Zum Hauptinhalt springen
EUNIS: MC35Europäische Rote Liste: Data DeficientFFH-Anhang I: 1110; 1160

Mediterrane Lebensgemeinschaften des oberen Circalitorals auf Grobsedimenten (EUNIS MC35)

Der Biotoptyp MC35 umfasst Lebensgemeinschaften auf tidebeeinflussten, groben Sanden, Kiesen und Geröll in Tiefen von meist über 15–20 Metern im Mittelmeer. Er ist in der Europäischen Roten Liste der Habitate als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) eingestuft und steht in Verbindung mit den FFH-Lebensraumtypen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten).

Einordnung

Originalbezeichnung
Communities of Mediterranean upper circalittoral coarse sediments
EUNIS
MC35
EU-28
Data Deficient
EU-28+
Data Deficient
FFH-Anhang I
1110; 1160 – Sandbanks which are slightly covered by sea water all the time; Large shallow inlets and bays

Das Wichtigste in Kürze

  • Biotoptyp: Lebensgemeinschaften des mediterranen oberen Circalitorals auf Grobsedimenten
  • EUNIS-Code: MC35
  • Tiefenzone: Oberes Circalitoral, in der Regel tiefer als 15–20 Meter
  • Substrat: Grobe Sande, Kiese, Geröll – stark von Gezeiten und Strömungen bewegt
  • Europäische Rote Liste: Data Deficient (Datenlage ungenügend)
  • FFH-/Annex-I-Bezug: Teilweise eingeschlossen in den Lebensraumtypen 1110 (Sandbänke) und 1160 (Große flache Meeresarme und -buchten)
  • Biogeografische Region: Mittelmeer (MED)
  • Art.‑17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben

Der Lebensraumtyp MC35 beschreibt einen besonderen Ausschnitt des Meeresbodens im Mittelmeer: stark umspülte, grobe Sedimente in Tiefen, die weder der Küste noch der Tiefsee zuzuordnen sind. Weil er sich meist außerhalb der Reichweite direkter Beobachtung und Beprobung befindet, ist seine Gefährdung bislang nur sehr lückenhaft erfasst.


Was ist der Biotoptyp MC35?

MC35 fasst Lebensgemeinschaften zusammen, die auf tidebeeinflussten circalitoralen Grobsedimenten im Mittelmeer vorkommen. Die Ablagerungen bestehen aus grobem Sand, Kies und Geröll und werden regelmäßig von mäßigen bis starken Bodenströmungen und Wellenbewegungen bewegt. Dadurch entsteht ein dynamischer, unbeständiger Lebensraum, in dem sich nur bestimmte Organismen behaupten können.

Typisch für diesen Lebensraum sind robuste, endobenthische (im Sediment lebende) Vielborster (Polychaeten), mobile Krebstiere und Muscheln sowie wenige, rasch wachsende, opportunistische Arten, die die instabilen Steine und Platten besiedeln. Die Beschreibung in der Europäischen Roten Liste hebt hervor, dass der Lebensraum oft in Gezeitenkanälen mariner Buchten, an exponierten Küsten und im Offshore-Bereich anzutreffen ist.

Das „obere Circalitoral“ – eine marine Tiefenzone

Die Bezeichnung Circalitoral stammt aus der marinen Zonierung. Sie schließt sich unterhalb der tangbaren Algenzone (Infralitoral) an und reicht bis zur Grenze, ab der kein ausreichendes Licht mehr für mehrzellige Algen vorhanden ist. Das obere Circalitoral beginnt bei etwa 15–20 Metern Tiefe. Anders als das flachere Infralitoral wird es nicht mehr von Makroalgen geprägt, sondern von tierischen Lebewesen und – wie bei MC35 – von den Eigenschaften des bewegten Sediments.


EUNIS-Einordnung und Verbreitung

Der EUNIS-Code MC35 steht für marine Lebensräume und ist Teil der Klasse MC – Circalitorale Grobsedimente. Die Verbreitung wird in der amtlichen Datenbank ausschließlich für die mediterrane biogeografische Region (MED) geführt. Konkrete Länderlisten oder punktgenaue Vorkommen sind in den zugrundeliegenden Roten-Liste-Daten nicht aufgeführt.

MerkmalAngabe
EUNIS-CodeMC35
HierarchieMC – Circalitorale Grobsedimente
Biogeografische RegionMediterran (MED)
TiefenstufeOberes Circalitoral (>15–20 m)
SubstrateGrobsand, Kies, Geröll
StrömungsniveauMäßig bis stark
LänderverteilungIn den vorliegenden Quelldaten nicht genannt

Die Abwesenheit einer Länderliste unterstreicht den unzureichenden Erfassungsgrad. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Biotoptyp in weiten Teilen des Mittelmeers vorkommt, wo geeignete Sedimente und Strömungsverhältnisse zusammentreffen.


Rote-Liste-Bewertung: Data Deficient

Die Europäische Rote Liste der Habitate (EU28 und EU28+-Bewertung) stuft MC35 in der Kategorie „Data Deficient“ (DD) – ungenügende Datengrundlage ein. Das bedeutet, dass derzeit nicht genügend Informationen vorliegen, um das Aussterberisiko auf europäischer Ebene auch nur annähernd einzuschätzen. Es fehlen sowohl flächendeckende Kartierungen als auch belastbare Daten zu Trends, Qualität und historischer Entwicklung.

Diese Einstufung ist nicht ungewöhnlich für marine Lebensräume unterhalb der Tauchtiefe. Aufwändige Schiffsexpeditionen und Spezialgeräte sind nötig, um Proben zu nehmen. Gleichzeitig besteht ein möglicher Einfluss durch bodenberührende Fischerei, insbesondere Schleppnetz- und Dredgenfischerei, die solche Gemeinschaften mechanisch schädigen kann. Die Roten-Liste-Daten weisen explizit darauf hin, dass das Vorhandensein charakteristischer, kommerziell genutzter Arten ein Qualitätsindikator sein könnte – allerdings fehlen vereinbarte Standards.


FFH- und Annex-I-Bezug: Sandbänke und große Buchten

Der Biotoptyp MC35 ist kein eigenständiger FFH-Lebensraumtyp, wird aber von zwei bestehenden Annex‑I‑Typen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie teilweise erfasst:

  • 1110 – Sandbänke, die ständig von Meerwasser überspült sind
    Flache, sublitorale Sandbänke, die dauerhaft unter Wasser liegen. Grobe, strömungsbeeinflusste Sedimente des Circalitorals können unter diese Definition fallen, sofern die Tiefe und Struktur passen.
  • 1160 – Flache große Meeresarme und -buchten
    Große, flache Einbuchtungen mit vielfältigen Lebensräumen. In den darin vorkommenden Strömungskanälen kann MC35 als Teil des Habitatkomplexes auftreten.

Die Verbindung wird in der EUNIS-Datenbank mit dem Symbol „#“ („ist enthalten in“) gekennzeichnet. Für die Praxis im Meeresschutz bedeutet das: Wo FFH-Gebiete für 1110 oder 1160 ausgewiesen sind, können auch Flächen von MC35 profitieren – ohne dass der Typ gesondert gemeldet werden muss. Ein eigener Artikel‑17-Erhaltungszustand für MC35 liegt nicht vor, da der Typ nicht separat berichtspflichtig ist.


Charakteristische Arten der Grobsediment-Lebensgemeinschaft

Die Quellen der Europäischen Roten Liste nennen eine Reihe charakteristischer Arten. Keine dieser Arten ist exklusiv an diesen Biotop gebunden, doch ihr gemeinsames Auftreten kennzeichnet die Lebensgemeinschaft:

Rotalgen

  • Arten der Familie Corallinaceae (Kalkrotalgen)

Muscheln (Bivalvia)

  • Atrina pectinata (Kammförmige Steckmuschel)
  • Venus casina (Casina-Venusmuschel)
  • Dosinia exoleta (Gegitterte Dosinia)
  • Donax variegatus (Bunte Stumpfmuschel)
  • Glycymeris glycymeris (Gemeine Samtmuschel)
  • Laevicardium crassum (Dicke Herzmuschel)

Stachelhäuter (Echinodermata)

  • Spatangus purpureus (Purpur-Herzigel)

Schlangensterne (Ophiuroidea)

  • Ophiopsila annulosa

Krebstiere (Crustacea)

  • Anapagurus breviaculeatus (Einsiedlerkrebs)
  • Thia scutellata

Vielborster (Polychaeta)

  • Sigalion squamosus
  • Armandia polyophthalma

Hydrozoen

  • Lytocarpia myriophyllum

Die Liste verdeutlicht, dass es sich um eine artenreiche Mischfauna handelt, deren Glieder an starke Strömung und instabiles Substrat angepasst sind. Viele der genannten Muscheln leben tief eingegraben im Sediment, während Krebse und Stachelhäuter die Oberfläche bewohnen oder sich ebenfalls eingraben.


Ökologische Bedeutung und Funktion

Grobsedimentflächen im oberen Circalitoral tragen zur biologischen Vielfalt des Mittelmeers bei, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig spektakulär wirken. Sie dienen als:

  • Filtrierer-Hotspot: Die dichten Muschelbestände reinigen das Wasser und nehmen organisches Material auf.
  • Nahrungsgrund für Fische und Krebse: Mobile Räuber wie Grundfische profitieren von Polychaeten und kleinen Krebsen.
  • Kinderstube und Rückzugsraum: Die lockeren Sedimente bieten Versteckmöglichkeiten für Jungtiere.
  • Sedimentstabilisator: Muschelschalen und Röhren von Polychaeten können die Struktur des Meeresbodens verfestigen – allerdings ist dieser Effekt bei häufiger Umlagerung durch Strömungen begrenzt.

Die wenigen verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Lebensgemeinschaft durch ihre Standorttreue und spezielle Anpassungen empfindlich auf Veränderungen reagiert. Fehlen jedoch langjährige Beobachtungen, lässt sich dies nicht quantifizieren.


Gefährdung und Schutz – eine unklare Datenlage

Die Einstufung als Data Deficient bringt ein grundsätzliches Problem des Meeresschutzes auf den Punkt: Wir wissen zu wenig, um gezielt handeln zu können. Potenzielle Gefährdungen lassen sich aus dem Ökosystem ableiten:

  • Bodenberührende Fischerei: Grundschleppnetze und Dredgen können die Sedimentstruktur zerstören und die charakteristischen Arten massiv schädigen. In bestimmten geografischen Gebieten ist dieser Einfluss wahrscheinlich.
  • Schifffahrt und Ankernutzung: Auch außerhalb von Häfen können Anker und Schleppketten die Grobsedimente umpflügen.
  • Veränderte Sedimentfrachten: Küstenbaumaßnahmen, Flussbegradigungen und Sandabbau verändern die Menge und Korngröße des Sediments, das in tieferen Zonen ankommt.
  • Klimawandel: Temperaturerhöhung und Versauerung treffen besonders die kalkbildenden Organismen, darunter die genannten Muscheln und Kalkrotalgen.

Die Europäische Rote Liste nennt keine spezifischen Threats für MC35, da die Datenbasis fehlt. Allerdings ist der Habitattyp durch die partielle Abdeckung mit den FFH-Typen 1110 und 1160 zumindest prinzipiell in das Schutzgebietsnetzwerk integrierbar. In ausgewiesenen FFH‑Gebieten gelten die Vorgaben der Habitatrichtlinie: Erhaltungsmaßnahmen und Verträglichkeitsprüfungen für Projekte.


Was bedeutet das für Meeresschutz und Kommunen?

Für Küstengemeinden und regionale Akteure im Mittelmeerraum ist der Biotoptyp MC35 vor allem als Bestandteil größerer Meereslebensräume relevant. Er lässt sich nicht direkt beobachten oder im Garten nachbauen – wohl aber können Kommunen durch folgende Maßnahmen zum Schutz beitragen:

  • Unterstützung von Meeresschutzkampagnen, die auf nachhaltige Fischerei und Eindämmung von Grundschleppnetzen zielen.
  • Förderung von Forschungs- und Kartierungsprojekten, um die Wissenslücken zu schließen.
  • Integration in marine Raumplanung, etwa durch Ausweisung von Fischereiausschlusszonen in bekannten Vorkommensgebieten.
  • Sensibilisierung für die biologische Vielfalt tieferer Meeresbereiche – auch jenseits der sichtbaren Küsten.

Da in den amtlichen Daten keine Länder oder konkreten Schutzgebietskulissen hinterlegt sind, bleibt die Verantwortung auf überregionaler Ebene beim Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Mittelmeers (Barcelona-Konvention) und den EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinien.


Zusammenfassende Daten

KategorieAngabe
EUNIS-CodeMC35
Lebensraumname (engl.)Communities of Mediterranean upper circalittoral coarse sediments
TiefenzoneOberes Circalitoral, >15–20 m
SubstratGrobsand, Kies, Geröll
Europäische Rote ListeData Deficient (DD) für EU28 und EU28+
Annex‑I‑FFH1110 (Sandbänke), 1160 (Große Buchten) – (#) enthaltend
Art.‑17-ErhaltungszustandNicht angegeben
Biogeografische RegionMED (Mediterran)
LänderlisteKeine Angabe in den Quelldaten
Charakteristische ArtenSiehe Liste im Artikel
Gefährdungsfaktoren (potenziell)Grundschleppnetzfischerei, Sedimentveränderungen, Klimawandel

Weiterführende Artikel im Naturkompass

  • EUNIS-Habitate im Mittelmeer
  • FFH-Lebensraumtyp 1110 – Sandbänke
  • FFH-Lebensraumtyp 1160 – Flache große Meeresarme und -buchten
  • Europäische Rote Liste: Meeresböden im Fokus

Häufige Fragen

Was bedeutet „oberes Circalitoral“?

Das obere Circalitoral ist eine marine Tiefenzone, die sich direkt unterhalb des algenreichen Infralitorals anschließt und in etwa bei 15–20 Metern Tiefe beginnt. In dieser Zone dringt noch genügend Licht für Kalkrotalgen ein, aber mehrzellige Großalgen spielen keine dominante Rolle mehr. Der Biotoptyp MC35 ist auf diesen Tiefenbereich beschränkt.

Warum ist der Lebensraum als „Data Deficient“ eingestuft?

Die Europäische Rote Liste der Habitate stuft MC35 als ‚Data Deficient‘ (ungenügende Datengrundlage) ein, weil es an systematischen Kartierungen, Langzeitbeobachtungen und einheitlichen Qualitätsindikatoren für diesen tiefen, schwer zugänglichen Meeresboden mangelt. Eine zuverlässige Einschätzung des Aussterberisikos ist daher derzeit nicht möglich.

Welche FFH-Lebensraumtypen decken den Biotop MC35 ab?

MC35 wird teilweise von zwei Annex-I-Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie erfasst: Typ 1110 (Sandbänke, die ständig von Meerwasser überspült sind) und Typ 1160 (Flache große Meeresarme und -buchten). In diesen Typen kann MC35 als enthaltene Untereinheit vorkommen, er ist jedoch nicht als eigener FFH-Typ ausgewiesen.

Welche typischen Tiere leben in diesem Grobsediment-Lebensraum?

Zu den charakteristischen Arten gehören mehrere Muscheln wie Atrina pectinata, Venus casina und Glycymeris glycymeris, der Purpur-Herzigel (Spatangus purpureus), Schlangensterne der Art Ophiopsila annulosa, Polychaeten wie Sigalion squamosus und mobile Krebse wie Thia scutellata. Außerdem treten Kalkrotalgen und Hydrozoen auf.

Welche Gefährdungen sind für MC35 bekannt?

Konkrete Gefährdungen werden in den offiziellen Roten-Liste-Daten nicht aufgeführt, da die Informationsgrundlage fehlt. Fachlich plausibel sind jedoch Auswirkungen durch Grundschleppnetzfischerei, Anker, Veränderungen der Sedimentzufuhr und Klimaeffekte. Die genannte Liste weist darauf hin, dass in manchen Gebieten Fischereiaktivitäten einen beobachtbaren Einfluss haben können.

Quellen