Ostsee-Lebensraum mit lückiger oder fehlender Makrofauna auf zirkalitoralen Hartsubstraten
Der Lebensraum ‚Sparse or no macrofaunal communities on Baltic circalittoral rock and mixed substrata‘ (EUNIS MC138, MC139, MC438, MC43A) beschreibt die aphotische Zone der Ostsee mit über 90 % Hartsubstrat, wo sessile Tiere weniger als 10 % des Bodens bedecken oder gänzlich fehlen. Die Europäische Rote Liste stuft ihn als ungefährdet (Least Concern) ein. Er ist mit den FFH-Lebensraumtypen 1160, 1170 und 1650 verknüpft.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Sparse or no macrofaunal communities on Baltic circalittoral rock and mixed substrata (predominantly hard)
- EUNIS
- MC138; MC139; MC438; MC43A
- EU-28
- Least Concern
- EU-28+
- Least Concern
- FFH-Anhang I
- 1160; 1170; 1650 – Large shallow inlets and bays; Reefs; Boreal Baltic narrow inlets
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Codes: MC138, MC139, MC438, MC43A
- Lebensraumname: Sparse or no macrofaunal communities on Baltic circalittoral rock and mixed substrata (predominantly hard)
- Kurzbeschreibung: Ostsee-Benthos in der aphotischen Zone mit mindestens 90 % Hartsubstrat (Fels, Steine, Blöcke) oder überwiegend hartem Mischsubstrat; Bodentiere (Makrofauna) bedecken weniger als 10 % der Fläche oder fehlen vollständig.
- Rote-Liste-Status (Europa): Least Concern (ungefährdet) – bewertet im Rahmen der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+).
- FFH-Anhang-I-Bezug: großflächige flache Buchten und Meerengen (1160), Riffe (1170), boreale baltische schmale Buchten (1650)
- Biogeografische Region: ausschließlich baltisch (BAL)
- Artikel-17-Erhaltungszustand: in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben
Einführung
Dieser Lebensraumtyp beschreibt den Meeresboden der Ostsee in Bereichen, in die kein Sonnenlicht mehr vordringt (aphotische Zone, zirkalitoral). Das Substrat wird zu mindestens 90 % von Hartböden wie Fels, großen Steinen und Blöcken oder von überwiegend harten Mischböden gebildet. Sessile und halbsessile epibenthische Tiere spielen hier nur eine untergeordnete Rolle: Ihre Deckung bleibt unter 10 % oder sie fehlen ganz. Der Lebensraum kommt vor allem in Tiefen ab etwa 20 m vor, in der nördlichen Ostsee (Bottnische Bucht) kann er wegen geringer Sichttiefe bereits ab 5–10 m auftreten.
Mit dieser Beschreibung folgt der Artikel der HELCOM HUB-Klassifikation (HELCOM Underwater Biotope and Habitat Classification) und den zugehörigen EUNIS-Codes.
EUNIS-Klassifikation und Biotopcodes
Die Europäische Naturinformationssystem (EUNIS) fasst diesen Lebensraum unter vier Codes zusammen, die jeweils einen bestimmten Untertyp der harten oder gemischten Hartsubstrate abdecken:
- MC138 – Baltic aphotic rock and boulders characterized by sparse epibenthic macrocommunity
- MC139 – Baltic aphotic mixed substrate characterized by sparse epibenthic fauna
- MC438 – Baltic aphotic rock and boulders characterized by no macrocommunity
- MC43A – Baltic aphotic mixed substrate characterized by no macrocommunity
Die ersten beiden Codes bezeichnen Biotope mit spärlicher Besiedlung, die letzteren Fälle, in denen keine sichtbare Makrofauna vorhanden ist. Darin spiegelt sich die natürliche Variationsbreite wider: von einigen wenigen sessilen Tieren bis hin zu einer reinen Besiedlung durch Mikroorganismen und Meiofauna.
Was ist das zirkalitorale Hartsubstrat der Ostsee?
Die Ostsee ist ein flaches, brackiges Binnenmeer mit ausgeprägten vertikalen Zonen. Als zirkalitoral wird der Bereich unterhalb der euphotischen Zone bezeichnet, also dort, wo kein ausreichendes Licht für benthische Algen oder Makrophyten vorhanden ist. Im südlichen und mittleren Ostseeraum liegt diese Grenze meist bei 20 m Wassertiefe, in der nördlichen Bottnischen Bucht kann sie aufgrund der Trübung bereits bei 5–10 m beginnen.
Das Substrat ist durch die letzte Eiszeit geprägt: Geschiebemergel, Felsrippen und Findlinge bilden Hartböden oder hartdominierte Mischböden, die an steilen Küsten, in Schären oder auf unterseeischen Rücken auftreten. Solche Flächen sind oft kleinräumig mit Weichböden (Sand, Schlick) verzahnt, doch für diesen Lebensraumtyp gilt die Definition: mindestens 90 % Hartsubstrat in der Kartierungseinheit nach HELCOM HUB.
Weil die Ostsee nur wenige typische Hartbodenarten beherbergt und die Salinität gering ist, bleibt die Besiedlung durch Makrofauna (mit bloßem Auge sichtbare Tiere) von Natur aus lückenhaft. Das unterscheidet diesen Lebensraum von ähnlichen Hartböden in vollmarinen Gewässern.
Vier zugeordnete Biotope (HELCOM HUB)
Die HELCOM HUB-Klassifikation unterscheidet innerhalb dieses Lebensraums vier Biotope. Die folgende Tabelle stellt sie gegenüber:
| HELCOM-Code | Bezeichnung | Kernmerkmal |
|---|---|---|
| AB.A2T | Baltic aphotic rock and boulders characterized by sparse epibenthic macrocommunity | Fels/Findlinge, spärliche Makrofauna vorhanden |
| AB.M2T | Baltic aphotic mixed substrate characterized by sparse epibenthic fauna | Mischsubstrat (hartdominant), spärliche Makrofauna |
| AB.A4U | Baltic aphotic rock and boulders characterized by no macrocommunity | Fels/Findlinge, keine Makrofauna |
| AB.M4U | Baltic aphotic mixed substrate characterized by no macrocommunity | Mischsubstrat (hartdominant), keine Makrofauna |
Alle vier Biotope liegen im aphotischen (dunklen) Zirkalitoral und sind auf die baltische Region beschränkt.
Charakteristische Arten
Wo überhaupt spärliche epibenthische Makrofauna vorhanden ist, dominieren einige wenige, an die Brackwasserbedingungen angepasste Arten:
- Miesmuscheln (Mytilus spp.)
- Baltische Plattmuschel (Macoma balthica)
- Moostierchen (Bryozoa)
- Seepocken (Balanidae)
- Schwämme (Porifera)
- Nesseltiere (Hydrozoa)
Diese Organismen bilden keine dichten Rasen oder Riffe, sondern treten vereinzelt auf Fels oder Steinen auf.
Bei den Biotopen ohne Makrofauna (AB.A4U und AB.M4U) fehlen solche mehrzelligen Tiere. Stattdessen wird der Lebensraum von Meiofauna (mikroskopisch kleinen Bodenbewohnern) und Bakterien besiedelt. Diese können auf dem Hartsubstrat dünne Biofilme aufbauen und sind ein natürlicher Bestandteil des benthischen Nahrungsnetzes.
Gefährdung nach der Europäischen Roten Liste
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+-Bewertung) stuft diesen Lebensraum als „Least Concern“ (LC) – ungefährdet ein.
Die Bewertung berücksichtigt, dass sich der Lebensraum auf natürlicherweise lückig besiedelte Hartböden bezieht, die in der Ostsee weit verbreitet sind und keinen akuten, großflächigen Rückgang erwarten lassen. Gefährdungskriterien und detaillierte Trends sind den genutzten Quelldaten nicht zu entnehmen.
Bezug zur FFH-Richtlinie (Annex I)
Der Lebensraum ist mit drei Anhang-I-Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie verknüpft. Diese Überschneidungen bedeuten nicht, dass jede Ausprägung des EUNIS-Lebensraums automatisch unter den Schutz des jeweiligen FFH-Typs fällt, sondern dass es teilweise Überlappungen gibt:
- 1160 – Large shallow inlets and bays
Flache, geschützte Meeresbuchten; der EUNIS-Lebensraum ist hier nur in Teilen (#) repräsentiert. - 1170 – Reefs
Biogene oder geogene Riffstrukturen; der EUNIS-Lebensraum kann darin enthalten sein (<). - 1650 – Boreal Baltic narrow inlets
Schmale, boreale Ostsee-Förden; auch hier besteht eine partielle Überlappung (#).
Die genauen Überschneidungsflächen und die nationale Umsetzung sind länderspezifisch und können hier nicht weiter ausgeführt werden.
Qualitätsindikatoren
Laut der zugrunde liegenden Roten-Liste-Bewertung sind die Indikatoren für die Qualität dieses Lebensraums unbekannt. Das liegt unter anderem daran, dass es sich um einen natürlicherweise artenarmen Lebensraum handelt, in dem klassische Biodiversitäts- oder Biomasse-Metriken nicht sinnvoll als Zustandsmaß angewendet werden können.
Die spärliche Besiedlung ist kein Zeichen von Degradation, sondern das typische Erscheinungsbild. Eine mögliche Beeinträchtigung müsste über indirekte Parameter (z. B. Sauerstoffgehalt, Sedimentbelastung) erfasst werden, die jedoch nicht Bestandteil des vorliegenden Datensatzes sind.
Bedrohungen und Wiederherstellung
In den ausgewerteten Quellen sind keine spezifischen Bedrohungen dokumentiert. Auch mögliche Wiederherstellungsmaßnahmen werden nicht aufgeführt. Aus der allgemeinen Kenntnis zu Ostsee-Hartböden könnten potenzielle anthropogene Einflüsse wie Grundschleppnetzfischerei, Schadstoffbelastung oder Sauerstoffmangelzonen eine Rolle spielen, doch diese Faktoren sind nicht explizit mit diesem Lebensraum in den verarbeiteten Daten verknüpft.
Solange der Lebensraum in der Europäischen Roten Liste als ungefährdet geführt wird und keine flächendeckenden Verschlechterungen bekannt sind, besteht keine akute naturschutzfachliche Notwendigkeit für aktive Wiederherstellungsprojekte.
Zusammenfassung
Dieser baltische Lebensraumtyp beschreibt die zirkalitoralen Hartböden der Ostsee, die von Natur aus nur spärlich von Makrofauna besiedelt werden oder völlig frei von ihr sind. Er ist auf die aphotische Zone unterhalb von etwa 20 m (örtlich auch schon 5 m) beschränkt und wird nach EUNIS über vier Codes abgebildet. Trotz seiner Artenarmut ist er stabil und europaweit ungefährdet. Er überschneidet sich teilweise mit den FFH-Lebensraumtypen 1160, 1170 und 1650, Erhaltungszustand und Bedrohungen sind jedoch in den vorliegenden Fachdaten nicht dokumentiert.
Häufige Fragen
Was versteht man unter einem zirkalitoralen Hartsubstrat in der Ostsee?
Es handelt sich um den Meeresboden unterhalb der euphotischen Zone (aphotischer Bereich, meist tiefer als 20 m, in der Bottnischen Bucht auch ab 5–10 m), der zu mindestens 90 % aus Fels, Findlingen, Steinen oder überwiegend hartem Mischsubstrat besteht.
Warum fehlt in diesem Lebensraum die Makrofauna oder ist nur spärlich vorhanden?
Die Ostsee ist ein brackiges, von Natur aus artenarmes Gewässer. In der dunklen, nährstoffarmen Tiefenzone können sich nur wenige sessile Arten halten. Eine geringe Besiedlungsdichte ist hier kein Zeichen von Schädigung, sondern die natürliche Ausprägung des Lebensraums.
Welche EUNIS-Codes sind diesem Lebensraum zugeordnet?
Die EUNIS-Codes MC138, MC139, MC438 und MC43A. Sie decken jeweils die Varianten mit spärlicher (MC138, MC139) oder völlig fehlender Makrofauna (MC438, MC43A) auf Fels/Findlingen oder Mischsubstrat ab.
Welchen Schutzstatus hat der Lebensraum nach der FFH-Richtlinie?
Er ist nicht als eigener FFH-Lebensraumtyp gelistet, überschneidet sich aber teilweise mit den Anhang-I-Typen 1160 (große flache Buchten und Meerengen), 1170 (Riffe) und 1650 (boreale baltische schmale Buchten). Eine konkrete Zuordnung ist einzelfallabhängig.
Wie ist der Lebensraum in der Europäischen Roten Liste eingestuft?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+) bewertet ihn als ‚Least Concern‘ (LC), also ungefährdet. Dies spiegelt seine großflächige Verbreitung und die natürliche Stabilität wider.