EUNIS MB643 – Gemeinschaften der infralittoralen terrigenen Schlammböden im Marmarameer
Der Lebensraumtyp MB643 beschreibt Lebensgemeinschaften auf reinen, meist tonigen Schlickböden im infralitoralen Küstenbereich des Marmarameers. Der Feinsedimenteintrag stammt überwiegend aus Flusserosion an Land. In geschützten Bereichen treten Seegraswiesen mit Cymodocea nodosa, Zostera noltii und Caulerpa prolifera auf. Die bodenlebende Fauna umfasst Turmschnecken (Turritella), Seefedern (Pennatula phosphorea) und Seegurken (Holothuria tubulosa). Die Gefährdung ist für die EU28+-Staaten als „ungenügend daten“ (Data Deficient) eingestuft, eine EU28-Bewertung liegt nicht vor. Der Typ ist eng mit dem FFH-Lebensraum 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme) verknüpft.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Communities of Marmara infralittoral (coastal) terrigenous muds
- EUNIS
- MB643
- EU-28
- n/a
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1160 – Large shallow inlets and bays
Das Wichtigste in Kürze
Der marine Biotoptyp MB643 – „Communities of Marmara infralittoral (coastal) terrigenous muds“ – umfasst die Lebensgemeinschaften auf feinkörnigen, vom Land stammenden Schlickböden in der lichtdurchfluteten, ufernahen Zone (Infralitoral) des Marmarameers. Die Weichböden bestehen aus reinem, mehr oder weniger tonhaltigem Schlamm, der fast ausschließlich durch Flüsse von erodierten Gesteinen des Festlands herangetragen wird. In strömungsberuhigten Lagen entwickeln sich artenreiche Bestände mit Seegräsern und einer charakteristischen Bodenfauna.
Der Lebensraum ist im Anhang I der FFH-Richtlinie dem Typ 1160 „Große flache Buchten und Meeresarme“ zugeordnet. Eine offizielle Gefährdungseinstufung liegt nur für die EU28+-Länder vor: Data Deficient (ungenügende Datengrundlage). Über den Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie geben die vorliegenden Quelldaten keine Auskunft.
Hinweis für Naturinteressierte: Dieser Biotoptyp ist ein natürlicher Meeresbodenlebensraum. Eine direkte Nachbildung im eigenen Garten oder in städtischen Grünflächen ist nicht möglich; er dient jedoch dem Verständnis für die Vielfalt und Schutzwürdigkeit europäischer Meeresökosysteme.
EUNIS-Einordnung und Kurzdefinition
Die Europäische Naturinformationssystem-Klassifikation (EUNIS) ordnet den Lebensraum unter dem Code MB643 ein. Er gehört zur Gruppe der marinen Weichboden-Habitate und ist Teil der übergeordneten Kategorie A5.39 (wie in der Roten-Liste-Projektstruktur verwendet). Der Name verweist auf das Marmarameer, ein Binnenmeer zwischen Ägäis und Schwarzem Meer, das durch starke terrigene Sedimentzufuhr geprägt ist.
Terrigene Schlämme (engl. terrigenous muds) sind marine Ablagerungen, deren mineralische Bestandteile überwiegend vom Festland stammen und durch Flüsse ins Meer transportiert werden. Im Marmarameer sammeln sich diese Feinpartikel in Küstennähe, wo sie ausgedehnte Schlickflächen bilden. Das Wort infralitoral beschreibt die Zone des ständig wasserbedeckten Meeresbodens bis zur Tiefengrenze der Seegras- und Großalgenbestände, also den noch lichtdurchfluteten Küstenstreifen.
Charakteristik des Lebensraums
MB643 ist ein rein mariner Sedimentlebensraum mit folgenden prägenden Merkmalen:
- Bodengrund: Ausschließlich reiner, mehr oder weniger toniger Schlamm. Die Korngröße ist so fein, dass sich kaum gröbere Partikel finden.
- Sedimentherkunft: Fast immer fluvialer Ursprung – das Material wird von Flüssen herangetragen und stammt aus der Verwitterung terrestrischer Gesteine.
- Schnelle Sedimentüberdeckung: Das grobe und feine Material wird rasch umgelagert, sodass sich keine stabile Epifauna (auf dem Sediment lebende Organismen) ausbilden kann. Die Lebensgemeinschaft besteht überwiegend aus im Sediment grabenden oder an der Oberfläche gleitenden Arten.
- Hydrografische Lage: Geschützte Buchten und ruhige Küstenabschnitte begünstigen die Ablagerung des feinen Materials und die Entwicklung von Seegraswiesen.
In strömungsberuhigten Zonen kommt es zur Ausbildung von Assoziationen mit:
- Cymodocea nodosa (Knoten-Seegras)
- Zostera noltii (Zwerg-Seegras)
- Caulerpa prolifera (einer mehrzelligen Grünalgenart)
Diese Pflanzenbestände sind Indikatoren für stabile, wenig gestörte Schlammflächen und bieten zahlreichen Tierarten Lebensraum.
Charakteristische Arten
Die Qualität des Lebensraums lässt sich durch die Präsenz und Abundanz typischer Bodenorganismen bewerten. Die folgenden Arten werden im Roten-Liste-Dokument als charakteristisch für MB643 genannt:
| Artengruppe | Wissenschaftlicher Name | Deutscher / erklärender Name |
|---|---|---|
| Schnecken (Gastropoda) | Turritella spp. | Turmschnecken |
| Vielborster (Polychaeta) | Sternaspis scutata | – |
| Aphrodite aculeata | Seemaus | |
| Muscheln (Bivalvia) | Acanthocardia paucicostata | Herzmuschelart |
| Seefedern (Pennatulacea) | Pennatula phosphorea | Leucht-Seefeder |
| Veretillum cynomorium | – | |
| Krebstiere (Crustacea) | Medorippe lanata | – |
| Seegurken (Holothuroidea) | Parastichopus regalis | Königliche Seegurke |
| Holothuria tubulosa | Röhren-Seegurke |
Tabelle: Charakteristische Tierarten des MB643-Lebensraums (nach EEA-Daten). Die Seegräser und Grünalgen sind nicht Teil der klassischen Fauna, aber als habitatbildende Vegetation ebenso bedeutsam.
Die genannten Arten sind typische Bewohner weicher, organisch angereicherter Schlammböden. Turmschnecken ernähren sich von Sedimentpartikeln, Seefedern ernähren sich filtrierend, und Seegurken durchwühlen den Boden. Die Seemaus (Aphrodite aculeata), ein auffälliger, borstiger Vielborster, ist ein Indikator für ungestörte Weichsubstrate.
Geografische Verbreitung und regionale Bedeutung
Der Biotoptyp ist auf das Marmarameer fokussiert. Die Quelldaten weisen als biogeografische Region BLS aus – dies steht für die Schwarzmeerregion (Black Sea). Zwar liegt das Marmarameer nicht direkt im Schwarzen Meer, ist aber durch den Bosporus eng mit diesem verbunden und wird biogeografisch oft dem erweiterten Schwarzmeerraum zugeordnet.
Eine Auflistung der betroffenen EU-Mitgliedstaaten liegt in den verwendeten Datensätzen nicht vor. Die europäischen Roten-Liste-Daten (EU28 und EU28+) erfassen den Typ jedoch als Teil des marinen Naturerbes der EU.
Rote Liste und Gefährdungsstatus
Die Gefährdungsbewertung des Lebensraumtyps erfolgte im Rahmen der „European Red List of Habitats“, die sowohl die EU28-Staaten als auch die erweiterten EU28+-Staaten betrachtet. Die Ergebnisse sind uneinheitlich:
- EU28-Bewertung: Nicht anwendbar („n/a“) – eine Bewertung für die EU im engeren Sinne liegt nicht vor.
- EU28+-Bewertung: Data Deficient (DD) – es fehlen ausreichende Daten, um eine Einstufung in eine Gefährdungskategorie vorzunehmen.
Das bedeutet: Über den tatsächlichen Gefährdungsgrad des Habitats gibt es derzeit keine belastbare Aussage. Ursachen für die Datenlücke können die begrenzte räumliche Verbreitung, fehlende Monitoring-Programme oder mangelnde Untersuchungen sein. Die Einstufung als „ungenügende Datengrundlage“ sollte Anlass sein, das Habitat gezielt zu kartieren und seine Entwicklung zu überwachen.
Bezug zum FFH-Anhang I und Artikel-17-Erhaltungszustand
Der Lebensraumtyp MB643 wird im Rahmen der FFH-Richtlinie (92/43/EWG) dem Typ 1160 „Große flache Buchten und Meeresarme“ (Large shallow inlets and bays) zugeordnet. In der Anhang-I-Nomenklatur handelt es sich um einen sogenannten „Hashtag-qualifizierten“ Typ: Das Zuordnungsmerkmal „#“ bedeutet, dass MB643 nur einen Teilbereich oder eine spezielle Ausprägung des übergeordneten Typs 1160 darstellt. Konkret umfasst 1160 eine ganze Bandbreite von flachen Küstenbuchten und Meeresarmen inklusive ihrer Sedimente und Lebensgemeinschaften; MB643 ist eine spezifische Lebensgemeinschaft auf terrigenen Schlämmen innerhalb dieses Obergriffs.
Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten ist kein Erhaltungszustand gemäß Artikel 17 der FFH-Richtlinie angegeben. Das bedeutet, dass für diesen spezifischen Biotoptyp keine eigene gesamteuropäische Bewertung des Erhaltungszustands vorliegt. Eventuell fließt der Zustand der Vorkommen in die Bewertung des übergeordneten Lebensraumtyps 1160 ein, die jedoch nicht in den hier verwendeten Quellen dokumentiert ist.
Für die praktische Anwendung der FFH-Richtlinie bedeutet dies: Wenn Gebiete mit dem Typ 1160 gemeldet werden, können Bestände des MB643 als Teil der natürlichen Ausstattung des Lebensraums 1160 gelten und tragen zu dessen Erhaltungszustand bei.
Bedeutung für die Meeresbiodiversität
Terrigen gespeiste Schlammböden sind Hotspots der biologischen Aktivität, auch wenn sie auf den ersten Blick monoton erscheinen. Die stetige Sedimentzufuhr sorgt für ein hohes Nährstoffangebot, das mikrobielle Prozesse und die Nahrungsnetze von wirbellosen Bodentieren antreibt.
- Filtrierer und Sedimentfresser wie Turmschnecken, Seefedern und Seegurken verwerten das anfallende organische Material und halten den Boden durch ihre Wühlaktivität durchmischt.
- Seegraswiesen stabilisieren den Sedimentkörper, bieten Jungfischen Schutz und dienen als Kinderstube für zahlreiche marine Arten.
- Die Artenvielfalt im Marmarameer ist durch den Austausch mit Mittelmeer und Schwarzmeer besonders hoch; viele typische Arten dieses Lebensraums sind daher eng an die spezifischen ozeanografischen und geologischen Bedingungen gebunden.
Mögliche Einflüsse und Schutzrelevanz
In den vorliegenden Quelldaten sind keine konkreten Gefährdungen oder Bedrohungen aufgelistet. Dennoch lassen sich aus der allgemeinen Kenntnis über marine Weichbodenhabitate Faktoren ableiten, die potenziell auf den Lebensraum einwirken könnten:
- Schadstoff- und Nährstoffeintrag aus Flüssen (Eutrophierung) kann die Sauerstoffverhältnisse im Sediment verschlechtern und die Artenzusammensetzung verändern.
- Schleppnetzfischerei oder andere bodenberührende Fischereimethoden stören die empfindlichen Schlammböden und können Seegraswiesen zerstören.
- Küstenausbau und Hafenbau verändern die Sedimentdynamik und können das Habitat direkt zerstören.
- Schiffsverkehr führt zu Trübung und Unterwasserschall, der bodenlebende Organismen beeinträchtigt.
Da der Typ mit dem FFH-Lebensraum 1160 verknüpft ist, genießt er über die Habitatrichtlinie einen gewissen Schutzstatus. In ausgewiesenen Natura-2000-Gebieten, die den Typ 1160 umfassen, sind Maßnahmen zur Vermeidung von Beeinträchtigungen zu ergreifen. Zudem greifen regionale Meeresschutzabkommen wie das Barcelona-Übereinkommen (Mittelmeer) und die Bukarest-Konvention (Schwarzes Meer), unter die das Marmarameer mittelbar fällt.
Beobachtung und Qualitätsbewertung
Die Qualität dieses Lebensraums wird laut Roter-Liste-Dokument anhand biotischer und abiotischer Standardindikatoren bewertet. Entscheidend ist jedoch das Vorkommen und die Häufigkeit der charakteristischen Arten (siehe Tabelle). Eine Verschlechterung des Zustands zeigt sich oft zuerst im Rückgang empfindlicher Taxa wie der Seefeder Pennatula phosphorea oder der Seemaus Aphrodite aculeata.
Regelmäßiges Monitoring von Bodenfauna, Sedimentbeschaffenheit und Wasserqualität ist essenziell, um die Datenlücken zu schließen und den Erhaltungszustand beurteilen zu können. Das Marmarameer ist jedoch aufgrund begrenzter Forschungsinfrastruktur und politischer Rahmenbedingungen bisher nicht flächendeckend überwacht.
Zusammenfassung für die Praxis
- EUNIS-Code: MB643
- Beschreibung: Infralitorale terrigen Schlammböden des Marmarameers mit charakteristischen Grab- und Sedimentfressergemeinschaften, in ruhigen Buchten mit Seegräsern durchsetzt.
- Rote Liste: EU28+ Data Deficient, EU28 n/a.
- FFH-Annex I: 1160 („Große flache Buchten und Meeresarme“), Hashtag-Zuordnung als Teilausprägung.
- Art. 17 Erhaltungszustand: In den Quelldaten nicht angegeben.
- Typische Arten: Turritella spp., Aphrodite aculeata, Pennatula phosphorea, Holothuria tubulosa u.a.
- Relevanz für Gärten und Kommunen: Keine direkte Übertragbarkeit; der Typ unterstreicht die Bedeutung des Schutzes mariner Sedimentökosysteme und sauberer Flussmündungen.
Häufige Fragen
Was genau bedeutet EUNIS MB643?
EUNIS MB643 bezeichnet einen marinen Lebensraum im Infralitoral des Marmarameers, dessen Bodengrund aus reinen, vom Land eingeschwemmten (terrigenen) Schlickablagerungen besteht. Geprägt wird er durch grabende Bodenorganismen und in strömungsberuhigten Bereichen durch Seegraswiesen.
Welchen Gefährdungsstatus hat der Lebensraumtyp?
Für die EU28+-Länder wird MB643 als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) geführt. Eine Bewertung für die EU28-Staaten liegt nicht vor (n/a). Es gibt also keine belastbare Einstufung des Gefährdungsgrades.
Welche Verbindung besteht zum FFH-Lebensraum 1160?
MB643 ist eine spezifische Ausprägung des FFH-Lebensraumtyps 1160 „Große flache Buchten und Meeresarme“. Die Zuordnung ist mit dem Qualifier „#“ versehen, was bedeutet, dass MB643 einen Teilbereich des übergeordneten Typs darstellt.
Welche charakteristischen Arten kommen vor?
Typisch sind Turmschnecken (Turritella), der Vielborster Aphrodite aculeata (Seemaus), die Muschel Acanthocardia paucicostata, Seefedern wie Pennatula phosphorea sowie Seegurken wie Holothuria tubulosa. In geschützten Lagen bilden Cymodocea nodosa, Zostera noltii und Caulerpa prolifera dichte Vegetation.
Kann man den Lebensraum im eigenen Garten oder in der Gemeinde nachbilden?
Nein. MB643 ist ein natürlicher Meeresbodenlebensraum und kann nicht ins Süßwasser oder in künstliche Gartenteiche übertragen werden. Er verdeutlicht jedoch die Bedeutung sauberer Flüsse und Meeresbuchten für den Naturschutz.