Blockgletscher und unbewachsene, eisdominierte Moränen (H5.2; H4.3)
Ein Blockgletscher ist ein Gemisch aus gefrorenem Gesteinsschutt und Eis, das sich – angetrieben durch die Schwerkraft – extrem langsam hangabwärts bewegt (100- bis 1000-mal langsamer als ein echter Gletscher). Er kommt in den europäischen Hochgebirgen (Alpen, Pyrenäen, Skanden) und der Arktis vor und ist aufgrund der Klimaerwärmung in der Europäischen Roten Liste als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) eingestuft.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Rock glacier and unvegetated ice-dominated moraine
- EUNIS
- H5.2; H4.3 – Glacial moraines with very sparse or no vegetation; Rock glaciers and unvegetated ice-dominated moraines
- EU-28
- Near Threatened
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 8340 – Permanent glaciers
Das Wichtigste in Kürze
Blockgletscher und unbewachsene, eisdominierte Moränen gehören zu den extremsten Lebensräumen Europas. Sie bestehen aus gefrorenem Schutt und Eis und bewegen sich – für das Auge unsichtbar – langsam hangabwärts. Ihre Vegetation ist äußerst spärlich, doch spezialisierte Pionierpflanzen, Flechten und wirbellose Tiere haben sich an diesen kargen Lebensraum angepasst.
EUNIS-Codes: H5.2 (Glacial moraines with very sparse or no vegetation) und H4.3 (Rock glaciers and unvegetated ice-dominated moraines)
Europäische Rote Liste der Lebensräume: Near Threatened (potenziell gefährdet)
FFH-Annex I: Dem Schutzgut „Permanente Gletscher“ (Code 8340) zugeordnet, wobei der Erhaltungszustand nach Artikel 17 in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben ist.
Vorkommen in Europa: Hochgebirge der Alpen, Pyrenäen, Skanden und die arktische Region.
Hauptbedrohung: Globale Klimaerwärmung, die das interne Eis schmelzen lässt und die Bewegung stoppt.
Was ist ein Blockgletscher?
Ein Blockgletscher (engl. rock glacier) ist kein „echter“ Gletscher, sondern eine Mischung aus gefrorenem Gesteinsschutt und Eis, die eine zungen-, lappen- oder spachtelförmige Masse aus kantigen Felsblöcken bildet. Durch das enthaltene Eis verhält sich die Masse ähnlich wie ein Lavastrom und kriecht extrem langsam unter dem Einfluss der Schwerkraft – rund 100- bis 1000-mal langsamer als ein gewöhnlicher Gletscher.
Das Eis in einem Blockgletscher kann unterschiedlichen Ursprungs sein: Es kann aus vergletscherten Resten stammen oder durch Gefrieren von Wasser im Permafrost (dauerhaft gefrorener Boden) entstehen. Blockgletscher kommen daher sowohl im Umfeld von Gletschern als auch in periglazialen Regionen vor, in denen während der Auftauperioden der gefrorene Boden hangabwärts fließt.
Eisdominierte Moränen sind glazial geformte Ablagerungen aus unsortiertem mineralischem Schutt. Sie treten in der Nähe abschmelzender Gletscher auf und enthalten oft große Mengen an Relikteis. Beide Lebensräume teilen extreme Kälte und eine hohe Substratmobilität, die nur wenigen Organismen das Überleben ermöglicht.
EUNIS-Typologie und FFH-Zuordnung
Die Europäischen Lebensraumklassifikation EUNIS fasst diese eisreichen Schuttkörper unter zwei Codes zusammen:
- H5.2 – Glaziale Moränen mit sehr spärlicher oder fehlender Vegetation (Glacial moraines with very sparse or no vegetation)
- H4.3 – Blockgletscher und unbewachsene, eisdominierte Moränen (Rock glaciers and unvegetated ice-dominated moraines)
Beide Typen sind Teil der Gruppe der terrestrischen Lebensräume und überschneiden sich in ihrer Ausprägung. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume betrachtet sie in einer gemeinsamen Einheit (RLH4.3).
In der FFH-Richtlinie (Anhang I) werden diese Formationen dem Lebensraumtyp 8340 „Permanente Gletscher“ zugeordnet. Es handelt sich dabei jedoch um eine Teilmenge, da „Permanente Gletscher“ vor allem aus Firn und Eis bestehen, während Blockgletscher und eisdominierte Moränen durch ihren hohen Schuttanteil gekennzeichnet sind. Dennoch sind sie über diesen Annex I geschützt. Ein eigenständiger Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist für den hier beschriebenen Untertyp in den verwendeten Quelldaten nicht ausgewiesen.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| EUNIS-Code | H5.2; H4.3 |
| EUNIS-Name | Glacial moraines with very sparse or no vegetation; Rock glaciers and unvegetated ice-dominated moraines |
| Europäische Rote Liste Kategorie | Near Threatened |
| FFH-Annex-I-Code | 8340: Permanente Gletscher |
| Artikel-17-Erhaltungszustand | In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben |
| Biogeografische Regionen | In den vorliegenden Quelldaten nicht spezifiziert |
Europäische Rote Liste der Lebensräume: Gefährdungseinstufung
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (Stand 2022, Bewertung für EU28 und EU28+) stuft den Lebensraum „Rock glacier and unvegetated ice-dominated moraine“ als Near Threatened (potenziell gefährdet) ein. Das bedeutet: Der Lebensraum ist zwar noch nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht, steht jedoch kurz davor, die Kriterien für eine Gefährdungskategorie zu erfüllen, falls keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Die Einstufung beruht auf dem anhaltenden Schwund der internen Eismassen infolge der Klimaerwärmung. Sobald ein Blockgletscher sein Eis verliert, stellt er die Kriechbewegung ein und geht in einen inaktiven oder fossilen Zustand über. Dadurch verändert sich der Lebensraum grundlegend, und die typischen physikalischen Prozesse – wie das langsame Fließen und die Offenhaltung von Schuttflächen – erlöschen.
Weitere Faktoren, etwa direkte menschliche Eingriffe, sind in den Datengrundlagen nicht als Bedrohungen gelistet; der dominierende Stressor ist der globale Temperaturanstieg.
Lebensraum und charakteristische Arten
Die extremen Bedingungen – ganzjährig niedrige Temperaturen, bewegter Untergrund und Nährstoffarmut – lassen nur wenige Organismen zu. Die Besiedlung erfolgt fast ausschließlich auf den stabileren Seiten- und Stirnbereichen der Blockgletscher und Moränen.
Pflanzen: Die Vegetation beschränkt sich auf Pionierpflanzen, Flechten und einige höhere Gefäßpflanzen. Aktive Blockgletscher weisen oft eine Vegetationsbedeckung von unter 10 % auf. Inaktive oder fossile Exemplare können hingegen über 70 % Deckung erreichen.
Typische Arten (gemäß den von der EEA bereitgestellten Daten):
- Algen: Chlamydomonas nivalis (Schneealge, die rote oder grüne Schneefelder verursacht)
- Flechten: Cetraria islandica (Isländisch Moos), Rhizocarpon geographicum (Landkartenflechte)
- Gefäßpflanzen:
- Androsace alpina (Alpen-Mannsschild)
- Arabis alpina (Alpen-Gänsekresse), Arabis caerulea (Blaukresse)
- Artemisia mutellina (Alpen-Edelraute)
- Cardamine resedifolia (Resedablättriges Schaumkraut)
- Cerastium uniflorum (Einblütiges Hornkraut)
- Erigeron uniflorus (Einköpfiges Berufkraut)
- Gentiana bavarica (Bayerischer Enzian)
- Geum reptans (Kriechende Nelkenwurz)
- Leucanthemopsis alpina (Alpenmargerite)
- Linaria alpina (Alpen-Leinkraut)
- Oxyria digyna (Alpen-Säuerling)
- Poa alpina (Alpen-Rispengras), P. laxa (Lockeres Rispengras)
- Pritzelago alpina (Alpen-Gemskresse)
- Ranunculus glacialis (Gletscher-Hahnenfuß)
- Salix herbacea (Kraut-Weide), S. retusa (Stumpfblättrige Weide)
- Saxifraga bryoides, S. exarata, S. oppositifolia (Gegenblättriger Steinbrech), S. seguieri
- Sibbaldia procumbens (Gelbling)
Wirbellose Tiere: Mit zunehmender Vegetationsdecke steigt die Vielfalt. Genannt werden Springschwänze (Collembola), Spinnen, Homoptera (Pflanzensauger), Zweiflügler (Diptera), parasitoide Wespen, Laufkäfer und Blattläuse.
Diese Artenliste stellt nur einen Ausschnitt dar, zeigt aber die ökologische Spezialisierung. Alle genannten Pflanzen sind typische Hochgebirgsarten mit Anpassungen an Kälte, Wind und kurze Vegetationsperioden.
Geografische Verbreitung in Europa
Blockgletscher und eisdominierte Moränen kommen ausschließlich in hohen Lagen oder in hohen Breiten vor. In Europa sind sie auf die Hochgebirgsregionen Alpen, Pyrenäen und Skanden (Skandinavisches Gebirge) sowie auf die arktische Region beschränkt. Genaue Länderlisten sind in den verwendeten Quelldaten nicht enthalten; es handelt sich um Gebirgszüge, die sich über mehrere Staaten erstrecken.
Die Verbreitung ist eng an die Existenz von Permafrostbedingungen oder starkem Eisvorkommen gebunden. Mit zunehmendem Klimawandel ist zu erwarten, dass sich die untere Höhengrenze der aktiven Blockgletscher immer weiter nach oben verschiebt.
Qualität und Aktivität von Blockgletschern als Indikator
Die Qualität dieses Lebensraums wird vor allem an seinem Aktivitätsgrad gemessen. Ein aktiver Blockgletscher zeichnet sich durch ein kohärentes, eisreiches Inneres und niedrige Innentemperatur aus; er bewegt sich – wenn auch extrem langsam – hangabwärts. Diese Bewegung hält den Schutt offen und verhindert eine dauerhafte Vegetationsentwicklung.
Ein inaktiver Blockgletscher besitzt kein zusammenhängendes Eiskern mehr; die langsamen Kriechbewegungen haben aufgehört. In solchen Fällen steigt die Vegetationsbedeckung und der ursprüngliche, extrem dynamische Lebensraum wandelt sich in eine stabilere, stärker bewachsene Fläche. Fossile Blockgletscher sind Relikte aus kälteren Klimaperioden und weisen keine Eisdynamik mehr auf.
Diese Abstufung ist gleichzeitig ein Warnsignal: Jeder Verlust des inneren Eises bedeutet einen irreversiblen Übergang zu einem anderen Lebensraumtyp. Der Erhalt aktiver Blockgletscher ist daher entscheidend für die Bewahrung der typischen Prozesse und Arten.
Bedrohungen und Klimawandel
Die mit Abstand größte Bedrohung ist die globale Erderwärmung. Da sowohl das Gletscher- als auch das Permafrosteis auf niedrige Temperaturen angewiesen ist, führt der Temperaturanstieg zum Abschmelzen des Eises – und damit zum Stillstand und schließlich zum Verschwinden aktiver Blockgletscher und eisdominierter Moränen.
Andere Bedrohungen wie Infrastrukturbau (z. B. Skigebietserschließungen, Straßenbau) können lokal wirken, sind jedoch in den offiziellen Datensätzen nicht als Hauptfaktoren erfasst. Die Red List bewertet den Klimawandel als übergreifenden, flächendeckenden Stressor.
Schutzstatus und FFH-Annex I
Der Lebensraum fällt unter den FFH-Annex I (Code 8340 – Permanente Gletscher) und ist damit Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. In den Mitgliedstaaten sind daher Maßnahmen zu ergreifen, um einen günstigen Erhaltungszustand zu bewahren oder wiederherzustellen.
Konkrete Schutz- oder Wiederherstellungsmaßnahmen für Blockgletscher sind in den vorliegenden Quelldaten nicht aufgeführt. Grundsätzlich aber sind alle Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasen und zur Begrenzung des Temperaturanstiegs die wirksamsten Instrumente, um diese Lebensräume zu erhalten.
Innerstaatlich können in den Alpenländern spezielle Monitoringprogramme zur Beobachtung der Kriechbewegung und der Temperatur des Permafrosts eingerichtet sein. Diese Informationen sind jedoch nicht Bestandteil der hier genutzten EEA-Basisdaten.
Was bedeutet das für den Naturschutz in Ihrer Region?
Blockgletscher und eisdominierte Moränen sind kaum in Gärten oder kommunalen Grünflächen nachempfunden. Sie zeigen jedoch eindrücklich, wie empfindlich Hochgebirgs- und arktische Ökosysteme auf Klimaänderungen reagieren. Jede eingesparte Tonne CO₂ trägt dazu bei, das Schmelzen dieser einzigartigen Eisarchive zu verlangsamen.
Für Bergregionen kann die Erhaltung solcher Strukturen auch touristisch und wissenschaftlich von Interesse sein. Besucherlenkung und Sensibilisierung helfen, die verbleibenden aktiven Blockgletscher nicht unnötig zu betreten oder durch Trittschäden zu beeinträchtigen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist ein Blockgletscher?
Ein Blockgletscher ist eine Mischung aus gefrorenem Gesteinsschutt und Eis, die sich wie eine zähe Masse sehr langsam hangabwärts bewegt – rund 100- bis 1000-mal langsamer als ein normaler Gletscher. Er entsteht entweder aus Gletscherresten oder aus gefrorenem Permafrostboden.
In welchen Regionen Europas kommen Blockgletscher vor?
Sie kommen nur in den europäischen Hochgebirgsregionen vor: den Alpen, den Pyrenäen, dem Skandinavischen Gebirge (Skanden) und in der Arktis.
Welchen Gefährdungsstatus hat dieser Lebensraumtyp laut Europäischer Roter Liste?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+) stuft Blockgletscher und eisdominierte Moränen als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) ein. Grund ist der fortschreitende Eisverlust durch den Klimawandel.
Welche typischen Pflanzen wachsen auf Blockgletschern?
Nur wenige Arten können auf diesen extremen Standorten überleben. Genannt werden unter anderem Ranunculus glacialis (Gletscher-Hahnenfuß), Geum reptans (Kriechende Nelkenwurz), Saxifraga oppositifolia (Gegenblättriger Steinbrech) sowie verschiedene Flechten wie Cetraria islandica (Isländisch Moos). Die vollständige Liste findet sich im Artikel.
Wie unterscheiden sich aktive und inaktive Blockgletscher?
Ein aktiver Blockgletscher enthält im Inneren zusammenhängendes Eis und bewegt sich langsam; die Vegetationsbedeckung ist spärlich (meist unter 10 %). Inaktive oder fossile Blockgletscher haben ihr Eis verloren, stehen still und werden zunehmend von Pflanzen besiedelt (Deckung >70 %). Der Aktivitätsgrad ist das Hauptqualitätsmerkmal des Lebensraums.
Quellenangaben
- European Environment Agency: EUNIS Habitats – H5.2 und H4.3
- European Environment Agency: EUNIS Code-Browser Red List
- European Red List of Habitats 2022 Dataset inkl. enhanced package
- EEA Data Share rot
- Artikel-17-Datenbank Habitats Directive
- EU Habitats Directive
Alle Informationen basieren auf den von der Europäischen Umweltagentur (EEA) bereitgestellten, öffentlich zugänglichen Datensätzen. Es wurden keine darüber hinausgehenden Fakten, Länderlisten, Schutzstufen oder Arten ergänzt.
Häufige Fragen
Was ist ein Blockgletscher?
Ein Blockgletscher ist eine Mischung aus gefrorenem Gesteinsschutt und Eis, die sich sehr langsam (100- bis 1000-mal langsamer als ein Gletscher) hangabwärts bewegt. Er kann aus Gletscherresten oder aus kriechendem Permafrostboden entstehen.
In welchen Regionen Europas kommen Blockgletscher vor?
Sie sind auf die Hochgebirge der Alpen, Pyrenäen und Skanden sowie auf die arktische Region beschränkt.
Welchen Gefährdungsstatus hat dieser Lebensraumtyp laut Europäischer Roter Liste?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+) weist für „Rock glacier and unvegetated ice-dominated moraine“ die Kategorie Near Threatened (potenziell gefährdet) aus.
Welche typischen Pflanzen wachsen auf Blockgletschern?
Nur extrem spezialisierte Arten wie Gletscher-Hahnenfuß (Ranunculus glacialis), Kriechende Nelkenwurz (Geum reptans) oder Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia) sowie Flechten (z. B. Isländisch Moos) besiedeln die Ränder und stabilen Bereiche.
Wie unterscheiden sich aktive und inaktive Blockgletscher?
Aktive Blockgletscher haben einen Eiskern, bewegen sich und sind kaum bewachsen (<10 % Vegetation). Inaktive oder fossile Exemplare haben kein Eis mehr, stehen still und werden zu über 70 % von Pflanzen bedeckt.