Circalitorale biogene Habitate im Mittelmeer – Koralligene Biokonkretionen (MC251)
Der Biotoptyp MC251 bezeichnet circalitorale biogene Habitate im Mittelmeer, bekannt als koralligene Biokonkretionen oder Korallengärten. Sie treten auf Tiefen von 20 bis 200 Metern auf und sind durch dichte Bestände von Korallen, Kalkalgen und vielen assoziierten Wirbellosen geprägt. Die europäische Rote Liste stuft den Lebensraum als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) ein. Er fällt unter den FFH-Annex-I-Typ 1170 (Riffe).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Circalittoral biogenic habitats in the Mediterranean - corralligenous bioconcretions
- EUNIS
- MC251
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1170 – Reefs
Das Wichtigste in Kürze
- Offizieller Name: Circalittoral biogenic habitats in the Mediterranean – corralligenous bioconcretions (EUNIS-Code: MC251)
- Umgangssprachlich: Korallengärten (coral gardens) des Mittelmeers
- Lebensraummerkmale: Auf Hart- und Weichböden in Wassertiefen von 20 bis 200 m; gekennzeichnet durch dichte Bestände von Korallenarten, Kalkrotalgen und einer artenreichen Begleitfauna.
- Gefährdung laut Europäischer Roter Liste: Data Deficient – die Datenlage reicht für eine Einstufung nicht aus.
- FFH-Annex-I-Bezug: Dieser Biotoptyp wird teilweise vom Lebensraumtyp 1170 (Riffe) erfasst.
- Biogeografische Region: Mediterran (MED) – ausschließlich im Mittelmeer vorkommend.
Was sind koralligene Biokonkretionen (MC251)?
Der EUNIS-Biotoptyp MC251 fasst eine Gruppe von Lebensräumen zusammen, die im Englischen auch als coral gardens oder coralligenous bioconcretions bezeichnet werden. Sie gehören zu den circalitoralen biogenen Habitaten – also Lebensräumen, die von Lebewesen aufgebaut werden und sich in der unteren lichtdurchfluteten Zone (circalitoral) des Meeres befinden. Der Begriff „biogen“ bedeutet, dass die Strukturen von Organismen wie Korallen, Kalkalgen und Moostierchen erzeugt werden, nicht durch rein geologische Prozesse.
Charakteristisch für diesen Habitattyp ist eine relativ dichte Ansammlung von Kolonien oder Einzeltieren einer oder mehrerer Korallenarten, gemeinsam mit krustenbildenden Kalkrotalgen (Corallinaceae). Anders als echte Kaltwasserriffe (z. B. aus Lophelia pertusa) treten größere riffbildende Steinkorallen – wenn überhaupt – nur als kleine, verstreute Kolonien auf und dominieren den Lebensraum nicht.
Der Biotoptyp kommt auf unterschiedlichen Substraten vor: auf Hartböden ebenso wie auf Weichböden, was die Artenzusammensetzung stark prägt. Während auf Weichböden Seefedern und solitäre Steinkorallen vorherrschen, sind Hartboden-Korallengärten meist von Gorgonien (Hornkorallen) und roten oder schwarzen Korallen geprägt.
Wo findet man diesen Lebensraum?
MC251 ist auf die mediterrane biogeografische Region beschränkt, kommt also nur im Mittelmeer vor. Präzise Länderlisten werden in den vorliegenden Quelldaten nicht genannt, doch ist der Lebensraum potenziell in den Küstengewässern aller Anrainerstaaten des Mittelmeers zu finden – von Spanien über Frankreich, Italien, Kroatien, Griechenland bis zur Türkei und den nordafrikanischen Küsten.
Die Vorkommen erstrecken sich über einen Tiefenbereich von etwa 20 bis 200 Metern. Rote Edelkoralle (Corallium rubrum) wächst meist unterhalb von 30 m, weil sie reduzierte Lichtverhältnisse benötigt. Die Obergrenze kann örtlich etwas variieren, abhängig von der Trübung des Wassers und dem Nährstoffeintrag.
Der Biotoptyp kann an Steilwänden, Felsvorsprüngen, Höhleneingängen und auf ebenen oder sanft geneigten Weichböden ausgebildet sein. Die Strukturvielfalt schafft zahlreiche Mikrohabitate für eine reiche Begleitfauna.
Charakteristische Arten und biologische Vielfalt
Die biologische Vielfalt in koralligenen Biokonkretionen ist typischerweise hoch. Neben den strukturbildenden Korallen und Kalkalgen kommen zahlreiche Tiergruppen vor. In den Quelldaten werden folgende charakteristische Organismen, aber keine konkreten Artenlisten angegeben:
- Lederkorallen (Alcyonacea)
- Gorgonien (Gorgonacea), z. B. Paramuricea clavata, Eunicella verrucosa, Eunicella cavolini, Eunicella singularis
- Seefedern (Pennatulacea)
- Schwarze Korallen (Antipatharia), z. B. Antipathella subpinnata
- Edelkoralle (Scleractinia), besonders die als Schmuckstein gehandelte Corallium rubrum
- Kalkige Rotalgen (Corallinaceae), die verkrustete Kalkgerüste bilden
- Schwämme (Porifera) in beachtlicher Artenzahl
- Weitere Begleitfauna: Gorgonenhäupter (Schlangensterne), Haarsterne (Crinoiden), Seescheiden (Ascidiae), Weichtiere, Krebstiere und verschiedene Fischarten
Die Artengemeinschaft ist in hohem Maß von den Lichtverhältnissen, der Strömung und dem Untergrund abhängig. Die strukturbildenden Arten legen das Fundament, auf dem und in dessen Schutz viele weitere Organismen siedeln.
Qualitätsindikatoren für den Gesundheitszustand
Zur Bewertung der ökologischen Qualität solcher Lebensräume wurden in der Fachliteratur verschiedene Indikatoren vorgeschlagen. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Messgrößen zusammen, die auch in den Beschreibungen des europäischen Habitat-Monitorings genannt werden:
| Indikator | Bedeutung |
|---|---|
| Biotische Deckung (prozentualer Anteil lebender benthischer Organismen) | Gibt Auskunft über die Vitalität der Lebensgemeinschaft. Hohe Deckung durch strukturbildende Organismen ist positiv. |
| Artenreichtum auffälliger (konspikur) Arten | Hohe Artenzahl weist auf intakte, ungestörte Bedingungen hin. |
| Prozentanteil verkrustender Kalkrotalgen | Zeigt die Fähigkeit des Habitats, Kalkstrukturen aktiv auf- und auszubauen. |
| Prozentanteil nicht kalkiger Krustenalgen und Tiere | Ergänzungsgröße zum Kalkalgenanteil. |
| Prozentanteil rasenbildender Algen | Bei Überhandnehmen ein möglicher Hinweis auf Nährstoffeintrag oder gestörte Konkurrenzverhältnisse. |
| Sedimentauflage | Starke Überdeckung kann Organismen ersticken und ist ein Stressfaktor. |
| Bohrorganismen-Marken | Fraßspuren und Bohrspuren geben Aufschluss über biologische Abbauprozesse. |
| Nekrose-Prozente (abgestorbenes Gewebe) an Korallen | Direktes Stress- oder Krankheitssignal. |
| Moostierchen-Deckung | Als Teil der benthischen Gemeinschaft zu bewerten; Verschiebungen können auf Veränderungen hinweisen. |
| Schlamm- und Biofilmbedeckung | Zeichen für Eutrophierung oder Schwebstoffeintrag. |
| Deckung der eigentlichen Baumeister-Arten | Unmittelbares Maß für den Zustand der biogenen Struktur. |
Diese Indikatoren erlauben eine differenzierte Beurteilung, erfordern aber meist aufwändige Unterwasseraufnahmen durch Wissenschaftler oder Berufstaucher.
Gefährdung und Schutzstatus – Rote Liste und FFH
Die Europäische Rote Liste der Habitate (Bewertungen EU28 und EU28+) führt MC251 in der Kategorie „Data Deficient“ (DD). Das bedeutet: Es gibt nicht genügend Daten, um das Ausmaß der Gefährdung zuverlässig einzuschätzen. Die Liste merkt an, dass es sich um einen marinen Lebensraum handelt, dessen Zustandsüberwachung methodisch anspruchsvoll ist, was zur „Data Deficient“-Einstufung beiträgt. Diese Einschätzung gilt sowohl für die EU28 als auch für die erweiterte EU28+-Betrachtung.
Konkrete Bedrohungen sind im Quelldatensatz nicht aufgeführt. In der Fachdiskussion werden allerdings häufig mechanische Schäden durch Grundschleppnetzfischerei, Verschmutzung, Klimaerwärmung (Erwärmungsschübe mit Massenbleiche), Versauerung und Sedimenteintrag als potenzielle Gefahren genannt – all das kann für das MC251-Habitat relevant sein, ist jedoch kein gesicherter Bestandteil der Europäischen Roten Liste für diesen Typ.
Der Biotoptyp fällt unter den Annex I der FFH-Richtlinie, und zwar als Teil des Lebensraumtyps 1170 „Riffe“. Das Kleinerzeichen (<) im Crosswalk der Quelldaten weist darauf hin, dass MC251 nur eine Teilmenge des sehr breit gefassten Rifftyps 1170 abdeckt. Ein separater Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie liegt für diesen spezifischen Typ nicht vor – er wird im Rahmen des Monitorings von 1170 (Riffe) mitbewertet, eine isolierte Berichtspflicht besteht nicht.
Wiederherstellungs- oder Managementhinweise speziell für MC251 sind in den vorliegenden europäischen Quelldaten nicht enthalten.
Bedeutung für das Mittelmeer und den Menschen
Koralligene Biokonkretionen sind Hotspots der Artenvielfalt und spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem Mittelmeer. Sie bieten Lebensraum, Kinderstube und Nahrungsquelle für zahlreiche Fischarten, Krebse und andere wirtschaftlich genutzte Arten. Zudem tragen die kalkabscheidenden Organismen zur langfristigen Kohlenstoffbindung bei.
Für den Menschen haben diese „Korallengärten“ einen hohen ästhetischen und touristischen Wert. Tauchsportler und Unterwasserfotografen suchen sie gezielt auf. Die Edelkoralle Corallium rubrum wird traditionell zu Schmuck verarbeitet, was in der Vergangenheit zu intensiver und teils zerstörerischer Ernte führte. Wo eine nachhaltige Nutzung angestrebt wird, sind Schutzgebietsausweisungen und strikte Reglementierungen notwendig.
Weil die Datenlage mangelhaft (Data Deficient) ist, kann das wahre Ausmaß von Rückgängen und Schäden derzeit nicht seriös beziffert werden. Mehr Forschung und Monitoring sind daher dringend erforderlich, um belastbare Aussagen zum Erhaltungszustand treffen zu können.
Was können Bürger und Kommunen tun?
Obwohl es sich um einen tieferen marinen Lebensraum handelt, der sich nicht wie ein Korallenriff im heimischen Aquarium nachbilden lässt, gibt es Anknüpfungspunkte für Engagement und kommunale Verantwortung:
- Schutzgebiete unterstützen: Viele koralligene Biokonkretionen liegen innerhalb von Meeresschutzgebieten (MPAs). Deren Ausweisung und effektives Management liegen in nationaler und regionaler Zuständigkeit. Bürger können sich in Beteiligungsverfahren einbringen.
- Verantwortungsvoller Küstentourismus: Die Nachfrage nach „Korallentouren“ sollte auf Anbieter gelenkt werden, die sich an Verhaltenskodizes halten und Ankerverbote beachten.
- Schadstoffeinträge reduzieren: Auch indirekte Maßnahmen wie die Verbesserung der Kläranlagen, der Verzicht auf phosphathaltige Reinigungsmittel und die Vermeidung von Plastikmüll helfen dem gesamten Mittelmeer-Ökosystem – und damit potenziell auch den Korallengärten.
- Bürgerwissenschaft: Interessierte Taucher können sich an Monitoringprogrammen beteiligen, die auf Fotonachweisen beruhen. So lassen sich mit einfachen Mitteln Verbreitungsdaten ergänzen.
Direkte Wiederherstellungsmaßnahmen speziell für MC251 sind in den offiziellen europäischen Quelldaten nicht beschrieben. Wer konkrete Projekte fördern möchte, sollte sich bei regionalen Meeresbiologie-Instituten und Umweltbehörden nach aktuellen Initiativen erkundigen.
Fazit
Die circalitoralen biogenen Habitate des Mittelmeers – MC251 – sind faszinierende, aber noch viel zu wenig erforschte Lebensräume. Die Einstufung als „Data Deficient“ auf der europäischen Roten Liste verdeutlicht den Mangel an systematischen Bestandsdaten. Gleichzeitig weist die Zuordnung zum FFH-Annex I (Riffe) auf ihre naturschutzfachliche Bedeutung hin. Ein besseres Verständnis dieser „Korallengärten“ ist eine wichtige Voraussetzung für ihren wirksamen Schutz – eine Aufgabe, an der Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam arbeiten müssen.
Häufige Fragen
Was versteht man unter koralligenen Biokonkretionen?
Koralligene Biokonkretionen (EUNIS MC251) sind von Lebewesen aufgebaute Hartsubstratstrukturen im Mittelmeer, die vor allem aus Korallen und Kalkrotalgen bestehen und auf Tiefen von 20 bis 200 Metern vorkommen.
Warum wird der Lebensraum MC251 auf der Roten Liste als „Data Deficient“ geführt?
Die Europäische Rote Liste der Habitate stuft MC251 als „Data Deficient“ ein, weil keine ausreichenden Daten zu Verbreitung, Zustand und Gefährdungsursachen vorliegen, um eine der anderen Gefährdungskategorien zu vergeben.
Fällt dieser Biotoptyp unter die FFH-Richtlinie?
Ja, MC251 wird über den Annex-I-Lebensraumtyp 1170 (Riffe) erfasst. Er ist eine Teilmenge der Riffe und profitiert daher vom Schutzstatus dieses FFH-Lebensraumtyps.
Welche Arten sind typisch für koralligene Gärten im Mittelmeer?
Typisch sind Gorgonien (z. B. Paramuricea clavata, Eunicella-Arten), Schwarze Korallen, Edelkoralle (Corallium rubrum), Seefedern, krustenbildende Kalkrotalgen sowie eine reiche Begleitfauna aus Schwämmen, Schlangensternen, Moostierchen und Fischen.
Kann man koralligene Biokonkretionen im eigenen Garten oder Aquarium nachbauen?
Nein. Es handelt sich um einen marinen Tiefenlebensraum, der nicht im Garten oder privaten Aquarium nachgeahmt werden kann. Interessierte können sich aber ehrenamtlich an Monitoringprojekten beteiligen, die zur Erforschung beitragen.