Makaronesische Binnenlandfelsen (H3.3): Ein Hotspot der Artenvielfalt auf alten Mauern und Felswänden
Makaronesische Binnenlandfelsen (EUNIS H3.3) sind ein von der Europäischen Roten Liste als „nicht gefährdet“ (Least Concern) eingestufter Lebensraumtyp. Sie beherbergen eine außergewöhnlich artenreiche, mehrjährige Vegetation auf Felswänden ohne Meereseinfluss, die zu einem großen Teil aus endemischen Dickblattgewächsen (Aeonium, Aichryson, Greenovia, Monanthes), Farnen und Moosen besteht. Der Lebensraum umfasst vier Untertypen und ist auf den Kanaren, Madeira und den Azoren zu finden. Er ist Teil des FFH-Lebensraumtyps 8220 (Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Macaronesian inland cliff
- EUNIS
- H3.3 – Macaronesian inland cliffs
- EU-28
- Least Concern
- EU-28+
- Least Concern
- FFH-Anhang I
- 8220 – Siliceous rocky slopes with chasmophytic vegetation
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Code: H3.3 – Makaronesische Binnenlandfelsen (Macaronesian inland cliffs)
- Verbreitung: Kanarische Inseln, Madeira, Azoren (Subtyp 4 und 2 teilweise) – die genauen Länderlisten sind in den Quelldaten nicht angegeben.
- Gefährdung (Europäische Rote Liste): Least Concern (nicht gefährdet) – sowohl in der EU28 als auch in der erweiterten EU28+ Bewertung.
- FFH-Bezug: Annex I Code 8220 (Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation) – H3.3 ist ein Teil dieses weiter gefassten Typs.
- Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
- Charakteristik: Mehrjährige Vegetation salzfreier Felswände mit extrem hohem Endemitenanteil; vier Untertypen von sukkulenten Rosettenpflanzen über schattige Farn-Moos-Gesellschaften bis zu stickstoffliebenden Mauergesellschaften.
- Bedeutung: Einer der artenreichsten Lebensräume Makaronesiens mit mehreren hundert endemischen Pflanzenarten, darunter zahlreiche Aeonium-Arten und seltene Farne.
EUNIS-Steckbrief: Makaronesische Binnenlandfelsen (H3.3)
Die EUNIS-Klassifikation (European Nature Information System) fasst unter H3.3 die gesamte ausdauernde Vegetation der Felswände und Felsritzen zusammen, die nicht unter dem Einfluss von Meersalz steht. Das Besondere an diesem Lebensraum ist seine Beschränkung auf die makaronesischen Inseln – ein biogeografisches Unikat in der EU.
Innerhalb von H3.3 werden vier klar abgrenzbare Untertypen unterschieden, die verschiedene Standortbedingungen und Pflanzengruppen repräsentieren:
- Sukkulente Rosetten-Dickblattgewächse (v. a. Aeonium, Aichryson, Greenovia, Monanthes) der Kanaren und Madeiras – die artenreichste Gruppe mit vielen Inselendemiten.
- Schattig-feuchte Farn- und Moos-Gesellschaften erdiger Felsoberflächen, auch auf Madeira und den Azoren; mit großen Farnen wie Woodwardia radicans.
- Felsspaltenvegetation exponierter, direkt beregneter Felswände (v. a. Farne und spezialisierte Blütenpflanzen) der Kanaren und Madeiras.
- Halb stickstoffliebende Mauervegetation (auch an alten Bauwerken und Mauern) – kosmopolitisch, aber mit makaronesischen Endemiten angereichert.
Alle vier Untertypen zusammen beherbergen mehrere hundert endemische Taxa. Die Vegetationsklassen reichen von Greenovio-Aeonietea (Subtyp 1) über Anomodonto-Polypodietea (Subtyp 2) bis zu Asplenietea trichomanis (Subtyp 3) und Parietarietea judaicae (Subtyp 4).
Verbreitung in der EU
Der Lebensraum ist ausschließlich auf die Makaronesischen Archipele beschränkt. Die exakten Länderanteile (Spanien: Kanaren; Portugal: Madeira, Azoren) werden in den vorliegenden Quelldaten nicht separat aufgeschlüsselt. Subtyp 1 ist auf die Kanaren und Madeira beschränkt, Subtyp 2 kommt auf allen drei Archipelen vor, Subtyp 3 nur auf den Kanaren und Madeira, und Subtyp 4 ist auf allen Inseln präsent.
Rote Liste der europäischen Lebensräume: Einstufung
In der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats, Stand 2022) wird der Typ H3.3 sowohl für die EU28 als auch für die erweiterte EU28+ Region als Least Concern (LC) – nicht gefährdet eingestuft. Ein spezifisches Gefährdungskriterium ist im Datensatz nicht genannt. Die Bewertung erfolgte im Rahmen des Assessments „European Red List of Habitats: EU28 and EU28+ assessments“.
Diese Einstufung bedeutet, dass das Habitat derzeit auf europäischer Ebene nicht als akut bedroht gilt. Allerdings gibt es in den Quelldaten weder eine detaillierte Gefährdungsanalyse noch eine Auflistung von Bedrohungen. Aus den Qualitätsindikatoren der Beschreibung geht jedoch hervor, dass Störungen wie die Entfernung von Boden- oder Gesteinsmaterial, die Beseitigung schattenspendender Gehölze (besonders für Subtyp 2) und die zunehmende Dominanz stickstoffliebender Vegetation (Subtyp 4) den ökologischen Zustand verschlechtern können.
FFH-Richtlinie und Annex I: Beziehung zu Code 8220
Der Lebensraum H3.3 besitzt einen Querverweis zum FFH-Anhang I – Code 8220: Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation (chasmophytische Vegetation). Allerdings ist die Überlappung nicht vollständig: Im EUNIS-Crosswalk ist ein Qualifikator „<“ vermerkt. Das bedeutet, dass H3.3 ein Teil des weiter gefassten Annex-I-Typs 8220 ist. Umgekehrt umfasst 8220 auch silikatische Felsstandorte außerhalb Makaronesiens, die nicht zu H3.3 gehören.
Artikel 17-Daten zum Erhaltungszustand von 8220 oder gar zu seinem makaronesischen Anteil liegen in den verwendeten Quellen nicht vor. Die offizielle EEA-Datenbank (Article 17 database) enthält keine flächenscharfen Angaben, die wir diesem EUNIS-Typ zuordnen könnten. Daher muss dieser Aspekt hier offen bleiben.
Lebensraum: Ökologie und Charakteristik
Makaronesische Binnenlandfelsen sind durch ein ozeanisch-subtropisches Klima mit milden Wintern und oft hoher Luftfeuchtigkeit geprägt. Die Vegetation ist an extreme Standorte angepasst: flachgründige, sich stark erwärmende oder beschattete Felspartien; Spalten, die schnell abtrocknen oder dauerfeucht sind. Die Vielfalt der Pflanzenformen reicht von sukkulenten Rosetten über winzige Farne bis zu großblättrigen, halbschattigen Stauden.
Die vier Untertypen im Detail
| Untertyp | Standort / Charakter | Hauptverbreitung | Typische Pflanzengruppen |
|---|---|---|---|
| 1. Sukkulenten-Rosetten | Sonnige bis halbschattige Felsoberflächen und Spalten; speichernde Blätter als Anpassung an Trockenphasen | Kanaren, Madeira (Azoren nur ein Taxon) | Aeonium (über 30 Arten), Aichryson, Greenovia, Monanthes; viele Korbblütler und Kreuzblütler |
| 2. Schattige Farn-Moos-Flur | Feuchte, erdige, oft überhängende Felswände; hohe Luftfeuchte; selten auch epiphytisch | Kanaren, Madeira, Azoren (alle Archipele) | Polypodium, Davallia, Sellaginela, Woodwardia, Thelypteris; Moose wie Bartramia, Frullania |
| 3. Exponierte Felsspalten | Direkt beregnete, thermophile, meist basische Felsspalten | Kanaren, Madeira | Cheilanthes, Asplenium, Notholaena, Adiantum – viele Farnarten, oft xerophytisch |
| 4. Stickstoffliebende Mauervegetation | Alte Mauern, Bauwerke, auch natürliche stickstoffreiche Felsen | Kanaren, Madeira, Azoren | Parietaria, Cymbalaria, Umbilicus, Anthirrhinum; plus endemische Beimischungen wie Sonchus ustulatus |
Qualitätsindikatoren
Als Zeichen eines guten Erhaltungszustands werden die physiognomische Intaktheit und das Vorhandensein eines vollständigen Satzes gebietstypischer Indikatorarten genannt. Insbesondere beim schattigen Subtyp 2 ist das Vorhandensein von Schutz spendender Gehölze entscheidend. Störungen durch Boden- oder Gesteinsentnahme sowie Stickstoffeinträge führen zu einer Verschiebung hin zu Subtyp 4 und damit zum Verlust der wertgebenden, konkurrenzschwachen Endemiten.
Artenvielfalt und Kennarten
Der Lebensraum ist eine Schatzkammer der Endemiten. Allein Subtyp 1 enthält nach den Aufzeichnungen der EEA über 100 gelistete Gefäßpflanzenarten, von denen fast alle ausschließlich in Makaronesien vorkommen. Nachfolgend eine Auswahl wichtiger Kennarten (nicht vollständig):
Subtyp 1 – Sukkulente Dickblattgewächse
Aeonium holochrysum, A. smithii, A. spathulatum, A. urbicum, A. balsamiferum, A. canariense, A. gomeraense, A. haworthii, A. hierrense, A. lancerottense, A. nobile, A. percarneum, A. sedifolium, A. tabulaeforme, A. undulatum, Aichryson laxum, A. pachycaulon, Greenovia aurea, G. dodrentalis, Monanthes muralis, M. anagensis, M. laxiflora, Sonchus acaulis, S. gummifer, S. congestus, S. radicatus, Tolpis lagopoda, Vieraea laevigata, Andryala crithmifolia, Sinapidendron rupestre, Saxifraga maderensis (und viele mehr).
Subtyp 2 – Schattige Farn- und Moosflur
Woodwardia radicans, Polypodium macaronesicum, P. azoricum, Davallia canariensis, Sellaginela denticulata, Asplenium hemionitis, Thelypteris pozoi, Cystopteris diaphana, Saxifraga portosanctanae, Moose: Bartramia stricta, Porella canariensis, Frullania polysticha, Targionia hypophylla.
Subtyp 3 – Exponierte Felsspalten
Cheilanthes pulchella, C. guanchica, C. maderensis, C. acrostica, Notholaena marantae subsp. maranthae, N. marantae subsp. subcordata, Adiantum reniforme subsp. reniforme, Asplenium adiantum-nigrum, A. septentrionale, A. monanthes.
Subtyp 4 – Stickstoffliebende Mauergesellschaft
Parietaria judaica, Cymbalaria muralis, Umbilicus rupestris, Chelidonium majus, Erigeron karvinskianus, Sonchus tenerrimus, Asplenium trichomanes subsp. quadrivalens; mit endemischen Begleitern wie Tolpis suculenta, Sonchus ustulatus subsp. maderensis.
Moose (in allen Subtypen vorkommend): Bartramia stricta, Exormotheca pustulosa, Pterogonium gracile, Reiboulia hemisphaerica, Frullania microphylla, Corcenia coriandrena, Targionia hypophylla (Liste unvollständig).
Die angeführten Arten entstammen direkt dem offiziellen Habitat-Datenblatt; die Listung ist als charakteristisch, nicht als erschöpfend zu verstehen.
Gefährdung und Schutz
Obwohl die Europäische Rote Liste H3.3 als nicht gefährdet einstuft, weisen die ökologischen Qualitätskriterien auf lokale und regionale Risiken hin.
- Direkte Eingriffe: Das Abtragen von Felsmaterial, Aushub oder das Freilegen beschatteter Partien (z.B. Entfernung von Gebüschen und Bäumen an Felskanten) zerstört unmittelbar die empfindlichen Pflanzenbestände.
- Eutrophierung: Stickstoffeinträge aus der Luft oder von angrenzenden Nutzflächen fördern den Subtyp 4 zu Lasten der konkurrenzschwächeren Spezialisten der Subtypen 1–3.
- Invasive Arten: Der Qualitätsbericht erwähnt, dass der makaronesische halo-nitrophytische Buschtyp F6.8a bei Störungen eindringen kann, was eine Verschiebung der Dominanzverhältnisse bedeutet.
- Tourismus und Siedlungsdruck: Die Inseln sind beliebte Reiseziele; Trittschäden und Müll an Felsstandorten, aber auch das illegale Sammeln attraktiver Sukkulenten können lokal erhebliche Auswirkungen haben.
Da weder detaillierte Bedrohungslisten noch flächendeckende Artikel-17-Daten vorliegen, basieren diese Einschätzungen auf der beschreibenden Fachliteratur im EUNIS-System. Ein eigentliches Management oder Wiederherstellungsmaßnahmen sind in den Quelldaten nicht verzeichnet.
Bedeutung für die Biodiversität Europas
Die Makaronesischen Binnenlandfelsen sind ein europäisches Alleinstellungsmerkmal. Die Inseln fungieren als Refugium für Reliktarten und als Evolutionslabor, das eine enorme Radiation bei Gattungen wie Aeonium und Monanthes hervorgebracht hat. Diese Endemiten sind nicht nur genetische Ressourcen, sondern auch Zeugen der biogeografischen Geschichte des Kontinents. Viele Arten kommen nur an wenigen Felsstandorten vor und sind daher empfindlich gegenüber lokalen Veränderungen.
Das Habitat verknüpft zudem natürliche Felsformationen mit kulturhistorischen Strukturen: Alte Mauern und Bauwerke (Subtyp 4) dienen als Sekundärstandort und tragen so zur Vernetzung und zum Erhalt der Populationen bei. In Gärten der Kanaren oder Madeiras sind Aeonien längst beliebte Zierpflanzen; allerdings ist eine direkte Nachbildung des gesamten Biotoptyps im Garten nicht möglich – die natürlichen Standortbedingungen und das komplexe Gefüge aus Moosen, Farnen und Insekten lassen sich kaum übertragen.
Schutzperspektiven und Kommunen
Kommunen auf den makaronesischen Inseln können durch Schutz alter Steinmauern und Felsböschungen einen direkten Beitrag zur Erhaltung des Subtyps 4 leisten. Bei Baumaßnahmen sollte das Vorkommen endemischer Arten geprüft werden. Das Belassen von schattenspendenden Gehölzen an feuchten Felsstandorten (Subtyp 2) ist eine einfache, aber wirksame Maßnahme. Da die offiziellen Datensätze keine konkreten Wiederherstellungsnotizen enthalten, bleibt die Vorsorge der wichtigste Handlungsgrundsatz.
Quellen und weiterführende Links
- European Red List of Habitats – EEA Data Package 2022
- EUNIS Datenabfrage: Habitat H3.3
- EUNIS Code Browser – Red List
- Article 17 Database – Habitats Directive
- EU Habitats Directive Information
- Zugrunde liegendes Datenpaket EEA
Sämtliche Angaben basieren auf der von der Europäischen Umweltagentur veröffentlichten, erweiterten Europäischen Roten Liste der Lebensräume 2022 sowie den Verknüpfungen mit EUNIS und FFH-Daten.
Häufige Fragen
Was ist der EUNIS-Lebensraumtyp H3.3?
H3.3 umfasst die mehrjährige Vegetation salzfreier Felswände und Felsspalten auf den makaronesischen Inseln (Kanaren, Madeira, Azoren). Er gliedert sich in vier Untertypen, die von sukkulenten Rosettenpflanzen (Aeonium, Aichryson) über schattige Farn- und Moosfluren bis zu stickstoffliebenden Mauergesellschaften reichen. Typisch ist ein extrem hoher Anteil endemischer Arten.
Wie ist der Gefährdungsstatus der Makaronesischen Binnenlandfelsen?
In der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+) wird H3.3 als „Least Concern“ (nicht gefährdet) eingestuft. Allerdings können lokale Störungen wie Gesteinsabbau, Entfernung von Schattgehölzen und Stickstoffeinträge den ökologischen Zustand beeinträchtigen.
Besteht ein Zusammenhang mit dem FFH-Lebensraumtyp 8220?
Ja. Der FFH-Code 8220 (Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation) schließt den makaronesischen Typ H3.3 ein. Das Verhältnis ist als „<“ vermerkt, d.h. H3.3 ist ein Teil des umfassenderen Annex-I-Typs. Erhaltungszustandsdaten speziell für H3.3 aus dem Artikel-17-Bericht liegen nicht vor.
Welche Pflanzen sind charakteristisch für diesen Lebensraum?
Die Flora ist überaus reich an Endemiten. Dazu zählen viele Aeonium-Arten (z.B. A. holochrysum, A. tabulaeforme), Aichryson, Monanthes, aber auch seltene Farne wie Cheilanthes pulchella, Woodwardia radicans und Moose wie Porella canariensis. Eine vollständige Liste findet sich in den Quelldaten; der Artikel nennt eine breite Auswahl.
Kann ich diesen Lebensraum im eigenen Garten nachbilden?
Eine direkte Nachbildung des gesamten Biotoptyps ist nicht möglich, da die komplexen standörtlichen Bedingungen und das Zusammenspiel der Arten nicht zu kopieren sind. Einige der attraktiven Dickblattgewächse (Aeonium) gedeihen zwar als Kübelpflanzen, sie repräsentieren aber nicht das Ökosystem. Kommunale alte Steinmauern können hingegen lokalen Schutz erhalten und so Subtyp 4 fördern.