Grob- und Schillböden der oberen Zirkalitoralzone der Ostsee – Lebensgemeinschaften ohne Muscheldominanz
Der Biotoptyp umfasst bodenlebende (infaunale) Gemeinschaften der oberen Zirkalitoralzone der Ostsee auf substraten mit mindestens 90 % Grobsediment oder Schill, die nicht von Muscheln dominiert werden. Er gliedert sich in vier Biotope mit unterschiedlichen Makrofauna-Gemeinschaften – darunter von Vielborstern oder Flohkrebsen geprägte Typen – und gilt europaweit als ungefährdet (Least Concern).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Infaunal communities in Baltic upper circalittoral coarse sediment and shell gravel not dominated by bivalves
- EUNIS
- MC2335; MC334; MC335
- EU-28
- Least Concern
- EU-28+
- Least Concern
- FFH-Anhang I
- 1110; 1160 – Sandbanks which are slightly covered by sea water all the time; Large shallow inlets and bays
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Codes: MC2335, MC334, MC335
- Lebensraum: Oberes Zirkalitoral der Ostsee mit mindestens 90 % Grobsediment oder Schill, nicht von Muscheln dominiert
- Charakteristik: gemischte infaunale Makrofauna-Gemeinschaften auf Hartsubstraten aus Muschelbruch, Grobkies und Schalenfragmenten
- Rote Liste der europäischen Lebensräume: Least Concern (nicht gefährdet) – sowohl in der EU28 als auch in der erweiterten Bewertung EU28+
- FFH-Bezug: Teilweise in den Anhang-I-Lebensraumtypen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten) enthalten
- Erhaltungszustand nach Art. 17 FFH-Richtlinie: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben
- Verbreitung: Ausschließlich in der baltischen biogeografischen Region, d. h. auf die Ostsee beschränkt. Die Schillbiotope auf sehr feinen Schalenfragmenten sind nur aus der Beltsee bekannt.
EUNIS-Einordnung: Drei Lebensraumcodes für einen Habitattyp
Nach dem EUNIS-System werden die baltischen Grobsediment-Lebensräume der oberen Zirkalitoralzone unter den Codes MC2335, MC334 und MC335 geführt. Die Taxonomie folgt der HELCOM-HUB-Klassifikation. Die drei Codes spiegeln unterschiedliche Ausprägungen innerhalb des beschriebenen Habitats wider:
- MC2335 – grobe, gut sortierte Schalen und Schalenfragmente (Biotop AB.E3X)
- MC334 – feine, sandartige Schalenfragmente (Biotop AB.E3Y)
- MC335 – Grobsedimente, die nicht zwingend von Schill dominiert werden; unterteilt in zwei weitere Biotope, die durch infaunale Vielborster (AB.I3M) oder infaunale Krebse (AB.I3N) geprägt sind.
Diese Aufteilung ist für das Verständnis der internen Vielfalt wichtig, auch wenn die Rote-Liste-Bewertung den Habitattyp als Ganzes betrachtet.
Lebensraum und Standortbedingungen
Das Habitat kommt in hochdynamischen Bereichen der Ostsee vor, in der Regel unterhalb von 20 m, auf Grobsedimenten sogar meist unterhalb von 30 m Wassertiefe. Es ist dem oberen Zirkalitoral zuzuordnen – jener Tiefenzone, die noch vom Bodenleben geprägt, aber bereits weitgehend lichtarm ist.
Das Substrat besteht zu mindestens 90 % aus Grobsediment oder Schill (Muschelbruch, Schalenreste). Entscheidend ist, dass Muscheln nicht die Lebensgemeinschaft dominieren; stattdessen sind es Vielborster, Flohkrebse, andere Krebstiere und weitere Endofauna, die die Struktur und Funktion des Lebensraums bestimmen.
Die Strömungs- und Wellenenergie ist hoch, sodass sich nur Arten halten können, die mit der ständigen Umlagerung des Sediments zurechtkommen. Die Lückenräume zwischen den Grobpartikeln bieten jedoch vielen grabenden oder tunnelbauenden Organismen Unterschlupf – besonders, wenn der Feinanteil noch das Verkleben von Gängen erlaubt.
Vier zugehörige Biotope
Die unten stehende Tabelle fasst die vier beschriebenen Biotope zusammen, die den Habitattyp ausmachen.
| Biotop-Code | Substrattyp | Charakteristische Fauna | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| AB.E3X | Grobe, gut sortierte Schalen und Schalenfragmente | Gemischte Makroinfauna | Kommt in verschiedenen Ostseegebieten vor |
| AB.E3Y | Sehr feine, sandartige Schalenfragmente | Gemischte Makroinfauna | Nur aus der Beltsee berichtet |
| AB.I3M | Grobsediment (nicht zwangsläufig Schill) | Infaunale Vielborster, vorwiegend aus der Familie Spionidae (Pygospio elegans, Streblospio shrubsoli) bauen Röhren | Bildet einen eigenen Biotoptyp innerhalb des Habitats |
| AB.I3N | Grobsediment | Infaunale Krebstiere, insbesondere Bathyporeia pilosa (≥50 % der Krebsbiomasse) | Charakterisiert durch hohen Anteil dieses Flohkrebses |
Artenvielfalt und charakteristische Organismen
Die Lebensgemeinschaft ist artenreicher, als die karge Optik des Grobsediments vermuten lässt. Da Muscheln nicht vorherrschen, treten andere Gruppen in den Vordergrund:
- Polychaeten (Vielborster): Insbesondere die Spionidae wie die Sandröhrenwürmer Pygospio elegans und Streblospio shrubsoli prägen den Biotop AB.I3M. Sie bauen Wohnröhren im Sediment und filtern Nahrungspartikel aus dem Wasser.
- Amphipoden (Flohkrebse): Der grabende Flohkrebs Bathyporeia pilosa macht im Biotop AB.I3N mindestens die Hälfte der Krebsbiomasse aus. Er ist ein guter Indikator für sandig-kiesige Substrate mit ausreichend Lückenraum.
- Weitere Endofauna: In den Sortierungen der Grobschille (Biotope AB.E3X und AB.E3Y) kommen zusätzlich Asseln, verschiedene Kleinkrebse und nicht-grabende Tiere vor, die die Hohlräume zwischen den Schalen nutzen.
Die genaue Zusammensetzung variiert mit der Korngröße, dem Anteil ganzer oder zerbrochener Schalen und dem Salzgehaltsgradienten der Ostsee. Da meist Tiefen unter 20 m und lebhafte Wasserbewegung herrschen, finden sich kaum Algen oder höhere Pflanzen; der Lebensraum ist weitgehend tiergestützt.
Europäische Gefährdungseinstufung
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats) bewertet diesen Habitattyp in sämtlichen räumlichen Bezügen als Least Concern (LC) – nicht gefährdet:
- EU28: Least Concern
- EU28+ (inklusive Norwegen, Island, Schweiz, Balkanländer): ebenfalls Least Concern
Die Einstufung beruht auf einer Expertenbewertung im Rahmen des Projekts der Europäischen Umweltagentur (EEA 2022). Es gibt keine Hinweise auf einen starken Rückgang der Fläche oder eine gravierende qualitative Verschlechterung im gesamten Verbreitungsgebiet. Ein spezifisches Kriterium für die Herabstufung ist in den Quelldaten nicht hinterlegt.
Diese positive Einstufung bedeutet jedoch nicht, dass regionale oder lokale Belastungen ausgeschlossen sind. Insbesondere Nährstoffeinträge, die Förderung von Sedimentumlagerungen oder die Fischerei mit Grundschleppnetzen können vor Ort Einfluss nehmen. Regional können daher Schutzgüter in Natura-2000-Gebieten strengere Referenzwerte erhalten haben.
FFH-Anhang I und Artikel-17-Status
Der Habitattyp ist keinem eigenen FFH-Lebensraumtyp gleichgestellt, sondern steht mit zwei Anhang-I-Typen in Verbindung:
- 1110 – Sandbänke mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser
- 1160 – Flache große Meeresarme und -buchten
Wo grobe Schillflächen räumlich mit Sandbänken oder großen Flachwasserbuchten zusammenfallen, können sie Teil dieser Schutzgüter sein und damit dem Natura-2000-Schutzregime unterliegen. Die in den Quelldaten hinterlegte Kopplung ist mit dem Symbol „#“ versehen, was auf eine überschneidende, aber nicht identische Fläche hinweist.
Ein europaweiter Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist nicht ausgewiesen (in den vorliegenden Daten nicht angegeben). Das bedeutet, dass keine aggregierte Bewertung auf EU-Ebene vorliegt und eine Beurteilung nur anhand lokaler Monitoringdaten möglich ist.
Qualitätsindikatoren und Bewertungsmöglichkeiten
Für diesen Habitattyp gibt es keine europaweit vereinbarten Qualitätsindikatoren, aber in den Beschreibungen werden mehrere mögliche Ansätze genannt:
- Biotische Indikatoren: Vorhandensein charakteristischer Arten und sensibler Arten, die auf bestimmte Druckfaktoren reagieren
- Abiotische Indikatoren: Wasserqualitätsparameter, Sedimentzusammensetzung, Expositionsgrad
- Integrierende Indizes: z. B. ein trophischer Index, der die Nahrungsnetzstruktur beschreibt, oder die Erfassung von Sukzessionsstadien in Lebensräumen mit natürlichen Veränderungszyklen
Konkret wird die Diversität, Abundanz und Biomasse der dominanten Arten und der Begleitfauna als potenzieller Qualitätsindikator vorgeschlagen. In der Praxis kommen ortsspezifische Referenzwerte vor allem dann zum Einsatz, wenn das Habitat Teil eines ausgewiesenen Schutzgebiets ist (z. B. Natura-2000-Gebiete). Ein verbindliches Bewertungsschema für das gesamte Ostseegebiet existiert jedoch nicht.
Einordnung für Planer, Küstenmanager und naturinteressierte Bürger
Auch wenn dieser marine Habitattyp nicht eins zu eins in Gärten oder an Land nachgebildet werden kann, lassen sich aus seiner Beschreibung wichtige Punkte ableiten:
- Küstenmanagement: Bauprojekte mit Sedimententnahme, Fahrrinnenausbaggerung oder Aufspülungen sollten die Verbindung zu den Anhang‑I‑Typen 1110 und 1160 beachten, da das Habitat dort vorkommen kann.
- Meeresmonitoring: Die charakteristischen Arten (z. B. Pygospio elegans oder Bathyporeia pilosa) können als lokale Indikatoren für die Gesundheit des Benthos genutzt werden – ein Ansatz, der in Bürgerwissenschaftsprojekten selten, aber denkbar ist.
- Bildung und Naturverständnis: Das Beispiel zeigt, wie selbst auf grobem Schill eine artenreiche Bodenfauna ohne Muscheldominanz besteht. Die Vielfalt der Kleintiere ist für das Nahrungsnetz und die Sedimentstabilität bedeutend.
Für den Garten ist der Lebensraum nicht reproduzierbar, doch eine Analogie im Umgang mit sandig-kiesigen, nährstoffarmen Standorten kann helfen, Verständnis für offene, dynamische Lebensräume zu wecken.
FAQ
Was ist der Lebensraumtyp „Infaunal communities in Baltic upper circalittoral coarse sediment and shell gravel not dominated by bivalves“?
Es handelt sich um benthische Lebensgemeinschaften der Ostsee in der oberen Zirkalitoralzone auf Grobsediment oder Schill (Muscheltrümmer, Schalenbruch), die nicht von Muscheln beherrscht werden. Der Habitat ist durch grabende und tunnelbauende Vielborster, Flohkrebse und andere Kleintiere geprägt und nur aus der Ostsee bekannt.
Welche EUNIS-Codes gehören zu diesem Lebensraum?
Die Europäische Umweltagentur führt drei Codes: MC2335 (grobe Schillböden, Biotop AB.E3X), MC334 (feine Schillfragmente, AB.E3Y) und MC335 (Grobsedimente mit Varianten AB.I3M und AB.I3N).
Ist der Lebensraum gefährdet?
Nach der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (2022) ist er sowohl auf EU‑28‑Ebene als auch im erweiterten Bewertungsrahmen (EU28+) als „Least Concern“ (nicht gefährdet) eingestuft. Eine konkrete Gefährdungsursache wurde nicht veröffentlicht, regionale Belastungen sind möglich.
Steht er unter Schutz der FFH-Richtlinie?
Der Habitattyp ist nicht als eigener FFH-Lebensraumtyp gelistet, kann aber Teil der Anhang‑I‑Typen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten) sein. Ein offizieller Erhaltungszustand nach Artikel 17 FFH-Richtlinie wurde in den vorliegenden Daten nicht erfasst.
Welche Tiere sind typisch für diesen Lebensraum?
Für den Biotop AB.I3M sind Vielborster der Familie Spionidae charakteristisch, z. B. Pygospio elegans und Streblospio shrubsoli. Der Biotop AB.I3N wird durch den Flohkrebs Bathyporeia pilosa dominiert, der mindestens die Hälfte der Krebsbiomasse ausmacht. In den anderen Biotopen dominieren gemischte Makrofaunagemeinschaften auf Schill.
Quellen und Datenbasis
- Europäische Rote Liste der Lebensräume – Marine Habitats (EEA, 2022): https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/european-red-list-of-habitats
- Hintergrunddaten zur Lebensraumbewertung (SDI-Share)
- EUNIS-Datenbank https://eunis.eea.europa.eu/habitats.jsp
- EUNIS Code Browser Rote Liste https://eunis.eea.europa.eu/habitats-code-browser-redlist.jsp
- Artikel-17-Datenbank der FFH-Richtlinie https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/article-17-database-habitats-directive-92-43-eec-2
- EU-Habitats Directive – Überblick https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive_en
Hinweis: Alle Angaben beruhen auf dem EEA-erweiterten Datensatz der Europäischen Roten Liste der Lebensräume 2022. Wo Informationen nicht vorlagen, ist dies im Text vermerkt.
Häufige Fragen
Was ist der Lebensraumtyp „Infaunal communities in Baltic upper circalittoral coarse sediment and shell gravel not dominated by bivalves“?
Es handelt sich um benthische Lebensgemeinschaften der Ostsee in der oberen Zirkalitoralzone auf Grobsediment oder Schill (Muscheltrümmer, Schalenbruch), die nicht von Muscheln beherrscht werden. Der Habitat ist durch grabende und tunnelbauende Vielborster, Flohkrebse und andere Kleintiere geprägt und nur aus der Ostsee bekannt.
Welche EUNIS-Codes gehören zu diesem Lebensraum?
Die Europäische Umweltagentur führt drei Codes: MC2335 (grobe Schillböden, Biotop AB.E3X), MC334 (feine Schillfragmente, AB.E3Y) und MC335 (Grobsedimente mit Varianten AB.I3M und AB.I3N).
Ist der Lebensraum gefährdet?
Nach der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (2022) ist er sowohl auf EU‑28‑Ebene als auch im erweiterten Bewertungsrahmen (EU28+) als „Least Concern“ (nicht gefährdet) eingestuft. Eine konkrete Gefährdungsursache wurde nicht veröffentlicht, regionale Belastungen sind möglich.
Steht er unter Schutz der FFH-Richtlinie?
Der Habitattyp ist nicht als eigener FFH-Lebensraumtyp gelistet, kann aber Teil der Anhang‑I‑Typen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten) sein. Ein offizieller Erhaltungszustand nach Artikel 17 FFH-Richtlinie wurde in den vorliegenden Daten nicht erfasst.
Welche Tiere sind typisch für diesen Lebensraum?
Für den Biotop AB.I3M sind Vielborster der Familie Spionidae charakteristisch, z. B. Pygospio elegans und Streblospio shrubsoli. Der Biotop AB.I3N wird durch den Flohkrebs Bathyporeia pilosa dominiert, der mindestens die Hälfte der Krebsbiomasse ausmacht. In den anderen Biotopen dominieren gemischte Makrofaunagemeinschaften auf Schill.