Marmara circalittoral biogenic habitats – Wurmriffe (EUNIS MC244)
Der EU-Biotoptyp MC244 (Marmara circalittoral biogenic habitats – worm reefs) bezeichnet von Röhrenwürmern aufgebaute Riffstrukturen im zirkalitoralen (tieferen, lichtarmen) Bereich des Marmarameers. Zu den wichtigsten riffbildenden Arten zählen Sabellaria spinulosa, Sabella pavonina und seltener Filograna/Salmacina-Komplexe. Die Habitate sind in der Europäischen Roten Liste der Lebensräume mit dem Status „Data Deficient“ (Daten unzureichend) für die EU28+-Bewertung erfasst und fallen als Riffe unter den FFH-Anhang-I-Code 1170.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Marmara circalittoral biogenic habitats- worm reefs
- EUNIS
- MC244
- EU-28
- n/a
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1170 – Reefs
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Code: MC244
- Name: Marmara circalittoral biogenic habitats – worm reefs
- Lebensraum: Zirkalitorale (lichtarme) Zone des Marmarameers, sowohl auf Weich- als auch Hartsubstraten.
- Riffbildner: Hauptsächlich die Röhrenwürmer Sabellaria spinulosa, Sabella pavonina sowie Filograna spp./Salmacina spp. und Sabella spallanzanii.
- Charakteristische Begleitarten: Schwämme (Tethya aurantia), Moostierchen (Pentapora fasciata), Krebstiere (Balanus sp.) und Nesseltiere (Parazoanthus axinellae).
- Europäische Rote Liste: Für die EU28+ als „Data Deficient“ (Daten unzureichend) eingestuft; eine Bewertung für die EU28 liegt in den Quelldaten nicht vor.
- FFH-Richtlinie: Über Anhang I, Code 1170 („Riffe“) geschützt, jedoch ohne spezifische Erhaltungszustandseinstufung nach Artikel 17.
- Vorkommen: Ausschließlich im Marmarameer, biogeographisch der Schwarzmeer-Region (BLS) zugeordnet.
Einordnung in die EUNIS-Typologie
Der europäische Lebensraumklassifikationsstandard EUNIS (European Nature Information System) ordnet diesen Biotoptyp in die marine Habitatklasse ein. Innerhalb der Hierarchie befindet sich MC244 in der Gruppe der Mediterranean circalittoral biogenic habitats (Mittelmeer-zirkalitorale biogene Habitate). Der EUNIS-Code MC244 ist ein spezifischer Blattcode, der die von Würmern aufgebauten Riffstrukturen im Marmarameer repräsentiert.
Das Präfix „MC“ steht für „Marine, Circalittoral rock and other hard substrata“. Biogene Habitate entstehen durch die Aktivität lebender Organismen – hier bauen sessile Röhrenwürmer aus Sandkörnern, Schalenbruch oder Kalk ihre Wohnröhren und formen so dichte, teppich- oder buschartige Aggregate, die als „Riffe“ bezeichnet werden.
Gefährdung nach der Europäischen Roten Liste
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet das Aussterberisiko von Biotoptypen. Für MC244 liegen aktuell zwei Bewertungshorizonte vor:
- EU28: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben (wird als „n/a“ geführt).
- EU28+ (erweiterte Bewertung inkl. angrenzender Meeresgebiete): Data Deficient (DD) – Daten unzureichend.
Die Einstufung „Data Deficient“ bedeutet nicht, dass der Biotoptyp ungefährdet ist, sondern dass zu wenig Informationen über seine Verbreitung, Fläche, Qualität oder Gefährdungsfaktoren vorhanden sind, um eine sichere Risikokategorie zu vergeben. Eine gezielte Kartierung und Zustandsüberwachung im Marmarameer wäre erforderlich, um die tatsächliche Gefährdung einzuschätzen.
Bezug zur FFH-Richtlinie und Artikel 17
Der Biotoptyp MC244 fällt in Teilen unter den FFH-Lebensraumtyp 1170 („Riffe“) . In den EUNIS-Crosswalks ist eine Beziehung mit dem Qualifier „< “ vermerkt, was darauf hindeutet, dass der FFH-Riff-Code weiter gefasst ist und MC244 nur einen Teilaspekt darstellt.
- Anhang I, Code 1170: „Riffe“ sind geschützte Meereslebensräume von gemeinschaftlichem Interesse, die nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie (Berichtspflicht) alle sechs Jahre hinsichtlich ihres Erhaltungszustands bewertet werden müssen.
- Artikel-17-Erhaltungszustand: Für diesen spezifischen Biotoptyp ist in den verwendeten Datenquellen kein eigener Erhaltungszustand ausgewiesen. Der Status wird in der Regel auf nationaler Ebene oder für den gesamten FFH-Lebensraumtyp 1170 berichtet, nicht jedoch für die feinere EUNIS-Untergliederung. Aus dem Marmarameer liegen dazu keine separaten Bewertungen vor.
Verbreitung und Vorkommen in Europa
Der Lebensraum MC244 ist endemisch für das Marmarameer. Das Marmarameer bildet eine Brücke zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer und weist besondere hydrografische Bedingungen auf (starke Halokline, Sauerstoffarmut in der Tiefe). Die biogeographische Zuordnung erfolgt in der Roten Liste zur Schwarzmeer-Region (BLS) , da das Marmarameer ökologisch enger an das Schwarze Meer angebunden ist.
Länder, in denen der Biotoptyp konkret nachgewiesen ist, werden in den Quelldaten nicht gesondert aufgeführt. Praktisch betrifft er ausschließlich die türkischen Küstengewässer des Marmarameers.
Lebensraum und Struktur
Die zirkalitorale Zone (Circalittoral) beginnt unterhalb der gut durchlichteten Algenzone und reicht bis zum Rand des Kontinentalschelfs. Im Marmarameer ist dieser Bereich oft durch starke Strömungen und spezielle Sedimentdynamiken geprägt. Wurmriffe entstehen hier in unterschiedlicher Ausprägung:
- Weichbodenriffe: Sabellaria spinulosa verkittet Sand und Muschelbruch zu einer dichten Matte auf dem Meeresboden. Ihre unverzweigten Röhren können ausgedehnte Teppiche bilden.
- Hartbodenbestände: Filograna/Salmacina-Arten bauen kalkige Röhren und besiedeln in hoher Dichte Felsflächen oder größere Algen (z. B. Cystoseira spp., Sargassum spp.).
- Weichsediment-Populationen: Sabella pavonina und Sabella spallanzanii können dichte Bestände in nicht von Algen überwachsenen Weichböden ausbilden.
Die Wurmröhren schaffen dreidimensionale Strukturen, die zahlreichen anderen Organismen als Hartsubstrat, Versteck oder Nahrungsgrundlage dienen. Daher gelten diese Riffe als biogene Hotspots der Artenvielfalt – ähnlich wie tropische Korallenriffe, nur im kleineren Maßstab.
Charakteristische Arten und Biodiversität
Die folgende Tabelle zeigt typische Begleitarten, die in den Wurmriffen des Marmarameers dokumentiert sind. Sie spiegeln das breite Spektrum an Organismengruppen wider, die von der von den Würmern geschaffenen Struktur profitieren.
| Gruppe | Wissenschaftlicher Name | Bemerkung |
|---|---|---|
| Porifera (Schwämme) | Tethya aurantia | Häufig auf Riffstrukturen |
| Porifera | Ircinia sp. | |
| Bryozoa (Moostierchen) | Pentapora fasciata | Bildet große, blättrige Kolonien |
| Bryozoa | Myriapora truncata | |
| Bryozoa | Smittina sp. | |
| Crustacea (Krebstiere) | Balanus sp. (Seepocken) | Besiedelt Hartsubstrate und Wurmröhren |
| Cnidaria (Nesseltiere) | Parazoanthus axinellae | Krustenanemone, oft auf Schwämmen |
| Cnidaria | Astroides calycularis | Orange Koralle, mediterran verbreitet |
| Cnidaria | Dendrophyllia ramea | Kaltwasserkoralle, strukturbildend |
| Mollusca (Weichtiere) & Decapoda (Zehnfußkrebse) | Diverse Arten | Nutzen die Riffe als Lebensraum |
Neben den genannten Wirbellosen treten voraussichtlich auch Fische als Nutzer der Riffstrukturen auf, allerdings sind in den Quelldaten keine spezifischen Fischarten für diesen Biotoptyp aufgeführt.
Gefährdungsfaktoren und Schutz
In den vorliegenden Quelldaten sind keine spezifischen Gefährdungsfaktoren für MC244 benannt. Generell können marine biogene Riffe jedoch durch folgende Einflüsse beeinträchtigt werden:
- Bodenschleppnetzfischerei: Zerstört physisch die Röhrenaggregate.
- Eutrophierung und Sedimenteintrag: Verändert die Nahrungs- und Lichtverhältnisse, fördert Algenüberwucherung.
- Verschmutzung: Chemikalien und Mikroplastik können die filtrierenden Würmer schädigen.
- Klimawandel: Erwärmung und Versauerung des Meerwassers könnten die Kalkbildung der Röhren beeinflussen.
- Anker- und Schiffsverkehr: Mechanische Zerstörung in stark genutzten Meeresstraßen (das Marmarameer ist eine wichtige Schifffahrtsroute).
Da der Biotoptyp unter den FFH-Lebensraumtyp 1170 (Riffe) fällt, genießen die Vorkommen prinzipiell den Schutz der Habitatrichtlinie. Konkrete Erhaltungsmaßnahmen oder ein Monitoringprogramm sind jedoch aus den verfügbaren Daten nicht ersichtlich. Für eine wirksame Erhaltung wäre eine bessere Datenlage – insbesondere eine Erfassung des Erhaltungszustands nach Artikel 17 – notwendig.
Bedeutung für den Naturschutz
Wurmriffe der zirkalitoralen Zone sind ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie kleine Organismen durch ihre Bautätigkeit einen ganzen Lebensraum formen. Sie zeigen, dass biogene Riffe nicht nur in tropischen Gewässern existieren, sondern auch in europäischen Meeren vorkommen. Das Marmarameer mit seinem einzigartigen ozeanografischen Charakter beherbergt einen weitgehend unerforschten Schatz mariner Biodiversität.
Für den Naturkompass-Leser ist dieser Biotoptyp besonders interessant, weil er verdeutlicht, wie wichtig der Schutz unscheinbarer Lebewesen – wie Röhrenwürmer – für das gesamte Ökosystem ist. Auch wenn Sie diesen Lebensraum nicht im eigenen Garten finden werden, können Sie durch bewussten Konsum von Meeresfrüchten und Unterstützung von Meeresschutzgebieten indirekt zum Erhalt solcher Riffe beitragen.
Quellen und weiterführende Informationen
Die Fakten basieren auf dem Datenpaket „European Red List of Habitats enhanced by EEA 2022“ sowie den offiziellen EUNIS- und FFH-Referenzen der Europäischen Umweltagentur.
- EEA: European Red List of Habitats - Data
- EEA Datashare: Raw data package
- EUNIS Habitattypen-Browser: https://eunis.eea.europa.eu/habitats.jsp
- EUNIS/Red List Code Browser: https://eunis.eea.europa.eu/habitats-code-browser-redlist.jsp
- Artikel-17-Datenbank (Habitats Directive): https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/article-17-database-habitats-directive-92-43-eec-2
- Europäische Kommission: Habitats Directive
Stand: 2022 (Rote-Liste-Bewertung). Der Erhaltungszustand nach Artikel 17 wurde nicht in die Zeile integriert und ist daher als fehlend zu betrachten.
Häufige Fragen
Was ist das Besondere an dem Biotoptyp MC244?
MC244 beschreibt biogene Wurmriffe im zirkalitoralen Bereich des Marmarameers, die von verschiedenen Röhrenwürmern aufgebaut werden. Diese Riffe schaffen komplexe Strukturen und sind Hotspots der biologischen Vielfalt in einem einzigartigen Meeresgebiet zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer.
Welche Würmer bilden die Riffe in diesem Habitat?
Hauptsächlich der Sandröhrenwurm Sabellaria spinulosa, der Schopfwurm Sabella pavonina sowie Vertreter des Filograna/Salmacina-Komplexes und Sabella spallanzanii. Sie bauen Röhren aus Sand, Schalenbruch oder Kalk und können dichte Bestände auf Weich- und Hartböden formen.
Wie ist die Gefährdungssituation dieses Lebensraums?
In der Europäischen Roten Liste der Lebensräume ist der Biotoptyp für die EU28+ als 'Data Deficient' eingestuft, d.h. es fehlen ausreichende Daten, um das Aussterberisiko zu bewerten. Für die EU28 allein liegt keine Einstufung vor. Es besteht Forschungsbedarf.
Fällt MC244 unter die FFH-Richtlinie?
Ja, der Biotoptyp wird als Teil des FFH-Lebensraumtyps 1170 ('Riffe') betrachtet, der in Anhang I der Richtlinie gelistet ist. Ein spezifischer Erhaltungszustand nach Artikel 17 ist für MC244 jedoch nicht einzeln ausgewiesen.
In welchem geografischen Raum kommt dieser Biotoptyp vor?
Das Vorkommen beschränkt sich auf das Marmarameer. In der Roten Liste wird es biogeografisch der Schwarzmeer-Region (BLS) zugeordnet. Nähere Länderangaben sind in den Quelldaten nicht enthalten; praktisch liegen die Flächen in den türkischen Küstengewässern.