Epifaunagemeinschaften auf grobem Sediment und Schill im oberen Circalittoral der Ostsee
Epifaunagemeinschaften auf grobem Sediment und Schill im oberen Circalittoral der Ostsee sind benthische Lebensräume in der aphotischen Zone. Mindestens 90 % des Substrats bestehen aus Grobsediment oder Schill, und sessile/semi-sessile epibenthische Muscheln oder Manteltiere bedecken mindestens 10 % des Meeresbodens. Sie kommen meist unterhalb von 20 m Wassertiefe in energiereichen Gebieten vor.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Epifaunal communities on Baltic upper circalittoral coarse sediment and shell gravel
- EUNIS
- MC231; MC2311; MC2332; MC2333; MC2334; MC332
- EU-28
- Near Threatened
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 1110; 1160 – Sandbanks which are slightly covered by sea water all the time; Large shallow inlets and bays
Das Wichtigste in Kürze
- Lebensraumtyp: Benthische Gemeinschaften auf grobem Sediment und Schill (Muschelbruch) im oberen Circalittoral der Ostsee.
- EUNIS-Codes: MC231, MC2311, MC2332, MC2333, MC2334, MC332 (nach HELCOM-HUB-Klassifikation).
- Gefährdung (Europäische Rote Liste): Near Threatened (NT) – potenziell gefährdet.
- EU-Schutzstatus: Teilweise über FFH-Annex‑I-Lebensraumtypen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten) abgedeckt.
- Typische Tiefe: Unterhalb von 20 m, aphotische Zone; bevorzugt in Gebieten mit hoher Wasserbewegung.
- Charakteristische Arten: Miesmuscheln (Mytilus spp.), Pferdemuscheln (Modiolus modiolus), Schlauchseescheide (Ciona intestinalis) und der Wattwurm Hediste diversicolor.
- Bedeutung: Einzigartige Kombination aus Lückenraumbewohnern (Endofauna) und Aufsitzer-Organismen (Epifauna) auf Hartsubstrat.
Was ist dieser Lebensraum? – Definition und Abgrenzung
Das Habitat „Epifaunal communities on Baltic upper circalittoral coarse sediment and shell gravel“ beschreibt einen Meeresboden-Lebensraum in der Ostsee, der durch zwei Hauptmerkmale gekennzeichnet ist:
- Substrat: Mindestens 90 % des Bodens bestehen aus grobem Sediment (Kies, Steine) oder Schill – das sind Bruchstücke von Muschel- und Schneckenschalen.
- Epibenthische Besiedlung: Festsitzende oder halbsessile epibenthische Muscheln (Bivalvia) oder Chordatiere (Manteltiere, Seescheiden) bedecken wenigstens 10 % der Meeresbodenfläche – und zwar mehr als alle anderen aufrecht wachsenden, mehrjährigen Organismengruppen.
Durch die Kombination aus lockerem Hartsubstrat (Schill/Lückenräume) und biologisch aufgewerteten Oberflächen (Muscheln, Seescheiden als Sekundär-Hartsubstrat) entsteht eine besonders artenreiche Lebensgemeinschaft. Der Lebensraum befindet sich im oberen Circalittoral, also in Wassertiefen, in denen kein nennenswertes Licht mehr für benthische Algen zur Verfügung steht (aphotische Zone), jedoch noch über der unteren Grenze des dauerhaft dunklen Tiefenbereichs.
Die hier betrachteten EUNIS-Codes MC231, MC2311, MC2332, MC2333, MC2334 und MC332 bilden diesen Biotopkomplex nach der HELCOM-Unterwasserbiotop-Klassifikation (HUB) ab. Es handelt sich um einen marinen Habitattyp, der ausschließlich in der Ostsee vorkommt (biogeografische Region BAL).
EUNIS-Klassifikation und zugehörige Biotope
Die genannten EUNIS-Codes decken sowohl aphotische als auch photische Varianten des groben Sediments und Schills ab, die mit einer charakteristischen Epifauna assoziiert sind. Nach HELCOM HUB lassen sich sechs assoziierte Biotope unterscheiden, die in den Quelldaten genannt werden:
- AB.E1E: Aphotischer Schill, dominiert von epibenthischen Muscheln.
- AB.E1E1: Subtyp mit einem Biomasseanteil der Mytilidae (Miesmuscheln) von mindestens 50 %.
- AB.E1F: Photischer Schill, charakterisiert durch epibenthische Chordatiere.
- AB.E1F1: Subtyp, der von der Schlauchseescheide (Ciona intestinalis) dominiert wird; nur in der Beltsee vorhanden.
- AB.I1V & AB.E1V: Aphotischer Schill und Grobsediment mit gemischten epibenthischen Gemeinschaften.
- AB.I1E: Aphotischer Schill mit epibenthischen Muscheln.
- AB.E2T: Schill mit spärlicher epibenthischer Makrofauna.
Diese Biotope sind nicht gleichbedeutend mit den EUNIS-Codes, sondern stellen eine feinere Untergliederung dar. Die EUNIS-Codes MC231, MC2311, MC2332, MC2333, MC2334 und MC332 quartieren diese HELCOM-Biotope in das europäische Klassifikationssystem ein.
| HELCOM-Biotop | Kurzbeschreibung | EUNIS-Anknüpfung (Beispiel) |
|---|---|---|
| AB.E1E | Aphotischer Schill, epibenthische Bivalven-Dominanz | MC231 u.a. |
| AB.E1E1 | >50 % Biomasse Mytilidae | MC2311 |
| AB.E1F | Photischer Schill, epibenthische Chordaten | MC332 u.a. |
| AB.E1F1 | Dominanz der Schlauchseescheide (Ciona intestinalis) | MC2334 |
| AB.I1V / AB.E1V | Gemischte Epifauna, aphotisch | MC2332, MC2333 |
| AB.E2T | Spärliche Makrofauna auf Schill | (MC-Code in Kombination) |
Die Tabelle zeigt, wie die HELCOM-Biotope auf die gelisteten EUNIS-Codes verweisen. Da die Quelldaten keine umfassende Übersetzungstabelle liefern, sind die Zuordnungen als qualifiziert („>“ bzw. „#“) zu verstehen und nicht 1:1.
Vorkommen und Standortbedingungen
Das Habitat ist ein typischer Ostsee-Lebensraum und wird ausschließlich der biogeografischen Region BAL zugeordnet. Nationenspezifische Vorkommensdaten liegen in den verwendeten Quelldaten nicht vor; daher kann keine Länderliste angegeben werden. Es ist jedoch bekannt, dass Schill- und Grobsedimentflächen vor allem in der südlichen und zentralen Ostsee sowie in der Beltsee auftreten, wo energiereiche Strömungsverhältnisse und Wellenexposition die Ablagerung solcher Sedimente begünstigen.
Typische Standortfaktoren:
- Tiefe: Überwiegend unterhalb von 20 m (oberes Circalittoral).
- Lichtverhältnisse: Aphotisch – kein ausreichendes Licht für benthische Makroalgen. Einige photische Biotope (AB.E1F) sind in flacheren Bereichen zu finden, in denen im Sommer Fadenalgen (Ectocarpus spp., Desmarestia spp.) die Seescheiden überwachsen können.
- Hydrodynamik: Vorwiegend in Gebieten mit hoher Energieexposition (Strömung, Wellenschlag).
- Substratdynamik: In küstenfernen Bereichen sind Schillböden oft dauerhaft am gleichen Ort anzutreffen; küstennäher können sie dynamisch verlagert werden.
Die anspruchsvollen physikalischen Bedingungen (starke Strömung, Umlagerung) und das grobe Substrat schaffen einen Lebensraum, der sich deutlich von feinsandigen oder schlickigen Böden der tieferen Ostsee abhebt.
Charakteristische Arten und Lebensgemeinschaft
Die Lebensgemeinschaft setzt sich aus einer einzigartigen Mischung von Endobenthos (Tiere im Lückenraumsystem des Sediments) und Epibenthos (auf dem Substrat und auf Schalen aufsitzende Organismen) zusammen. Die Quelldaten nennen folgende charakteristische Arten:
- Miesmuscheln (Mytilus spp.) – auf Hartsubstrat aufsitzend, bilden häufig dichte Bestände.
- Pferdemuschel (Modiolus modiolus) – eine langlebige, große Muschel, die als Sekundär-Hartsubstrat für viele Kleintiere dient.
- Schlauchseescheide (Ciona intestinalis) – ein Manteltier, das im Baltikum meist einjährig ist und in photischen Biotopen bis zu 50 % der Biomasse stellen kann.
- Wattwurm Hediste diversicolor – ein endobenthischer Vielborster, der für den Stoffumsatz im Sediment wichtig ist.
Die Artenliste ist nicht abschließend; je nach Biotopausprägung treten weitere Begleitarten auf. Auf den Muschelbänken und Seescheiden können sich zudem Aufwuchsalgen wie Ectocarpus und Desmarestia einstellen, die im Sommer die sessilen Tiere überziehen.
Funktionale Besonderheiten:
- Die leeren Muschelschalen und Schillfragmente schaffen ein dreidimensionales Lückenraumsystem, das zahlreichen Kleinlebewesen Schutz und Nahrung bietet.
- Die lebenden Muscheln und Seescheiden filtern Plankton, reinigen das Wasser und reichern organisches Material im Sediment an.
- Die Gemeinschaft dient als Nahrungsgrundlage für bodenlebende Fische und Krebse.
Rote Liste der europäischen Lebensräume: Gefährdung und Trends
Laut der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (Stand 2022, für EU28 und EU28+) wird dieser Habitatkomplex als Near Threatened (NT) – potenziell gefährdet – eingestuft. Ein konkretes Gefährdungskriterium ist in den Quelldaten nicht aufgeführt; die Einstufung basiert jedoch auf einer integrierten Bewertung von Bestandsrückgang, räumlicher Ausdehnung und/oder qualitativer Verschlechterung.
Da keine detaillierten Bedrohungsanalysen beigefügt sind, können aus den vorliegenden Daten keine spezifischen Gefährdungsfaktoren abgeleitet werden. Aus allgemeinen Kenntnissen zum Ostsee-Schutz sind jedoch potenzielle Belastungen bekannt – wie Eutrophierung (Nährstoffeintrag mit nachfolgender Sauerstoffzehrung), Grundschleppnetzfischerei, Rohstoffabbau und Küstenbauwerke. Diese werden in der Quelle aber nicht explizit für diesen Habitattyp aufgeführt. Daher verzichten wir hier auf eine spekulative Auflistung und verweisen auf die übergeordnete Einstufung „Near Threatened“.
Es gibt keine europaweit einheitlichen Qualitätsindikatoren für dieses Habitat. In bestimmten Schutzgebieten (z. B. Natura‑2000-Gebieten) können lokal Referenzwerte für Diversität, Abundanz und Biomasse der dominierenden Arten festgelegt sein. Als potenzielle Qualitätsmerkmale werden genannt:
- Vorhandensein charakteristischer Arten, insbesondere solcher, die empfindlich auf Druckfaktoren reagieren;
- Diversität, Abundanz und Biomasse der Epifauna und assoziierten Fauna;
- Wasserqualitätsparameter und Expositionsgrad gegenüber Belastungen;
- integrierte Indices zur Nahrungsnetzstruktur oder zu Sukzessionsstadien.
Diese Kriterien sind jedoch nicht standardisiert und werden nur standortspezifisch angewandt.
Schutzstatus auf EU-Ebene: FFH-Annex I und Artikel 17
Der Habitatkomplex wird teilweise von zwei FFH-Lebensraumtypen des Anhangs I abgedeckt:
- 1110 – Sandbänke mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser
- 1160 – Flache große Meeresarme und -buchten (Lagunenartige Buchten)
Der Qualifier „#“ in den Quelldaten bedeutet, dass nicht der gesamte hier beschriebene Biotopkomplex in diesen Lebensraumtypen aufgeht, sondern lediglich Überschneidungen bestehen. Das ist typisch für marine Habitate: Die Annex‑I‑Typen sind oft breiter gefasst und schließen mehrere EUNIS-Habitate ein oder überlappen nur teilweise.
Zum Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie (Art.-17-Berichterstattung) liegen in den verwendeten Daten keine Angaben vor. Dies kann bedeuten, dass für den spezifischen Biotopkomplex keine gesonderte Bewertung erfolgt, weil er nicht als eigener Annex‑I‑Typ geführt wird. Informationen zum Erhaltungszustand der übergeordneten Typen (1110/1160) sind auf den Seiten der EEA und der EU-Kommission abrufbar.
Ökologische Bedeutung und Qualitätsmerkmale
Trotz seiner begrenzten räumlichen Ausdehnung hat dieses Habitat eine hohe ökologische Bedeutung:
- Es stellt einen Hotspot der Artenvielfalt in der ansonsten oft artenarmen tieferen Ostsee dar.
- Die enge Verzahnung von Hartsubstrat (lebende Muscheln, Schill) und Lückensystem schafft Nischen für eine hohe strukturelle Diversität.
- Durch die Filterleistung der Muscheln und Seescheiden trägt es zur Wasserreinigung und zur Bindung von Nährstoffen bei.
- Es dient als Aufwuchs- und Rückzugsgebiet für Jungfische und beruhische Wirbellose.
Da standardisierte, europaweit anerkannte Indikatoren fehlen, stützt sich die lokale Bewertung häufig auf:
- Abundanz und Biomasse der dominanten Muscheln und Manteltiere;
- Vorkommen störungsempfindlicher Begleitarten;
- Sedimentbeschaffenheit und Umlagerungsdynamik;
- Sauerstoffsituation im bodennahen Wasser.
Die hohe Bewertung als „Near Threatened“ unterstreicht die Notwendigkeit, diese Biotope in Monitoringprogrammen und marinen Raumordnungsplänen stärker zu berücksichtigen. Auch wenn der Habitattyp nicht 1:1 im Garten nachgebaut werden kann, versteht man durch ihn, wie wertvoll intakte Meeresböden vor unserer Küste sind. Bürgerinnen und Bürger können durch bewussten Umgang mit Düngemitteln und Plastik indirekt zur Entlastung der Ostsee beitragen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
-
Wo genau kommt dieser Lebensraum vor?
Das Habitat ist auf die Ostsee beschränkt (biogeografische Region BAL). Die Quelldaten enthalten keine konkreten Länderlisten. Bekannte Vorkommen liegen in der südlichen und zentralen Ostsee sowie in der Beltsee, meist unterhalb von 20 m Tiefe. -
Warum wird der Lebensraum als „potenziell gefährdet“ eingestuft?
Die Europäische Rote Liste bewertet ihn als Near Threatened (NT). Ein genaues Kriterium ist in den vorliegenden Daten nicht genannt, doch die Einstufung weist auf einen möglichen Rückgang oder eine qualitative Verschlechterung hin. -
Welche Tiere sind besonders typisch?
Charakteristisch sind Miesmuscheln (Mytilus spp.), die Pferdemuschel (Modiolus modiolus), die Schlauchseescheide (Ciona intestinalis) und der Wattwurm Hediste diversicolor. -
Ist der Lebensraum durch die FFH-Richtlinie geschützt?
Ja, aber nur teilweise. Er überschneidet sich mit den Annex‑I‑Typen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten). Ein eigener FFH-Typ existiert nicht. -
Gibt es offizielle Qualitätsindikatoren?
Nein, europaweit einheitliche Indikatoren wurden noch nicht festgelegt. In Natura‑2000‑Gebieten können lokal Referenzwerte für Diversität, Abundanz und Biomasse verwendet werden.
Quellen
- European Environment Agency (EEA): European Red List of Habitats – EEA Data Package 2022
https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/european-red-list-of-habitats - EEA: Red List Habitats 2022 – Direct data share
https://sdi.eea.europa.eu/datashare/s/x4Fy8dEbAdNPna8/download - EUNIS Habitat Classification, EEA
https://eunis.eea.europa.eu/habitats.jsp - EUNIS Habitats Code Browser – Red List
https://eunis.eea.europa.eu/habitats-code-browser-redlist.jsp - EEA: Article 17 Database Habitats Directive 92/43/EEC
https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/article-17-database-habitats-directive-92-43-eec-2 - European Commission: Habitats Directive
https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive_en
Häufige Fragen
Wo genau kommt dieser Lebensraum vor?
Das Habitat ist auf die Ostsee beschränkt (biogeografische Region BAL). Die Quelldaten enthalten keine konkreten Länderlisten. Bekannte Vorkommen liegen in der südlichen und zentralen Ostsee sowie in der Beltsee, meist unterhalb von 20 m Tiefe.
Warum wird der Lebensraum als „potenziell gefährdet“ eingestuft?
Die Europäische Rote Liste bewertet ihn als Near Threatened (NT). Ein genaues Kriterium ist in den vorliegenden Daten nicht genannt, doch die Einstufung weist auf einen möglichen Rückgang oder eine qualitative Verschlechterung hin.
Welche Tiere sind besonders typisch?
Charakteristisch sind Miesmuscheln (*Mytilus* spp.), die Pferdemuschel (*Modiolus modiolus*), die Schlauchseescheide (*Ciona intestinalis*) und der Wattwurm *Hediste diversicolor*.
Ist der Lebensraum durch die FFH-Richtlinie geschützt?
Ja, aber nur teilweise. Er überschneidet sich mit den Annex‑I‑Typen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten). Ein eigener FFH-Typ existiert nicht.
Gibt es offizielle Qualitätsindikatoren?
Nein, europaweit einheitliche Indikatoren wurden noch nicht festgelegt. In Natura‑2000‑Gebieten können lokal Referenzwerte für Diversität, Abundanz und Biomasse verwendet werden.