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EUNIS: MB538; MB5382; MB5383; MB539; MB53AEuropäische Rote Liste: Least ConcernFFH-Anhang I: 1110; 1160; 1650

Infaunagemeinschaften im baltischen Sublitoral auf Sand – ein verborgener Lebensraum des Ostseebodens

Infaunagemeinschaften im baltischen Sublitoral auf Sand (EUNIS MB538 ff.) sind marine Sandböden in der lichtdurchfluteten Zone der Ostsee. Sie werden nicht von Muscheln dominiert, sondern von borstenwurmartigen Polychaeten (z. B. Arenicola marina), Flohkrebsen (Bathyporeia pilosa) oder Zuckmückenlarven. Der Lebensraum ist auf der europäischen Roten Liste als „nicht gefährdet“ (Least Concern) eingestuft und in den FFH-Lebensraumtypen 1110, 1160 und 1650 enthalten.

Einordnung

Originalbezeichnung
Infaunal communities in Baltic infralittoral sand not dominated by bivalves
EUNIS
MB538; MB5382; MB5383; MB539; MB53A
EU-28
Least Concern
EU-28+
Least Concern
FFH-Anhang I
1110; 1160; 1650 – Sandbanks which are slightly covered by sea water all the time; Large shallow inlets and bays; Boreal Baltic narrow inlets

Das Wichtigste in Kürze

Unter der spiegelnden Oberfläche der Ostsee erstrecken sich ausgedehnte Sandflächen, die auf den ersten Blick karg erscheinen. Doch unter der Sedimentoberfläche lebt eine artenreiche Gemeinschaft aus Würmern, Kleinkrebsen und Insektenlarven – die sogenannte Infauna. Der hier beschriebene Biotoptyp fasst Lebensräume zusammen, in denen mindestens 90 % des Bodens aus Sand bestehen und die bodenlebende Tierwelt nicht von Muscheln beherrscht wird. Er kommt ausschließlich in der photischen Zone des Baltischen Meeres vor, also in den lichtdurchfluteten, flacheren Bereichen, und ist ein bedeutender Bestandteil des marinen Ökosystems.

Die europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet diesen Biotop als „nicht gefährdet“ (Least Concern). Gleichzeitig ist er über mehrere Anhang-I-Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie geschützt, darunter Sandbänke, große flache Buchten und boreale baltische Schmalbuchten. Trotzdem gibt es bisher keine europaweit einheitlichen Qualitätsindikatoren, sondern lediglich projektbezogene oder lokale Bewertungsansätze.

EUNIS-Klassifikation: Codes und Systematik

Der Biotoptyp wird im Europäischen Naturinformationssystem (EUNIS) durch mehrere Teilcodes repräsentiert, die verschiedene Ausprägungen mit unterschiedlichen dominanten Artengruppen abbilden:

  • MB5382 – Sand dominiert von Polychaeten (z. B. Arenicola marina)
  • MB5383 – Sand dominiert von Polychaeten-Mischbeständen (z. B. Pygiospio elegans, Marenzelleria spp., Hediste diversicolor)
  • MB539 – Sand dominiert von Krebstieren (z. B. Bathyporeia pilosa, Monoporeia affinis)
  • MB53A – Sand dominiert von Zuckmückenlarven (Chironomidae)

Die übergeordnete EUNIS-Code-Gruppe MB538 dient als Sammelbegriff für Infaunagemeinschaften, die nicht von Muscheln dominiert werden. Die vier genannten Einheiten lassen sich als assoziierte Biotope im Sinne des HELCOM HUB-Klassifikationssystems verstehen und sind durch charakteristische Arten und abiotische Bedingungen klar abgrenzbar.

Charakteristische Arten und ihre Lebensgemeinschaften

Die Zusammensetzung der Infauna wechselt je nach geografischer Lage, Salinität und Bodenbeschaffenheit. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die vier untergeordneten Biotope mit ihren kennzeichnenden Arten und Umweltbedingungen.

Biotop (HELCOM HUB)Dominierende GruppeLeitarten (Beispiele)Typische TiefeExposition / SalinitätVerbreitung in der Ostsee
AA.J3M2 – photischer Sand mit WattwurmPolychaetenArenicola marina, begleitet von Mya arenaria, Cerastoderma sp.1–5 mhohe Wellenexposition, >10 psuwestliche Ostsee, Öresund, Beltsee
AA.J3M4 – photischer Sand mit Polychaeten-MischbestandPolychaetenPygospio elegans, Marenzelleria spp., Hediste diversicolor, Ophelia spp., Travisia forbesiivariabel (Sublitoral)in der gesamten Ostsee, meist geringere Salinitätgesamte Ostsee
AA.J3N3 – photischer Sand mit FlohkrebsenKrebstiereBathyporeia pilosa, Monoporeia affinis1–10 mmäßige bis hohe Wellenexposition, >4 psuOstsee (v. a. östlich der Beltsee)
AA.J3P1 – photischer Sand mit ZuckmückenlarvenInsektenlarvenChironomiden-Larvenflaches Sublitoraloft in geschützteren Bereichen, geringere SalinitätKüstennähe, insbesondere in Buchten

Allen Biotopen gemeinsam ist der hohe Sandanteil (>90 %), das Fehlen einer ausgeprägten Makrovegetation und die Dominanz von Organismen, die im Sediment graben oder an seiner Oberfläche leben, ohne dass Muscheln die Biomasse mehrheitlich stellen. Die hier ansässigen Polychaeten, Krebse und Insektenlarven übernehmen zentrale Funktionen im Nahrungsnetz und bei der Sedimentumlagerung.

Rote Liste der europäischen Lebensräume: Gefährdung und Bewertung

In der aktuellen Europäischen Roten Liste der Lebensräume (2022) für die Regionen EU28 und EU28+ wird der Biotop mit „Least Concern“ (nicht gefährdet) eingestuft. Die Einstufung basiert auf Kriterien, die den gesamten Ostseeraum (BAL) einbeziehen. Eine detaillierte Aufschlüsselung nach einzelnen EU-Mitgliedstaaten liegt in den vorliegenden Quelldaten nicht vor.

Die Bewertung als „nicht gefährdet“ bedeutet nicht, dass lokale Bestände nicht unter Druck geraten können. Punkto Gefährdungsursachen werden in den verarbeiteten Quellen keine spezifischen Bedrohungen aufgeführt. Allgemein bekannte Störfaktoren für flache sandige Meeresböden – wie Eutrophierung, Fischerei mit Bodenschleppnetzen oder Baumaßnahmen – können jedoch auch diesen Biotop beeinträchtigen. Da die konkrete Gefährdungssituation jedoch nicht in den Quelldaten dargestellt ist, bleibt diese Einschätzung allgemein.

FFH-Anhang I: Verknüpfte Schutzgüter

Der Lebensraum überschneidet sich mit drei Lebensraumtypen des Anhangs I der FFH-Richtlinie. Diese Verbindung bedeutet, dass die hier geschützten Sandflächen im Rahmen der Natura-2000-Gebietsmeldungen und -bewirtschaftung von rechtlicher Relevanz sind:

  • 1110 – Sandbänke, die ständig von wenig Wasser überspült sind
  • 1160 – Große flache Buchten und Meeresarme
  • 1650 – Boreale baltische Schmalbuchten

Die Verknüpfung wird in den EUNIS-Quergewichten mit dem Symbol „#“ gekennzeichnet, was bedeutet, dass der marine Biotop Bestandteil des jeweiligen FFH-Typs sein kann, jedoch nicht vollständig mit ihm deckungsgleich ist. Eine offizielle Bewertung des Erhaltungszustands nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist in den vorliegenden Quelldaten nicht dokumentiert.

Vorkommen und abiotische Bedingungen

Geographische Verbreitung: Der Biotop ist auf die baltische biogeographische Region beschränkt und kommt in nahezu allen Teilen der Ostsee vor. Ausschlaggebend ist das Zusammenspiel von Wassertiefe, Wellenexposition und Salzgehalt.

Photische Zone (Euphotische Zone): Alle hier erfassten Biotope liegen im Sublitoral, d. h. unterhalb der Niedrigwasserlinie, aber noch im Bereich des einfallenden Lichts, sodass theoretisch Photosynthese möglich wäre. Die tatsächliche Makrovegetation fehlt jedoch weitgehend, weil die starke Sedimentumlagerung und die Dominanz grabender Tiere das Aufkommen von Wasserpflanzen erschweren.

Sediment: Der Substrattyp ist Sand mit einem Volumenanteil von mindestens 90 %. Im Unterschied zu Schlickböden oder von Muscheln geprägten Habitaten zeigt der Sand eine mittlere bis hohe Korngröße mit guter Durchlüftung.

Hydrodynamik: Das Habitat bevorzugt Bereiche mit hoher Energie, die durch Wellenschlag oder Strömungen geprägt sind. In geschützteren Lagen ist es in der Regel schwächer ausgeprägt oder wird von anderen Biotopen (z. B. von Muscheln dominierten Gemeinschaften) abgelöst.

Salinität: Der benötigte Salzgehalt variiert zwischen den Subtypen von über 10 psu (westliche Ostsee) bis unter 4 psu (innere Ostsee, z. B. bei von Chironomiden dominierten Flächen). Diese Breite unterstreicht die Anpassungsfähigkeit der Infauna an die unterschiedlichen Brackwasserbedingungen der Ostsee.

Qualitätsindikatoren und ökologische Bedeutung

In den ausgewerteten Quellen wird betont: „There are no commonly agreed indicators of quality for this habitat.“ Das heißt, europaweit existiert kein einheitlicher Satz an Parametern, um den guten Zustand dieser sandigen Infaunalebensräume zu messen. Wo solche Habitate aber Teil von Natura-2000-Schutzgebieten sind, können lokale Behörden gebietsspezifische Referenzwerte festlegen – etwa zur Bewertung von Artenvielfalt, Individuendichte oder Biomasse der bodenlebenden Fauna.

Potenzielle Indikatoren, die in der Literatur genannt werden, umfassen:

  • Abundanz und Biomasse der gesamten Fauna
  • Artenzahl und -diversität der Infauna
  • Präsenz charakteristischer und störungsempfindlicher Arten
  • Wasserqualitätsparameter (z. B. Sauerstoffgehalt, Nährstoffkonzentration)

Die Sandböden erfüllen wichtige Ökosystemdienstleistungen: Sie wirken als Filter für das darüber liegende Wasser, bieten Nahrungsgründe für benthisch fressende Fische und tragen durch die Bioturbation (Durchmischung des Sediments durch grabende Tiere) zum Nährstoffkreislauf bei.

Relevanz für Küstengemeinden und den Naturschutz

Auch wenn sich dieser marine Biotop nicht direkt im heimischen Garten oder in kommunalen Grünflächen nachbilden lässt, ist seine ökologische Bedeutung für die Ostseeregion beträchtlich. Viele Küstengemeinden und Schutzgebietsbetreuer stehen vor der Aufgabe, die Wasserqualität vor ihren Küsten so zu erhalten, dass diese sensitiven Sandflächen nicht durch Verschmutzung, zu hohe Nährstoffeinträge oder flächige Baggerungen zerstört werden.

Spaziergänger am Strand begegnen der hier lebenden Infauna oft indirekt: verlassene Wohnröhren des Wattwurms Arenicola marina oder ausgeworfene sandige Kothäufchen am Strand sind sichtbare Zeichen der darunterliegenden Gemeinschaften. In Bildungsprojekten von Ostseezentren und Nationalparken werden diese unscheinbaren Tiere als wertvolle Zeiger für einen intakten Meeresboden vorgestellt. Kenntnisse über die EUNIS-Klassifikation helfen dabei, die Vielfalt der baltischen Sandböden fachlich einzuordnen und Schutzmaßnahmen zielgerichteter zu planen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Was versteht man unter „Infauna“?

Die Infauna umfasst alle Tiere, die im Bodensediment leben – im Gegensatz zur Epifauna, die auf der Sedimentoberfläche oder an Hartsubstraten vorkommt. Bei diesem Biotoptyp handelt es sich um Polychaeten, Krebstiere und Insektenlarven, die im Sand graben oder Röhren bauen.

2. Welche typischen Arten prägen diese Sandböden?

Leitarten sind je nach Untertyp der Wattwurm Arenicola marina, der Polychaet Pygospio elegans, der Flohkrebs Bathyporeia pilosa oder Zuckmückenlarven. Begleitet werden sie von weiteren Würmern und Kleinkrebsen, jedoch treten Muscheln nicht als Dominanzgruppe auf.

3. In welchen FFH-Lebensraumtypen findet man diesen Biotop?

Er ist in den Anhang-I-Typen 1110 (Sandbänke, die ständig von wenig Wasser überspült sind), 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1650 (Boreale baltische Schmalbuchten) enthalten. Die Zuordnung ist nicht deckungsgleich, vielmehr bilden die Sandflächen einen Teil dieser Schutzgüter.

4. Ist der Lebensraum gefährdet?

Die europäische Rote Liste führt ihn mit „Least Concern“, also als nicht gefährdet auf europäischer Ebene. Da keine spezifischen Bedrohungen in den Quelldaten ausgewiesen sind, lässt sich eine regionale oder lokale Gefährdung daraus nicht ableiten.

5. Warum gibt es keine einheitlichen Qualitätsindikatoren?

Laut EUNIS-Daten sind „no commonly agreed indicators of quality for this habitat“ vorhanden. In Natura-2000-Gebieten können jedoch lageangepasste Referenzwerte zur Bewertung des Erhaltungszustands genutzt werden, die sich z. B. auf Diversität, Abundanz und Biomasse der Infauna stützen.

Quellenangaben

  • Europäische Umweltagentur (EEA): European Red List of Habitats, Datenpaket 2022. Link
  • EEA Datahare: Erweiterte Rote-Liste-Daten. Link
  • EUNIS Habitat Classification Browser. Link
  • EUNIS Code Browser – Rote Liste. Link
  • Artikel-17-Datenbank zur FFH-Richtlinie. Link
  • EU-Kommission: Habitatrichtlinie (Habitats Directive). Link

Häufige Fragen

Was versteht man unter „Infauna“?

Die Infauna umfasst alle Tiere, die im Bodensediment leben – im Gegensatz zur Epifauna, die auf der Sedimentoberfläche oder an Hartsubstraten vorkommt. Bei diesem Biotoptyp handelt es sich um Polychaeten, Krebstiere und Insektenlarven, die im Sand graben oder Röhren bauen.

Welche typischen Arten prägen diese Sandböden?

Leitarten sind je nach Untertyp der Wattwurm *Arenicola marina*, der Polychaet *Pygospio elegans*, der Flohkrebs *Bathyporeia pilosa* oder Zuckmückenlarven. Begleitet werden sie von weiteren Würmern und Kleinkrebsen, jedoch treten Muscheln nicht als Dominanzgruppe auf.

In welchen FFH-Lebensraumtypen findet man diesen Biotop?

Er ist in den Anhang-I-Typen 1110 (Sandbänke, die ständig von wenig Wasser überspült sind), 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1650 (Boreale baltische Schmalbuchten) enthalten. Die Zuordnung ist nicht deckungsgleich, vielmehr bilden die Sandflächen einen Teil dieser Schutzgüter.

Ist der Lebensraum gefährdet?

Die europäische Rote Liste führt ihn mit „Least Concern“, also als nicht gefährdet auf europäischer Ebene. Da keine spezifischen Bedrohungen in den Quelldaten ausgewiesen sind, lässt sich eine regionale oder lokale Gefährdung daraus nicht ableiten.

Warum gibt es keine einheitlichen Qualitätsindikatoren?

Laut EUNIS-Daten sind „no commonly agreed indicators of quality for this habitat“ vorhanden. In Natura-2000-Gebieten können jedoch lageangepasste Referenzwerte zur Bewertung des Erhaltungszustands genutzt werden, die sich z. B. auf Diversität, Abundanz und Biomasse der Infauna stützen.

Quellen