Gemeinschaften der mediterranen detritischen Böden des unteren Circalitorals (Schelfkante) – EUNIS MD451
Der Biotoptyp MD451 umfasst Lebensgemeinschaften des unteren Circalitorals auf detritischen Böden (Kies-Sand-Schlick-Gemische) im offenen Meer, vor allem an der Schelfkante des Mittelmeers. Der Meeresboden ist reich an Kalkskeletten, Muschelschalen und Korallenresten. Der Lebensraum zeichnet sich durch hohe Artenvielfalt, wichtige Laich- und Fressgründe für kommerziell genutzte Fische (z. B. Rotbarbe, Seehecht, Blauer Wittling) sowie eine besondere Anziehungskraft für Wale aus. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft ihn als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) ein.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Communities of Mediterranean lower circalittoral (shelf-edge) detritic bottoms or open-sea detritic bottoms
- EUNIS
- MD451
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Code: MD451
- Name: Gemeinschaften der mediterranen detritischen Böden des unteren Circalitorals (Schelfkante) / Open-sea detritic bottoms
- Lebensraumtyp: Meeresboden der tieferen Schelfstufe (ca. 100–200 m), bestehend aus einer Mischung von Kies, Sand und Schlick mit hohem Anteil an Kalkschutt aus abgestorbenen Schalen und Skeletten.
- Rote-Liste-Status (Europa EU28/EU28+): Data Deficient (ungenügende Datengrundlage)
- FFH-Anhang I: in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben (kein Annex-I-Code)
- Artikel-17-Erhaltungszustand: in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben
- Biogeografische Region: Mediterran (MED)
- Besonderheiten: Die hohe Planktonproduktion an der Schelfkante macht diesen Lebensraum zu einem wichtigen Nahrungsgebiet für große Fischschwärme und Wale. Bestimmte Ausprägungen, etwa mit dem Haarstern Leptometra phalangium, erhöhen die strukturelle Komplexität und damit die Artenvielfalt. Er dient als Laichgebiet für wirtschaftlich bedeutende Fischarten und trägt so zur Bestandssicherung bei.
EUNIS-Einordnung und räumliche Verbreitung
Der Biotoptyp MD451 gehört nach der EUNIS-Klassifikation (European Nature Information System) zu den marinen Lebensräumen der Kategorie „Mediterranean lower circalittoral detritic bottoms“. Er wird manchmal auch als „Open-sea detritic bottoms“ bezeichnet. Das untere Circalitoral ist der Übergangsbereich zwischen der durchlichteten flacheren Schelfstufe und dem oberen Bathyal, typischerweise in Tiefen von etwa 80 bis 200 Metern. Hier liegen lose, stark gemischte Sedimente aus Kies, Sand und einer feineren Schlickfraktion.
Namensgebend für die „detritischen“ Böden sind die zahlreichen biogenen Hartteile: Kalkskelette von Bryozoen, Korallen, Muschel- und Schneckenschalen sowie Überreste älterer (quartärer) Thanatocoenosen (Totengemeinschaften). Diese bilden das grobe Substrat, das in tieferem, küstenfernem Wasser von einer relativ großen Feinsedimentmenge umgeben ist – stärker als in den küstennäheren detritischen Biozönosen. Dieses spezielle Substrat schafft Nischen für eine charakteristische, artenreiche Bodenlebensgemeinschaft.
Die Verbreitung beschränkt sich nach den vorliegenden Daten auf die biogeografische Region Mediterran (MED). Das Habitat kommt vor allem entlang der Schelfkante des Mittelmeers vor. Angaben zu konkreten Ländern oder genauen Koordinaten sind in den herangezogenen Quelldaten nicht enthalten.
Europäische Rote Liste und Gefährdungsstatus
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats), die sowohl die EU28 als auch erweiterte EU28+-Gebiete bewertet, führt den Biotoptyp MD451 in der Kategorie „Data Deficient“ (DD). Das bedeutet:
Die vorhandenen Daten reichen nicht aus, um eine Einstufung in eine Gefährdungskategorie (z. B. LC, NT, VU, EN, CR) vorzunehmen. Es besteht dringender Bedarf an weiteren Untersuchungen zu Verbreitung, Zustand und Trends.
Ein DD-Status ist kein „sicher ungefährdet“, sondern ein Hinweis auf Wissenslücken. Angesichts der Bedeutung dieses Habitats für die marine Biodiversität und die Fischerei ist eine bessere Datenlage wünschenswert. Ein spezifisches Kriterium für die Einstufung (z. B. A1, B2, C/D1) ist im Quellmaterial nicht aufgeführt.
FFH-Richtlinie und Artikel 17
Der hier beschriebene Lebensraum ist nicht als eigener Typ im Anhang I der FFH-Richtlinie (92/43/EWG) gelistet. Das bedeutet, dass er nicht direkt durch das Schutzgebietsnetz Natura 2000 als „prioritärer“ oder „gemeinschaftlicher“ Lebensraumtyp geschützt wird. Allerdings können ähnliche oder überlappende marine Habitate unter anderen Annex-I-Codes erfasst sein – dies ist für MD451 in den Quelldaten jedoch nicht vermerkt. Auch ein aktueller Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie liegt in den ausgewerteten Daten nicht vor.
Für kommunale oder regionale Planungen im Mittelmeerraum heißt das: Dieser Lebensraum kann dennoch in lokalen oder nationalen Schutzkonzepten berücksichtigt werden, z. B. im Rahmen der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie oder bei der Ausweisung von Meeresschutzgebieten. Eine direkte Übertragung in Gärten oder an Land ist nicht möglich, da es sich um einen subtidalen, vollmarinen Biotoptyp handelt.
Charakteristischer Lebensraum und Ökologische Funktion
Substrat und Struktur
Der Meeresboden wird von einer Mischung aus Grobsedimenten (Kies, biogener Schutt) und feinem Material (Sand und Schlick) geprägt. Der Kiesanteil besteht vorwiegend aus organogenem Material – das sind Kalkreste toter Organismen. Durch diese Heterogenität entstehen zahlreiche Mikrohabitate, die eine hohe Artenvielfalt ermöglichen.
Planktonreichtum und Nahrungsgrundlage
Die besondere Lage an der Schelfkante (shelf break) führt durch aufsteigende nährstoffreiche Tiefenwasser zu einer hohen Produktion von Plankton. Dieses Plankton dient als Basis der Nahrungskette und zieht große Fischschwärme und Meeressäuger an. Damit ist das Habitat ein essenzielles Nahrungsgebiet für viele mobile Arten.
Bedeutung für Fische und Fischerei
Die Detritusböden beherbergen nicht nur eine artenreiche Bodenfauna, sondern fungieren als Laich-, Aufwuchs- und Nahrungsgründe für kommerziell wichtige Fischarten. Genannt werden:
- Rotbarbe (Mullus barbatus)
- Seehecht (Merluccius merluccius)
- Blauer Wittling (Micromesistius poutassou)
- Trisopterus minutus capelanus (Zwergdorsch-Unterart)
Der Erhalt dieser Habitate trägt dazu bei, die Sterblichkeit in sensiblen Lebensphasen (Rekrutierung, Laichen, Nachlaichen) zu senken – ein direktes Argument für den Fischereischutz.
Komplexitätssteigernde Facies
Besonders wertvoll sind Ausprägungen, die durch den Haarstern Leptometra phalangium (Crinoid) dominiert werden. Diese Tiere erhöhen die strukturelle Komplexität des Bodens erheblich und steigern sowohl die Individuenzahlen als auch den Artenreichtum der assoziierten Fauna. Solche Facies gelten als Hotspots der Biodiversität.
Charakteristische Arten und Lebensgemeinschaft
Die Bodenbiozönose setzt sich aus einer Vielzahl von Wirbellosen, Fischen und Stachelhäutern zusammen. Typische oder häufig auftretende Arten sind:
| Gruppe | Beispiele (wissenschaftlich) | Deutsche Erläuterung |
|---|---|---|
| Muscheln (Bivalvia) | Pinna rudis, Astarte sulcata, Chlamys clavata, Pseudamussium clavatum, Limopsis aurita, Venus casina | Große und kleine Muschelarten, oft im Sediment oder auf Hartsubstrat |
| Kahnfüßer (Scaphopoda) | Dentalium panormitanum, Antalis panorma | Im Schlamm lebende Weichtiere mit zahnförmigem Gehäuse |
| Zehnfußkrebse (Decapoda) | Ebalia granulosa | Kleine Krabbenart |
| Malacostraca / Flohkrebse | Lophogaster typicus, Haploops dellavallei | Bodenbewohnende Krebstiere |
| Stachelhäuter (Echinodermata) | Ophiura carnea (Schlangenstern), Thyone gadeana (Seewalze), Holothuria forskali (Seewalze), Spatangus purpureus (Seeigel), Ophiacantha setosa (Schlangenstern) | Verschiedene Stachelhäuter auf dem Sediment |
| Armfüßer (Brachiopoda) | Gryphus vitreus | Festsitzende, schalentragende Tiere |
| Fische (Teleostei) | Gobius quadrimaculatus | Kleine Grundelart |
| Nesseltiere (Cnidaria) | Funiculina quadrangularis (Seefeder), Actinauge richardii (Seeanemone) | Aufragende filtrierende Polypenstöcke |
Die Zusammensetzung kann je nach Tiefe, Sedimentverhältnissen und geografischer Lage variieren. Die hohe Vielfalt an Filtrierern (Seefedern, Anemonen, Haarsterne) zeigt, dass das Wasser reich an Schwebstoffen ist.
Qualitätsindikatoren und Bewertung
Einheitliche, europaweit abgestimmte Qualitätsindikatoren existieren für diesen Biotoptyp bislang nicht. Die Europäische Rote Liste weist jedoch darauf hin, dass sowohl biotische als auch abiotische Parameter genutzt werden können:
- Vorhandensein charakteristischer und empfindlicher Arten
- Wasserqualität (Nährstoffe, Trübung, Schadstoffe)
- Grad der Exposition gegenüber menschlichen Belastungen (z. B. Bodenfischerei, Verankerung)
- Integrierte Indizes zur trophischen Struktur oder zu Sukzessionsstadien
In einzelnen Schutzgebieten (z. B. Natura 2000) können lokal spezifische Referenzwerte festgelegt sein, die aber nicht auf EUNIS-Ebene harmonisiert sind. Für den Erhaltzustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie liegen derzeit keine einheitlichen Bewertungen vor.
Bedrohungen und Schutz
In den ausgewerteten Quelldaten sind keine konkreten Bedrohungen (Threats) für MD451 aufgeführt. Aus der allgemeinen Kenntnis vergleichbarer mariner Habitate lassen sich potenzielle Beeinträchtigungen ableiten, die aber nicht als gesicherte Faktoren dieses spezifischen Biotops gelten dürfen:
- Grundberührende Fischerei (Schleppnetze), die den Lebensraum mechanisch zerstören und die Sedimentstruktur verändern kann
- Überdüngung (Eutrophierung) und damit verbundene Sauerstoffzehrung
- Mögliche Auswirkungen des Klimawandels (Temperaturerhöhung, Versauerung)
- Plastikvermüllung
Da es sich um einen Data-Deficient-Lebensraum handelt, fehlen jedoch systematische Gefährdungsanalysen. Schutzmaßnahmen könnten eine räumliche Fischereiregulierung, die Einrichtung von Meeresschutzgebieten oder die Überwachung des Meeresbodens umfassen. Wiederherstellungsmaßnahmen (Restoration) sind im Quellmaterial nicht näher ausgeführt.
Bedeutung für Kommunen und Gartenbesitzer
Dieser marine Lebensraum existiert in Tiefen von über 80 Metern und ist für Landbewohner nicht direkt zugänglich. Eine Nachbildung im Garten oder in einer Kommune ist unmöglich. Dennoch hat er eine indirekte Bedeutung für alle, die sich für den Meeresschutz und nachhaltige Fischerei interessieren. Der Schutz der Schelfkantendetritusböden hilft, Fischbestände zu erhalten, die auch für den menschlichen Konsum relevant sind. Regionale Initiativen im Mittelmeerraum können durch Informationsarbeit und Unterstützung von Meeresschutzprojekten zur besseren Erforschung und Erhaltung beitragen. Die Kommunikation des Data-Deficient-Status kann zudem Bürgerwissenschaftsprojekte (Citizen Science) anregen, etwa die Meldung von Tiefsee-Beifängen oder die Unterstützung von Forschungsfahrten.
Zusammenfassende Tabelle
| Merkmal | Details |
|---|---|
| EUNIS-Code | MD451 |
| Name (engl.) | Communities of Mediterranean lower circalittoral (shelf-edge) detritic bottoms or open-sea detritic bottoms |
| Lebensraumtyp | Marine Sedimentböden (Kies-Sand-Schlick-Gemisch mit viel biogenem Schutt) |
| Zonierung | Unteres Circalitoral / Schelfkante (ca. 80–200 m Tiefe) |
| Rote Liste Europa (EU28/EU28+) | Data Deficient (DD) |
| FFH-Anhang I | in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben |
| Artikel-17-Status | in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben |
| Biogeografische Region | MED (Mediterran) |
| Charakteristische Strukturen | Biogener Kies, Schalen, Korallenskelette, Bryozoenreste |
| Besondere Arten | Muscheln (z. B. Pinna rudis), Haarsterne (Leptometra phalangium), Seefedern, Grundeln |
| Nutzen | Wichtiges Laich- und Fressgebiet für Rotbarbe, Seehecht, Blauen Wittling u. a.; Nahrungsgrund für Wale |
| Qualitätsindikatoren | Keine allgemein abgestimmten; lokal möglich |
| Bedrohungen laut Quelle | Keine spezifischen Angaben |
| Wiederherstellungshinweise | Keine spezifischen Angaben |
Fazit
Der mediterrane Lebensraum MD451 ist ein faszinierender, aber noch unzureichend untersuchter Meeresboden-Typ, der insbesondere durch seine strukturelle Vielfalt und Planktonproduktion enorm wichtig für die marine Nahrungskette ist. Die Einstufung als „Data Deficient“ macht deutlich, dass wir mehr über seine Verbreitung, seinen Zustand und die tatsächlichen Gefahren wissen müssen. Erst dann lassen sich gezielte Schutzstrategien entwickeln. Seine Bedeutung für kommerzielle Fischarten unterstreicht den praktischen Nutzen eines wirksamen Schutzes – über den Naturschutz hinaus.
FAQ
Was bedeutet EUNIS MD451?
EUNIS MD451 ist der Code für einen marinen Biotoptyp der europäischen EUNIS-Klassifikation. Er bezeichnet die Lebensgemeinschaften auf detritischen Böden des unteren Circalitorals im offenen Meer, vor allem an der Schelfkante des Mittelmeers.
Warum ist der Lebensraum als „Data Deficient“ eingestuft?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet MD451 mit DD (Data Deficient), weil nicht genug Informationen über die genaue Verbreitung, den Zustand und die Trends des Habitats vorliegen, um eine Gefährdungskategorie zu vergeben.
Welche Fischarten profitieren von diesem Habitat?
Die Detritusböden dienen als Laich- und Aufwuchsgebiet für Arten wie die Rotbarbe (Mullus barbatus), den Seehecht (Merluccius merluccius) und den Blauen Wittling (Micromesistius poutassou). Auch die Unterart Trisopterus minutus capelanus wird ausdrücklich genannt.
Ist der Lebensraum durch die FFH-Richtlinie geschützt?
In den vorliegenden offiziellen Daten ist kein Eintrag in Anhang I der FFH-Richtlinie vermerkt. Daher unterliegt er derzeit nicht dem direkten Schutzstatus als eigener FFH-Lebensraumtyp. Artikel-17-Berichte liegen für diesen Code nicht vor.
Können Gartenbesitzer diesen Biotoptyp nachbilden?
Nein. MD451 ist ein vollständig mariner Lebensraum, der in Tiefen von 80 Metern und mehr auf dem Meeresgrund existiert. Eine Nachbildung an Land ist nicht möglich. Der Schutz findet im Meer statt.
Quellen
- European Red List of Habitats (EEA) – Datenpaket 2022
- EUNIS habitat classification (EEA) – Offizielles EUNIS-System
- EUNIS Red List Browser – Details MD451
- Artikel-17-Datenbank (EEA)
- EU-Habitats Directive Seite
Häufige Fragen
Was bedeutet EUNIS MD451?
EUNIS MD451 ist der Code für einen marinen Biotoptyp der europäischen EUNIS-Klassifikation. Er bezeichnet die Lebensgemeinschaften auf detritischen Böden des unteren Circalitorals im offenen Meer, vor allem an der Schelfkante des Mittelmeers.
Warum ist der Lebensraum als „Data Deficient“ eingestuft?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet MD451 mit DD (Data Deficient), weil nicht genug Informationen über die genaue Verbreitung, den Zustand und die Trends des Habitats vorliegen, um eine Gefährdungskategorie zu vergeben.
Welche Fischarten profitieren von diesem Habitat?
Die Detritusböden dienen als Laich- und Aufwuchsgebiet für Arten wie die Rotbarbe (Mullus barbatus), den Seehecht (Merluccius merluccius) und den Blauen Wittling (Micromesistius poutassou). Auch die Unterart Trisopterus minutus capelanus wird ausdrücklich genannt.
Ist der Lebensraum durch die FFH-Richtlinie geschützt?
In den vorliegenden offiziellen Daten ist kein Eintrag in Anhang I der FFH-Richtlinie vermerkt. Daher unterliegt er derzeit nicht dem direkten Schutzstatus als eigener FFH-Lebensraumtyp. Artikel-17-Berichte liegen für diesen Code nicht vor.
Können Gartenbesitzer diesen Biotoptyp nachbilden?
Nein. MD451 ist ein vollständig mariner Lebensraum, der in Tiefen von 80 Metern und mehr auf dem Meeresgrund existiert. Eine Nachbildung an Land ist nicht möglich. Der Schutz findet im Meer statt.