MB2328 – Spärliche oder fehlende Besiedlung auf baltischem Schill-Kies im Infralitoral
Der Biotoptyp MB2328 beschreibt sauerstoffreiche, strömungsgeprägte Schill-Kiesflächen im Infralitoral der Ostsee (zentrale Ostsee, Beltsee, Öresund), die nahezu frei von makroskopischen Pflanzen und Tieren sind. Er wird in der Europäischen Roten Liste als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) geführt und ist fachlich Teil der FFH-Lebensraumtypen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Sparse or no communities on Baltic infralittoral shell gravel
- EUNIS
- MB2328
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1110; 1160 – Sandbanks which are slightly covered by sea water all the time; Large shallow inlets and bays
Das Wichtigste in Kürze
Der Meeresboden-Lebensraum mit dem EUNIS-Code MB2328 („Sparse or no communities on Baltic infralittoral shell gravel“) bezeichnet fast vegetations- und tierfreie Schill-Kiesflächen im flachen, lichtdurchfluteten Bereich der Ostsee. Nach den vorliegenden Daten der Europäischen Umweltagentur (EEA) ist er auf stark strömungsbeeinflusste Standorte in der zentralen Ostsee, der Beltsee und dem Öresund beschränkt. Die Gefährdung wird in der Europäischen Roten Liste der Lebensräume mangels ausreichender Daten als „Data Deficient“ eingestuft. Sowohl typische Arten als auch Qualitätsindikatoren sind derzeit unbekannt.
Dieser Biotoptyp ist ausschließlich marin; er lässt sich nicht im Garten oder in kommunalen Grünanlagen nachbilden. Wer sich für den Schutz oder die Bewertung dieses Lebensraums interessiert, findet im Folgenden alle verfügbaren amtlichen Fakten verständlich aufbereitet.
Was ist der Biotoptyp MB2328?
MB2328 gehört zur Gruppe der benthischen (am Meeresgrund lebenden) Habitate der Ostsee. Gemäß der HELCOM HUB-Klassifikation, auf die sich die EUNIS-Beschreibung stützt, handelt es sich um einen Lebensraum in der photischen Zone (ausreichend Licht für Photosynthese), dessen Sediment zu mindestens 90 % aus Schill besteht. Schill sind Bruchstücke von Muschel- und Schneckenschalen, die hier als Grobsediment (Kies) vorliegen.
Das Besondere: Epibenthische Makrovegetation (größere Algen oder Seegräser) und Makrofauna (z. B. sichtbare Wirbellose) fehlen. Es gibt also keine dauerhafte oder nennenswerte Besiedlung durch mehrzellige Lebewesen auf der Sedimentoberfläche. Der Meeresboden erscheint dadurch kahl, auch wenn mikroskopisch kleine Organismen im Porenraum des Kieses durchaus vorkommen können.
Wo kommt dieser Lebensraum vor?
MB2328 wird in den vorliegenden Quelldaten ausschließlich der biogeografischen Region „BAL“ (Baltic) zugeordnet. Nach fachlicher Einschätzung der HELCOM-Experten ist sein Vorkommen auf drei Teilgebiete der Ostsee begrenzt:
- Zentrale Ostsee (Baltic Proper) – die offenen, tieferen Becken zwischen Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen und Bornholm
- Beltsee – die Meeresengen zwischen Fünen, Seeland und Jütland
- Öresund (The Sound) – die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden
Diese Gebiete zeichnen sich durch ausgeprägte Strömungen und eine hohe hydrodynamische Energie aus. Nur dort, wo der Wasseraustausch stark genug ist, um feinkörniges Material wegzutragen und Schill anzureichern, kann sich der Lebensraumtyp ausbilden. Für andere Ostsee-Regionen wie die Bottnische See oder den Finnischen Meerbusen ist MB2328 nicht dokumentiert.
Einem bestimmten Land wird der Biotoptyp in den offiziellen europäischen Datensätzen nicht zugeordnet. Politisch betrifft er aber vorrangig die Meeresgebiete von Dänemark, Schweden und ggf. Deutschland.
EUNIS-Klassifikation und Einordnung
Das europäische Klassifikationssystem EUNIS (European Nature Information System) ordnet Lebensräume hierarchisch. Der Code MB2328 steht für:
| Hierarchie-Ebene | Bezeichnung |
|---|---|
| M – Meereslebensräume | Marine Lebensräume allgemein |
| MB – Ostsee-Benthos | Benthische Lebensräume der Ostsee |
| MB2 – Infralitorale Sedimente | Sedimentböden im flachen, lichtdurchfluteten Bereich (Infralitoral) |
| MB232 – Schill-Kies im Infralitoral | Grobe biogene Sedimente aus Muschelschalen |
| MB2328 | Spärliche oder fehlende Besiedlung auf Schill-Kies |
Damit ist MB2328 eine sehr fein aufgelöste Einheit innerhalb der EUNIS-Typologie. Sie beschreibt nicht einfach „Schill-Kiesböden“, sondern explizit diejenigen, die nahezu steril sind. In der Praxis bedeutet das: Wo immer auf baltischem Schill-Kies ein Bewuchs aus Algen oder eine Bodenfauna zu finden ist, fällt der Standort nicht unter MB2328, sondern unter einen der anderen MB232-Subtypen (z. B. MB2321, MB2322 usw.), die jeweils typische Arten aufweisen.
Gefährdung nach der Europäischen Roten Liste
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+-Bewertung) bewertet MB2328 einheitlich als „Data Deficient“ (DD) – auf Deutsch: ungenügende Datengrundlage. Das bedeutet:
- Es liegen nicht genug Informationen über die Verbreitung, die Flächenentwicklung oder den ökologischen Zustand vor, um eine zuverlässige Einstufung in eine Gefährdungskategorie (z. B. „gefährdet“) vorzunehmen.
- Ein tatsächliches Aussterberisiko kann weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.
- Das Kürzel „Data Deficient“ ist keine Gefährdungsstufe, sondern ein Signal für erheblichen Forschungsbedarf.
In den Quelldaten werden keine spezifischen Gefährdungsursachen („threats“) genannt. Das ist charakteristisch für einen schlecht untersuchten Lebensraum. Fachleute können lediglich vermuten, dass dieselben Faktoren, die andere Ostsee-Habitate bedrohen (Eutrophierung, Grundschleppnetzfischerei, Rohstoffabbau, Klimawandel), auch hier potenziell wirken – doch belastbare Belege fehlen.
Verbindung zu FFH-Lebensraumtypen (Annex I)
Die Europäische Union schützt bestimmte Lebensraumtypen über die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG). Zwei Annex-I-Codes werden in den offiziellen Crosswalks mit MB2328 verknüpft:
- 1110 – Sandbänke, die ständig von geringem Meerwasser überspült sind
- 1160 – Flache große Meeresarme und -buchten
Der Bezug ist als fachliche Überlappung zu verstehen: MB2328 kann innerhalb solcher FFH-Gebiete auftreten, wenn die Standortbedingungen (Schill-Kies, hohe Strömung, keine Bewuchs) erfüllt sind. MB2328 ist aber kein separat geschützter „FFH-Lebensraumtyp“, sondern ein EUNIS-Biotoptyp, der anteilig in den genannten FFH-Kulissen liegen kann. Eine eigenständige Bewertung nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist nicht erfolgt – der Erhaltungszustand auf EU-Ebene ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben (leer).
Qualitätsindikatoren und charakteristische Arten – ein Wissensdefizit
Die amtlichen Metadaten zu MB2328 enthalten bei beiden Feldern den Eintrag „Unknown“ (unbekannt).
- Indikatoren der Habitatqualität: Unbekannt. Es gibt keine vereinbarten Richtwerte für Sedimentzusammensetzung, organische Belastung, Sauerstoffsättigung oder Unterwasserlärm.
- Charakteristische Arten: Unbekannt. Die Definition des Lebensraums beruht auf der Abwesenheit von Makroorganismen, nicht auf dem Vorkommen bestimmter Arten. Typische Begleitarten oder mikrobiologische Gemeinschaften sind nicht standardisiert erfasst.
Diese Leerstellen erschweren Schutzbemühungen erheblich. Ohne beschreibende Qualitätsmaßstäbe lässt sich nicht eindeutig sagen, wann sich ein Standort in einem „guten“ oder „schlechten“ Zustand befindet.
Forschungsbedarf und mögliche ökologische Bedeutung
Dass ein Biotoptyp nahezu frei von größeren Lebewesen ist, klingt vielleicht wenig spektakulär. Dennoch können solche „leeren“ Flächen wichtige Funktionen erfüllen:
- Als hydrodynamisch aktive Zonen beeinflussen sie den Wasser- und Sedimenttransport in der Umgebung.
- Sie könnten Rast- oder Durchzugsgebiete für mobile Arten (z. B. Plattfische) sein, auch wenn diese nicht dauerhaft ansässig sind.
- Schill-Kies bietet ein hohes Porenvolumen, in dem sich Mikroorganismen, Pilze und Einzeller ansiedeln, die am Stoffkreislauf der Ostsee beteiligt sind.
Um den tatsächlichen Wert des Lebensraums zu ermessen, wären gezielte Kartierungen, eine Analyse der Begleitfauna und eine regelmäßige Überwachung notwendig. Die Einstufung als „Data Deficient“ unterstreicht den dringenden Forschungsbedarf, bevor über Schutzmaßnahmen oder Nutzungseinschränkungen entschieden werden kann.
Steckbrief des Lebensraumtyps MB2328
| Merkmal | Details |
|---|---|
| EUNIS-Code | MB2328 |
| Vollständiger Name | Sparse or no communities on Baltic infralittoral shell gravel (deutsch: Spärliche oder fehlende Besiedlung auf baltischem Schill-Kies im Infralitoral) |
| Kurzbeschreibung | Photischer Meeresgrund mit mind. 90 % Schill-Kies; epibenthische Makrovegetation und Makrofauna nicht vorhanden; meist in Hoch-Energie-Zonen der zentralen Ostsee, Beltsee und des Öresunds |
| Biogeografische Region | Baltisch (BAL) |
| Rote Liste EU28 / EU28+ | Data Deficient (DD) – ungenügende Datengrundlage |
| FFH-Anhang-I-Bezug | 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten) – fachliche Überlappung, kein eigener FFH-Typ |
| Art. 17 Erhaltungszustand | In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben |
| Charakteristische Arten | Unbekannt |
| Qualitätsindikatoren | Unbekannt |
| Gefährdungsursachen | Unbekannt (keine in den Datensätzen gelistet) |
| Vorkommen (Meeresgebiete) | Zentrale Ostsee (Baltic Proper), Beltsee, Öresund |
| Hinweis für Garten und Kommune | Dieser Lebensraum ist ein rein mariner Biotoptyp und kann nicht an Land nachgebildet werden |
FAQ
Was versteht man unter dem EUNIS-Code MB2328?
MB2328 bezeichnet einen benthischen Lebensraum in der photischen Zone der Ostsee, dessen Boden zu über 90 % aus Schill-Kies besteht und der keine Ansiedlung von größeren Algen oder Bodentieren aufweist. – Quellen: EUNIS-Definition, HELCOM HUB.
Wo genau kommt der Lebensraum MB2328 vor?
Nach den vorliegenden Daten ist er auf die zentrale Ostsee (Baltic Proper), die Beltsee und den Öresund beschränkt. Er tritt vor allem in Gebieten mit starker Wasserbewegung auf. Eine Zuordnung zu einzelnen Ländern ist in den offiziellen Datensätzen nicht enthalten. – Quelle: EEA Red List, biogeografische Region BAL.
Warum ist der Gefährdungsstatus „Data Deficient“?
Es fehlen ausreichende Informationen über Verbreitung, Flächenentwicklung und ökologischen Zustand, um eine gesicherte Einstufung in eine Gefährdungskategorie vorzunehmen. – Quelle: European Red List of Habitats 2022.
Gehört der Lebensraum zu den geschützten FFH-Lebensraumtypen?
MB2328 selbst ist kein FFH-Lebensraumtyp, steht aber in fachlicher Verbindung zu den Anhang‑I-Typen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten). In entsprechenden Schutzgebieten kann MB2328 anteilig vertreten sein. – Quelle: Crosswalk EUNIS zu Annex I.
Welche typischen Tiere oder Pflanzen leben dort?
Laut amtlicher Klassifikation fehlen epibenthische Makrovegetation und Makrofauna; charakteristische Arten sind unbekannt. Das Habitat ist gerade durch die Abwesenheit einer solchen Besiedlung definiert. – Quelle: HELCOM HUB über EEA.
Quellen
- European Red List of Habitats – Hauptdatenpaket (EEA)
- EEA DataShare: Red List Habitats enhanced by EEA 2022 – enthält die Zeile BAL22
- EUNIS – European Nature Information System: Lebensraum-Details – Suche nach MB2328
- EUNIS Code Browser inkl. Rote-Liste-Informationen
- Article 17 Datenbank – FFH-Monitoring
- EU-Kommission: Habitats Directive – allgemeine Informationen
Häufige Fragen
Was versteht man unter dem EUNIS-Code MB2328?
MB2328 bezeichnet einen benthischen Lebensraum in der photischen Zone der Ostsee, dessen Boden zu über 90 % aus Schill-Kies besteht und der keine Ansiedlung von größeren Algen oder Bodentieren aufweist.
Wo genau kommt der Lebensraum MB2328 vor?
Nach den vorliegenden Daten ist er auf die zentrale Ostsee (Baltic Proper), die Beltsee und den Öresund beschränkt. Er tritt vor allem in Gebieten mit starker Wasserbewegung auf. Eine Zuordnung zu einzelnen Ländern ist in den offiziellen Datensätzen nicht enthalten.
Warum ist der Gefährdungsstatus „Data Deficient“?
Es fehlen ausreichende Informationen über Verbreitung, Flächenentwicklung und ökologischen Zustand, um eine gesicherte Einstufung in eine Gefährdungskategorie vorzunehmen.
Gehört der Lebensraum zu den geschützten FFH-Lebensraumtypen?
MB2328 selbst ist kein FFH-Lebensraumtyp, steht aber in fachlicher Verbindung zu den Anhang‑I-Typen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten). In entsprechenden Schutzgebieten kann MB2328 anteilig vertreten sein.
Welche typischen Tiere oder Pflanzen leben dort?
Laut amtlicher Klassifikation fehlen epibenthische Makrovegetation und Makrofauna; charakteristische Arten sind unbekannt. Das Habitat ist gerade durch die Abwesenheit einer solchen Besiedlung definiert.