Makaronische Baumheide-Wälder (EUNIS G2.7) – Ein gefährdeter Insellebensraum
Der Biotoptyp G2.7 'Macaronesian heathy woodland' ist nach der Europäischen Roten Liste als 'Vulnerable' (gefährdet) eingestuft. Er umfasst reife, zonale Mikrowälder auf Madeira und den Kanarischen Inseln mit einer üppigen Kronenschicht aus Baumheide (Erica canariensis, E. platycodon subsp. platycodon, E. platycodon subsp. maderincola) und Laubgehölzen, insbesondere Lorbeergewächsen. Der Lebensraum ist prioritärer Bestandteil des FFH-Lebensraumtyps 9360 'Makaronische Lorbeerwälder'.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Macaronesian heathy woodland
- EUNIS
- G2.7 – Canary Island heath woodland
- EU-28
- Vulnerable
- EU-28+
- Vulnerable
- FFH-Anhang I
- 9360 – * Macaronesian laurel forests (Laurus, Ocotea)
Das Wichtigste in Kürze
Makaronische Baumheide-Wälder sind ein europaweit einzigartiger und gefährdeter Lebensraum. Es handelt sich um klimatisch bedingte Schlusswaldgesellschaften auf den Inseln Madeira und der Kanaren, die von bis zu 12 Meter hohen Baumheide-Arten und eingestreuten Lorbeergewächsen geprägt werden. Der Biotop wird im EUNIS-System unter dem Code G2.7 („Canary Island heath woodland“) geführt und ist in der Europäischen Roten Liste der Lebensräume als „Vulnerable“ (gefährdet) eingestuft. Als Teil des prioritären FFH-Lebensraumtyps 9360 Makaronische Lorbeerwälder genießt er besonderen Schutz. Der vorliegende Fachartikel beschreibt seine Merkmale, Untertypen, typische Arten, Qualitätskriterien und die Beziehung zu den offiziellen EU-Schutzinstrumenten.
EUNIS-Einordnung und Verbreitung
Die EUNIS-Klassifikation ordnet diesen Lebensraum als terrestrischen Waldbiotop in die Gruppe G (Wald und Forst) und dort in die Kategorie der G2.7 Canary Island heath woodland ein. Der Name verrät bereits die räumliche Einschränkung: Die Bestände kommen ausschließlich in Makaronesien vor, genauer auf den Kanarischen Inseln und Madeira. Es handelt sich um zonale Klimaxwälder – also um die unter den gegenwärtigen Klimabedingungen höchstentwickelte, natürliche Vegetation – und nicht um sekundäre oder pionierartige Heidegebüsche. Letztere werden in EUNIS unter F4.3 Macaronesian heath getrennt geführt.
Aufgrund der isolierten Insellage beherbergen diese Wälder eine große Zahl endemischer Arten. Selbst auf Ebene der Gattungen gibt es endemische Sippen (z. B. Picconia, Semele, Gesnouinia, Lactucosonchus), die weltweit nur hier vorkommen.
Rote Liste: Gefährdungsstatus
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats) bewertet den Biotoptyp sowohl für die EU28 als auch für EU28+ (also inklusive weiterer europäischer Länder) als „Vulnerable“ (VU). Das bedeutet, dass er in absehbarer Zeit von einer Einstufung als „Endangered“ bedroht sein könnte, wenn sich die negativen Einflüsse nicht verringern. Ein genaues Gefährdungskriterium ist in den vorliegenden Quelldaten nicht ausgewiesen. Die Bewertung stützt sich auf den Gesamtrückgang und die Fragilität der Inselökosysteme.
FFH-Richtlinie und Annex I
Der Biotoptyp wird vollständig vom prioritären FFH-Lebensraumtyp 9360 („* Makaronische Lorbeerwälder (Laurus, Ocotea)“) umfasst. Der Crosswalk in den EUNIS-Daten zeigt die Beziehung mit dem Qualifier „<“ an, d. h. G2.7 ist eine Untermenge dieses Annex-I-Typs. Somit unterliegen die Makaronischen Baumheide-Wälder der FFH-Richtlinie (92/43/EWG) und genießen als prioritärer Lebensraum strengen Schutz. Zur FFH-Berichterstattung nach Artikel 17 liegen im verwendeten Quelldatensatz keine gebietsspezifischen Erhaltungszustände vor.
Für den kommunalen oder privaten Umgang bedeutet dies: Der Schutz dieser Wälder ist europarechtlich verankert. Planungen innerhalb oder im Umfeld solcher Flächen müssen eine FFH-Verträglichkeitsprüfung durchlaufen. Eine direkte Übertragung des Biotoptyps in mitteleuropäische Gärten ist wegen der spezifischen klimatischen und edaphischen Bedingungen nicht möglich.
Lebensraum: Aufbau und Untertypen
Die Bestände bilden üppige Mikrowälder mit einer Kronenhöhe von 3 bis 12 m. Dominant sind stets baumförmige Heidekrautgewächse (Erica canariensis, E. platycodon ssp. platycodon auf den Kanaren, E. platycodon ssp. maderincola auf Madeira), begleitet von verschiedenen Lorbeergewächsen und immergrünen Laubbäumen. Die Böden sind meist tiefgründige Cambisole oder Andosole mit einer Rohhumusauflage.
Vier klar abgrenzbare Untertypen (Subtypen) werden unterschieden:
| Untertyp | Inselgruppe | Höhenlage / Klima | Charakterarten | Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|
| 1. Hyperhumide Hochlagen-Heidewälder Madeiras | Madeira | Obere mesotemperate bis supratemperate Stufe, 1500–1862 m, hyperhumid | Erica canariensis oder E. platycodon ssp. maderincola (absolut dominant), Vaccinium padifolium, Sorbus maderensis; einst häufig Juniperus cedrus ssp. maderensis (heute nur noch Einzelexemplare) | Oberhalb der Lorbeerwaldstufe; Kälte schließt Lorbeergewächse weitgehend aus; zahlreiche Endemiten in Unterwuchs und Lichtungen (z. B. Teucrium francoi, Polystichum falcinellum) |
| 2. Baumheide-Kanaren-Stechpalmen-Wälder | Kanaren (v. a. Teneriffa/Anaga, La Gomera) | Subhumid bis humid, mesomediterran, felsige Standorte unter nahezu ständigem Nebel | Ko-dominanz von Erica platycodon ssp. platycodon und Elementen des Kanarischen Lorbeerwaldes: Laurus novocanariensis, Viburnum tinus ssp. rugosum, Ilex canariensis var. canariensis | Dünne Böden mit geringem Wasserhaltevermögen, aber dauerfeucht durch Nebel; Nebelwälder mit Lorbeerarten |
| 3. Madeirische Äquivalente auf tiefgründigen Cambisolen | Madeira | Humid, tiefgründige Cambisole | Erica platycodon ssp. maderincola, Vaccinium padifolium und Arten des Madeira-Lorbeerwaldes (Sibthorpio-Clethrion) | Pendant zu Typ 2 auf Madeira; Lorbeerwaldelemente auf besser entwickelten Böden |
| 4. Westkanarische Erdbeerbaum-Wälder | Westkanaren (z. B. Teneriffa, La Palma) | Thermomediterran, trocken bis subhumid | Dominanz von Arbutus canariensis, Erica canariensis, Ilex canariensis var. canariensis; begleitet von Visnea mocanera, Syderoxylon marmulano | Baumheide tritt hier hinter den Kanaren-Erdbeerbaum zurück; Madeira-Erdbeerbaumwälder haben dagegen keine großen Baumheiden |
Wichtige Areale mit größeren Flächen der Typen 2 und 4 befinden sich auf Teneriffa (Anaga-Gebirge), La Gomera und La Palma. Die Subtypen spiegeln eindrucksvoll die enge Verzahnung mit dem immerfeuchten Lorbeerwald wider, mit dem sie oft mosaikartig verzahnt sind.
Artenspektrum: Flora und Fauna
Die Artenvielfalt ist außergewöhnlich hoch. Zahlreiche Gefäßpflanzen treten als dominante oder stetige Begleiter auf. Neben den schon genannten Baumheiden und Lorbeergewächsen sind folgende Gehölze und Kräuter charakteristisch:
- Immergrüne Bäume und Sträucher: Morella faya (Gagelbaum), Rhamnus glandulosa, Apollonias barbujana, Heberdenia excelsa, Ilex perado, Prunus lusitanica ssp. hixa, Picconia excelsa, Clethra arborea (nur Madeira).
- Kletterpflanzen und Unterwuchs: Semele androgyna, Smilax canariensis, Hedera maderensis ssp. maderensis (Madeira).
- Farne und Kräuter: Diplazium caudatum, Dryopteris oligodonta, Goodyera macrophylla (Orchidee), Euphorbia mellifera, Hypericum spp., Cedronella canariensis, Bystropogon punctatus, Polystichum drepanum (selten) sowie viele Endemiten.
Faunistisch sind vor allem die endemischen Taubenarten hervorzuheben:
- Columba bollet (Bolle-Taube)
- Columba junionae (Junion-Taube)
- Columba trocaz (Silberhalstaube)
- Kanaren-Buchfinken-Unterarten Fringilla coelebs ssp. ombriosa und der stark gefährdete Teide-Fink (Fringilla teydea).
Diese Vögel sind eng an die reifen, geschlossenen Baumbestände gebunden und dienen als Indikatoren für intakte Wälder.
Qualitätsmerkmale und Beeinträchtigungen
Die Europäische Rote Liste definiert klare Qualitätsmerkmale. Ein intakter Bestand zeigt:
- Ein geschlossenes Kronendach mit hoher Artenvielfalt in der Kronenschicht und im Unterwuchs.
- Natürliche Lücken im Kronendach durch altersbedingten Abgang einzelner Bäume oder Hangrutschungen (keine menschlichen Rodungen).
- Keine Verbuschung der Lücken durch niedrige Erica platycodon, Teline-Arten, Cistus symphytifolius oder hohe Gräser wie Hyparrhenia sinaica.
- Fehlen invasiver gebietsfremder Arten wie Besenginster (Cytisus scoparius), Stechginster (Ulex europaeus), Australischer Teebaum (Leptospermum scoparius) oder Akazien (Acacia spp.).
- Keine Trittschäden durch Menschen (Tourismus, illegale Wegenutzung).
Als Hauptgefahren werden Störungen der Standortdynamik durch Brände und invasive Neophyten genannt. Selbst kleine Feuer können hier verheerende Folgen haben, weil die anschließende Erosion und die Einwanderung von Pionierarten die Klimax-Wälder nachhaltig degradieren. Da die meisten Vorkommen kleinräumig und isoliert sind, bleibt die Gesamtsituation fragil.
Schutz und Erhaltung
Konkrete Renaturierungs- oder Wiederherstellungsmaßnahmen sind in den vorliegenden Quellen nicht genannt. Der Schutz erfolgt in erster Linie über die FFH-Richtlinie und die Ausweisung von Natura-2000-Schutzgebieten. Da der Lebensraum als prioritarer Annex-I-Typ gilt, müssen die Mitgliedstaaten – Spanien und Portugal – Maßnahmen zur Erhaltung eines günstigen Erhaltungszustands ergreifen. Praktisch bedeutet dies:
- Feuerbekämpfung und -prävention,
- Management und Bekämpfung invasiver Pflanzenarten,
- Besucherlenkung, um Tritt- und Erosionsschäden zu vermeiden,
- Monitoring der naturnahen Bestände, insbesondere auf den Inseln mit den größten Vorkommen (Teneriffa, La Gomera, La Palma, Madeira).
Ein direkter Bezug zu Gärten oder Stadtgrün in Mitteleuropa besteht nicht, da die klimatischen und standörtlichen Voraussetzungen nicht reproduzierbar sind. Wohl aber kann der Schutzgedanke durch kommunale Partnerschaften mit Naturschutzorganisationen in Makaronesien gestärkt werden.
Bedeutung für den Naturkompass
Der Makaronische Baumheide-Wald steht exemplarisch für seltene, insulare Waldbiotope, die aufgrund ihrer Isolation und geringen Flächenausdehnung besonders empfindlich auf Umweltveränderungen reagieren. Im Naturkompass dient er als Ankerbeispiel für:
- Die Bedeutung der EUNIS-Klassifikation als europaweites Referenzsystem,
- die Rolle der Roten Listen für den Biotopschutz,
- die Integration von FFH-Lebensraumtypen und ihrer Untertypen.
Weitere verwandte Biotoptypen finden Sie in unseren Artikeln zu Feuchtheiden, Lorbeerwäldern und mediterranen Strauchformationen.
Quellen
Häufige Fragen
Was ist EUNIS G2.7?
EUNIS G2.7 ist der Code für den Biotoptyp „Canary Island heath woodland“, also die baumheide-dominierten Klimaxwälder Makaronesiens. Sie sind reife, zonale Mikrowälder mit einer Kronenhöhe von 3–12 m, geprägt von Erica canariensis, E. platycodon-Unterarten und Lorbeergewächsen.
Wie ist der Gefährdungsstatus gemäß der Europäischen Roten Liste?
Der Lebensraum wird in der Europäischen Roten Liste der Habitate sowohl für die EU28 als auch EU28+ als „Vulnerable“ (gefährdet) geführt. Ein konkretes Einstufungskriterium ist in den Quelldaten nicht dokumentiert.
Welche Rolle spielt der FFH-Lebensraumtyp 9360?
Der Makaronische Baumheide-Wald ist eine Untermenge des prioritären FFH-Lebensraumtyps 9360 („Makaronische Lorbeerwälder“). Das bedeutet, dass er vollständig unter den Schutz der FFH-Richtlinie fällt und als prioritärer Lebensraum einen erhöhten Schutzstatus genießt.
Welche Arten sind charakteristisch für diesen Lebensraum?
Typische Pflanzen sind die dominanten Baumheiden Erica canariensis, E. platycodon ssp. platycodon und E. platycodon ssp. maderincola sowie Lorbeergewächse wie Laurus novocanariensis. Hinzu kommen zahlreiche Endemiten, darunter ganze Gattungen wie Picconia und Semele. Auffällige Vogelarten sind die Bolle-Taube (Columba bollet), die Junion-Taube und die Silberhalstaube.
Wo kommen diese Wälder vor?
Die Vorkommen beschränken sich auf die Inseln Madeira und die Kanarischen Inseln. Besonders bedeutende Bestände der Nebelwald- und Erdbeerbaum-Untertypen liegen auf Teneriffa (Anaga), La Gomera und La Palma.