Photophile Algengemeinschaften mit dachbildenden Algen: Mediterranes Felslitoral (EUNIS MB151)
Photophile Algengemeinschaften mit dachbildenden Algen (EUNIS MB151) sind extrem artenreiche Lebensräume auf flachen Felsböden des Mittelmeers. Sie werden von busch- und rasenförmigen Algen dominiert, die eine Art Blätterdach bilden. Auf nur 400 cm² können bis zu 110 Arten vorkommen. Die Europäische Rote Liste stuft den Typ als „Endangered“ (gefährdet) ein. FFH-technisch ist er unter anderem über den Lebensraumtyp „Riffe“ (1170) geschützt.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Photophilic communities with canopy-forming algae in Mediterranean infralittoral and upper circalittoral rock
- EUNIS
- MB151
- EU-28
- Endangered
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1160; 1170; 1150 – Large shallow inlets and bays; Reefs; * Coastal lagoons
Das Wichtigste in Kürze
- Lebensraumtyp: Felsige Meeresböden der lichtdurchfluteten Flachwasserzone (Infralitoral) bis in das obere Dämmerlicht (oberes Circalitoral) des Mittelmeeres.
- Kennzeichnend: Ein Mosaik aus aufrechten, buschbildenden und rasenförmigen Algen, die gemeinsam ein dichtes „Algendach“ formen – darunter siedeln verkrustende Tiere und Aufwuchsalgen.
- Artenvielfalt: Mit bis zu 110 Arten auf 400 cm² eine der artenreichsten marinen Biozönosen Europas.
- Gefährdung: European Red List of Habitats (EU28) führt den Typ als „Endangered“ (stark gefährdet). Im erweiterten EU28+ wird der Status aufgrund unzureichender Daten als „Data Deficient“ eingestuft.
- FFH-Bezug: Teile des Lebensraums sind über die FFH-Lebensraumtypen 1160 (Große flache Buchten und Meeresarme), 1170 (Riffe) und 1150 (* Lagunen des Küstenraumes) abgedeckt.
- Verbreitung: Ausschließlich in der mediterranen biogeografischen Region (Mittelmeer).
Was ist eine photophile Algengemeinschaft mit dachbildenden Algen?
Der Begriff „photophil“ bedeutet „lichtliebend“. In dieser Gemeinschaft leben Algen, die auf viel Sonnenlicht angewiesen sind. Sie siedeln auf harten, felsigen Untergründen im flachen Wasser – typischerweise von der Wasserlinie (0 m) bis in das obere Circalitoral, wo das Licht für höhere Algen noch ausreicht. Die Algen bilden eine mehrschichtige Struktur: aufrechte, buschartige und rasenartige Formen schaffen ein fast geschlossenes „Dach“ aus Algen, unter dem weitere Arten wachsen. Die Höhe des Bewuchses bleibt meist unter 20 cm, dafür ist die Artenvielfalt auf kleinstem Raum enorm.
Das Erscheinungsbild ist äußerst variabel und hängt von einer Vielzahl von Umweltfaktoren ab: Lichteinfall, Welleneinwirkung, Nährstoffkonzentration im Wasser, Substratbeschaffenheit, Sedimenteintrag, Temperatur, Salzgehalt, Beweidungsdruck durch Seeigel und Fische sowie die Häufigkeit von Störungen. Je nach Standort dominieren unterschiedliche Algenarten, was zu verschiedenen Untertypen (Biotopen) führt. Das macht jede Ausprägung einzigartig und erfordert eine genaue Betrachtung, um den ökologischen Zustand zu beurteilen.
EUNIS-Klassifikation und Einordnung
In der europaweiten EUNIS-Habitattypologie wird dieser Lebensraum unter dem Code MB151 geführt. Er gehört zur Gruppe der marinen Felslebensräume. Die offizielle Bezeichnung lautet: Photophilic communities with canopy-forming algae in Mediterranean infralittoral and upper circalittoral rock. MB151 ersetzt ältere Klassifikationen und dient als zentrale Referenz für europäische Berichtspflichten und Naturschutzplanungen. Die Zuordnung zu EUNIS ermöglicht es, den Typ länderübergreifend zu erfassen und mit anderen marinen Habitaten zu vergleichen.
Rote Liste Gefährdung: „Endangered“ (gefährdet)
Im Rahmen der European Red List of Habitats wurde MB151 für das Gebiet der EU28 als „Endangered“ (gefährdet) eingestuft. Das bedeutet, dass der Lebensraum in seinem gesamten europäischen Verbreitungsgebiet quantitativ und/oder qualitativ stark zurückgeht und ohne Gegenmaßnahmen ein höheres Risiko des Zusammenbruchs besteht.
Für die erweiterte EU28+-Bewertung (die auch angrenzende Nicht-EU-Staaten einbezieht) liegen nicht genügend Daten vor – der Status lautet hier „Data Deficient“. Diese Unsicherheit unterstreicht den Bedarf an gezielter Überwachung und standardisierter Erfassung in allen Mittelmeeranrainern.
Qualitätsindikatoren und erste Warnsignale sind:
- Ersatz charakteristischer Arten durch opportunistische, schnellwüchsige Algen (z. B. Ulva, Cladophora, Acinetospora) oder stressresistente Formen wie Corallina elongata und Lithophyllum incrustans.
- Einwanderung invasiver, gebietsfremder Arten.
- Abnahme der Artenvielfalt und Strukturvielfalt.
- Massenvorkommen von Miesmuscheln in flachen Bereichen mit hoher organischer Belastung.
- Übermäßiger Fraßdruck durch Seeigel, was zu kahlen, algenfreien Flächen (Seeigelwüsten) führen kann.
FFH-Bezug: Anhang I-Lebensraumtypen
Dieser Meereslebensraum hat eine direkte oder indirekte Überschneidung mit mehreren geschützten Lebensraumtypen des Anhangs I der FFH-Richtlinie:
- 1170 Riffe: Ein großer Teil der photophilen Algengemeinschaft wird als Untereinheit von Riffen betrachtet und ist dadurch europaweit geschützt.
- 1160 Große flache Buchten und Meeresarme sowie 1150 * Lagunen des Küstenraumes: In diesen geschützten Bereichen können lokal Ausprägungen der Algengemeinschaft vorkommen, die ebenfalls dem Schutzregime unterliegen.
Die naturschutzfachliche Betrachtung zeigt, dass der Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben ist. Eine lückenlose Bewertung scheitert häufig an fehlenden flächendeckenden Monitoringdaten, obwohl der Typ in mehreren FFH-Lebensraumtypen implizit enthalten ist.
Lebensraum und Standortfaktoren
Die photophilen Algenbestände besiedeln ausschließlich harte, felsige Substrate und Meeresböden mit stabilem Untergrund. Sie erstrecken sich vom oberen Infralitoral (unmittelbar unter der Niedrigwasserlinie) bis in das obere Circalitoral – also jene Tiefenzone, in die noch so viel Licht dringt, dass mehrjährige Großalgen wachsen können.
Die tatsächliche Ausprägung wird von einer Vielzahl von Umweltgrößen gesteuert. Zu den wichtigsten Faktoren zählen:
- Lichtverfügbarkeit: Bestimmend für die Tiefenverbreitung und die Dominanz lichtliebender (photophiler) Arten.
- Hydrodynamik: Wellenexposition oder Strömungsverhältnisse beeinflussen die mechanische Beanspruchung und die Nährstoffversorgung.
- Nährstoffkonzentration: In nährstoffreichen Umgebungen verschiebt sich das Artenspektrum hin zu kurzlebigen, opportunistischen Arten.
- Substrattyp und Sedimenteintrag: Eine Feinsedimentauflage kann die Ansiedlung von Algen behindern und filtrierende Tiere begünstigen.
- Temperatur und Salzgehalt: Besonders in Lagunen oder Mündungsnähe veränderlich und selektiv auf die Artenzusammensetzung.
- Beweidungsdruck: Hohe Dichten des Seeigels Paracentrotus lividus können die vielschichtige Algenvegetation in kurzrasige oder gar kahle Flächen umwandeln. Auch der pflanzenfressende Fisch Sarpa salpa (Goldstriemen) sowie eingeschleppte Arten wie Siganus rivulatus und S. luridus beeinflussen die Algenzusammensetzung.
- Störungshäufigkeit: Regelmäßige kleinräumige Störungen schaffen offene Stellen und fördern die Koexistenz vieler Arten.
Artenvielfalt: Kennarten der Algen und Begleitfauna
Die Artenfülle dieser Gemeinschaft sucht ihresgleichen. Auf nur 400 cm² wurden bis zu 110 Arten gezählt. Das Inventar variiert je nach geografischer Region und Tiefenstufe stark. Im Folgenden werden charakteristische Organismengruppen und einige ihrer typischen Vertreter aufgeführt.
Algen – das tragende Gerüst
Rotalgen (Rhodophyta): Liagora viscida, Amphiroa rigida, Corallina elongata, Haliptilon virgatum, Ceramium virgatum, Wrangelia penicillata, Jania rubens, Lithophyllum incrustans, Asparagopsis armata, Laurencia obtusa, Plocamium cartilagineum, Peyssonnelia squamaria und viele mehr.
Braunalgen (Phaeophyta): Dictyota fasciola, Colpomenia sinuosa, Taonia atomaria, Dictyota dichotoma, Stypopodium schimperi, Lobophora variegata, Padina pavonica, Arthrocladia villosa, Sporochnus pedunculatus, Halopteris scoparia, Dictyopteris polypodioides.
Grünalgen (Chlorophyta): Ulva rigida, Flabellia petiolata, Acetabularia acetabulum, Dasycladus vermicularis, Caulerpa prolifera, Codium bursa, Cladophoropsis membranacea, Cladophora prolifera.
Wirbellose Begleitfauna
Schwämme (Porifera): Crambe crambe, Phorbas topsentii, Sarcotragus fasciculatus.
Weichtiere (Mollusca): Bittium reticulatum, Conus ventricosus, Columbella rustica, Rissoa guerinii.
Krebstiere (Crustacea): Macropodia longirostris, Maja crispata.
Stachelhäuter (Echinodermata): Echinaster sepositus, Marthasterias glacialis, Paracentrotus lividus, Arbacia lixula, Holothuria tubulosa, Ophidiaster ophidianus.
Fische
Typische Knochenfische dieser Felsalgenzone sind unter anderem Labrus merula (Brauner Lippfisch), Coris julis (Meerjunker), Serranus cabrilla (Sägebarsch), Symphodus tinca (Pfauenlippfisch), Scorpaena porcus (Kleiner Drachenkopf), Epinephelus marginatus (Brauner Zackenbarsch), Diplodus vulgaris (Zweibindenbrasse), Sarpa salpa (Goldstriemen) und Chromis chromis (Mönchsfisch).
Typische Untertypen und deren dominante Arten
| Biotopausprägung | Dominante oder namensgebende Alge(n) | Typische Standortbedingungen |
|---|---|---|
| Exponierte Flachwasserfelsen | Corallina elongata | Sehr flach, stark belichtet, hohe Wellenenergie |
| Gut belichtete Felsen des zentralen und südlichen Mittelmeeres | Haliptilon virgatum (oft zusammen mit Laurencia obtusa, L. majuscula, Dictyota fasciola) | Flachwasser, moderat bis stark exponiert |
| Geschützte Flachwasser–Felsen in nährstoffreichen Milieus | Colpomenia sinuosa | Geschützt, oft mit höheren Nährstoffkonzentrationen |
| Extrem geschützte Zonen in Buchten und Lagunen | Cladophoropsis membranacea | Sehr ruhiges Wasser, lagunäre Bedingungen |
| Mäßig belichtete untere Infralitoral- bis obere Circalitoralbereiche | Arthrocladia villosa, Sporochnus pedunculatus | Stärkere, unidirektionale Strömungen |
Regionale Verbreitung: Mediterrane Biogeografische Region
Dieser Lebensraum ist auf die mediterrane biogeografische Region beschränkt, also auf das Mittelmeer und seine unmittelbaren Küstenzonen. Er kommt entlang nahezu aller felsigen Küstenabschnitte des Mittelmeerraums vor, von der iberischen Halbinsel über die Balearen, das Tyrrhenische Meer, die Adria, die Ägäis bis hin zur Levante und den nordafrikanischen Küsten. Eine exakte Länderliste ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben, was auf die Notwendigkeit einer feineren Kartierung verweist.
Qualitätsmerkmale und frühe Warnsignale
Aufgrund seiner hohen Umweltabhängigkeit reagiert dieser Lebensraum empfindlich auf anthropogene Störungen. Eine Verschlechterung kündigt sich oft durch folgende Entwicklungen an:
- Artensubstitution: Charakteristische, langlebige Algen werden durch kurzlebige, opportunistische Arten ersetzt.
- Rückgang der Biodiversität: Sowohl die Gesamtartenzahl als auch die strukturelle Komplexität nehmen ab.
- Ausbreitung invasiver Arten: Gebietsfremde Algen oder Tiere (z. B. der Kaninchenfisch Siganus spp.) verdrängen einheimische Arten.
- Vereinfachung der Struktur: Anstelle eines mehrschichtigen Algenteppichs dominiert eine einzige Art oder ein monotones Rasenstadium.
- Miesmuschel-Dominanz: Bei hoher organischer Belastung können sich Miesmuscheln explosionsartig vermehren und die Algen verdrängen.
Ein besonderes Augenmerk gilt dem Fraßdruck durch Seeigel. Massenvorkommen von Paracentrotus lividus können die gesamte bewachsene Zone in sogenannte Barren (kahle, von verkrustenden Kalkrotalgen dominierte Flächen) umwandeln – ein Zustand, der sich über Jahrzehnte halten kann und kaum noch Fisch- oder Wirbellosenbestände ernährt.
Bedeutung für Mensch und Natur
Diese Algengemeinschaften sind nicht nur Hotspots der Artenvielfalt, sondern auch unersetzliche Kinderstuben und Nahrungsgründe für zahlreiche Fischarten, darunter auch wirtschaftlich wichtige Speisefische wie Zackenbarsche und Brassen. Sie stabilisieren die Küstenzone, bieten Raum für unzählige Jungtiere und tragen zur Selbstreinigung des Wassers bei. Für den Menschen sind gesunde Felsalgenbestände essenziell für den Tauchtourismus, die Fischerei und den Küstenschutz. Ihr Verlust wäre ein herber Rückschlag für das gesamte Ökosystem Mittelmeer.
FAQ
-
Was versteht man unter „dachbildenden“ Algen?
Darunter versteht man busch- und rasenförmige Makroalgen, die einen mehrschichtigen, geschlossenen Bewuchs bilden und so eine Art Blätterdach über dem Untergrund erzeugen. -
Ist dieser Lebensraum auch in anderen Meeren Europas zu finden?
Nein, die hier beschriebene Gemeinschaft ist auf das Mittelmeer (mediterrane biogeografische Region) beschränkt. In anderen Meeresregionen existieren vergleichbare, aber floristisch anders zusammengesetzte Felsalgen-Gesellschaften. -
Wie wird der Erhaltungszustand laut FFH-Richtlinie bewertet?
Der offizielle Erhaltungszustand nach Artikel 17 ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben. Teillebensräume sind jedoch über FFH-Lebensraumtypen wie Riffe (1170) geschützt und unterliegen der Berichtspflicht. -
Warum ist der Status für die EU28+ als „Data Deficient“ eingestuft?
Für die erweiterte Bewertung (EU28+) fehlen ausreichende quantitative Daten zur Gesamtverbreitung und zum Trend. Deshalb konnte keine Einstufung in eine Gefährdungskategorie vorgenommen werden. -
Kann man diese Algengemeinschaft im eigenen Garten oder Teich nachbilden?
Nein, es handelt sich um einen marinen Lebensraum, der an Felsböden im Meer gebunden ist. Selbst Salzwasseraquarien können die Komplexität und die extrem hohe Artenvielfalt nicht annähernd realistisch abbilden.
Quellen
Häufige Fragen
Was versteht man unter „dachbildenden“ Algen?
Darunter versteht man busch- und rasenförmige Makroalgen, die einen mehrschichtigen, geschlossenen Bewuchs bilden und so eine Art Blätterdach über dem Untergrund erzeugen.
Ist dieser Lebensraum auch in anderen Meeren Europas zu finden?
Nein, die hier beschriebene Gemeinschaft ist auf das Mittelmeer (mediterrane biogeografische Region) beschränkt. In anderen Meeresregionen existieren vergleichbare, aber floristisch anders zusammengesetzte Felsalgen-Gesellschaften.
Wie wird der Erhaltungszustand laut FFH-Richtlinie bewertet?
Der offizielle Erhaltungszustand nach Artikel 17 ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben. Teillebensräume sind jedoch über FFH-Lebensraumtypen wie Riffe (1170) geschützt und unterliegen der Berichtspflicht.
Warum ist der Status für die EU28+ als „Data Deficient“ eingestuft?
Für die erweiterte Bewertung (EU28+) fehlen ausreichende quantitative Daten zur Gesamtverbreitung und zum Trend. Deshalb konnte keine Einstufung in eine Gefährdungskategorie vorgenommen werden.
Kann man diese Algengemeinschaft im eigenen Garten oder Teich nachbilden?
Nein, es handelt sich um einen marinen Lebensraum, der an Felsböden im Meer gebunden ist. Selbst Salzwasseraquarien können die Komplexität und die extrem hohe Artenvielfalt nicht annähernd realistisch abbilden.
Quellen
- https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/european-red-list-of-habitats
- https://eunis.eea.europa.eu/habitats.jsp
- https://eunis.eea.europa.eu/habitats-code-browser-redlist.jsp
- https://sdi.eea.europa.eu/datashare/s/x4Fy8dEbAdNPna8/download
- https://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/article-17-database-habitats-directive-92-43-eec-2
- https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive_en