für eine höhere Gefährdungskategorie erreicht, aber bei anhaltenden Beeinträchtigungen in absehbarer Zeit in eine Gefährdungskategorie (Vulnerable oder höher) aufrücken könnte.

Schutzstatus nach FFH- und Artikel-17-Berichterstattung

Der makaronesische thermophile Waldsaum ist nicht im Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie, 92/43/EWG) gelistet. Somit besteht keine unmittelbare Verpflichtung der Mitgliedstaaten, eigene Schutzgebiete für diesen Lebensraumtyp auszuweisen. Auch länderbezogene Erhaltungszustände („Article 17 status“) liegen nicht vor – in den Quelldaten des EEA-Pakets ist dieses Feld leer.

Dieser Umstand mindert nicht die fachliche Bedeutung des Lebensraums, zeigt aber, dass der Schutz derzeit vor allem über den Erhalt der übergeordneten Waldökosysteme (insbesondere Lorbeerwälder) erfolgt. Die europäische Rote Liste dient hier als wichtiges Frühwarnsystem.

Charakteristische Pflanzenarten

Die floristische Zusammensetzung spiegelt den hohen Endemitenanteil der Makaronesischen Inseln wider. Während kontinentale Säume mit Agrimonia eupatoria, Brachypodium sylvaticum oder Clinopodium vulgare aufwarten, dominieren in den makaronesischen Ausprägungen Inselendemiten. Nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Charakterarten je Archipel, wie sie in den Quelldaten verzeichnet sind.

ArchipelGefäßpflanzen (Auswahl)
MadeiraDactylorhiza foliosa, Geranium palmatum, Pericallis aurita, Ranunculus cortusifolius subsp. major, Rumex maderensis, Teucrium francoi, Viola paradoxa
AzorenAmmi seubertianum, Ammi trifoliatum, Angelica lignescens, Chaerophyllum azoricum, Lactuca watsoniana, Pericallis malvifolia, Ranunculus cortusifolius subsp. cortusifolius
Kanarische InselnGeranium canariense, Myosotis latifolia, Pericallis appendiculata, Pericallis cruenta, Pericallis echinata, Pericallis tussilaginis, Pimpinella dendrotragium, Ranunculus cortusifolius, Scrophularia smithii

Tabelle: Charakteristische Gefäßpflanzen des makaronesischen thermophilen Waldsaums. Die Aufzählung basiert auf den von der EEA bereitgestellten Quelldaten.

Neben diesen regionaltypischen Endemiten können in den Gesellschaften auch Arten auftreten, die der Lebensraum mit den kontinentalen Waldsäumen teilt, z. B. Agrimonia eupatoria oder Brachypodium sylvaticum. Sie machen jedoch nur einen geringen Anteil aus und treten oft in gestörten oder pionierhaften Ausbildungen auf.

Ökologische Ansprüche und Qualitätsmerkmale

Ein intakter makaronesischer Waldsaum erfüllt mehrere Voraussetzungen, die sich aus den standörtlichen Gegebenheiten und dem Störungsregime ableiten. Die europäische Rote Liste definiert folgende Kriterien für eine hohe ökologische Qualität:

  • Maximale coenotische Sättigung mit lokalen Endemiten: Die Gemeinschaft sollte alle für den Standort typischen Syntaxa-Elemente enthalten. Rein basal (nur mit Kennarten der Ordnung oder Klasse) ausgestattete Bestände gelten als Pionier- oder gestörte Varianten und besitzen einen geringeren naturschutzfachlichen Wert.
  • Keine Verbuschung oder Verjüngung von Gehölzen: Sobald Sträucher, Baumsämlinge oder stickstoffzeigende Schattenpflanzen einwandern (etwa aus den Ordnungen Geranio purpureae-Cardaminetalia hirsutae oder der Klasse Chenopodietea), sinkt die Qualität des Lebensraums.
  • Erhaltung des umgebenden Waldverbandes: Der Saum ist auf die Streu der benachbarten Bäume angewiesen. Jede Veränderung des Oberstandes (z. B. durch Sturmschäden, invasive Baumarten oder Abholzung) verändert das Mikroklima und die Nährstoffversorgung unmittelbar.
  • Abwesenheit von Beweidung und anthropogenen Stickstoffeinträgen: Da die Gemeinschaften keine Beweidung oder zusätzlichen Nährstoffinput durch Großherbivoren tolerieren, führen selbst sporadische Weidegänge zu irreversiblen Veränderungen.

Die räumliche Verzahnung (Catenal-Kontakte) des Saumlebensraums mit anderen Biotoptypen ist charakteristisch: Direkte Übergänge bestehen zu schattigen Farn- und Moosgesellschaften (Polypodion serrati, Polypodietea), zum eigentlichen Waldunterwuchs sowie zu makaronesischen Heide-Waldsäumen (Andryalo-Ericetalia arboreae oder Frangulo-Lauretalia azoricae). Auf den Azoren kommen zudem die endemischen Grasländer der Klasse Topido azoricae-Holcetea rigidi hinzu, die den Saum floristisch anreichern.

Gefährdungen und Schutzbedarf

Die Einstufung als „Near Threatened“ ist ein Warnsignal. Der Lebensraum ist seiner Natur nach kleinflächig und stark abhängig von der Integrität der makaronesischen Lorbeerwälder. Schon geringe Störungen in der Bestockung, etwa durch invasive Pflanzenarten oder durch die Fragmentierung der Wälder, lassen die charakteristischen Saumarten verschwinden.

Darüber hinaus führen folgende Faktoren zu einer Gefährdung oder Abwertung:

  • Aufgabe traditioneller Waldnutzungen ohne aktiven Ersatz: In einigen Regionen hat die natürliche Sukzession ohne Pflegeeingriffe dazu geführt, dass Lichtungen zuwachsen und die Saumarten verdrängt werden.
  • Eintrag von Nährstoffen aus angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen: Obwohl der Lebensraum nicht nitrogen-tolerant ist, können atmosphärische oder oberflächliche Einträge die Konkurrenzverhältnisse zugunsten stickstoffliebender Arten verschieben.
  • Einschleppung gebietsfremder Pflanzen: Invasive Neophyten können in die halbschattigen Säume eindringen und die empfindlichen endemischen Stauden ersetzen.

Erhaltungs- und Wiederherstellungsmaßnahmen sind in den Quelldaten nicht explizit ausgewiesen, leiten sich aber aus den Qualitätskriterien ab: Sicherung der Waldbestände, Verhinderung von Beweidung und Nährstoffeintrag, gegebenenfalls behutsames Freistellen zugewachsener Lichtungen.

Bedeutung für die Artenvielfalt

Trotz seiner geringen Fläche ist der makaronesische thermophile Waldsaum ein bedeutendes Refugium für die einzigartige Endemitenflora der Makaronesischen Inseln. Viele der charakteristischen Arten sind ausschließlich dort zu finden und können nicht in andere Lebensräume ausweichen. Mit einer hohen Anzahl an Inselneoendemiten trägt der Lebensraum entscheidend zur globalen und europäischen Pflanzenvielfalt bei. Zudem stellt er einen wichtigen Übergangslebensraum dar, der die waldfreien und walddominierten Biotope miteinander verbindet und damit die ökologische Vernetzung stärkt.

Der Lebensraum im Kontext von Garten und Kommune

Eine direkte Übertragung des Biotoptyps in mitteleuropäische Gärten ist nicht möglich – das spezifische Zusammenspiel aus ozeanisch-subtropischem Klima, Schattenwurf des Lorbeerwaldes und Streueintrag lässt sich künstlich nicht nachbilden. In der Naturgartenplanung auf den Kanaren, Madeira oder den Azoren können jedoch heimische Stauden wie Pericallis-Arten, Geranium palmatum oder Ranunculus cortusifolius an halbschattigen, humusreichen Plätzen ohne zusätzliche Düngung eingesetzt werden, um einen miniaturhaften, naturnahen Saum zu gestalten. Wichtig ist der völlige Verzicht auf stickstoffhaltige Dünger und die Vermeidung von Bodenverdichtung.

Kommunen auf den Inseln können durch den Erhalt alter Waldwege und natürlicher Lichtungen aktiv zum Schutz des Lebensraums beitragen. Naturlehrpfade, die die typischen Waldsaumarten ohne Flächenbetretung erlebbar machen, sind eine Möglichkeit, den Wert dieser oft übersehenen Pflanzengemeinschaft öffentlich zu vermitteln.

Fazit

Der Makaronesische thermophile Waldsaum (EUNIS E5.2) ist ein botanischer Schatz, der wie ein lebendes Band die Lorbeerwälder der Azoren, Madeiras und der Kanaren säumt. Mit seiner Fülle an endemischen Stauden und seiner engen Abhängigkeit von ungestörten Waldökosystemen steht er symbolisch für die fragile Vielfalt der makaronesischen Natur. Die europäische Rote Liste gibt mit „Near Threatened“ einen deutlichen Hinweis, dass ohne achtsamen Umgang mit den umgebenden Wäldern auch dieser einzigartige Lebensraum verloren zu gehen droht. Weitere Erkenntnisse, insbesondere zu flächenscharfen Erhaltungszuständen nach Artikel 17, wären wünschenswert, um gezielte Schutzmaßnahmen ableiten zu können.

Häufige Fragen

Was bedeutet der EUNIS-Code E5.2?

EUNIS E5.2 bezeichnet den Lebensraumtyp „Thermophile woodland fringes“, also wärmeliebende Waldsäume. Die makaronesische Sonderform (RLE5.2c) ist eine Untereinheit dieses Typs, die auf den Kanaren, Madeira und den Azoren vorkommt und sich durch einen hohen Endemitenanteil auszeichnet.

Warum steht der Makaronesische thermophile Waldsaum auf der europäischen Roten Liste?

Er wird als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) geführt, weil sein Vorkommen stark an intakte Lorbeerwälder gebunden ist und schon kleine Eingriffe – etwa Beweidung oder Stickstoffeinträge – die typische Artenzusammensetzung gefährden können. Zudem ist er von Natur aus kleinflächig und empfindlich gegenüber Verbuschung.

Gehört der Lebensraum zu den geschützten FFH-Lebensraumtypen?

Nein, der makaronesische thermophile Waldsaum ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet. Er unterliegt daher keiner direkten EU-Schutzgebietsverpflichtung. Auch Daten zum Erhaltungszustand nach Artikel 17 liegen in den offiziellen Quellen derzeit nicht vor.

Welche typischen Pflanzenarten wachsen in diesem Lebensraum?

Je nach Inselgruppe prägen verschiedene endemische Stauden das Bild: in Madeira u. a. Dactylorhiza foliosa und Geranium palmatum; auf den Azoren Pericallis malvifolia und Chaerophyllum azoricum; auf den Kanaren Geranium canariense und verschiedene Pericallis-Arten. Daneben kommen auch mitteleuropäische Waldsaumarten wie Agrimonia eupatoria vor, konzentrieren sich aber meist auf gestörte Flächen.

Kann man diesen Lebensraum im eigenen Garten nachbilden?

Eine echte Nachbildung ist außerhalb der makaronesischen Inseln nicht möglich, da das spezielle Mikroklima und die Streuabhängigkeit nicht reproduzierbar sind. Auf den Inseln lassen sich aber mit heimischen Stauden an halbschattigen, humusreichen und ungedüngten Plätzen naturnahe Pflanzungen realisieren, die an den Waldsaum erinnern.

Quellen