Epibenthische Gemeinschaften im baltischen oberen Circalittoral auf Mischsediment
Epibenthische Gemeinschaften im baltischen oberen Circalittoral besiedeln Mischsedimente (Steine, Blöcke, Sand, Schluff) in 20–150 m Tiefe. Der Biotoptyp umfasst sieben verschiedene Biotope, die von Muscheln, Seescheiden, Nesseltieren, Moostierchen, Krebstieren, Schwämmen oder einer gemischten Makrofauna dominiert werden. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft ihn als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) ein.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Epibenthic communities in Baltic upper circalittoral mixed sediment
- EUNIS
- MC231; MC2311; MC4321; MC433; MC4333; MC434; MC4341; MC4342; MC435; MC436; MC437
- EU-28
- Near Threatened
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 1160 – Large shallow inlets and bays
Das Wichtigste in Kürze
In der lichtlosen Zone der Ostsee, etwa zwischen 20 und 150 Metern Tiefe, liegen weite Flächen mit Mischsedimenten – einem Gemisch aus Steinen, Blöcken und feinerem beweglichem Material wie Sand oder schlammigem Sand. Auf diesen strukturierten Böden siedeln epibenthische Gemeinschaften, also am Boden lebende Organismen, die auf oder direkt über dem Substrat wachsen. Der hier beschriebene Biotoptyp fasst sieben verschiedene Biotope zusammen, die sich durch ihre dominanten Artengruppen unterscheiden: Muscheln, Seescheiden, Nesseltiere, Moostierchen, Krebse, Schwämme und eine gemischte Makrogemeinschaft.
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+) bewertet den Biotoptyp gesamthaft als Near Threatened (potenziell gefährdet). Er ist über den FFH-Anhang-I-Code 1160 („Große flache Buchten und Meeresarme“) zumindest teilweise geschützt, auch wenn die beiden Einheiten nicht deckungsgleich sind. Einheitliche Qualitätsindikatoren fehlen, jedoch gelten die Vielfalt, die Häufigkeit und die Biomasse der bodenlebenden Tiere als wichtige Anhaltspunkte für den Zustand.
Was ist dieser Biotoptyp? – EUNIS und die baltische Circalittoralzone
Der Biotoptyp trägt in der europäischen Naturdatenbank EUNIS mehrere eng verwandte Codes: MC231, MC2311, MC4321, MC433, MC4333, MC434, MC4341, MC4342, MC435, MC436 und MC437. All diese Einheiten beschreiben eine benthische (bodenbewohnende) Lebensgemeinschaft in der aphotischen Zone – also dort, wo wegen der Wassertiefe kein Sonnenlicht mehr ankommt und keine Algen oder Seegräser wachsen können. Das obere Circalittoral reicht in der Ostsee typischerweise von rund 20 m bis etwa 150 m Wassertiefe.
Der Untergrund ist ein Mischsediment (mixed sediment). Das bedeutet: Fester Untergrund aus weichem oder kristallinem Gestein, Findlingen oder Steinen wechselt sich mit beweglichen Anteilen wie Sand, Kies oder schlammigem Sand ab. Diese Definition folgt der HELCOM HUB-Klassifikation, also dem länderübergreifenden System zur Beschreibung baltischer Meeresboden-Lebensräume.
Je nachdem, welche Organismengruppe dominiert, kann der Bewuchs nur als dünner Überzug (encrusting) auftreten oder eine bis zu 20 cm dicke lebende Schicht über dem Substrat bilden.
Verbreitung und Vorkommen – Wo genau tritt der Lebensraum auf?
Der Biotoptyp ist auf die Ostsee (biogeografische Region BAL) beschränkt. Einige der sieben Biotope kommen in allen großen Teilbecken der Ostsee vor, andere sind räumlich enger begrenzt. So werden z. B. aphotische Mischsubstrate, die von epibenthischen Schwämmen charakterisiert sind, nur aus der Beltsee und dem Bottnischen Meerbusen gemeldet.
Die bodenphysikalische Vielfalt – Felshänge, Steinfelder, sandige Rinnen und schlickige Senken auf engem Raum – macht den Lebensraum besonders strukturreich. Gerade diese kleinräumige Mosaikstruktur bietet vielen Arten gleichzeitig Haftgrund, Versteck und Nahrungsquelle.
Lebensraum und Artenvielfalt – Charakteristische Organismen
Die charakteristischen Arten unterscheiden sich je nach dominierendem Biotop. Die folgenden Gruppen werden in den sieben Teilbiotopen als bestandsprägend beschrieben:
-
Epibenthische Muscheln (Bivalvia):
Mytilus spp. (Miesmuscheln), Modiolus modiolus (Große Miesmuschel). Sie bilden dichte Bänke, die weiteren Arten Halt und Schutz geben. -
Epibenthische Chordaten – Seescheiden (Ascidien):
Ciona intestinalis (Schlauch-Ascidie), Dendrodoa grossularia, Molgula spp., Corella parallelogramma, Ascidia mentula, Ascidia virginea und Ascidia obliqua. Diese festsitzenden Manteltiere filtern Plankton aus der bodennahen Strömung. -
Epibenthische Nesseltiere (Cnidaria):
Weichkorallen und Seeanemonen wie Laomedea spp., Cordylophora caspia, Edwardsia spp., Metridium senile (Seenelke), Gonactinia prolifera, Urticina felina, Stomphia coccinea und Sagartia elegans. Sie prägen oft ein blumenwiesenartiges Erscheinungsbild auf Hartsubstrat-Inseln. -
Epibenthische Moostierchen (Bryozoa):
Electra crustulenta, Flustra foliacea, Eucratea loricata. Die fein verzweigten Kolonien können auf Steinen und Muschelschalen dichte Krusten bilden. -
Epibenthische Krebstiere (Crustacea):
Vor allem Seepocken wie Amphibalanus improvisus, Balanus crenatus und Semibalanus balanoides. Sie besiedeln Hartsubstrat und können gemeinsam mit Moostierchen artenreiche Mischbestände formen. -
Epibenthische Schwämme (Porifera):
Haliclona oculata (Geweihschwamm) – eine Art, die ebenfalls nur in Teilen der Ostsee (Beltsee, Bottnischer Meerbusen) zu finden ist. -
Gemischte epibenthische Makrogemeinschaft:
Hier treten mehrere der genannten Gruppen gleichberechtigt auf, ohne dass eine Art eindeutig vorherrscht. Dieser Biotop reflektiert besonders gut die natürliche Übergangssituation im Mischsediment.
Die Arten sind für den dauerhaft dunklen, relativ kalten und brackigen Lebensraum der Ostsee angepasst. Viele von ihnen sind strömungsliebend und auf hartes Substrat als Siedlungsgrund angewiesen – genau dieses bietet ihnen das Mischsediment in Form eingestreuter Steine und Blöcke.
Gefährdung und Schutzstatus – Rote Liste, FFH und Artikel-17-Daten
Europäische Rote Liste der Lebensräume
In der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+) wird der gesamte Biotoptyp als „Near Threatened“ (NT, potenziell gefährdet) eingestuft. Das bedeutet: Der Lebensraum ist aktuell noch nicht akut bedroht, doch gibt es Hinweise auf eine negative Entwicklung, die bei anhaltendem Druck zu einer höheren Gefährdungskategorie führen könnte. Konkrete Einstufungskriterien sind in den vorliegenden Quelldaten nicht einzeln aufgeführt.
FFH-Anhang I und Natura 2000
Der Biotoptyp ist über Anhang I der FFH-Richtlinie, Code 1160 („Große flache Buchten und Meeresarme“) , zumindest teilweise geschützt. Diese Verknüpfung (in der Quelle mit „#“ gekennzeichnet) zeigt, dass es sich nicht um eine exakte 1:1-Entsprechung handelt. Große flache Buchten können zwar ähnliche Sedimentstrukturen enthalten und epibenthischen Gemeinschaften als Lebensraum dienen, ihr Schutzstatus fokussiert jedoch eher auf größere geografische Einheiten. In der Praxis profitieren die Mischsediment-Gemeinschaften dann, wenn ihr Vorkommen innerhalb eines Natura-2000-Gebiets liegt und der Erhaltungszustand des gemeldeten Lebensraumtyps 1160 überwacht wird.
Artikel-17-Erhaltungszustand
In den vorliegenden Quelldaten ist kein spezifischer Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie für diesen Biotoptyp hinterlegt. Das ist typisch für viele Meeresbiotope, die nicht direkt als eigener FFH-Lebensraumtyp erfasst sind und deren Zustand daher auf europäischer Ebene nicht systematisch berichtet wird. Lokal mögen für einzelne Schutzgebiete durchaus Referenzwerte und Zustandsbewertungen vorliegen, eine EU-weite Aggregation besteht derzeit jedoch nicht.
Bedeutung und Qualitätsindikatoren
Einheitliche, EU-weit abgestimmte Qualitätsindikatoren für diesen Biotoptyp gibt es bisher nicht. In der Fachliteratur und in lokalen Monitoringprogrammen werden aber verschiedene Ansätze genutzt:
- Biologische Indikatoren: Vorkommen charakteristischer und gegenüber Belastungen empfindlicher Arten; Artenvielfalt, Abundanz (Häufigkeit) und Biomasse der benthischen Fauna.
- Strukturelle Indikatoren: Ausdehnung der bewachsenen Fläche, Schichtdicke der epibenthischen Überzüge, Anteil an Hartsubstrat innerhalb des Mischsediments.
- Abiotische Indikatoren: Wasserqualitätsparameter (Sauerstoff, Nährstoffe, Trübung), Ausmaß der Exposition gegenüber physikalischen Störungen.
- Integrierte Indizes: Trophische Indizes (Stellung im Nahrungsnetz) oder Modelle zur natürlichen Sukzession, wenn der Lebensraum einem zyklischen Wandel unterliegt.
Besonders in Natura-2000-Gebieten können schutzgutspezifische Erhaltungszustände und Referenzwerte festgelegt sein. Diese sind dann jedoch standortspezifisch und nicht für den gesamten baltischen Raum einheitlich.
Die sieben Biotope im Überblick
Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Hauptgruppen der sieben Teilbiotope, die in der EUNIS-Klassifikation über die genannten Codes abgebildet werden. Die exakte Zuordnung zu einem einzelnen EUNIS-Code ist aus den Quelldaten nicht zwingend abzuleiten; vielmehr handelt es sich um ein Set eng verwandter Einheiten innerhalb des geschilderten Komplexes.
| Biotop (dominante Gruppe) | Typische Organismen (Auswahl) | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Muschel-dominiert | Mytilus spp., Modiolus modiolus | Bildet dichte Bänke, die weiteres Epibenthos fördern. |
| Seescheiden-dominiert | Ciona intestinalis, Dendrodoa grossularia, Ascidia spp. | Filtrationsleistung, oft auf Steinen oder Muschelklumpen. |
| Nesseltier-dominiert | Metridium senile, Urticina felina, Laomedea spp. | Anemonen und Hydrozoen erinnern an einen dunklen Blumengarten. |
| Moostierchen-dominiert | Electra crustulenta, Flustra foliacea | Feine Krusten, die schnell neues Hartsubstrat besiedeln. |
| Krebstier-dominiert | Amphibalanus improvisus, Balanus crenatus | Kalkige Seepocken kennzeichnen vor allem die obere Circalittoralzone. |
| Schwamm-dominiert | Haliclona oculata | Nur in Beltsee und Bottnischem Meerbusen gemeldet; empfindlich gegen Sedimentation. |
| Gemischte Makrogemeinschaft | Mehrere der vorgenannten Gruppen gleichzeitig | Typisch für Übergangsbereiche ohne klare Dominanz. |
Herausforderungen und Ausblick – Lücken in den Daten
In den Quelldaten sind keine spezifischen Gefährdungsursachen für diesen Biotoptyp aufgeführt. Allgemein gelten jedoch für baltische Mischsediment-Lebensräume typische Belastungen:
- Eutrophierung und Sauerstoffmangel, die besonders in tieferen Becken der Ostsee die Bodenfauna beeinträchtigen.
- Bodenschleppnetzfischerei, die das empfindliche Mosaik aus Hart- und Weichsubstrat physisch zerstört.
- Sedimentumlagerungen durch Schifffahrt und Küstenbau, die zur Verschüttung oder Freilegung von Hartsubstrat führen.
- Klimabedingte Veränderungen des Salzgehalts und der Temperaturschichtung.
Gleichzeitig fehlt eine systematische Erfassung des Erhaltungszustands auf EU-Ebene. Die Einstufung als Near Threatened beruht auf einer Gesamteinschätzung und Expertenwissen, nicht auf regelmäßigem Monitoring. Für einen sachgerechten Schutz wäre es hilfreich, die sieben Biotope gezielter zu kartieren und ihre Qualität mit standardisierten Indikatoren zu verfolgen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Was genau bedeutet „epibenthisch“?
Der Begriff Epibenthos bezeichnet alle Organismen, die auf oder unmittelbar über dem Meeresboden leben. Im Unterschied zum Infauna, die im Sediment vergraben ist, benötigen epibenthische Tiere feste Oberflächen zum Anheften oder Aufsitzen – hier die Steine und Blöcke im Mischsediment.
2. Warum wird der Lebensraum nur in der Ostsee beschrieben?
Der Biotoptyp ist in der europäischen Roten Liste explizit für die baltische biogeografische Region (BAL) ausgewiesen. Das bedeutet nicht, dass es ähnliche Gemeinschaften nicht auch in anderen Meeren gäbe, doch die hier zusammengefassten EUNIS-Einheiten und die Bewertung beziehen sich auf die spezifischen Bedingungen des Brackwassermeers Ostsee.
3. Welchen Schutz genießt der Biotoptyp konkret?
Er ist nicht als eigener FFH-Lebensraumtyp gelistet, wird aber teilweise über den FFH-Code 1160 („Große flache Buchten und Meeresarme“) erfasst. In Natura-2000-Gebieten kann er so von den für diesen Typ festgelegten Erhaltungszielen profitieren. Eine flächendeckende Schutzverpflichtung besteht nicht.
4. Wie ist die Einstufung „Near Threatened“ zu interpretieren?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28+) sieht Near Threatened als Warnstufe. Der Lebensraum ist aktuell nicht gefährdet, steht aber unter Beobachtung, weil Verschlechterungen in Teilen des Verbreitungsgebiets dokumentiert sind oder absehbar erscheinen. Ohne geeignete Maßnahmen könnte er in Zukunft in die Kategorie „Vulnerable“ (gefährdet) abrutschen.
5. Können Bürger helfen, diesen Lebensraum zu erhalten?
Ein direkter „Garteneinsatz“ ist im Meer nicht möglich. Indirekt können Bürger jedoch auf eine Verringerung von Nährstoffeinträgen (z.B. durch umweltbewussten Konsum) und die Unterstützung von nachhaltiger Fischerei hinwirken. In Kommunen mit Ostseezugang können Projekte zur Renaturierung von Küstenlebensräumen und zur Reduzierung von Schadstoffeinträgen den Meeresboden langfristig entlasten.
Häufige Fragen
Was genau bedeutet „epibenthisch“?
Das Epibenthos umfasst alle Organismen, die auf oder direkt über dem Meeresboden leben, z. B. festsitzende Muscheln, Seeanemonen oder Schwämme. Sie benötigen feste Oberflächen – hier die Steine und Blöcke im Mischsediment –, während Infauna-Arten im Sediment vergraben sind.
Warum wird der Lebensraum nur in der Ostsee beschrieben?
Der Biotoptyp ist in der Europäischen Roten Liste für die baltische biogeografische Region (BAL) ausgewiesen. Ähnliche Gemeinschaften existieren auch in anderen Meeren, doch die hier zusammengefassten EUNIS-Einheiten und die Gefährdungsbewertung beziehen sich auf die besonderen Brackwasserbedingungen der Ostsee.
Welchen Schutz genießt der Biotoptyp konkret?
Er ist kein eigenständiger FFH-Lebensraumtyp, wird aber teilweise über den Anhang-I-Code 1160 („Große flache Buchten und Meeresarme“) abgedeckt. Innerhalb von Natura-2000-Gebieten können dadurch Erhaltungsziele für diesen Lebensraum greifen, eine flächendeckende Schutzverpflichtung besteht jedoch nicht.
Wie ist die Einstufung „Near Threatened“ zu interpretieren?
Die Kategorie „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) der Europäischen Roten Liste (EU28+) signalisiert, dass der Lebensraum aktuell nicht akut gefährdet ist, aber negative Entwicklungen erkennbar sind. Bei anhaltendem Druck könnte er in Zukunft als „Vulnerable“ (gefährdet) eingestuft werden.
Können Bürger helfen, diesen Lebensraum zu erhalten?
Direkte Pflegeeinsätze im Meer sind nicht möglich. Bürger können jedoch zur Reduzierung von Nährstoffeinträgen (z. B. bewusster Konsum) und zur Förderung nachhaltiger Fischerei beitragen. In Küstenkommunen können Projekte zur Wasserreinhaltung und zur Wiederherstellung von Küstenlebensräumen dem Meeresboden langfristig helfen.