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EUNIS: MB142Europäische Rote Liste: Data DeficientFFH-Anhang I: 1160; 1170

Exponierter pontischer oberer Infralitoralfels mit Corallinales-Rasen (EUNIS MB142)

Der Biotoptyp EUNIS MB142, „Exponierter pontischer oberer Infralitoralfels mit Rasen aus Corallinales“, bezeichnet einen felsigen Meeresboden im oberen Infralitoral des Schwarzen Meeres. Er ist durch einen dichten, niedrigen Bewuchs aus Kalkrotalgen (Corallinales) und vielen weiteren Makroalgen geprägt und gehört zu den artenreichsten Lebensräumen des Pontischen Raums – auf nur 400 cm² wurden bis zu 110 Arten nachgewiesen. In der Europäischen Roten Liste der Habitate gilt er als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage).

Einordnung

Originalbezeichnung
Exposed Pontic upper infralittoral rock with turf of Corallinales
EUNIS
MB142
EU-28
Data Deficient
EU-28+
Data Deficient
FFH-Anhang I
1160; 1170 – Large shallow inlets and bays; Reefs

Das Wichtigste in Kürze

  • Lebensraumtyp: Exponierte Felsböden im oberen Infralitoral des Schwarzen Meeres mit einem dichten Rasen aus Kalkrotalgen (Corallinales).
  • EUNIS-Code: MB142
  • Gefährdung nach Europäischer Roter Liste: Data Deficient – keine ausreichende Datengrundlage für eine Einstufung
  • FFH-Anhang-I-Verknüpfung: „1160 – Große flache Buchten und Meeresarme“ sowie „1170 – Riffe“
  • Artenvielfalt: Sehr hoch; bis zu 110 Arten auf 400 cm², darunter viele Rotalgen, Braunalgen, Grünalgen, Schwämme, Weichtiere und Fische
  • Biogeografische Region: ausschließlich BLS (Schwarzes Meer, pontische Region)

Was ist der pontische Infralitoralfels mit Corallinales-Rasen?

Dieser maritime Biotoptyp gehört zu den artenreichen, aber noch wenig untersuchten Felslebensräumen des Schwarzen Meeres. Er besiedelt exponierte, also wellen- oder strömungsexponierte Hartböden direkt unter der Wasseroberfläche (oberes Infralitoral) bis hin zum beginnenden Circalitoral. Charakteristisch ist ein niedriger, teppichartiger Bewuchs aus kalkinkrustierenden Rotalgen der Ordnung Corallinales, die zusammen mit anderen aufrechten Algen ein stark miniaturisiertes „Unterwassergebüsch“ bilden. Die gesamte Vegetationshöhe bleibt meist unter 20 cm, die Struktur ist jedoch extrem dicht und mehrschichtig.

Anders als bei vielen anderen marinen Felsbiotopen dominieren hier keine großen, schirmbildenden Braunalgen (z. B. Cystoseira), sondern kurzrasige, stark verzweigte und verkrustende Algen, die von einer reichen Epiphyten- und Wirbellosenfauna begleitet werden. Der Lebensraum kommt in Reinform nur im pontischen Becken vor und ist daher ein Alleinstellungsmerkmal der Schwarzmeer-Biodiversität.

EUNIS-Klassifikation und regionale Verbreitung

Der Lebensraum ist im Europäischen Naturinformationssystem EUNIS unter dem Code MB142 gelistet. In den EUNIS-Crosswalks wird er als eigenständiges Biotop ohne weitere Unterteilung geführt. Die räumliche Zuordnung beschränkt sich nach den vorliegenden Datensätzen auf die biogeografische Region BLS (Schwarzes Meer). Konkrete Länderangaben sind im Quelldatensatz nicht enthalten; das Vorkommen ist aber aufgrund der Bezeichnung „pontisch“ klar dem Schwarzen Meer und seiner Küstenregion zuzuordnen.

EigenschaftDetail
EUNIS-CodeMB142
BezeichnungExposed Pontic upper infralittoral rock with turf of Corallinales
Biogeografische Region(en)BLS (Schwarzes Meer)
Lebensraumbereichmarine, Felsboden
TiefenzoneOberes Infralitoral (0 m) bis oberes Circalitoral
SubstratHartsubstrat (Fels)

Die Abgrenzung zu ähnlichen Lebensräumen (z. B. mediterranen Corallinales-Beständen) erfolgt anhand des dominanten Arteninventars und der charakteristischen Umweltbedingungen im Schwarzen Meer (geringere Salinität, spezifisches Nährstoffregime).

Rote Liste und Gefährdung

In der Europäischen Roten Liste der Habitate (EU28 und EU28+) ist dieser Biotoptyp als „Data Deficient“ (DD) eingestuft. Das bedeutet, dass die vorliegenden Informationen nicht ausreichen, um die Gefährdung zuverlässig zu bewerten. Es fehlen systematische Monitoringdaten, quantitative Trends zur Flächenentwicklung und belastbare Erkenntnisse zu den Hauptgefährdungen im gesamten pontischen Raum.

Diese unbefriedigende Datenlage ist bei marinen Lebensräumen des Schwarzen Meeres keine Seltenheit. Sie verweist auf dringenden Forschungsbedarf, insbesondere hinsichtlich der Empfindlichkeit gegenüber Nährstoffeinträgen, invasiven Arten und Klimaeffekten. Die Einstufung als „Data Deficient“ bedeutet nicht, dass der Lebensraum ungefährdet ist – sie besagt lediglich, dass wir es derzeit nicht genau wissen.

FFH-Anhang I und rechtlicher Schutz

Der Lebensraum ist mit zwei verschiedenen Anhang-I-Typen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG) verschränkt:

  • 1160 – Große flache Buchten und Meeresarme
  • 1170 – Riffe

Die Verknüpfung wird in den Quelldaten über einen „#“-Qualifier angezeigt, was darauf hinweist, dass MB142 als Bestandteil dieser geschützten Lebensraumkomplexe vorkommen kann, jedoch nicht zwingend eine 1:1-Entsprechung besteht. Ein eigener Berichtsstatus im Rahmen des Artikels 17 der FFH-Richtlinie (Erhaltungszustand) ist für MB142 in den vorliegenden Daten nicht ausgewiesen. Es ist daher unbekannt, ob der Lebensraum in den EU-Mitgliedstaaten mit Zugang zum Schwarzen Meer als günstig oder ungünstig bewertet wird.

Charakteristische Arten und Artenvielfalt

Die Artenliste dieses Lebensraumes ist ungewöhnlich umfangreich und stark standortabhängig. Auf nur 400 cm² Felsfläche können bis zu 110 Arten koexistieren. Dieser Reichtum setzt sich aus photophilen (lichtliebenden) Algen, krustenbildenden Wirbellosen, Epiphyten und einer mobilen Fischfauna zusammen. Innerhalb des Biotops werden mehrere Untereinheiten beschrieben, die sich nach den vorherrschenden Algenarten unterscheiden – etwa von Corallina elongata auf exponierten Flachküsten bis hin zu Arthrocladia villosa und Sporochnus pedunculatus an tieferen, strömungsbeeinflussten Stellen.

Typische Artengruppen (Auswahl):

Rhodophyta (Rotalgen)
Corallina elongata, Haliptilon virgatum, Amphiroa rigida, Jania rubens, Lithophyllum incrustans, Mesophyllum alternans, Peyssonnelia squamaria, Laurencia obtusa, Asparagopsis armata, Sphaerococcus coronopifolius, Pterocladiella capillacea u. v. a.

Phaeophyta (Braunalgen)
Dictyota fasciola, Colpomenia sinuosa, Taonia atomaria, Dictyota dichotoma, Stypopodium schimperi, Lobophora variegata, Padina pavonica, Arthrocladia villosa, Sporochnus pedunculatus, Halopteris scoparia u. v. a.

Chlorophyta (Grünalgen)
Ulva rigida, Dasycladus vermicularis, Flabellia petiolata, Acetabularia acetabulum, Codium bursa, Anadyomene stellata u. a.

Porifera (Schwämme)
Crambe crambe, Phorbas topsentii, Sarcotragus fasciculatus, Hemimycale columella

Mollusca (Weichtiere)
Bittium reticulatum, Conus ventricosus, Columbella rustica, Rissoa guerinii

Crustacea (Krebstiere)
Macropodia longirostris, Maja crispata

Echinodermata (Stachelhäuter)
Paracentrotus lividus (Steinseeigel), Arbacia lixula (Schwarzer Seeigel), Marthasterias glacialis (Eisseestern), Holothuria tubulosa (Seewalze), Ophiothrix fragilis (Schlangenstern)

Fische
Coris julis (Meerjunker), Serranus scriba (Schriftbarsch), Symphodus tinca (Pfauenlippfisch), Epinephelus marginatus (Brauner Zackenbarsch), Diplodus vulgaris (Zweibindenbrasse), Sarpa salpa (Goldstriemen), Siganus rivulatus (Indopazifischer Kaninchenfisch, invasiv) u. a.

Die außergewöhnliche Artenfülle wird durch das Zusammenspiel harter Substrate, hoher Lichteinstrahlung und stabiler hydrodynamischer Bedingungen ermöglicht. Gleichzeitig macht die geringe räumliche Ausdehnung der Einzelbestände den Lebensraum empfindlich gegenüber Störungen.

Qualitätsindikatoren und Gefährdungsanzeichen

Fachlich lassen sich mehrere Anzeichen für einen Rückgang der Lebensraumqualität definieren – auch ohne lückenloses Monitoring:

  • Artverschiebung: Ersatz typischer mehrjähriger Algen durch opportunistische, schnellwüchsige Arten (z. B. Ulva-, Cladophora- oder Acinetospora-Arten).
  • Rückgang der Artenvielfalt: Abnehmende Anzahl von Rotalgen und empfindlichen Epiphyten.
  • Zunahme gebietsfremder Arten: Einwanderung invasiver Algen oder Kaninchenfische, die die ursprüngliche Vegetation verdrängen oder abweiden.
  • Dominanz stressresistenter Krustenalgen: Im Extremfall überziehen nur noch Corallina elongata oder Lithophyllum incrustans die Felsen.
  • Miesmuschel-Dominanz: Bei übermäßiger Belastung mit partikulärer organischer Substanz können Miesmuscheln die Algenbestände ersetzen.

Besonders kritisch ist die Rolle der Seeigel (Paracentrotus lividus und Arbacia lixula): Hohe Dichten dieser Weidegänger können den Algenrasen bis auf den nackten Fels abgrasen und „Barrenflächen“ (sogenannte Sea-Urchin Barrens) hinterlassen. Auch der Fraß durch pflanzenfressende Fische (z. B. Goldstriemen Sarpa salpa oder die invasiven Kaninchenfische Siganus spp.) trägt zur Artenverschiebung bei.

Rolle im Ökosystem und Bedeutung für den Menschen

Der Corallinales-Rasen ist ein Biodiversitäts-Hotspot des oberen Infralitorals im Schwarzen Meer. Die dichte Algenstruktur bietet:

  • Schutz und Aufwuchsfläche für Jungfische und Larvalstadien vieler Wirbelloser,
  • Stabilisierung des Felsuntergrunds durch flächige Kalkalgenkrusten,
  • Produktionsbasis für küstennahe Nahrungsnetze.

Viele der vorkommenden Fischarten sind auch für die lokale Fischerei von Bedeutung (z. B. Brassen, Zackenbarsch, Zahnbrasse). Dennoch ist der direkte Nutzwert gering im Vergleich zur strukturellen Bedeutung: Der Lebensraum wirkt als ökologischer Trittstein und genetischer Speicher für die marine Artenvielfalt der gesamten pontischen Küste. Seine Gefährdung durch Küstenzersiedelung, Eutrophierung und invasive Arten macht ihn zu einem prioritären Kandidaten für ein systematisches Monitoring, auch wenn derzeit keine Sanierungs- oder Restaurierungsnotizen in den vorliegenden Quelldaten enthalten sind.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Was bedeutet „oberes Infralitoral“?

Das obere Infralitoral ist die flache Meereszone direkt unter der Niedrigwasserlinie, die noch dauerhaft vom Wasser bedeckt ist und bis etwa 5–10 m Tiefe reichen kann. Hier gelangt besonders viel Licht zum Meeresboden, was das Wachstum fotophiler (lichtliebender) Algen wie der Corallinales ermöglicht.

Warum ist die Gefährdungseinstufung „Data Deficient“?

Die Einstufung in der Europäischen Roten Liste als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) bedeutet, dass es nicht genügend systematische Informationen über die Flächenentwicklung, die aktuellen Bedrohungen und den Zustand dieses Lebensraums im Schwarzen Meer gibt, um eine sichere Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen. Sie ist kein Hinweis auf fehlende Gefahr, sondern auf fehlende Daten.

Welche Rolle spielen Seeigel für diesen Lebensraum?

Der Steinseeigel (Paracentrotus lividus) und der Schwarze Seeigel (Arbacia lixula) können bei hohen Dichten den gesamten Algenrasen abweiden und so strukturell einfachere, kahle Felsflächen („Barren“) erzeugen. Dadurch geht die Artenvielfalt drastisch zurück, und der Lebensraum verliert seine typische Mehrschichtigkeit.

Ist dieser Biotoptyp durch die FFH-Richtlinie geschützt?

EUNIS MB142 ist über Crosswalks mit den FFH-Lebensraumtypen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe) verknüpft. Er kann als Bestandteil dieser geschützten Lebensraumkomplexe vorkommen. Ein eigener Erhaltungszustand für MB142 wird im Rahmen des Artikels 17 der FFH-Richtlinie in den vorliegenden Daten nicht ausgewiesen.

Wie viele Arten kommen in diesem Lebensraum vor?

Auf nur 400 cm² Felsfläche können bis zu 110 verschiedene Arten gleichzeitig vorkommen. Diese extrem hohe Artendichte macht den Corallinales-Rasen zu einem der artenreichsten Biotoptypen des Schwarzen Meeres.

Quellen