Infaunale Muschelbestände auf Ostsee-Schlick (EUNIS MB638) – Ein verborgener Lebensraum
Die infaunalen Lebensgemeinschaften auf schlickigem Sediment im baltischen Sublitoral (EUNIS MB638, MB6381, MB6382) werden von Muscheln wie Macoma balthica dominiert. Sie gelten nach der Europäischen Roten Liste als 'Near Threatened' (gering gefährdet) und sind typische Bestandteile von FFH-Lebensräumen wie Ästuaren und flachen Buchten.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Infaunal communities in Baltic infralittoral muddy sediment - bivalves
- EUNIS
- MB638; MB6381; MB6382
- EU-28
- Near Threatened
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 1130; 1160; 1650; 1150 – Estuaries; Large shallow inlets and bays; Boreal Baltic narrow inlets; * Coastal lagoons
Das Wichtigste in Kürze
- Was: Weiche Schlickböden im flachen, lichtdurchfluteten Bereich der Ostsee, in denen Muscheln den größten Teil der Biomasse stellen.
- EUNIS-Codes: MB638 (übergeordnet), MB6381 und MB6382 (differenzierte Biotope).
- Charakterarten: Baltische Plattmuschel (Macoma balthica), Islandmuschel (Arctica islandica), Astarte-Arten (Astarte spp.).
- Gefährdung (EU): Near Threatened – Vorwarnstufe für mögliche Gefährdung.
- FFH-Bezüge: Die Biotope sind Teil der Lebensraumtypen 1130 (Ästuare), 1160 (Flache große Buchten), 1650 (Boreale baltische enge Meeresarme) und 1150 (* Lagunen).
- Vorkommen: Ausschließlich in der baltischen Region (Ostsee und Beltsee).
Was sind infaunale Lebensgemeinschaften im Ostsee-Sublitoral?
Unter infaunalen Lebensgemeinschaften versteht man Tiergesellschaften, die im Meeresboden leben – im Gegensatz zu Epifauna, die auf dem Sediment oder an Steinen sitzt. Im vorliegenden Biotoptyp handelt es sich um Weichböden, die zu mindestens 90 % aus Schlick (Mudde) bestehen. Diese Böden befinden sich in der photischen Zone (Sublitoral), also bis zu einer Tiefe von etwa 20 Metern, sodass noch ausreichend Licht für Primärproduktion vorhanden ist.
Die Besonderheit: Sessile oder halb-sessile, auf dem Boden lebende Großtiere (Epibenthos) fehlen weitgehend. Stattdessen dominieren grabende Muscheln die Biomasse. Sie filtern Nahrung aus dem Wasser oder nehmen organisches Material aus dem Sediment auf und prägen so das gesamte Nahrungsnetz.
Die hydrologischen Bedingungen sind durch geringe bis mäßige Wellen- und Strömungsexposition gekennzeichnet, was die Ablagerung feiner Sedimente begünstigt.
EUNIS-Typologie: Codes und drei Biotope
Die europäische Habitatklassifikation (EUNIS) führt diesen Typ unter dem Code MB638 („Infaunal communities in Baltic infralittoral muddy sediment – bivalves“). Zwei zugehörige, detailliertere Einheiten sind MB6381 und MB6382. Laut den Querverweisen des Europäischen Umweltbüros (EEA) sind diese Codes wie folgt verknüpft:
- MB638: entspricht annähernd dem übergeordneten Habitat (≈)
- MB6381: wird als breiteres Konzept geführt (>)
- MB6382: ebenfalls ungefähre Entsprechung (≈)
Die Rote Liste bewertet die drei genannten benthischen Biotope der Ostsee gemeinsam. Sie unterscheiden sich nach der jeweils dominierenden Muschelart und den spezifischen Umweltbedingungen:
| Biotop-Code (HUB) | Dominierende Muschelart | Charakteristischer Lebensraum | Vorkommen und Rahmenbedingungen |
|---|---|---|---|
| AB.H3L1 | Baltische Plattmuschel (Macoma balthica) | Schlickböden im gesamten Ostseeraum | Häufigster Typ; weit verbreitet in allen Teilen der Ostsee, Salinität variabel |
| AB.H3L3 | Islandmuschel (Arctica islandica) | Schlickböden mit höherem Salzgehalt | Nur südwestliche Ostsee (Beltsee), Salzgehalt > 15 psu, optimale Tiefe 25–80 m |
| AB.H3L5 | Astarte-Arten (Astarte spp.) | Sauerstoffreiche, kühlere Standorte | Südliche und westliche Ostsee, südliche Gotlandsee, Beltsee; bodennahes Wasser mit 10–15 psu Salinität, 3–8 °C und guten Sauerstoffverhältnissen; Astarte borealis erreicht hier ihre südliche Verbreitungsgrenze |
Die Biotopbezeichnungen AB.H3L1, AB.H3L3 und AB.H3L5 stammen aus der HELCOM HUB-Klassifikation und sind unter EUNIS in die Codegruppe MB638 eingeordnet. Die Unterschiede in Salinität, Temperatur und Sauerstoffgehalt erklären die räumliche Trennung der drei Ausprägungen.
Europäische Rote Liste: Gefährdungskategorie „Near Threatened“
Im Rahmen der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+, Stand 2022) wurde dieser baltische Schlick-Muscheltyp als „Near Threatened“ (gering gefährdet) eingestuft. Das bedeutet, dass er aktuell noch nicht als gefährdet gilt, aber Anzeichen für eine Verschlechterung oder drohende Gefährdung vorhanden sind. Ein konkretes Einstufungskriterium wird im Datensatz nicht genannt; die Bewertung basiert auf Experteneinschätzungen unter Verwendung von Daten des Ostsee-Monitorings (HELCOM).
Diese Vorwarnstufe unterstreicht die Notwendigkeit, die Lebensraumqualität weiter zu beobachten, auch wenn derzeit keine akute Bedrohung auf europäischer Ebene deklariert wurde.
FFH-Anhang-I-Bezüge: Teil von Ästuaren, Buchten und Lagunen
Das Habitat ist kein eigenständiger FFH-Lebensraumtyp, sondern ein typischer Bestandteil mehrerer Anhang-I-Lebensräume der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. In der Roten Liste wird es mit folgenden FFH-Codes verknüpft (Verknüpfungsqualifier: „#“ = teilweise Überschneidung):
- 1130 – Ästuare (Flussmündungsbereiche)
- 1160 – Flache große Meeresarme und -buchten
- 1650 – Boreale baltische enge Meeresarme
- 1150 – * Lagunen des Küstenraumes (prioritärer Lebensraum)
Für diese übergreifenden Lebensraumtypen bilden die muscheldominierten Schlickböden wichtige Teillebensräume. Ihre typische Artenausstattung und Sedimentdynamik sind für die Beurteilung des Erhaltungszustands dieser FFH-Schutzgüter relevant.
Ein Artikel-17-Erhaltungszustand auf EU-Ebene war in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben. Lokale Erhaltungszustände innerhalb von Natura‑2000-Gebieten können abweichen und werden standortspezifisch bewertet.
Lebensraum und Artenvielfalt
Charakteristische Arten
Die Biomasse wird von den drei bereits genannten Muschelarten geprägt:
- Baltische Plattmuschel (Macoma balthica) – euryhalin, kommt in der ganzen Ostsee vor.
- Islandmuschel (Arctica islandica) – an höhere Salzkonzentrationen gebunden, sehr langlebig.
- Astarte-Arten (Astarte spp.), darunter die boreale Astarte borealis, die im Ostseeraum ihre südliche Verbreitungsgrenze erreicht.
Weitere typische Arten sind in den Quelldaten nicht aufgelistet. Die Fauna besteht aber neben den Muscheln aus anderen grabenden Wirbellosen und Kleinkrebsen, die jedoch in der Roten-Liste-Beschreibung nicht explizit benannt werden.
Qualitätsindikatoren
Es gibt keine einheitlich vereinbarten Qualitätsindikatoren für diesen Biotoptyp. In einigen Natura‑2000-Gebieten wurden lokale Referenzwerte für die Ausprägung festgelegt. Potenzielle Indikatoren, die auch in der Datenbasis genannt werden, sind:
- Präsenz der charakteristischen Muschelarten und anderer sensibler Arten
- Wasserqualitätsparameter (z. B. Sauerstoffgehalt, Nährstoffbelastung, Schadstoffe)
- Intensität der Wellen- und Strömungsexposition
- Integrative Indizes wie Trophiegrad, benthische Indexsysteme oder Diversität
- Abundanz und Biomasse der Bodenfauna
Diese Parameter helfen, Veränderungen im Lebensraum frühzeitig zu erkennen – etwa eine Abnahme der Muschelbestände oder eine Verschiebung der Artenzusammensetzung.
Geografische Verbreitung
Der Biotoptyp ist auf die baltische biogeografische Region (BAL) beschränkt. Die drei Biotope decken dabei große Teile der Ostsee ab:
- Macoma-balthica-Biotope finden sich von der Kieler Bucht bis in die nördliche Bottenwiek.
- Arctica-islandica-Biotope sind auf den Übergangsbereich von Nord- und Ostsee in der Beltsee konzentriert (Salzgehalt > 15 psu).
- *Astarte-*Biotope besiedeln ein Band mit intermediärem Salzgehalt und guter Sauerstoffversorgung im südlichen und westlichen Ostseeraum.
Konkrete Staatenlisten sind in den Quelldaten nicht enthalten, was darauf hindeutet, dass die Bewertung auf Meeresgebieten und nicht auf politischen Grenzen beruht.
Gefährdungen und Schutzmaßnahmen
Die Europäische Rote Liste gibt für diesen Biotoptyp keine spezifischen Bedrohungsfaktoren an. Dennoch lassen sich aus dem Wissen über benthische Ostsee-Schlickböden allgemeine Stressoren ableiten, die auch hier wirken können:
- Eutrophierung und daraus resultierende Sauerstoffdefizite
- Schadstoffeinträge und Sedimentbelastung
- Körperliche Störungen durch Grundschleppnetzfischerei und Baggeraktivitäten
- Klimawandelbedingte Erwärmung und veränderte Salinitätsmuster
Restaurierungs- oder Wiederherstellungsmaßnahmen sind in den Quelldaten nicht dokumentiert. In FFH-Gebieten, die diesen Lebensraumtyp einschließen, können jedoch lokale Erhaltungsziele festgelegt sein, die Maßnahmen wie Nährstoffreduktion oder Fischereiausschluss umfassen.
Bedeutung für den Naturschutz und die Öffentlichkeit
Auch wenn dieser Lebensraum für Bürger nicht direkt zugänglich ist, ist er ein wichtiger Teil des marinen Naturerbes der Ostsee. Die dominanten Muschelarten filtern große Wassermengen, stabilisieren das Sediment und dienen als Nahrungsquelle für Fische und Vögel. Bildung und Öffentlichkeitsarbeit können helfen, den Schutz dieser verborgenen Lebensräume in das allgemeine Bewusstsein zu rücken. Eine direkte Übertragung in Gärten oder an Land ist nicht möglich.
Zusammenfassung
Die infaunalen Muschelbestände auf baltischen Schlickböden (EUNIS MB638 ff.) sind ein charakteristisches, aber verletzliches Element der Ostsee. Die Einstufung als „Near Threatened“ mahnt zur Wachsamkeit. Ihre enge Verbindung zu mehreren FFH-Lebensraumtypen unterstreicht die Notwendigkeit eines integrierten Meeresschutzes.
Häufige Fragen
Was versteht man unter einer infaunalen Gemeinschaft?
Eine infaunale Gemeinschaft besteht aus Tieren, die im Meeresboden leben und sich dort eingraben – im Unterschied zu Organismen, die auf dem Sediment aufsitzen (Epifauna). In diesem Ostsee-Habitat sind das vor allem Muscheln wie die Baltische Plattmuschel.
Welche Muschelarten charakterisieren den Biotoptyp?
Die drei im Roten-Liste-Profil genannten charakteristischen Arten sind Macoma balthica (Baltische Plattmuschel), Arctica islandica (Islandmuschel) und Astarte spp. (Astarte-Arten). In den drei assoziierten Biotopen dominiert jeweils eine dieser Arten.
In welchen FFH-Lebensraumtypen findet man diese Schlickböden?
Sie sind typische Bestandteile der FFH-Lebensräume 1130 (Ästuare), 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten), 1650 (Boreale baltische enge Meeresarme) und 1150 (* Lagunen). Die Überlappung ist nicht flächendeckend (Qualifier „#“).
Wie ist die Gefährdungssituation laut Europäischer Roter Liste?
Der Biotoptyp wurde in der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+) als „Near Threatened“ (gering gefährdet) eingestuft. Das bedeutet, dass eine Verschlechterung droht, aber aktuell keine unmittelbare Gefährdung angenommen wird.
Wo in Europa kommen diese Lebensgemeinschaften vor?
Sie sind auf die baltische biogeografische Region beschränkt, also auf die Ostsee und ihre Übergangsgewässer (Beltsee). Die einzelnen Biotope haben spezifische Schwerpunkte: Macoma-balthica-Bestände sind weit verbreitet, während Arctica-islandica- und Astarte-Biotope nur in Teilbereichen mit höherer Salinität oder kühleren Temperaturen auftreten.