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EUNIS: H3.1Europäische Rote Liste: Least ConcernFFH-Anhang I: 8220

H3.1 – Gemäßigte Silikat-Inlandfelsklippen der Tieflagen bis Bergstufe

Die gemäßigten Silikat-Inlandfelsklippen (EUNIS H3.1, FFH-Lebensraumtyp 8220) sind natürliche Felswände aus Granit, Gneis, Sandstein oder Schiefer in der nemoralen Zone Europas. Sie sind in der Europäischen Roten Liste der Lebensräume als „nicht gefährdet“ (Least Concern) eingestuft. Der Lebensraum beherbergt eine spezialisierte Flora aus Flechten, Moosen, Farnen und sukkulenten Gefäßpflanzen. Die ökologische Qualität wird vor allem durch das Vorkommen seltener und reliktischer Kryptogamen sowie das Fehlen von Störungen wie Steinbruch, Klettern oder Nährstoffeintrag bestimmt.

Einordnung

Originalbezeichnung
Temperate, lowland to montane siliceous inland cliff
EUNIS
H3.1 – Acid siliceous inland cliffs
EU-28
Least Concern
EU-28+
Least Concern
FFH-Anhang I
8220 – Siliceous rocky slopes with chasmophytic vegetation

Das Wichtigste in Kürze

  • Lebensraumtyp: Natürliche, silikatische Felswände aus saurem Gestein (z. B. Granit, Gneis, Sandstein) in den tieferen bis mittleren Lagen des nemoralen Europas.
  • EUNIS-Code: H3.1 – Acid siliceous inland cliffs.
  • FFH-Anhang I: Code 8220 – Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation (chasmophytische Vegetation).
  • Europäische Rote Liste: Least Concern (nicht gefährdet) – sowohl in der EU28- als auch in der EU28+-Bewertung.
  • Kennzeichnend: Flechten sind die artenreichste Gruppe, gefolgt von Moosen. Gefäßpflanzen wie Streifenfarne (Asplenium), Fetthennen (Sedum) und Steinbreche (Saxifraga) besiedeln die Felsspalten.
  • Qualität: Vor allem das Vorkommen seltener Flechten und Moose sowie ungestörte, strukturreiche Felsflächen zeigen einen guten Zustand an.

Was ist dieser Lebensraumtyp?

Temperate, lowland to montane siliceous inland cliffs – so die offizielle Bezeichnung – umfassen natürliche Felswände und Klippen aus silikatischem Gestein außerhalb der Hochgebirge und der unmittelbaren Küstenzone. Silikatisch bedeutet, dass das Gestein reich an Quarz und Silikatmineralen wie Glimmer oder Feldspat ist. Typische Gesteine sind:

  • Metamorphe, meist saure Gesteine: Schiefer, Gneis, Quarzit
  • Sedimentgesteine: Sandstein
  • Magmatische Gesteine: Granit, Porphyr, Diorit
  • Vulkanische Gesteine (nicht kalkhaltig, aber basenreicher) wie Andesit, Trachyt, Basalt

Die Vegetation ist an extreme Bedingungen angepasst. In Felsspalten und auf Felsbändern wachsen kleine Farne, dickblättrige Sukkulente und Rosettenpflanzen. Die eigentliche Vielfalt aber spielt sich auf der Gesteinsoberfläche ab: Flechten bilden hier bunte, oft jahrelang ungestört wachsende Krusten und Blattlager, daneben finden sich spezialisierte Moose und Mikroorganismen.

Der Lebensraum ist pflanzenartenarm, kann jedoch sehr reich an Flechten sein. Er besitzt eine hohe pflanzengeografische Bedeutung, weil er seltene Arten, disjunkte Vorkommen und viele Glazialrelikte beherbergt.


EUNIS-Klassifikation: H3.1 Acid siliceous inland cliffs

Im EUNIS-System wird der Typ unter H3.1 – Acid siliceous inland cliffs geführt und dort als Teil der „Inland cliffs“ (H3) abgebildet. Die EUNIS-Beschreibung deckt sich weitgehend mit dem hier behandelten Lebensraum, betont aber die saure Natur des Gesteins und schließt Hochgebirgs- und Küstenstandorte aus.

Der Biotoptyp kommt im gesamten nemoralen Europa vor – also in der kühl-gemäßigten Zone von den Britischen Inseln und Nordwestspanien über die Mittelgebirge Mitteleuropas bis zum Kaukasus und Ural. Besonders bekannt sind die Silikatfelsen im:

  • Rheinischen Schiefergebirge und den mitteleuropäischen Mittelgebirgen
  • Zentralmassiv (Frankreich)
  • Karpatenbogen (slowakische, ukrainische Gebirge)
  • Galicien (Nordwestspanien)

FFH-Anhang I: Lebensraumtyp 8220

Der FFH-Lebensraumtyp 8220 – Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation (siliceous rocky slopes with chasmophytic vegetation) bildet die rechtliche Grundlage für den Schutz solcher Standorte im europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000. Die Definition ist etwas weiter gefasst und umfasst auch kalkfreie Felsstandorte, in denen sich eine charakteristische Felsspaltenvegetation (Chasmophyten) entwickelt hat.

Die Einstufung nach Anhang I bedeutet, dass für diesen Lebensraum Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen und sein Erhaltungszustand in den Mitgliedstaaten regelmäßig überwacht wird. Leider liegen in den vorliegenden Quelldaten aggregierte Ergebnisse aus dem Artikel-17-Bericht nicht vor, sodass an dieser Stelle keine EU-weite Bewertung des Erhaltungszustands berichtet werden kann.


Gefährdung nach der Europäischen Roten Liste

Die European Red List of Habitats bewertet diesen Lebensraumtyp in der gesamten EU28 sowie in der erweiterten Region EU28+ als Least Concern (LC) – also nicht gefährdet. Dies ist eine positive Botschaft, bedeutet aber nicht, dass lokale Gefährdungen ausgeschlossen sind. Die Einstufung berücksichtigt das große Verbreitungsgebiet und die oft natürlicherweise stabile, von Extremstandorten geprägte Natur der Silikatfelsen.

Dennoch können regionale Bestände durch menschliche Aktivitäten beeinträchtigt sein. Entscheidend für die Bewertung ist das Vorkommen seltener Flechten- und Moosarten sowie die Abwesenheit von Störungen. Die Rote Liste hebt folgende Kennzeichen für gute Qualität hervor:

  • Vorhandensein seltener Kryptogamen und pflanzengeografisch bedeutsamer Gefäßpflanzen
  • Unterschiedlich exponierte Felswände mit Überhängen, Höhlungen und Bändern
  • Kontakt zu natürlichen Begleitlebensräumen (Schutthalden, Blockfelder, Pionierrasen)
  • Kein Steinbruch, keine Kletterinfrastruktur, keine Müllablagerungen
  • Keine Nährstoffeinträge von oberhalb der Felsen

Charakterarten und Biodiversität

Obwohl Silikatfelsklippen nur wenigen Gefäßpflanzen Lebensraum bieten, beherbergen sie eine oft übersehene Vielfalt an Flechten, Moosen und Lebermoosen. Diese Arten sind auf extreme Nährstoffarmut, starke Sonneneinstrahlung oder tiefe Schattigkeit und mechanische Ruhe angewiesen.

Gefäßpflanzen (Auswahl)

Wichtige Gattungen in extra-alpinen temperaten Silikatfelsen sind:

  • Asplenium (Streifenfarne): A. septentrionale, A. trichomanes, A. adiantum-nigrum
  • Sedum (Fetthennen): S. hirsutum, S. stefco
  • Saxifraga (Steinbreche): S. hypnoides, S. rosacea
  • Dianthus (Nelken): D. graniticus, D. henteri
  • Primula minima, Woodsia ilvensis, Hieracium schmidtii

Aus der Liste der charakteristischen Arten (nach Red List) sind auch einige Endemiten hervorgehoben, etwa im Nordwesten der Iberischen Halbinsel und in den Karpaten.

Moose und Lebermoose

Besonders artenreich vertreten sind die Gattungen Grimmia, Racomitrium und Schistidium. Sie bilden oft dichte, silbrig- oder graugrüne Polster auf blankem Fels. Weitere typische Moosarten sind:

  • Hedwigia ciliata, Ptychomitrium polyphyllum, Dicranum scoparium, Bartramia pomiformis

Flechten – die heimlichen Stars

Die mit Abstand größte Gruppe stellen Krusten- und Blattflechten dar. Einige charakteristische Gattungen und Arten:

Gattung / ArtkomplexTypische Vertreter im LebensraumWuchsform
AspiciliaA. cinerea, A. gibbosaKrustenflechte
LecanoraL. intricata, L. polytropaKrustenflechte
Parmelia s.l.P. omphalodes, P. saxatilisBlattflechte
UmbilicariaU. grisea, U. hirsutaBlattflechte
RhizocarponR. geographicum (Landkartenflechte)Krustenflechte
TrapeliaT. coarctata, T. obtegensKrustenflechte

Weitere häufige, aber nicht minder typische Krustenflechten sind Lecidea fuscoatra, Porpidia glaucophaea, Rinodina atrocinearea und Tremolecia atrata. Für den Laien auffällig sind die orange-rostfarbenen Lager von Ophioparma ventosa oder die weißen, mehligen Flecken von Lepraria membranacea.


Geografische Verbreitung

Der Biotoptyp erstreckt sich vom atlantischen Westeuropa bis weit in die kontinentale Region. Die genauen Ländergrenzen sind in den Quelldaten nicht als Liste aufgeführt, doch die Fachliteratur nennt insbesondere:

  • Mitteleuropa: Rheinisches Schiefergebirge, Harz, Schwarzwald, Bayerischer Wald, Erzgebirge, Sudeten
  • Westeuropa: Bretagne, Zentralmassiv, Galicien, Pyrenäen (Unterhang)
  • Osteuropa: Karpaten (v. a. slowakische u. ukrainische Westkarpaten), Westkaukasus, Ural
  • Nordwesteuropa: Schottische Highlands (Sandstein- und Granitklippen bis in die Tallagen)

Da es sich um einen klimatisch an die nemorale Zone gebundenen Typ handelt, fehlt er in der mediterranen Region und in Hochgebirgslagen über der Waldgrenze. Dort treten verwandte, aber eigenständige Felslebensräume auf.


Qualitätsmerkmale – Was intakte Silikatfelsen ausmacht

Ein entscheidender Punkt der Roten Liste ist: Habitatqualität muss regional und unter Einbeziehung der Flechten- und Moosflora bewertet werden. Globale, über ganz Europa einheitliche Kriterien können nur Leitplanken vorgeben.

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Qualitätsmerkmale zusammen:

QualitätsmerkmalGünstiger Zustand
Vorkommen seltener ArtenSeltene Flechten, Moose, Farne und pflanzengeografisch bedeutsame Gefäßpflanzen sind vorhanden.
StrukturreichtumGroßflächige offene Felsflächen, unterschiedlich besonnte und besonnte Abschnitte, überhängende Bereiche und Felsspalten.
BiotopverbundKontakt zu natürlichen Schutthalden, Blockhalden, Felsheiden und Pionierrasen.
StörungsfreiheitKein Steinbruch, keine Kletterhaken oder -wege, keine Müllablagerungen.
NährstoffarmutKein Eintrag von Laub, Gartenabfällen oder Dünger von oberhalb der Felsen.

Diese Merkmale machen die Felsen nicht nur für spezialisierte Arten bewohnbar, sondern erhalten auch ihren Zeugniswert für erdgeschichtliche und klimageschichtliche Prozesse. Viele der hier lebenden Arten sind Eiszeitrelikte, die seit Tausenden von Jahren isolierte Kleinstpopulationen bilden.


Gefährdungen und Schutz

Obwohl auf europäischer Ebene als ungefährdet eingestuft, sind lokale Bestände durchaus bedroht. Die in den Qualitätsindikatoren genannten Belastungen geben einen guten Hinweis auf reale Gefährdungen:

  • Steinbruch und Bautätigkeit: Abbau von Naturstein zerstört die Felsstruktur unmittelbar.
  • Klettersport: Intensive Nutzung mit Bohrhaken, Magnesia und Trittschäden verändert die Felsoberfläche und vertreibt licht- und trittempfindliche Flechtenrasen.
  • Nährstoffeintrag: Land- und gartenwirtschaftliche Nutzung oberhalb der Felsen kann zur Eutrophierung führen, was konkurrenzstarke Moose und Algen fördert.
  • Müllablagerung: Vor allem in siedlungsnahen „Hausfelsen“ kommt es immer wieder zu Ablagerungen von Gartenabfällen oder Bauschutt.
  • Fehlender Biotopverbund: Die Isolation durch intensive Forst- oder Landwirtschaft kann den genetischen Austausch seltener Arten verhindern.

Schutzmaßnahmen sollten daher vorrangig auf den Erhalt der natürlichen Dynamik und Störungsarmut abzielen. In FFH-Gebieten ist der Lebensraumtyp durch das Verschlechterungsverbot geschützt. Darüber hinaus können Betretungsregelungen, Besucherlenkung und die Ausweisung von Ruhezonen helfen – gerade an vielbesuchten Felskanzeln.

Für Haus- und Kleingärten ist dieser Lebensraum kaum nachzubilden, wohl aber können heimische Steingärten mit Silikatgesteinen gewisse Funktionen für Trockenheit liebende Insekten und Moose übernehmen. Natursteinblöcke mit kleinen Spalten und unverfüllten Fugen locken Mauerpfeffer und kleine Farne an, ersetzen jedoch niemals die komplexe Lebensgemeinschaft einer natürlichen Felswand.


Häufige Fragen

1. Was ist das Besondere an Silikatfelsklippen?
Silikatfelsen beherbergen hochspezialisierte und oft seltene Flechten, Moose und Farne, die an extreme Nährstoffarmut und Trockenheit angepasst sind. Viele Arten sind Eiszeitrelikte und kommen nur in wenigen Gebieten vor.

2. Ist der Lebensraum gefährdet?
Die Europäische Rote Liste stuft ihn als ungefährdet (Least Concern) ein. Lokal kann er jedoch durch Steinbruch, Klettersport und Nährstoffeintrag bedroht sein.

3. Wie erkenne ich einen guten Zustand?
Achten Sie auf großflächige, ungestörte Felsflächen mit unterschiedlicher Ausrichtung und Feuchte, das Fehlen von Müll und Kletterhaken sowie auf reiche Flechtenbestände (oft farbige Landkartenflechten).

4. Gehört dieser Lebensraum zu Natura 2000?
Ja, er entspricht dem FFH-Lebensraumtyp 8220 (Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation). In Natura-2000-Gebieten unterliegt er strengen Schutzvorschriften.

5. Kann ich einen solchen Lebensraum im Garten anlegen?
Eine 1:1-Nachbildung ist nicht möglich. Ein Steingarten mit Silikatsteinen kann aber verwandte Arten wie Dachwurz oder Fetthenne beherbergen und so einen kleinen Beitrag zur Biodiversität leisten.


Quellen

Quellen