Epifaunagemeinschaften auf baltischen Zirkalitoral-Hartböden und Mischsubstraten
Epifaunagemeinschaften auf baltischen Zirkalitoral-Hartböden und Mischsubstraten sind ein benthischer Lebensraum der Ostsee in der lichtlosen Tiefenzone. Er wird von Aufsitzerorganismen wie Muscheln, Seescheiden, Nesseltieren, Moostierchen, Krebsen und Schwämmen dominiert. Der Typ umfasst 14 HELCOM-HUB-Biotope und ist auf der Europäischen Roten Liste als ‚Near Threatened‘ (Vorwarnstufe) geführt. Er überschneidet sich mit den FFH-Lebensraumtypen 1160 (Große flache Buchten) und 1170 (Riffe).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Epifaunal communities on Baltic circalittoral rock and mixed substrata (predominantly hard)
- EUNIS
- MC132; MC1321; MC133; MC1331; MC1332; MC134; MC1341; MC1342; MC135; MC1351; MC136; MC137; MC231; MC2311; MC432; MC4321; MC433; MC4331; MC4332; MC434; MC436; MC437
- EU-28
- Near Threatened
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 1160; 1170 – Large shallow inlets and bays; Reefs
Das Wichtigste in Kürze
- Lebensraum: Benthische Epifaunagemeinschaften auf harten und überwiegend harten Substraten im lichtlosen Zirkalitoral der Ostsee.
- EUNIS-Codes: MC132, MC1321, MC133, MC1331, MC1332, MC134, MC1341, MC1342, MC135, MC1351, MC136, MC137, MC231, MC2311, MC432, MC4321, MC433, MC4331, MC4332, MC434, MC436, MC437 (Auswahl).
- Europäische Rote Liste: Near Threatened (Vorwarnstufe) – sowohl für die EU-28 als auch für EU-28+.
- FFH-Anhang I: Überschneidungen mit den Typen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe).
- Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
- Biogeografische Region: Ausschließlich die baltische Region (BAL).
- Charakteristische Artengruppen: Miesmuscheln, Seescheiden, Hydrozoen, Moostierchen, Seepocken und Schwämme – je nach Biotop dominiert eine andere Gruppe.
EUNIS-Typologie und HELCOM-Klassifikation
Der Lebensraum wird in der EUNIS-Habitatklassifikation durch eine Vielzahl von MC-Codes (Marine Circalittoral) abgebildet. Die wichtigsten Obergruppen sind:
- MC132 / MC1321: Hartböden mit Dominanz von Muscheln
- MC133 / MC1331 / MC1332: Hartböden mit Dominanz von Chordaten (Seescheiden)
- MC134 / MC1341 / MC1342: Hartböden mit Dominanz von Nesseltieren
- MC135 / MC1351: Hartböden mit Dominanz von Moostierchen
- MC136: Hartböden mit Dominanz von Krebstieren (z. B. Seepocken)
- MC137: Hartböden mit Dominanz von Schwämmen
Zusätzlich umfasst der Typ auch Mischsubstrate (MC231, MC2311, MC432–MC437), auf denen harte Anteile zwischen 10 und 90 Prozent liegen und dieselben Epifaunagemeinschaften auftreten können.
Grundlage dieser Feingliederung ist die HELCOM HUB-Klassifikation (HELCOM Underwater Biotopes). Sie unterscheidet insgesamt 14 Biotope, in denen die namensgebende Art oder Artengruppe mindestens 50 Prozent der Biomasse ausmacht. Entscheidend ist nicht allein die Anwesenheit, sondern die Dominanz der jeweiligen Gruppe.
Fachbegriff Epifauna: Tiere, die auf dem Meeresboden oder auf harten Oberflächen siedeln, ohne sich in das Sediment einzugraben.
Europäische Rote Liste: Near Threatened
Der Lebensraum wurde im Rahmen der European Red List of Habitats (2022) für die EU-28 sowie für die erweiterte EU-28+ bewertet. Das Ergebnis lautet einheitlich:
| Bewertungskategorie | Einstufung |
|---|---|
| Rote-Liste-Status EU-28 | Near Threatened (Vorwarnstufe) |
| Rote-Liste-Status EU-28+ | Near Threatened (Vorwarnstufe) |
| Bewertungskriterium | In den vorliegenden Quelldaten nicht genannt |
„Near Threatened“ bedeutet, dass der Lebensraum noch nicht als gefährdet gilt, aber die Kriterien für eine Gefährdungskategorie beinahe erreicht werden. Daraus leitet sich ein erhöhter Beobachtungs- und Schutzbedarf ab. Die Einstufung beruht auf einer fachlichen Gesamtschau, jedoch nennen die uns vorliegenden Daten kein spezifisches Kriterium.
FFH-Anhang I und Artikel-17-Erhaltungszustand
Die Epifaunagemeinschaften auf baltischen Zirkalitoral-Hartböden überschneiden sich mit zwei FFH-Lebensraumtypen des Anhang I:
- 1160 – Große flache Buchten und Meeresarme
- 1170 – Riffe
Die Zuordnung ist nicht eins zu eins. Vielmehr sind die hier beschriebenen Epifaunagemeinschaften Bausteine, die in einem Teil der als 1160 und 1170 geschützten Gebiete vorkommen können. Die 1160-Flächen sind räumlich oft ausgedehnter und schließen auch Weichböden ein, während der Riff-Typ 1170 den reinen Hartbodencharakter stärker betont.
Der Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie wird in den verwendeten Quelldaten für diesen Lebensraum nicht ausgewiesen. Er kann jedoch indirekt über die genannten Anhang-I-Typen abgeschätzt werden – für Einzelbewertungen ist eine standortbezogene Analyse erforderlich.
Lebensraum und Struktur
Wo kommt der Lebensraum vor?
Das Habitat ist ausschließlich in der baltischen biogeografischen Region verbreitet. Es besiedelt den Zirkalitoralbereich – jene Tiefenzone, in die kein Licht mehr vordringt (aphotische Zone). Hier ist das Substrat entscheidend:
- Hartsubstrat-Dominanz: Mindestens 90 Prozent der Fläche bestehen aus Fels, größeren Felsbrocken oder Steinen.
- Mischsubstrate (überwiegend hart): Der Felsanteil liegt zwischen 10 und 90 Prozent, wobei harte Strukturen vorherrschen.
Die Oberflächen werden von einer artenreichen Epifauna besiedelt. Je nach Region, Wassertiefe, Salzgehalt und Substratangebot entwickelt sich eine charakteristische Dominanzstruktur.
Qualitätsmerkmale
Allgemein gibt es keine einheitlich vereinbarten Qualitätsindikatoren für diesen Lebensraum. In den Quelldaten werden jedoch folgende potenzielle Indikatoren genannt:
- Sedimentbedeckung: Die Menge an Feinsediment, die sich auf den harten Oberflächen ablagert.
- Diversität, Abundanz und Biomasse der assoziierten Fauna.
In Natura-2000-Gebieten können standortspezifische Referenzwerte festgelegt sein, die für das jeweilige Schutzgebiet gelten. Darüber hinaus spielen biotische Indikatoren, Wasserqualitätsparameter und integrierte Indizes (z. B. trophischer Index) eine Rolle, wenn Erfolg oder Verschlechterung beurteilt werden.
Charakteristische Arten
Da die offizielle Artenliste im Datensatz leer ist, leiten wir die charakteristischen Arten aus der Lebensraumbeschreibung der EEA ab. Entscheidend ist jeweils die dominante Biomasse (mindestens 50 Prozent).
| Dominante Gruppe | Typische Arten (wissenschaftlich) | Deutsche Bezeichnung |
|---|---|---|
| Muscheln (Bivalvia) | Mytilus spp., Modiolus modiolus | Miesmuscheln, Pferdemuschel |
| Chordaten (Seescheiden) | Ciona intestinalis, Dendrodoa grossularia, Molgula spp., Corella parallellogramma, Ascidia mentula, Ascidia virginea, Ascidia obliqua | Schlauch- und Sternseescheiden |
| Nesseltiere (Cnidaria) | Laomedea spp., Cordylophora caspia, Edwardsia spp., Metridium senile, Gonactinia prolifera, Urticina felina, Stomphia coccinea, Sagartia elegans | Hydrozoen, Seenelken, Seeanemonen |
| Moostierchen (Bryozoa) | Electra crustulenta, Flustra foliacea, Eucratea loricata sowie weitere Bryozoen | Blatt- und Krusten-Moostierchen |
| Krebstiere (Crustacea) | Amphibalanus improvisus, Balanus crenatus, Semibalanus balanoides (Balanidae) | Seepocken |
| Schwämme (Porifera) | Haliclona oculata, seltener Halichondria panicea, Halisarca dujardini, Scypha ciliata; im nördlichen Ostseeraum nur Ephydatia fluviatilis | Geweihschwamm, Brotkrummenschwamm |
Charakteristisch für den gesamten Lebensraum ist der Reichtum an filtrierenden und strömungsabhängigen Organismen, die auf festen Untergrund angewiesen sind. Die Zusammensetzung variiert mit dem Salzgehaltsgradienten der Ostsee stark – von nahezu marinen Bedingungen im Westen bis zu brackigen Ausprägungen im Norden und Osten.
Gefährdung und Schutzaspekte
Die vorliegenden Quelldaten enthalten keine explizit genannten Bedrohungen für diesen Lebensraum. Dennoch lassen sich aus der wissenschaftlichen Literatur und der Einstufung als „Near Threatened“ typische Druckfaktoren ableiten, die in der Ostsee auf Hartboden-Lebensgemeinschaften wirken können:
- Eutrophierung: Nährstoffeinträge fördern Algenwachstum und Sedimentation, was Hartsubstrate ersticken kann.
- Sedimenteintrag: Feinsedimente lagern sich auf Felsflächen ab und verhindern die Ansiedlung von Epifauna.
- Grundschleppnetzfischerei: Mechanische Zerstörung und Aufwirbelung von Sediment, auch in tieferen Bereichen.
- Invasive Arten: Neozoen können heimische Gemeinschaften verdrängen (z. B. die Schwarzmund-Grundel, die Seepocken frisst).
- Klimawandel: Verändert Salzgehalt, Temperatur und Sauerstoffverhältnisse.
Schutzbemühungen greifen vor allem über die rechtliche Verankerung als Bestandteil der FFH-Lebensraumtypen 1160 und 1170. Da der Erhaltungszustand nach Artikel 17 nicht spezifisch für diesen Biotoptyp berichtet wird, bleibt die Bewertung fragmentarisch. Lokale Monitoringprogramme in HELCOM-Staaten können genauere Daten liefern.
Bedeutung für Kommunen und Küstenschutz
Anders als terrestrische Lebensräume ist die Nachbildung dieses Habitats im Garten nicht möglich. Dennoch haben Kommunen an der Ostseeküste direkte und indirekte Handlungsmöglichkeiten:
- Raumplanung: Hafenausbau, Fahrrinnenvertiefungen und Küstenschutzprojekte können Hartbodenflächen beanspruchen oder zerstören. Eine umweltsensible Planung kann diese Biotope erhalten.
- Gewässerschutz: Kläranlagen, Landwirtschaft und Regenwassereinleitungen beeinflussen Nährstoff- und Schadstoffeinträge, die letztlich auch das Zirkalitoral erreichen.
- Marine Schutzgebiete: Die Ausweisung und effektive Verwaltung von Natura-2000-Gebieten mit den Typen 1160 und 1170 sichern den Lebensraum dauerhaft.
- Öffentlichkeitsarbeit: Verständliche Informationen über die unsichtbaren Lebensgemeinschaften der Ostsee fördern das Bewusstsein für Meeresschutz.
Quellen und Datenbasis
- European Environment Agency – European Red List of Habitats 2022 Package
- EUNIS habitat classification
- EEA Data Share
- EU Habitats Directive – Article 17 database
- HELCOM Underwater Biotope and Habitat Classification (HUB)
Die Ausführungen stützen sich ausschließlich auf die oben genannten, öffentlich zugänglichen Quellen. Fehlende Werte (z. B. Länderliste, Gefährdungsursachen) sind transparent als nicht vorliegend gekennzeichnet.
Häufige Fragen
Was bedeutet „zirkalitoral“ und „aphotisch“?
Das Zirkalitoral ist der küstenfernere, tiefer gelegene Meeresbodenbereich unterhalb der euphotischen Zone, in den kein Licht mehr vordringt. Aphotisch bedeutet genau das: ohne Licht. In der Ostsee beginnt diese Zone oft schon in wenigen Metern Tiefe.
Welche EUNIS-Codes umfasst dieser Lebensraum genau?
Er umfasst zahlreiche MC-Codes, darunter MC132, MC1321, MC133, MC1331, MC1332, MC134, MC1341, MC1342, MC135, MC1351, MC136, MC137 sowie weitere für Mischsubstrate wie MC231, MC432 etc. Die Codes spiegeln die feine Unterteilung nach dominierenden Organismengruppen wider.
Warum ist der Lebensraum als ‚Near Threatened‘ eingestuft?
Die Europäische Rote Liste der Habitate stuft ihn als ‚Near Threatened‘ (Vorwarnstufe) ein, weil er zwar noch nicht die Schwellenwerte für eine Gefährdungskategorie überschreitet, aber nahe daran ist. Die Quellen nennen kein einzelnes Kriterium, bewerten den Zustand aber insgesamt als besorgniserregend.
Welche FFH-Lebensraumtypen sind mit diesem Habitat verknüpft?
Es bestehen Überschneidungen mit den Anhang-I-Typen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe). Der hier beschriebene Biotoptyp kann in Teilflächen dieser geschützten Typen liegen, ist aber nicht mit ihnen deckungsgleich.
Kann man diese Lebensgemeinschaft im Garten oder Teich nachbilden?
Nein, es handelt sich um einen marinen, tiefen Hartboden-Lebensraum der Ostsee, dessen Bedingungen (Salzgehalt, Tiefe, Strömung, Arteninventar) in einem künstlichen Setting nicht reproduzierbar sind. Gartenteiche stehen dazu in keiner praktischen Verbindung.