Corallinales auf mäßig exponiertem pontischem Ober-Infralittoral-Fels (EUNIS MB147)
EUNIS MB147 ist ein mariner Biotoptyp des Schwarzen Meeres: Von den Kalkrotalgen Titanoderma trochanter und Tenarea tortuosa aufgebaute, flachgründige Felsriffe der oberen Infralittoralzone. Die Europäische Rote Liste der Habitate bewertet den Typ als Data Deficient; er ist Teil der FFH-Lebensraumtypen 1160 (große Flachbuchten) und 1170 (Riffe).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Corallinales on moderately exposed Pontic upper infralittoral rock
- EUNIS
- MB147
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1160; 1170 – Large shallow inlets and bays; Reefs
Das Wichtigste in Kürze
Der marine Biotoptyp EUNIS MB147 umfasst flachgründige, von Kalkrotalgen dominierte Felsböden der oberen Infralittoralzone im pontischen Raum (Schwarzes Meer). Auf vertikalen, gut belichteten und mäßig exponierten Klippen bilden die beiden Rotalgen Titanoderma trochanter und Tenarea tortuosa eine dauerhafte biogene Struktur. Die Europäische Rote Liste der Habitate bewertet diesen Lebensraum mit Data Deficient – es fehlen quantitative Daten zu Zustand und Gefährdung. Der Typ ist jedoch implizit über die FFH-Lebensraumtypen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe) geschützt. Der Artikel-17-Erhaltungszustand ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
EUNIS-Klassifikation und Lebensraumtyp
Der Code MB147 steht in der EUNIS-Habitattypologie (European Nature Information System) für kalkrotalgenreiche Felslebensräume der oberen Infralittoralzone unter mäßiger Wellenexposition im Schwarzen Meer. Diese Zone reicht von der Niedrigwasserlinie bis in etwa 1,5 Meter Wassertiefe. Das Habitat besiedelt vorwiegend senkrechte Felswände, die gut durchlichtet sind und eine moderate bis geringe Wasserbewegung aufweisen.
Zwei habitatbildende Rotalgenarten prägen den Typ: Titanoderma trochanter und Tenarea tortuosa. Sie lagern Kalk in ihren Zellwänden ein und erzeugen so einen persistenten, mehrjährigen biogenen Felsüberzug, der eine eigene Mikrostruktur bietet. Die biogene Matrix wird von aufrechten Makroalgen durchsetzt, ohne dass diese die Dominanz der Kalkrotalgen brechen.
Die Habitatinformation aus dem European Red List of Habitats-Paket (2022) betont: „This habitat occurs in shallow rocky bottoms with large coverage of calcareous, habitat-forming corallines that provide a persistent biogenic structure.”
Verbreitung und biogeographische Region
Als rein pontischer Biotoptyp ist MB147 auf die biogeographische Region BLS (Black Sea) beschränkt. Konkrete Länderangaben fehlen im Quelldatensatz, jedoch liegt das gesamte Schwarze Meer geografisch im Einzugsgebiet der Anrainerstaaten Bulgarien, Rumänien, Ukraine, Russland, Georgien und der Türkei. Die Habitaterfassung unter EUNIS konzentriert sich auf die EU-relevanten Gewässer Bulgariens und Rumäniens sowie angrenzender Gebiete.
Das Vorkommen ist an steile Felsküsten gebunden, die in dieser Meeresregion nur lokal auftreten, vor allem an Kalk- und Sandsteinkliffen der westlichen und südlichen Schwarzmeerküste. Da keine Angaben zur Flächenausdehnung oder zu Populationsgrößen vorliegen, ist die Verbreitung nur grob bekannt – ein Grund für die Einstufung als Data Deficient.
Ökologie und charakteristische Arten
Der Biotop ist ein gezeitenunabhängiges Algenriff der oberen Sublitoralzone. Seine Artenzusammensetzung ist typisch für gut besonnte, nährstoffarme und sauerstoffreiche Wasserkörper mit hoher Transparenz. Die vorliegenden Quelldaten nennen folgende Charakterarten:
| Gruppe | Wissenschaftlicher Name | Deutscher Name (falls gebräuchlich) |
|---|---|---|
| Rotalgen (Rhodophyta) | Titanoderma trochanter | Kalkkrustenrotalge |
| Tenarea tortuosa | Gewundene Kalkrotalge | |
| Amphiroa rigida | Steife Kalkrotalge | |
| Laurencia obtusa | Stumpfblättrige Laurencia | |
| Haliptilon virgatum | Ruten-Haliptilon | |
| Jania rubens | Rötliche Jania | |
| Lithophyllum incrustans | Inkrustierender Steinfleck | |
| Neogoniolithon brassica-florida | Kohlblumen-Kalkrotalge | |
| Braunalgen (Phaeophyceae) | Dictyota fasciola | Band-Dictyota |
| Padina pavonica | Pfauenalge | |
| Cystoseira compressa | Flacher Fingertang | |
| Cystoseira crinita | Zottiger Fingertang | |
| Cystoseira barbatula | Bärtiger Fingertang | |
| Grünalgen (Chlorophyta) | Anadyomene stellata | Sterngrünalge |
| Acetabularia acetabulum | Schirmalge | |
| Weichtiere (Mollusca) | Dendropoma petraeum | Felsen-Wurmröhrenschnecke |
| Fische | Sarpa salpa | Goldstriemenbrasse |
| Siganus luridus | Indopazifischer Kaninchenfisch | |
| Parablennius incognitus | Felsenschleimfisch (unbestimmt) | |
| Parablennius gattorugine | Gestreifter Schleimfisch |
Die Artenkombination zeigt eine für das warm-gemäßigte Schwarze Meer typische Mischung aus endemischen, mediterran-atlantischen und eingewanderten lessepsischen Elementen (z. B. Siganus luridus). Besonders die Kalkrotalgen bilden die Grundlage für zahlreiche Kleintiere und dienen Jungfischen als Versteck. Die omnipräsente Schnecke Dendropoma petraeum ist selbst ein Biokonstrukteur und verstärkt das Rifffestigkeitsgefüge.
Gefährdung und Rote Liste Bewertung
Die Europäische Rote Liste der Habitate für EU28 und EU28+ Länder stuft MB147 als Data Deficient (DD) ein. Das bedeutet, es liegen keine ausreichenden Informationen vor, um einen Gefährdungsgrad (von Least Concern bis Critically Endangered) zu vergeben. Im zugehörigen Datenblatt heißt es explizit: “There is no information on indicators of quality.”
Diese Unsicherheit ist für viele marine Biotope des Schwarzen Meeres typisch. Historische Belastungen durch Eutrophierung, Fischerei und invasive Arten mögen den Bestand beeinflusst haben, doch belastbare Monitoringdaten zu Flächenverlusten oder zur Strukturqualität fehlen. Auch die vorliegende Quelldatenbasis enthält keine Einstufung im Rahmen des Artikel-17-Berichts der FFH-Richtlinie.
Aus den Artenansprüchen leiten sich jedoch einige prinzipielle Gefährdungsfaktoren ab:
- Verschlechterung der Wasserqualität (Trübung, Nährstoffeintrag)
- Veränderung der Hydrodynamik (Küstenverbau, Hafenbau)
- Übermäßiger Weidefraß durch Seeigel oder invasive Fische
- Mechanische Zerstörung durch Grundschleppnetze oder Anker
Da die Bewertung Data Deficient lautet, besteht für das Schwarze Meer ein erheblicher Forschungsbedarf, um den tatsächlichen Zustand und Trend zu ermitteln.
FFH- und Annex-I-Bezug
Der Lebensraum MB147 ist nicht als eigener FFH-Lebensraumtyp gelistet, wird aber über zwei Annex-I-Typen der FFH-Richtlinie geschützt:
- 1160 – Große flache Buchten und Meeresarme (Large shallow inlets and bays)
- 1170 – Riffe (Reefs)
Im EUNIS-Querverweis wird MB147 beiden Codes zugeordnet, allerdings mit dem Qualifier „#“, was auf eine partielle Überlappung oder eine untergeordnete Zuordnung hinweist. Das bedeutet: In Gebieten, die nach Artikel 4 der FFH-Richtlinie als Natura 2000-Gebiete ausgewiesen sind und die Lebensräume 1160 oder 1170 schützen, ist auch der EUNIS-Typ MB147 inbegriffen, sofern die biogene Kalkrotalgendominanz im Gebiet vorkommt.
Daraus ergibt sich eine indirekte rechtliche Schutzverantwortung der EU-Mitgliedstaaten im Schwarzmeerraum. Die Ausweisung und das Management von Meeresschutzgebieten im Rahmen von Natura 2000 sind das zentrale Instrument, um diesen Biotoptyp langfristig zu erhalten.
Qualitätsindikatoren und Schutzmöglichkeiten
Da die Rote Liste keine etablierten Qualitätsindikatoren nennt, bleibt für Praktiker zunächst nur ein vorsichtiges, auf die bekannten Arten abgestelltes Vorgehen. Typische Hinweise auf einen guten Erhaltungszustand wären:
- Hohe Deckungsgrade der beiden Ziel-Kalkrotalgen Titanoderma trochanter und Tenarea tortuosa
- Geringe Trübung und hohe Sichttiefe
- Natürliche Hydrodynamik ohne starke Strömungsablenkung
- Abwesenheit invasiver, raumgreifender Algen und übermäßiger Weidegänger
Ein effektiver Schutz kann nur durch großflächige, nutzungsfreie Meereszonen gelingen. Die pontischen Felsriffe sind empfindlich gegen Betretung und mechanische Störung; bereits wiederholte Ankerwürfe oder Grundberührung durch Fischereigerät können die Kalkkrusten schädigen. Kommunen und Küstenmanagement sollten daher darauf achten, Einleitungen aus Kläranlagen und diffuse Nährstoffquellen in Riffnähe zu minimieren.
Bedeutung für den Naturschutz und Forschung
Biotope des Typs MB147 sind seltene Relikte der pontischen Hartbodenfauna. Die Kalkrotalgenakkumulationen schaffen eine stabile Mikrotopographie und fördern die marine Biodiversität in der eigentlich eher weichboden-geprägten Flachwasserzone des Schwarzen Meeres. Gleichzeitig dokumentieren sie die biogeographische Sonderstellung des Pontus als warm-gemäßigtes Binnenmeer mit mediterranen und endemischen Faunen- und Florenelementen.
Für den Naturschutz ist das Data-Deficient-Label ein Warnsignal: Ohne systematisches Monitoring lassen sich weder bestandssichernde Maßnahmen priorisieren noch die Effektivität der FFH-Managementpläne bewerten. Initiativen auf EU-Ebene (z. B. das Meeresstrategie-Rahmenrichtlinien-Monitoring) könnten künftig Datenlücken schließen. Besonders die Erfassung von Flächenausdehnung und Vitalität der Kalkrotalgenbestände mittels Fernerkundung und Taucherkartierung ist dringend zu empfehlen.
Relevanz für Bürger, Küstengemeinden und den Alltag
Ein direktes „Nachbauen“ im Garten ist bei einem marinen Riffbiotop selbstredend unmöglich. Dennoch können Küstengemeinden und Tourismusbetriebe viel beitragen: Informationsarbeit zu umweltverträglichem Tauchen und Schnorcheln, die Vermeidung von Nährstoffeinträgen und die Unterstützung lokaler Meeresschutzprojekte helfen, die Wasserqualität zu bewahren. Auch die umsichtige Planung von Küstenerschließungen und Wellenbrechern schützt die natürliche Wasserbewegung, von der die Kalkrotalgen abhängen.
Wer das Schwarze Meer besucht und an felsigen Abschnitten schnorchelt, kann auf die oft übersehene bunte Welt der Kalkrotalgen achten – ein Bewusstsein für diesen unscheinbaren, aber ökologisch wertvollen Lebensraum zu schaffen, ist der erste Schritt zu seinem Schutz.
Häufige Fragen
Was ist das Habitat EUNIS MB147?
MB147 beschreibt einen marinen Biotoptyp des Schwarzen Meeres: flache, von Kalkrotalgen (Corallinales) überzogene Felswände der oberen Infralittoralzone. Die beiden Hauptarten Titanoderma trochanter und Tenarea tortuosa bilden eine dauerhafte biogene Struktur.
Wie ist die Gefährdungseinstufung in der Europäischen Roten Liste?
Der Biotoptyp wird als Data Deficient (DD) geführt. Es fehlen ausreichende Daten zu Qualitätsindikatoren, Flächenausdehnung und Trends, um eine Einstufung von Least Concern bis Critically Endangered vorzunehmen.
Welche charakteristischen Arten kommen in diesem Lebensraum vor?
Neben den habitatbildenden Rotalgen Titanoderma trochanter und Tenarea tortuosa finden sich viele weitere Kalkrotalgen (z. B. Amphiroa rigida, Jania rubens), Braunalgen (Cystoseira spp.), Grünalgen, die Wurmröhrenschnecke Dendropoma petraeum sowie Fische wie Sarpa salpa und der eingewanderte Siganus luridus.
Welche Rolle spielen FFH-Lebensraumtypen für MB147?
MB147 ist selbst kein eigener FFH-Typ, wird aber den Annex I-Lebensraumtypen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) und 1170 (Riffe) zugeordnet. In Natura 2000-Gebieten, die diese Typen schützen, ist MB147 indirekt mitgeschützt.
Wo genau kommt dieser Biotop vor?
Das Habitat ist auf die biogeographische Region des Schwarzen Meeres (BLS) beschränkt. Es besiedelt vertikale, gut belichtete Felsküsten der oberen Infralittoralzone, vor allem an der westlichen und südlichen Schwarzmeerküste. Konkrete Länderangaben fehlen im Quelldatensatz.
Quellen
- https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/european-red-list-of-habitats
- https://eunis.eea.europa.eu/habitats.jsp
- https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/article-17-database-habitats-directive-92-43-eec-2
- https://sdi.eea.europa.eu/datashare/s/x4Fy8dEbAdNPna8/download
- https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive_en