Boreal-arctische basenreiche Schutthalden (EUNIS H2.2) – Lebensraum zwischen Fels und Frost
Boreal-arctische basenreiche Schutthalden (EUNIS H2.2) sind offene, kalkreiche Geröllhalden der borealen bis arktischen Zone. Sie sind durch periodischen Steinschlag und Substratdynamik geprägt und beherbergen spezialisierte Pionierpflanzen. Der FFH-Anhang-I-Code lautet 8120. Die europäische Rote Liste stuft den Lebensraum als „Data Deficient“ (Datenlage unzureichend) ein.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Boreal and arctic base-rich scree
- EUNIS
- H2.2 – Cold limestone screes
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 8120 – Calcareous and calcshist screes of the montane to alpine levels (Thlaspietea rotundifolii)
Das Wichtigste in Kürze
Boreal-arctische basenreiche Schutthalden sind ein Lebensraum des hohen Nordens: offene, bewegte Geröllhänge auf kalkhaltigem Gestein. Sie erstrecken sich von der südlichen borealen Zone bis in die Arktis und gedeihen nur dort, wo ständiger Steinschlag, Frost und Erosion eine dauerhafte Pioniervegetation erzwingen.
- EUNIS-Code: H2.2 – Cold limestone screes
- FFH-Code: 8120 – Kalkhaltige und kalkreiche Schutthalden der montanen bis alpinen Stufe
- Rote Liste Europa: Data Deficient (Datenlage unzureichend)
- Verbreitung: Vor allem Skandinavisches Gebirge, Island und Svalbard
- Charakteristische Arten: Hochspezialisierte Pflanzen wie Arenaria norvegica, Papaver radicatum agg., Artemisia norvegica, Braya linearis sowie verschiedene Krustenflechten und Spinnen
- Zentrale Qualitätsmerkmale: Natürliches Störungsregime mit periodischem Steinschlag, keine Verbuschung, Fortführung traditioneller Beweidung (wo relevant)
Dieser Lebensraum ist weder für Gärten noch für urbane Räume nachahmbar. Er zeigt, wie dynamische Naturlandschaften aussehen, die nur im rauen Klima Skandinaviens und der Arktis existieren können.
EUNIS-Steckbrief: Kalkschutt im hohen Norden
In der europäischen Naturklassifikation (EUNIS) werden basenreiche Schutthalden der borealen bis arktischen Region unter dem Code H2.2 geführt. Der englische Name lautet „Cold limestone screes“, was bereits auf das kühle Klima und das kalkhaltige Gestein hinweist.
Schutthalden – auch als Talusformationen bezeichnet – entstehen, wenn Gesteinsbruchstücke von Klippen abbrechen und sich am Hangfuß sortieren. Dabei rollen die größten Blöcke am weitesten, während das feinste Material im oberen Hangbereich zurückbleibt. Neben klassischen Schutthängen können auf kalkfreiem Untergrund auch flache, basenreiche Kies- und Blockfelder durch Frostverwitterung entstanden sein.
Die hier beschriebenen Vorkommen konzentrieren sich auf die skandinavische Gebirgskette, Island und Svalbard. Auf Island ist die Trennlinie zwischen basenreichen und basenarmen Schutthalden weniger scharf als anderswo, doch die Artenzusammensetzung auf mehr oder weniger neutralen Geröllflächen entspricht diesem Typ. Flache, spärlich bewachsene vulkanische Stein- und Sandflächen im zentralen Hochland Islands gehören hingegen zum EUNIS-Typ H5.1c und werden hier nicht behandelt.
Rote Liste: Datenlage unzureichend
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (2022) bewertet die „Boreal and arctic base-rich scree“ für die EU28 und EU28+ als „Data Deficient“ (DD) – zu deutsch: Datenlage unzureichend. Das bedeutet, dass nicht genügend Informationen vorliegen, um eine Einstufung in eine Gefährdungskategorie wie „ungefährdet“ oder „gefährdet“ vorzunehmen.
Dies ist kein Zeichen von Gefahrlosigkeit, sondern eine Aufforderung an Forschung und Monitoring, die Verbreitung, den Zustand und die Bedrohungen dieser kalten Schutthalden genauer zu erfassen. Gerade in abgelegenen, schwer zugänglichen Gebirgs- und Arktisregionen sind flächendeckende Daten oft lückenhaft.
FFH-Anhang I: Ein europäisches Schutzinstrument
Der Lebensraumtyp wird im Anhang I der FFH-Richtlinie unter dem Code 8120 geführt: „Kalkhaltige und kalkschiefrige Schutthalden der montanen bis alpinen Stufe (Thlaspietea rotundifolii)“.
Die Zuordnung ist jedoch nicht deckungsgleich. Das Symbol „<“ in der Quellenvernetzung zeigt an, dass der FFH-Typ 8120 breiter gefasst ist: Er schließt auch montane und alpine Kalkhalden außerhalb der borealen Region ein. Unser Typ H2.2 deckt nur den borealen und arktischen Ausschnitt ab.
Ein aktueller Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben. Das Fehlen biogeografischer Regionen und Länderlisten unterstreicht den fragmentarischen Wissensstand.
Lebensraum: Dynamik aus Fels und Frost
Der Lebensraum basenreicher Schutthalden lebt von der Bewegung. Das natürliche oder halbnatürliche Störungsregime ist der entscheidende Faktor für die Artenzusammensetzung. Periodischer Steinschlag, die Instabilität des Substrats und – in einigen Regionen – jahrhundertealte Weidetradition halten die Flächen offen. Ohne diese Dynamik würde sich das Landschaftsbild allmählich zu Gebüsch oder Wald entwickeln.
In den instabilen, immer wieder frisch durchbrochenen Stellen finden schwache Konkurrenten und Pioniergemeinschaften ihre Nische. Auf kalkhaltigem Untergrund gedeihen charakteristische Pflanzenarten, die an nährstoffarme, basische und frostbeeinflusste Standorte angepasst sind.
Wo die natürliche Störung ausbleibt, etwa durch Stabilisierung des Hangs, oder wo zusätzliche Erosion durch intensive Trittbelastung (Wandern, Bergsteigen) oder zu starke Beweidung eintritt, gerät das fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht. Ein guter Erhaltungszustand erfordert daher ein stabiles natürliches Störungsregime bei gleichzeitiger Minimierung anthropogener Zusatzbelastungen.
Artenvielfalt: Spezialisten auf Kalk
Die Flora der borealen und arktischen basenreichen Schutthalden ist eine Parade hochspezialisierter Pflanzen, die mit extremen Bedingungen zurechtkommen. Die meisten der genannten Arten sind für Skandinavien typisch (boreale bis mittelalpine Höhenstufe); Arten, die auch oder besonders auf Svalbard vorkommen, sind mit (S) gekennzeichnet.
Gefäßpflanzen (Auswahl):
- Arabis alpina (Alpen-Gänsekresse)
- Arenaria humifusa, Arenaria norvegica (Norwegisches Sandkraut)
- Arenaria pseudofrigida (S)
- Artemisia norvegica (Norwegischer Beifuß)
- Braya linearis, Braya purpurascens (S)
- Campanula rotundifolia (Rundblättrige Glockenblume)
- Cardaminopsis petraea (Felsen-Schaumkresse)
- Carex capillaris, Carex bigelowii, Carex glacialis, Carex misandra (S), Carex rupestris
- Cerastium alpinum (Alpen-Hornkraut)
- Draba fladnizensis, Draba nivalis, Draba norvegica
- Dryas octopetala (Weiße Silberwurz)
- Elymus macrourus (Roegneria borealis subsp. islandica)
- Equisetum scirpoides, Equisetum variegatum (Bunter Schachtelhalm)
- Gymnocarpium robertianum (Ruprechtsfarn)
- Kobresia simpliuscula (S)
- Luzula arcuata (S) (Gekrümmte Hainsimse)
- Minuartia rubella, Minuartia stricta
- Oxytropis lapponica (Lappländischer Spitzkiel)
- Papaver laestadianum, Papaver radicatum agg., Papaver relictum (Arktischer Mohnartenkomplex)
- Pinguicula alpina (Alpen-Fettkraut)
- Poa alpina, Poa glauca (Bläuliches Rispengras)
- Potentilla nivea (S) (Schnee-Fingerkraut)
- Salix reticulata (Netzweide)
- Saxifraga aizoides, Saxifraga nivalis, Saxifraga oppositifolia (Gegenblättriger Steinbrech)
- Silene acaulis (Stängelloses Leimkraut)
- Thalictrum alpinum (Alpen-Wiesenraute)
- Tofieldia pusilla (Kleine Simsenlilie)
- Woodsia alpina (Alpen-Wimperfarn)
Flechten (Krustenflechten auf Kalkgestein):
Caloplaca ssp., Polyblastia ssp., Protoblastenia rupestris, Thelidium ssp., Verrucaria ssp.
Tierwelt:
Aus der Gruppe der Insekten werden explizit Spinnen (Araneae) genannt. Weiterführende Angaben zur Fauna fehlen in den vorliegenden europäischen Quelldaten. Die offenen, feuchten Schuttflächen sind jedoch potenziell Lebensraum für kältetolerante Wirbellose.
Gute Qualität erkennen: Störungsregime als Schlüssel
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume nennt klare Indikatoren für einen guten Zustand:
- Natürliches oder halbnatürliches Störungsregime mit fortlaufendem periodischem Steinschlag und Substratdynamik (in Einzelfällen auch Waldbrände).
- Keine oder geringe Verbuschung / Bewaldung; die Flächen bleiben offen.
- Fortführung traditioneller Beweidung, wo diese historisch relevant ist.
- Keine anthropogene Störung durch übermäßiges Wandern, Bergsteigen, Weidevieh etc.
- Hohe Vielfalt an Flechten, Moosen und Gefäßpflanzen.
Diese Merkmale können bei Schutzgebietsausweisungen oder Erfolgskontrollen von Pflegemaßnahmen herangezogen werden.
Potenzielle Gefährdungen
Da die offizielle Gefährdungsliste in den Quelldaten nicht enthalten ist, lassen sich aus den Beschreibungstexten Rückschlüsse ziehen:
- Intensive Beweidung oder unkontrollierter Tritt durch Schafe und Rentiere können die ohnehin lückenhafte Vegetation zusätzlich schädigen.
- Freizeitaktivitäten wie Wandern und Bergsteigen verursachen Tritterosion, die über das natürliche Maß hinausgeht.
- Unterbleibende natürliche Störung – etwa durch Hangsicherung oder Klimaveränderung – leitet eine Sukzession zu Gebüsch und Wald ein.
Da der Typ als „Data Deficient“ eingestuft ist, sind belastbare Aussagen über die aktuelle Gefährdungssituation nicht möglich. Gezielte Untersuchungen in den Hauptverbreitungsgebieten wären notwendig.
Einordnung für Kommunen und Naturbewusste
Dieser Biotoptyp ist kein Modell für den heimischen Garten oder eine urbane Grünfläche. Er zeigt jedoch, wie wertvoll natürliche Dynamik und Nährstoffarmut für die Artenvielfalt sind. In einer Kommune kann das Bewusstsein für solche extremen Lebensräume durch Umweltbildung oder thematische Steinhaufen mit regionalem Kalkmaterial (ohne den Anspruch auf authentische Nachbildung) geschärft werden. Ein eigener Reinbestand der genannten Hochgebirgs- und Arktisarten ist außerhalb ihrer natürlichen Verbreitung nicht realisierbar.
FFH- und EUNIS-Zuordnung im Überblick
| Merkmal | EUNIS H2.2 | FFH Anhang I |
|---|---|---|
| Bezeichnung | Cold limestone screes | 8120 Calcareous and calcshist screes of the montane to alpine levels (Thlaspietea rotundifolii) |
| Verknüpfung | = (deckungsgleich) | < (FFH-Typ breiter gefasst) |
| Hauptverbreitung | Skandinavisches Gebirge, Island, Svalbard | u.a. auch mitteleuropäische Kalkalpen |
| Rote Liste (Europa) | Data Deficient | – (keine separate Einzelbewertung) |
| Erhaltungszustand Art. 17 | in den Quelldaten nicht angegeben | nicht separat ausgewertet |
Häufige Fragen (FAQ)
Was sind boreale basenreiche Schutthalden?
Es sind offene, dynamische Geröllhalden auf kalkhaltigem Gestein, die von der südlichen borealen Zone (Skandinavien) bis in die hohe Arktis (Svalbard) vorkommen. Das ständige Abbrechen und Rutschen von Steinen hält die Vegetation in einem frühen Pionierstadium.
Welche Tiere und Pflanzen sind typisch?
Typisch sind kältetolerante, konkurrenzschwache Pflanzen wie verschiedene Mohn- und Sandkrautarten (Papaver radicatum agg., Arenaria norvegica), die Silberwurz (Dryas octopetala) oder die Netzweide (Salix reticulata). Dazu treten Krustenflechten der Gattungen Caloplaca, Verrucaria u.a. In der Fauna werden Spinnen als relevante Gruppe genannt.
Wie ist der Schutzstatus nach FFH?
Der Biotoptyp wird über Anhang I, Code 8120 geschützt. Allerdings ist dieser FFH-Typ weiter gefasst und schließt auch Kalkhalden außerhalb der borealen Region ein. Der Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist auf Ebene dieses Teil-Lebensraums nicht veröffentlicht.
Warum ist die Rote-Liste-Einstufung „Data Deficient“?
Die europäische Rote Liste der Lebensräume (2022) konnte aufgrund fehlender Daten keine Gefährdungsbewertung vornehmen. Die Größe der Vorkommen, Trends und Bedrohungen sind nicht ausreichend dokumentiert. Dies ist ein Hinweis auf Forschungsbedarf, nicht auf Gefahrlosigkeit.
Wie erkennt man einen guten Zustand dieser Schutthalden?
Ein gutes Qualitätsniveau zeigt sich durch ein aktives, natürliches Störungsregime (periodischer Steinschlag), eine offene, kaum verbuschte Oberfläche, das Vorhandensein der charakteristischen Pionier- und Flechtenarten sowie das Fehlen übermäßiger Trittbelastung durch Mensch oder Vieh.
Quellen
- Europäische Rote Liste der Lebensräume – Datenpaket 2022 (EEA)
- EUNIS-Datenbank – Habitat H2.2
- EUNIS/RL-Crosswalk & Browser
- FFH-Richtlinie – Offizielle EU-Seite
- Article-17-Datenbank (letzter Berichtszeitraum)
Alle Angaben basieren auf den offiziellen EEA-Datensätzen und dem European Red List of Habitats 2022 Enhancements.
Häufige Fragen
Was sind boreale basenreiche Schutthalden?
Es sind offene, dynamische Geröllhalden auf kalkhaltigem Gestein, die von der südlichen borealen Zone (Skandinavien) bis in die hohe Arktis (Svalbard) vorkommen. Das ständige Abbrechen und Rutschen von Steinen hält die Vegetation in einem frühen Pionierstadium.
Welche Tiere und Pflanzen sind typisch?
Typisch sind kältetolerante, konkurrenzschwache Pflanzen wie verschiedene Mohn- und Sandkrautarten (Papaver radicatum agg., Arenaria norvegica), die Silberwurz (Dryas octopetala) oder die Netzweide (Salix reticulata). Dazu treten Krustenflechten der Gattungen Caloplaca, Verrucaria u.a. In der Fauna werden Spinnen als relevante Gruppe genannt.
Wie ist der Schutzstatus nach FFH?
Der Biotoptyp wird über Anhang I, Code 8120 geschützt. Allerdings ist dieser FFH-Typ weiter gefasst und schließt auch Kalkhalden außerhalb der borealen Region ein. Der Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist auf Ebene dieses Teil-Lebensraums nicht veröffentlicht.
Warum ist die Rote-Liste-Einstufung „Data Deficient“?
Die europäische Rote Liste der Lebensräume (2022) konnte aufgrund fehlender Daten keine Gefährdungsbewertung vornehmen. Die Größe der Vorkommen, Trends und Bedrohungen sind nicht ausreichend dokumentiert. Dies ist ein Hinweis auf Forschungsbedarf, nicht auf Gefahrlosigkeit.
Wie erkennt man einen guten Zustand dieser Schutthalden?
Ein gutes Qualitätsniveau zeigt sich durch ein aktives, natürliches Störungsregime (periodischer Steinschlag), eine offene, kaum verbuschte Oberfläche, das Vorhandensein der charakteristischen Pionier- und Flechtenarten sowie das Fehlen übermäßiger Trittbelastung durch Mensch oder Vieh.