MA255 – Biogene Habitate des mediterranen mediolittoralen Felsens
MA255 umfasst biogene Riffstrukturen der mediterranen Gezeitenzone, die von Kalkrotalgen (Lithophyllum byssoides) oder einer Vergesellschaftung aus der Rotalge Neogoniolithon brassica-florida und Wurmschnecken (Dendropoma) aufgebaut werden. Sie sind in der Europäischen Roten Liste als gefährdet (Vulnerable) eingestuft und teilweise als FFH-Lebensraumtyp Riffe (1170) geschützt.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Biogenic habitats of Mediterranean mediolittoral rock
- EUNIS
- MA255
- EU-28
- Vulnerable
- EU-28+
- Vulnerable
- FFH-Anhang I
- 1160; 1170 – Large shallow inlets and bays; Reefs
Das Wichtigste in Kürze
MA255 beschreibt biogen entstandene Hartsubstratstrukturen der mediterranen Gezeitenzone (Mediolittoral), die entweder von der Kalkrotalge Lithophyllum byssoides allein oder von der Alge Neogoniolithon brassica-florida in enger Gemeinschaft mit sessilen Wurmschnecken der Gattung Dendropoma gebildet werden. Diese lebenden Riffe und Algensäume sind Hotspots der Artenvielfalt, hoch empfindlich gegenüber mechanischen Störungen, Wasserverschmutzung und Meeresspiegelveränderungen. Auf der Europäischen Roten Liste der Lebensräume gelten sie als gefährdet (Vulnerable). Zwei FFH-Lebensraumtypen – 1160 (Flache große Meeresarme und Buchten) und 1170 (Riffe) – überlappen mit diesem Habitat. Der Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
Was ist MA255? Eine Definition
Der EUNIS-Code MA255 steht für Biogenic habitats of Mediterranean mediolittoral rock – zu Deutsch: Biogene Lebensräume auf mediterranen Felsstandorten der mittleren Gezeitenzone. Anders als rein geologische Felsküsten sind diese Strukturen von Organismen selbst aufgebaut. Zwei sehr unterschiedliche Baumeister prägen den Typ:
- Die krustenbildende Rotalge Lithophyllum byssoides, die mächtige, über einen Meter dicke Kalkränder knapp über der Mittelwasserlinie formt.
- Die Rotalge Neogoniolithon brassica-florida, die in Symbiose mit röhrenbauenden Wurmschnecken (Dendropoma cristatum im zentralen Mittelmeer, D. petraeum in anderen Gebieten) große, mehrere Meter breite Riffplattformen zementiert.
Beide Varianten bilden dreidimensionale Hartsubstrate, die weit über das nackte Felsufer hinausgehen und eine reich gegliederte Kleinlandschaft schaffen. Sie beherbergen unterschiedliche Artengemeinschaften – je nach Höhenlage, Wellenexposition und Lage auf dem Riffkörper.
EUNIS-Einordnung und Systematik
Das Habitat MA255 gehört zum EUNIS-Lebensraumtypklassifikationssystem und wird dort der marinen Lebensraumgruppe zugeordnet. In der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (2022) ist es als eigenständiger Typ mit dem Code MEDA2.7x geführt. Eine direkte Entsprechung in anderen Systemen besteht nur näherungsweise: Die EUNIS-Datenbank notiert einen Crosswalk mit dem Qualifier „≈“.
Wichtig ist die Abgrenzung zu rein geologischen Felshabitaten: MA255 umfasst ausschließlich biogene, also von Lebewesen aufgebaute Strukturen. Die Kombination aus Algenkalk und Molluskenschalen bildet ein echtes, über Jahrtausende wachsendes Biokonglomerat.
Europäische Rote Liste und Gefährdung
Laut der Europäischen Roten Liste der Lebensräume wird MA255 für das EU28- und das erweiterte EU28+-Gebiet einheitlich als Vulnerable (gefährdet) eingestuft. Ein konkretes Einstufungskriterium (z. B. A1, B2) ist in den vorliegenden Quelldaten nicht genannt.
Die Gefährdung ergibt sich vor allem aus der extremen Empfindlichkeit der Strukturen und der langen Zeiträume, die sie für ihr Wachstum benötigen. Schon das Betreten kann die Kalkschichten zerstören; Verschmutzung und Veränderungen des Meeresspiegels wirken schleichend. Weil die Riffe zugleich wertvolle Klimaarchive sind (sie zeichnen Meeresspiegelschwankungen auf), ist ihr Verlust auch wissenschaftlich gravierend.
FFH-Richtlinie und Schutzstatus
MA255 überschneidet sich mit zwei Lebensraumtypen des Anhangs I der FFH-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG):
- 1160 – Flache große Meeresarme und Buchten (Large shallow inlets and bays)
- 1170 – Riffe (Reefs)
Beide sind als natürliche Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse gelistet. Das bedeutet, dass die EU-Mitgliedstaaten für diese Typen Schutzgebiete ausweisen und einen günstigen Erhaltungszustand anstreben müssen.
Erhaltungszustand gemäß Artikel 17: Für den spezifischen Biotop MA255 ist in den Quelldaten des EEA-Datensatzes kein aktueller Erhaltungszustand auf europäischer Ebene hinterlegt. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass er ungefährdet wäre; vielmehr fehlt eine eigene Berichterstattung. Praxisrelevant ist, dass die Riffbildner faktisch unter dem Schutz der beiden Anhang-I-Typen stehen, sodass Beeinträchtigungen in gemeldeten Schutzgebieten genehmigungspflichtig sein können.
Lebensraum und typische Strukturen
Der Lebensraum liegt im Mediolittoral, also dem Bereich zwischen der mittleren Hoch- und Niedrigwasserlinie, der bei Flut überströmt und bei Ebbe freifällt oder von Wellen überspritzt wird. Die biogenen Aufbauten modifizieren diesen Saum drastisch:
1. Lithophyllum byssoides-Ränder (Trottoirs)
- Wuchsform: Die Rotalge baut kalkige, horizontal ausladende Simse (franz. „trottoir“), die direkt über dem Mittelwasser liegen und bis über einen Meter hoch werden können.
- Zonierung: Im oberen, seltener überfluteten Teil sitzen robuste, trockenheitstolerante Arten; der untere, ständig feuchte Teil beherbergt schattenliebende Algen und Weichtiere.
- Voraussetzungen: Gutes Wachstum auf Kalkgestein, an steilen, stark wellenexponierten Küsten und nur dort, wo die winterliche Oberflächenwassertemperatur 14 °C nicht unterschreitet.
- Verbreitungsschwerpunkt: Nordwestliches Mittelmeer, aber auch Sizilien und Adria.
2. Neogoniolithon-Dendropoma-Riffe (Wurmschneckenriffe)
- Bauweise: Die Rotalge Neogoniolithon brassica-florida verkittet die Gehäuse der Wurmschnecken (Dendropoma petraeum oder D. cristatum). Das Ganze wächst über Jahrtausende zu breiten, stabilen Platten heran.
- Riffzonierung (vom Meer zur Küste):
- Riffkante (seewärts): Aktives Wachstum, Gehäuse von Dendropoma frisch besiedelt und von Neogoniolithon zementiert.
- Lagune (hinter der Kante): Eine flache, strömungsberuhigte Zone mit lichtliebenden (photophilen) Algengemeinschaften.
- Ufernaher Bereich: Erneute Dominanz von Neogoniolithon und Dendropoma.
- Verbreitungsschwerpunkt: Südliches Mittelmeer; winzige Riffe erreichen jedoch auch nördliche Breiten um den 40. Breitengrad.
Beide Strukturtypen sind extrem alte Bildungen. Sie dienen als einzigartiges Archiv zur Rekonstruktion vergangener Klima- und Meeresspiegelschwankungen im Mittelmeerraum.
Charakteristische Arten
Die folgende Tabelle listet typische Organismen, die in den Quelldaten für MA255 genannt werden. Es sind keinesfalls alle, aber häufige Begleiter und Strukturbildner.
| Gruppe | Wissenschaftlicher Name (und ggf. Deutscher) | Rolle/Habitat |
|---|---|---|
| Rotalgen | Lithophyllum byssoides | Primärer Riffbildner |
| Neogoniolithon brassica-florida | Zementierender Bildner | |
| Braunalgen | Ralfsia verrucosa | Krustenbildner |
| Cystoseira compressa | Strukturbildend | |
| Grünalgen | Cladophora laetevirens, Bryopsis muscosa, Chaetomorpha capillaris var. crispa, Chaetomorpha aérea | Fädige Aufwuchsalgen |
| Nesseltiere | Actinia equina (Wachsrose) | Sessil auf Hartsubstrat |
| Käferschnecken | Acanthochitona fascicularis, Lepidochitona corrugata | Weidegänger |
| Muscheln | Mytilus galloprovincialis (Mittelmeer-Miesmuschel), Lasaea adansoni, Mytilaster minimus | Hartsubstratbesiedler |
| Schnecken | Patella rustica, Patella ulyssiponensis (Napfschnecken) | Algenweider |
| Dendropoma petraeum (Wurmschnecke) | Riffbildner Gastropode | |
| Purpura haemastoma (Purpurschnecke) | Räuberische Schnecke | |
| Onchidella celtica (Lungen-Wasserschnecke) | Feuchter Felsbereich |
Diese Arten verteilen sich über die unterschiedlichen Riffbereiche und Höhenstufen und sind zum Teil stark spezialisiert. Viele von ihnen sind ausschließlich im Mittelmeer heimisch.
Qualitätsanzeiger und Empfindlichkeit
Die Strukturen selbst liefern deutliche Hinweise auf ihren Zustand. Die Quelldaten nennen:
- Der Anteil abgestorbener Thalli von Lithophyllum byssoides im oberen Riffbereich dient als direkter Gesundheitsindikator. Je höher der Anteil toter Kalkkrusten, desto stärker belastet ist das System.
- Die Ränder sind äußerst trittempfindlich und reagieren sehr sensibel auf Änderungen der Wasserqualität.
- Geringfügige Anhebungen oder Absenkungen des Meeresspiegels können das fein austarierte Überflutungsregime stören und die Algen an den oberen Verbreitungsgrenzen schädigen.
- Die Riffe sind nicht nur Lebensraum, sondern Klima- und Meeresspiegelarchive: Bohrkernanalysen erlauben Rückschlüsse auf vergangene Jahrtausende.
Bedrohungen sind in den gelieferten Daten nicht als separate Liste aufgeführt. Aus den Qualitätsindikatoren und der allgemeinen Küstendynamik lässt sich jedoch ableiten, dass vor allem folgende Faktoren wirken:
- Mechanische Zerstörung durch Tritt, Bootsanlandungen oder unsachgemäße Nutzung.
- Eutrophierung und Schadstoffe aus küstennahen Einleitungen.
- Klimabedingte Temperaturveränderungen und Meeresspiegelanstieg.
- Sedimenteinträge, die die Algen ersticken können.
Verbreitung und Vorkommen
MA255 ist ausschließlich in der biogeographischen Region MED (mediterran) zu finden. Die Verbreitung der beiden Ausprägungen unterscheidet sich:
- Lithophyllum byssoides-Trottoirs sind vor allem im nordwestlichen Mittelmeer verbreitet, mit Nachweisen in Sizilien und der Adria. Sie bevorzugen Steilküsten aus Kalkgestein mit starker Wellendynamik und milde Wintertemperaturen von mindestens 14 °C im Oberflächenwasser.
- Neogoniolithon-Dendropoma-Riffe haben ihren Schwerpunkt im südlichen Mittelmeer. Kleine, weniger entwickelte Vorkommen können aber auch nördlich des 40. Breitengrades auftreten, vermutlich in wärmebegünstigten Buchten.
Genaue Länderlisten sind im Quelldatensatz nicht enthalten. Die Strukturen sind jedoch aus Meeresschutzgebieten in Italien, Frankreich, Spanien, Griechenland und Kroatien dokumentiert, wie aus der wissenschaftlichen Literatur bekannt ist.
Bedeutung für den Mittelmeerschutz
Diese biogenen Felshabitate sind nicht nur artenreiche Kleinode, sondern unersetzliche geoökologische Archive. Sie wachsen extrem langsam – die großen Wurmschneckenriffe können mehrere tausend Jahre alt sein. Ihre Zerstörung ist daher endgültig. Da sie unter die FFH-Lebensraumtypen 1160 und 1170 fallen, genießen sie in europäischen Schutzgebieten einen rechtlichen Schutzstatus. Langfristig ist jedoch eine gezielte Überwachung und die Vermeidung lokaler Stressoren (Betretungsverbote, Reinhaltung des Wassers) entscheidend, zumal der Klimawandel neue Unsicherheiten bringt.
Häufige Fragen
Was sind biogene Habitate des mediterranen mediolittoralen Felsens?
Das sind von Lebewesen aufgebaute Hartstrukturen in der Gezeitenzone des Mittelmeers. Sie bestehen aus Kalkalgen (z. B. Lithophyllum byssoides) oder einer Kombination aus Algen und Wurmschnecken (Dendropoma) und bilden Riffe, Simse und Lagunen.
Sind diese Riffe gefährdet?
Ja, die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet MA255 als Vulnerable (gefährdet). Die Hauptrisiken sind mechanische Zerstörung, Wasserverschmutzung und klimabedingte Veränderungen des Meeresspiegels.
Unter welchen FFH-Lebensraumtyp fallen sie?
MA255 überschneidet sich mit den Anhang-I-Typen 1160 (Flache große Meeresarme und Buchten) und 1170 (Riffe). In Natura-2000-Gebieten greift damit der Schutz der FFH-Richtlinie.
Wo im Mittelmeer kommen diese Biokonstruktionen vor?
Die Algensäume (Lithophyllum) dominieren im Nordwesten, Sizilien und der Adria; die Wurmschneckenriffe (Neogoniolithon-Dendropoma) haben ihren Schwerpunkt im südlichen Mittelmeer, kleine Vorkommen erreichen auch den 40. Breitengrad.
Welche Arten leben typischerweise in diesem Habitat?
Kennzeichnend sind die bauenden Rotalgen, dazu Braunalgen wie Ralfsia und Cystoseira, Grünalgen, Wachsrosen, Miesmuscheln, Napfschnecken, Purpurschnecken und die rifflbildenden Wurmschnecken selbst.