MA123 – Fucoids on tide-swept Atlantic littoral rock: Von Gezeiten geprägter Fels mit Braunalgen und Flechten
MA123 (Fucoids on tide-swept Atlantic littoral rock) bezeichnet einen EUNIS-Lebensraumtyp der supralitoralen Felsküste (Tiefe 0–5 m) im nordostatlantischen Raum. Kennzeichnend sind gelbe und schwarze Krustenflechten, Cyanobakterienfilme (u.a. Lyngbya spp.), sowie Wirbellose wie die Strandschnecke Melaraphe neritoides und die Seepocke Chthamalus stellatus. Auf der Europäischen Roten Liste der Lebensräume wird er als „Data Deficient“ geführt. Der Lebensraum kann Bestandteil der FFH-Lebensraumtypen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe) sein.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Fucoids on tide-swept Atlantic littoral rock
- EUNIS
- MA123
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1160; 1170 – Large shallow inlets and bays; Reefs
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Code: MA123
- Name: Fucoids on tide-swept Atlantic littoral rock
- Lebensraumtyp: Gezeitengestein mit Braunalgen, Flechten und Cyanobakterien der supralitoralen Zone im Nordostatlantik (Tiefe 0–5 m)
- Charakterarten: Gelbe und schwarze Krustenflechten, Cyanobakterien (z. B. Lyngbya lutea, L. semipiena), Algen wie Feldmannia irregularis, Wirbellose wie Melaraphe neritoides, Ligia italica, Chthamalus stellatus
- Rote-Liste-Status: Data Deficient (Daten unzureichend) – die Gefährdung lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht bewerten
- FFH-Anhang I: Querverbindungen zu 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe); der Lebensraum kann als Teil dieser übergeordneten FFH-Typen vorkommen
- Artikel-17-Erhaltungszustand: in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben
- Biogeografische Region: NEA (Nordostatlantik)
Was ist der EUNIS-Lebensraumtyp MA123?
Der Lebensraumtyp MA123 beschreibt eine von den Gezeiten stark beeinflusste Felsküste der supralitoralen Zone im Atlantik. Diese Zone liegt im Spritzwasserbereich oberhalb der mittleren Hochwasserlinie und wird regelmäßig von Wellen und Gischt erreicht. Die offizielle Kurzbeschreibung verortet sie in einer Wassertiefe von 0–5 m, was auf den amphibischen Charakter hinweist: Das Gestein ist mal überflutet, mal trockenfallend.
Seinen Namen verdankt der Lebensraum den Fucoids – einem Sammelbegriff für Braunalgen aus der Ordnung Fucales, die im Gezeitenbereich typisch sind. Kennzeichnend ist jedoch eine ganze Lebensgemeinschaft, die weit über Algen hinausgeht:
- Auf den oberen Felsflächen siedeln gelbe Flechten (u. a. Xanthoria spp., Caloplaca spp.).
- Im unteren Bereich dominieren schwarze Krustenflechten der Gattung Verrucaria.
- Überzieht ein feuchter, olivfarbener Cyanobakterienfilm das Gestein, stammt er meist von Arten der Gattung Lyngbya (z. B. L. lutea, L. semipiena, L. confervoides).
- Bei Süßwasserzufluss oder erhöhten Nitratwerten kann sich ein grüner Algenfilm ausbilden.
Die Tierwelt wird von Weichtieren und Krebsen geprägt. Typisch sind die kleine Strandschnecke Melaraphe neritoides, die Assel Ligia italica und die Seepocke Chthamalus stellatus. Selten findet sich unter Steinen die landlebende Schnecke Myosotella myositis.
Als Qualitätsindikatoren gelten das Vorkommen und die hohe Dichte eben dieser Arten – ein intakter Lebensraum zeichnet sich durch eine stabile und artenreiche Besiedlung der Felsoberflächen aus.
Verbreitung und Vorkommen in Europa
MA123 ist auf die nordostatlantische biogeografische Region (NEA) beschränkt. Die vorliegenden Quelldaten enthalten keine genaue Länderaufstellung; die typische Ausprägung findet sich jedoch an den felsigen Atlantikküsten Europas – von Island und Norwegen südwärts über die Britischen Inseln bis zur Iberischen Halbinsel.
Da es sich um einen marinen Lebensraum handelt, ist sein Vorkommen strikt an natürliche Felsstrukturen mit starker Wellenexposition und Gezeiteneinfluss gebunden. Künstliche Uferbefestigungen oder stark veränderte Küstenabschnitte bieten meist nicht die gleiche Artenvielfalt.
Ökologie und charakteristische Arten
Der Lebensraum ist ein Mosaik aus drei biologischen Königreichen: Cyanobakterien (Prokaryoten), Algen und Flechten (Pilz-Algen-Symbiosen) sowie Wirbellosen. Diese zeitliche und räumliche Nischenaufteilung macht die Felsküste zu einem Hotspot der Biodiversität auf engstem Raum.
| Organismengruppe | Typische Gattungen / Arten | Rolle im Lebensraum |
|---|---|---|
| Cyanobakterien | Lyngbya lutea, L. semipiena, L. confervoides | bilden olivfarbene Biofilme; Primärproduzenten, Stickstofffixierer in der Gischtzone |
| Krustenflechten | Verrucaria spp., Calothrix spp., Brachytrichia spp. | schwarze bis dunkle Krusten auf dem unteren Fels; widerstandsfähig gegen Austrocknung und Salzwasser |
| Laub- und Strauchflechten | Xanthoria spp., Caloplaca spp. | gelbe bis orangefarbene Beläge im oberen Bereich; Indikator für nährstoffreichere Standorte (Vogelkot) |
| Grünalgen | Feldmannia irregularis, Urospora penicilliformis | bilden grüne Überzüge bei erhöhtem Nitrat- und Süßwassereintrag |
| Weichtiere (Gastropoda) | Melaraphe neritoides | weidet Mikroalgen ab; wichtige Nahrungsgrundlage für Vögel und Fische bei Flut |
| Krebstiere | Ligia italica (Assel), Chthamalus stellatus (Seepocke) | besiedeln Felsspalten und -oberflächen; filtrieren Plankton bei Wasserbedeckung |
| Landschnecken | Myosotella myositis | tritt nur selten unter Steinen auf |
Die vertikale Zonierung spiegelt die unterschiedliche Überflutungsdauer wider. Ganz oben, wo nur noch Spritzwasser hinkommt, trotzen gelbe Flechten. Im mittleren Abschnitt folgen Cyanobakterienfilme und Weichtiere, während die unterste Zone – noch bei 0–5 m Wassertiefe – von Seepocken und schwarzen Krustenflechten besiedelt wird. Süßwasserzulauf oder erhöhte Nährstofffrachten können diese Zonierung verschieben und zu Massenentwicklungen von Grünalgen führen.
Gefährdung, Rote Liste und FFH-Schutz
Europäische Rote Liste: Data Deficient
Der Lebensraum MA123 wird in der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+ Bewertung) als „Data Deficient“ (Daten unzureichend) eingestuft. Das bedeutet: Es liegen nicht genügend flächendeckende Daten zur Verbreitung, Flächenentwicklung oder zu den genauen Gefährdungsursachen vor, um eine belastbare Gefährdungskategorie zu vergeben. Forschende mahnen daher gezielte Monitoringprogramme an, denn viele Felsküstenlebensräume sind durch Küstenverbauung, Eutrophierung und Klimawandel unter Druck.
FFH-Anhang I: Querverbindungen zu 1160 und 1170
Obwohl MA123 kein eigenständiger FFH-Lebensraumtyp nach Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ist, existieren Querverweise zu zwei geschützten marinen Lebensraumtypen:
- 1160 – Große flache Buchten und Meeresarme (Large shallow inlets and bays): MA123 kann als Teil dieses großräumigen Küstentyps vorkommen, wenn die Felsküstenabschnitte innerhalb einer Bucht oder eines Meeresarms liegen.
- 1170 – Riffe (Reefs): Felsige Gezeitenküsten sind oft Teil geologischer Riffstrukturen oder werden als Biogenriffe betrachtet. MA123 kann somit eine Komponente des FFH-Typs 1170 darstellen.
Die Querverweise sind mit unterschiedlichen Qualifiern versehen: „<“ (ist eine Untermenge von) bei 1160, „#“ (ist ein Teilaspekt von) bei 1170. Das unterstreicht, dass MA123 aus Sicht des EU-Naturschutzrechts nicht isoliert, sondern eingebettet in größere marine Schutzgebietskulissen betrachtet wird.
Artikel-17-Berichterstattung
In den aktuell genutzten Quelldaten des Artikel-17-Reportings (Berichtszeitraum 2013–2018) ist kein Erhaltungszustand für MA123 verzeichnet. Das liegt daran, dass MA123 kein eigener FFH-Typ ist und daher in den nationalen Berichten nicht als separater Parameter geführt wird. Bewertungen fließen allenfalls indirekt über die Typen 1160 und 1170 ein.
Bedeutung für die Artenvielfalt
Trotz seiner begrenzten Fläche ist dieser Lebensraum ein Schlüsselhabitat für spezialisierte Arten, die mit periodischer Überflutung, starkem Wellenschlag und hoher UV-Strahlung zurechtkommen. Cyanobakterien und Flechten sind Pionierorganismen, die blankes Gestein besiedeln und organische Substanz für nachfolgende Lebensgemeinschaften bereitstellen. Die dichten Bestände von Melaraphe neritoides wiederum dienen als Nahrungsgrundlage für Küstenvögel und bei Flut auch für Fische.
Zudem fungiert die Felsküste als natürlicher Wellenbrecher und Puffer gegen Küstenerosion – ein Ökosystemdienst, der in Zeiten des Meeresspiegelanstiegs an Bedeutung gewinnt. Die Qualität des Lebensraums wird deshalb nicht nur durch das bloße Vorhandensein der Arten, sondern auch durch deren Individuendichte gemessen.
Einordnung für Bürger und Kommunen
Eine direkte Nachbildung dieses Lebensraums im Garten ist nicht möglich – es handelt sich um ein natürliches Felslitoral, das auf Meerwasser, Gezeiten und ungestörte Hartsubstrate angewiesen ist. Bürgerinnen und Bürger können jedoch zum Schutz beitragen, indem sie
- bei Küstenspaziergängen Trittschäden auf Felsflächen vermeiden,
- auf Einträge von Düngemitteln oder Abwässern achten, die über Süßwasserzuläufe in die Küstengewässer gelangen,
- lokale Strandreinigungsaktionen unterstützen, um Plastik- und Nährstoffbelastungen zu reduzieren.
Kommunen an der Atlantikküste können beim Küstenmanagement darauf achten, Felsabschnitte nicht durch Uferbefestigungen, Hafenanlagen oder Spundwände zu verbauen. Ein intakter MA123-Lebensraum ist ein Indikator für gute Wasserqualität und naturbelassene Küstendynamik. Wo der Lebensraum noch vorkommt, sollten regelmäßige Monitoringdaten erhoben werden, um die Wissenslücke (Data Deficient) zu schließen.
Forschung und offene Fragen
Die Einstufung „Data Deficient“ macht deutlich: Wir wissen zu wenig. Offene Fragen betreffen vor allem
- die tatsächliche Verbreitung entlang der europäischen Atlantikküste (fehlende Kartierungen),
- die Reaktion der Lebensgemeinschaften auf Klimaerwärmung und Meeresspiegelanstieg,
- die Auswirkungen von Nährstoffeinträgen aus Landwirtschaft und Aquakultur auf das Artgefüge,
- und die langfristige Bestandsentwicklung der Indikatorarten.
Europäische Forschungsprojekte und die Einbindung in das FFH-Monitoring über die Quertypen 1160 und 1170 könnten helfen, die Datenlücken zu schließen und künftig eine fundierte Risikobewertung zu ermöglichen.
Häufige Fragen
Was bedeutet der EUNIS-Code MA123?
MA123 steht für den Lebensraumtyp „Fucoids on tide-swept Atlantic littoral rock“ und bezeichnet eine von Gezeiten und Gischt geprägte Felsküste der supralitoralen Zone (0–5 m Wassertiefe) im Nordostatlantik, besiedelt von Cyanobakterien, Flechten, Algen und spezialisierten Wirbellosen.
Warum ist MA123 auf der Europäischen Roten Liste als „Data Deficient“ eingestuft?
Die Einstufung „Data Deficient“ bedeutet, dass nicht genügend Daten zur Verbreitung, Flächenentwicklung und zu den Gefährdungsfaktoren vorliegen, um eine belastbare Gefährdungskategorie zu vergeben. Gezieltes Monitoring ist notwendig, um die Wissenslücken zu schließen.
Welche FFH-Lebensraumtypen sind mit MA123 verknüpft?
MA123 wird als Bestandteil der FFH-Lebensraumtypen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe) geführt. Er kommt als Teilaspekt oder Untermenge dieser geschützten Habitattypen vor, die in der EU unter der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt sind.
Welche Tiere sind typisch für diesen Lebensraum?
Zu den charakteristischen Tieren zählen die Strandschnecke Melaraphe neritoides, die Assel Ligia italica und die Seepocke Chthamalus stellatus. Sie alle sind an das Leben in der starken Gezeitenzone angepasst und dienen als Qualitätsindikatoren für den guten Zustand des Lebensraums.
Kann man MA123 im eigenen Garten nachbilden?
Nein, eine direkte Nachbildung ist nicht möglich, da der Lebensraum salzhaltiges Meerwasser, natürlichen Wellenschlag und ungestörte Felsstrukturen voraussetzt. Bürger können jedoch durch achtsames Verhalten an der Küste und durch Vermeidung von Nährstoffeinträgen zu seinem Schutz beitragen.
Quellen
- https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/european-red-list-of-habitats
- https://sdi.eea.europa.eu/datashare/s/x4Fy8dEbAdNPna8/download
- https://eunis.eea.europa.eu/habitats.jsp
- https://eunis.eea.europa.eu/habitats-code-browser-redlist.jsp
- https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/article-17-database-habitats-directive-92-43-eec-2
- https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive_en