Ozeanische bis subkontinentale Binnensand-Trockenrasen auf trockenen, sauren bis neutralen Böden (EUNIS E1.9)
Ozeanische bis subkontinentale Binnensand-Trockenrasen (EUNIS E1.9) sind halbnatürliche, niedrigwüchsige Magerrasen auf trockenen, sauren bis neutralen Sandböden. Sie werden von Schwingelarten (Festuca ovina agg.) und Kräutern wie Sand-Grasnelke, Heidenelke oder Fetthenne geprägt. Dieser Lebensraumtyp ist laut Europäischer Roter Liste der Biotoptypen als „Endangered“ (stark gefährdet) eingestuft und durch mehrere FFH-Lebensraumtypen geschützt (6120, 6270, 2330).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Oceanic to subcontinental inland sand grassland on dry acid and neutral soils
- EUNIS
- E1.9 – Open non-Mediterranean dry acid and neutral grassland, including inland dune grassland
- EU-28
- Endangered
- EU-28+
- Endangered
- FFH-Anhang I
- 6120; 6270; 2330 – * Xeric sand calcareous grasslands; * Fennoscandian lowland species-rich dry to mesic grasslands; Inland dunes with open Corynephorus and Agrostis grasslands
Das Wichtigste in Kürze
Ozeanische bis subkontinentale Sandtrockenrasen auf trockenen, sauren bis neutralen Böden sind lückige, niedrigwüchsige Grasländer in den gemäßigten Zonen Europas. Sie besiedeln nährstoffarme, meist aus Sanddünen oder silikatischem Ausgangsgestein hervorgegangene Standorte. Dieser Biotoptyp kommt schwerpunktmäßig in West- und Mitteleuropa vor, mit einem zweiten Verbreitungszentrum auf der Balkanhalbinsel. Unter der EUNIS-Klassifikation wird er als E1.9 – Open non-Mediterranean dry acid and neutral grassland, including inland dune grassland geführt. Die Europäische Rote Liste der Biotoptypen bewertet ihn als „Endangered“ (stark gefährdet). Mehrere Anhang I-Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie überschneiden sich mit diesem Biotop, insbesondere 6120 (Trockene, kalkreiche Sandrasen), 6270 (Artenreiche, trockene Borstgrasrasen) und 2330 (Dünen mit offenen Grasflächen mit Corynephorus und Agrostis). Ein gesamteuropäischer Erhaltungszustand nach Artikel 17 liegt in den vorliegenden Quelldaten nicht vor.
Was ist dieser Lebensraumtyp?
Dieser Biotoptyp umfasst halbnatürliche, mäßig offene bis geschlossene, relativ niedrigwüchsige meso-xerische Grasländer auf nährstoffarmen, sauren bis neutralen, gelegentlich schwach kalkhaltigen Sanden. Er kommt in Tieflagen und in mittleren Gebirgslagen des temperaten Europas vor. Die Vegetation wird überwiegend von horstbildenden, schmalblättrigen Gräsern des Festuca ovina-Aggregats aufgebaut (z. B. Festuca brevipila, F. filiformis, F. guestfalica, F. heteropachys, F. lemanii, F. ovina). Häufige Begleiter sind Agrostis capillaris, Poa angustifolia oder Carex praecox.
In gutem Zustand sind diese Rasen vergleichsweise krautreich und eine wichtige Nektarquelle für Insekten. Typische Kräuter sind:
- Sand-Grasnelke (Armeria maritima subsp. elongata)
- Feld-Beifuß (Artemisia campestris)
- Heidenelke (Dianthus deltoides)
- Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia)
- Echtes Labkraut (Galium verum)
- Scharfer Mauerpfeffer (Sedum acre)
- Ohrlöffel-Leimkraut (Silene otites)
- Silber-Fingerkraut (Potentilla argentea agg.)
- Sand-Thymian (Thymus serpyllum)
- Hasen-Klee (Trifolium arvense)
- Niederliegender Ehrenpreis (Veronica prostrata)
- Kahles Bruchkraut (Herniaria glabra)
Weit verbreitete Allerweltsarten wie Schafgarbe (Achillea millefolium), Spitzwegerich (Plantago lanceolata), Kleines Habichtskraut (Hieracium pilosella), Kleiner Sauerampfer (Rumex acetosella), Gewöhnliches Ferkelkraut (Hypochaeris radicata) und Berg-Jasione (Jasione montana) sind in fast allen Beständen vorhanden. Offenere Ausbildungen enthalten einen hohen Moos- und/oder Flechten-Anteil sowie viele einjährige Gefäßpflanzen (Therophyten).
Mehrere „Steppenelemente“ erreichen in diesem Lebensraumtyp ihre westliche oder nördliche Vorposten. Dazu zählen Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias), Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium), Glanz-Lieschgras (Phleum phleoides) und Ähriger Ehrenpreis (Veronica spicata). Auf der Balkanhalbinsel wird mit der Gesellschaft Armerio-Potentillion eine vikariierende Einheit beschrieben, die durch Rumelische Grasnelke (Armeria rumelica), Kastilisches Straußgras (Agrostis castellana), Heldreich-Jasione (Jasione heldreichii), Pfriemen-Wegerich (Plantago subulata) und Graues Fingerkraut (Potentilla inclinata) gekennzeichnet ist.
Verbreitung in Europa
Dieser Graslandtyp kommt vom submediterranen bis zum südlich borealen Europa überall dort vor, wo trockene, mäßig entwickelte Sandböden anstehen – sei es aus Dünen oder als Verwitterungsprodukt silikatischer Gesteine. Sein Areal erstreckt sich hauptsächlich über Frankreich, das Vereinigte Königreich, die Niederlande, Norddeutschland, Südskandinavien, Polen und die baltischen Staaten. In der südlichen Hälfte Mitteleuropas ist er seltener (in silikatischen Mittelgebirgen und auf Dünensystemen entlang großer Flüsse), wird nach Süden (Nordiberien, Zentralfrankreich) und Osten (z. B. auf die Täler der großen Flüsse in der Ukraine beschränkt) immer seltener. Ein zweites Verbreitungszentrum liegt nach verfügbaren Vegetations- und Bodendaten im zentralen Teil der Balkanhalbinsel (Nordmazedonien, Serbien, Bulgarien).
Pflanzensoziologisch entspricht der Lebensraumtyp den Ordnungen Trifolio arvensis-Festucetalia ovinae und Thero-Airetalia (Klasse Koelerio-Corynephoretea), jedoch ohne deren Vorkommen auf Küstengrauen Dünen. Er besiedelt hoch gelegene, selten überflutete Uferwälle in Flusstälern, trockene Sandplatten und silikatische Berghänge sowie sandige Küstenkliffs im Baltikum.
Im atlantischen Westen reicht das Areal von Nordiberien über Frankreich bis zu den Britischen Inseln. In Ostmittel- und Osteuropa tritt der Typ E1.9a gemeinsam mit den pannonischen und pontischen Sandsteppen (E1.1a, Ordnung Festuco-Sedetalia acris) auf und ist dort auf besser entwickelten Böden zu finden, während E1.1a auf extrem trockenen, gering entwickelten Böden vorkommt.
Ökologie und Artenvielfalt
Die Bestände entstehen dort, wo nährstoffarmer Sand eine lückige Vegetationsdecke zulässt und Trockenheit die Konkurrenzkraft hochwüchsiger Arten begrenzt. Auf Binnendünen bilden sie ein Sukzessionsstadium nach den anfänglichen Silbergrasfluren (Typ E1.9b), bedingt durch Humusakkumulation. Entlang von Flüssen mit aktiver Sandablagerung entwickeln sich naturnähere Pionierstadien. Die Sandtrockenrasen beherbergen mehrere pflanzensoziologische Verbände, die sich großräumig ersetzen (vikariieren) und nach den matrixbildenden Gräsern unterschieden werden:
- Sedo-Cerastion arvensis mit Festuca filiformis – atlantische Region (v. a. Tieflagen)
- Armerion elongatae mit Festuca brevipila und Sand-Grasnelke – subkontinentale Tieflagen (ehemals vom nordischen Inlandeis überformte Gebiete)
- Hyperico perforati-Scleranthion perennis mit Festuca ovina und F. guestfalica – silikatische Mittelgebirge und Skandinavien
- Agrostion vinealis mit Poa angustifolia und Agrostis vinealis – große Flusstäler Osteuropas (für EU28+ nicht gesichert)
- Armerio rumelicae-Potentillion mit verschiedenen Agrostis-Arten, Festuca valesiaca und Armeria rumelica – zentrale und nördliche Balkanhalbinsel
Zwei weitere Verbände sind nur mit Einschränkungen hierher zu stellen: Das Koelerio-Phleion phleioidis der südlichen Mitteleuropa-Mittelgebirge nimmt eine Übergangsstellung zu kontinentalen Trockenrasen ein und wird in der EuroVegChecklist nicht akzeptiert. Die südfranzösische Armerion junceae wurde vorläufig in die Trifolio arvensis-Festucetalia ovinae gestellt, doch diese Zuordnung ist fraglich.
Einjährige Kräuter und Gräser der Ordnung Thero-Airetalia (mit dem einzigen Verband Thero-Airion) können vor allem im submediterran-atlantischen Bereich (Nordiberien, Frankreich, Britische Inseln) eigene Rasen bilden oder als Störungszeiger in lückigen mehrjährigen Beständen auftreten.
Charakteristische Tierarten der Sandtrockenrasen sind:
- Zauneidechse (Lacerta agilis)
- Warzenbeißer (Decticus verrucivorus, eine Heuschreckenart)
Gefährdung und Schutzstatus
Die Europäische Rote Liste der Biotoptypen (European Red List of Habitats) bewertet den Lebensraumtyp E1.9a im Rahmen der EU28- sowie EU28+-Bewertung als „Endangered“ (stark gefährdet). Die Gefährdungsursachen sind in den vorliegenden Quelldaten nicht detailliert ausgewiesen, ergeben sich aber vor allem aus Nutzungsaufgabe, Eutrophierung und Sukzession.
Auf EU-Ebene ist der Lebensraumtyp nicht direkt als eigener FFH-Lebensraumtyp geschützt, aber er überlappt sich mit mehreren Anhang I-Lebensraumtypen:
| FFH-Code | FFH-Bezeichnung (deutsch) | Überlappung mit E1.9 |
|---|---|---|
| 6120 | *Trockene, kalkreiche Sandrasen | Besonders die kalkreicheren Ausbildungen enthalten viele Charakterarten von E1.1g; die Zugehörigkeit ist über ein #-Symbol indiziert (teilweise Überschneidung). |
| 6270 | *Artenreiche, trockene Borstgrasrasen Fennoskandiens | Tieflagenausbildungen auf Sand können hierher gehören. |
| 2330 | Dünen mit offenen Grasflächen mit Corynephorus und Agrostis (Binnendünen) | Die Sandtrockenrasen sind das Folgestadium nach den initialen Silbergrasfluren und daher eng mit diesem Dünenlebensraum verknüpft. |
Ein gesamteuropäischer Erhaltungszustand gemäß Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist in den vorliegenden Daten nicht aufgeführt. Das bedeutet, dass aus dem offiziellen EU-Berichtswesen keine aggregierte Bewertung zu diesem spezifischen EUNIS-Typ vorliegt.
Qualitätsmerkmale und gute fachliche Praxis
Für den Erhalt des Lebensraumtyps ist eine kontinuierliche Nutzung oder Pflege entscheidend. Unter sehr trockenen Bedingungen können Struktur und Artenzusammensetzung auch ohne Management über längere Zeit stabil bleiben. Unangepasste Bewirtschaftung (Abbrennen, vollständige Nutzungsaufgabe) führt hingegen zur Dominanz einzelner Grasarten und schließlich zur Verbuschung und Bewaldung.
Indikatoren für einen guten Erhaltungszustand:
- Langjährig fortgesetzte extensive Bewirtschaftung (Beweidung, Mahd oder eine Kombination)
- Vorkommen regional seltener Steppenarten mit Vorposten in Europa
- Hohe Kräutervielfalt, keine artenarmen, dicht verfilzten Bestände mit dicker Streuauflage
- Keine Einwanderung von Störungszeigern wie Rhytidiadelphus squarrosus (Moos), Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos), Glatthafer (Arrhenatherum elatius), Kratzbeere (Rubus caesius) oder Gehölzen
Bedeutung für den Naturschutz
Diese Sandmagerrasen sind nicht nur ein europäisch gefährdeter Lebensraum, sondern auch letzte Rückzugsorte zahlreicher spezialisierter Pflanzen- und Tierarten. Die extreme Mikroklimatik – tagsüber hohe Temperaturen, nachts starke Abkühlung – ermöglicht das Überdauern von Arten mit kontinentalem Verbreitungsschwerpunkt weit im Westen oder Norden. Zudem stellen die blütenreichen Bestände ein wichtiges Nektarangebot für Wildbienen, Schwebfliegen und Tagfalter dar.
Als Kulturlandschaftselement sind sie untrennbar mit traditionellen Nutzungsformen wie Schaf- und Ziegenbeweidung oder seltener Streumahd verbunden. Ihr Fortbestand hängt daher wesentlich von einer naturschutzkonformen Landbewirtschaftung und der Sicherung der natürlichen Standortbedingungen (Nährstoffarmut, Trockenheit) ab.
Ähnliche Lebensraumtypen und Übergänge
Der Biotoptyp kann mit mehreren anderen EUNIS-Einheiten verwechselt werden oder in sie übergehen:
- E1.7a – Tiefland- bis submontane Borstgrasrasen (Violion caninae) auf stärker sauren Böden.
- E1.9b – Offene Sandpionierrasen mit Corynephorus und Agrostis (Silbergrasfluren), die das Pionierstadium auf Sand darstellen.
- E1.1a – Pannonische und pontische Sandsteppen, die im Osten auf extrem trockenen, gering entwickelten Böden vorkommen.
- B1.4a – Atlantische und baltische Küstendünen-Grasländer, die floristisch und syntaxonomisch sehr ähnlich sein können und zu denselben pflanzensoziologischen Verbänden gehören.
Eine eindeutige Ansprache erfordert daher die Berücksichtigung der Standortverhältnisse, des Artenspektrums und der biogeografischen Region.
Quellen
Häufige Fragen
Was ist der EUNIS-Code E1.9?
E1.9 „Open non-Mediterranean dry acid and neutral grassland, including inland dune grassland“ bezeichnet nicht-mediterrane, offene Trocken- und Magerrasen auf sauren bis neutralen Böden, zu denen auch die Binnensand-Trockenrasen gehören. Der hier beschriebene Untertyp ist das ozeanische bis subkontinentale Sandgrasland auf trockenen, sauren und neutralen Sanden (Rote-Liste-Code RLE1.9a).
Wie ist der Lebensraumtyp in der Europäischen Roten Liste eingestuft?
Sowohl in der EU28- als auch in der EU28+-Bewertung der Europäischen Roten Liste der Biotoptypen wird der Lebensraumtyp als „Endangered“ (stark gefährdet) geführt.
Welche FFH-Lebensraumtypen sind mit E1.9 verknüpft?
Überschneidungen bestehen mit den Anhang I-Typen 6120 (*Trockene, kalkreiche Sandrasen), 6270 (*Artenreiche, trockene Borstgrasrasen) und 2330 (Dünen mit offenen Grasflächen mit Corynephorus und Agrostis). Die Zuordnung zeigt aber nur partielle Übereinstimmungen.
Welche typischen Pflanzenarten kennzeichnen den Lebensraum?
Bestandsbildende Gräser sind Arten des Festuca ovina-Aggregats. Stete Kräuter sind u. a. Sand-Grasnelke, Heidenelke, Echtes Labkraut, Scharfer Mauerpfeffer und Hasen-Klee. Auf der Balkanhalbinsel treten vikariierende Arten wie Rumelische Grasnelke und Pfriemen-Wegerich hinzu.
Warum ist dieser Lebensraumtyp gefährdet?
Die Hauptgefährdung geht von Nutzungsaufgabe, Eutrophierung und nachfolgender Sukzession zu artenarmen Grasbeständen oder Gebüsch aus. Die genauen Gefährdungsfaktoren werden in den vorliegenden Quelldaten nicht einzeln aufgeführt.