Polare Wüste (EUNIS H5.1) – Europas arktische Kältewüste
Die polare Wüste (EUNIS H5.1) ist ein arktischer Lebensraum nördlich oder oberhalb der Tundrazone. Sie ist durch extrem niedrige Sommertemperaturen (<2 °C Mittel), sehr wenig Niederschlag (<200 mm/Jahr) und eine fragmentarische Vegetationsdecke (1–10 %) auf steinig-kiesigem Untergrund geprägt. Holzgewächse und Seggen fehlen. Die Vegetation besteht aus wenigen spezialisierten Gefäßpflanzen, Moosen und Krustenflechten. Der Lebensraum gilt als potenziell gefährdet (Near Threatened).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Polar desert
- EUNIS
- H5.1 – Fjell-fields and other freeze-thaw features with very sparse or no vegetation
- EU-28
- -
- EU-28+
- Near Threatened
Das Wichtigste in Kürze
- EUNIS-Code: H5.1 – Fjell-fields and other freeze-thaw features with very sparse or no vegetation
- Kurzcharakteristik: Arktische Wüste mit extrem niedrigen Sommertemperaturen, geringen Niederschlägen und lückiger Vegetation (<10 % Deckung)
- Wichtigster abiotischer Faktor: Mittlere Sommertemperatur <2 °C
- Verbreitung in Europa: Hocharktische Inseln der Barentssee (Spitzbergen, Franz-Josef-Land, Victoria-Insel, Nowaja Semlja) sowie alpine Lagen Spitzbergens über 200–500 m
- Rote-Liste-Status: Near Threatened (potenziell gefährdet) – EU28+ Bewertung
- FFH-Schutz: Kein Annex-I-Lebensraumtyp (FFH-Richtlinie)
- Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben
Die polare Wüste zählt zu den extremsten terrestrischen Lebensräumen Europas. Vegetation ist nur in Form einzelner, an Kälte und Trockenheit angepasster Blütenpflanzen, Moose und Flechten vorhanden. Der Klimawandel stellt eine ernsthafte Bedrohung dar, da bereits eine geringe Temperaturerhöhung die spezielle Artenzusammensetzung verändern kann.
Was ist eine polare Wüste? – Definition und EUNIS-Einordnung
Die polare Wüste ist ein circumpolarer arktischer Lebensraumtyp, der sich nördlich oder in großen Höhen oberhalb der arktischen Tundra anschließt. Sie teilt mit „echten“ (heißen) Wüsten die extreme Niederschlagsarmut von unter 200 mm pro Jahr und eine sehr kurze Vegetationsperiode. Am Isfjord auf Spitzbergen, einer vom Nordatlantikstrom begünstigten Region, beträgt die Wachstumsperiode beispielsweise nur 40–50 Tage.
Im EUNIS-Klassifikationssystem ist die polare Wüste unter H5.1 erfasst, mit der offiziellen Bezeichnung „Fjell-fields and other freeze-thaw features with very sparse or no vegetation“. Der Schwerpunkt liegt auf durch Frostwechsel geprägten, stein- und kiesdominierten Flächen ohne oder mit nur geringer Vegetationsbedeckung. Typische Tundraarten wie Seggen (Carex spp.) und holzige Zwergsträucher (Salix spp., Dryas octopetala, Silene acaulis) fehlen weitgehend – ein entscheidendes Abgrenzungsmerkmal zur Moos- und Flechtentundra (F1.2).
Abiotische Schlüsselfaktoren und Bodenbeschaffenheit
Die extremen Standortbedingungen bilden das Fundament dieses Lebensraums. Wichtigster begrenzender Faktor ist die mittlere Sommertemperatur von unter 2 °C. Weitere charakteristische Merkmale zeigt die folgende Tabelle:
| Abiotischer Faktor | Ausprägung in der polaren Wüste |
|---|---|
| Mittlere Sommertemperatur | <2 °C (wichtigster Faktor) |
| Jahresniederschlag | <200 mm |
| Vegetationsperiode | ca. 40–50 Tage (am Isfjord) |
| Boden | Flachgründig über Permafrost; instabil durch Kryoturbation → oft Wabenbodenmuster |
| Substrat | Fein- bis mittelkörniger Frostschutt (Silt bis Kies, Steine); meist kalkreich, seltener sauer |
| Relief | Flach oder schwach gewellt; geringe Schneebedeckung |
Die ständige Durchmischung des Bodens durch Gefrier- und Auftauprozesse (Kryoturbation) verhindert die Entwicklung geschlossener Pflanzendecken und führt zu den typischen Wabenbodenstrukturen. Die Standorte liegen vor allem in kontinentalen Bereichen, die von kalten Meeresströmungen des Arktischen Ozeans beeinflusst werden.
Verbreitung in Europa: Frostschuttlandschaften der Hocharktis
In Europa kommt die polare Wüste ausschließlich in der Hocharktis vor. Hauptverbreitungsgebiete sind:
- Die flachen bis leicht hügeligen Tiefländer und Hochebenen im Osten und Norden von Spitzbergen (Svalbard)
- Die eisfreien Gebiete der russischen Inseln in der Barentssee: Franz-Josef-Land, Victoria-Insel und Nowaja Semlja
- In ganz Svalbard oberhalb von etwa 200 bis 500 m ü. NN, auf Plateaulagen und frostbeeinflussten Hängen
Die Gebirgsregionen dieser Inseln können auf Schutthalden (Lebensraumtyp H2.1) eine ähnliche Pflanzenartenzusammensetzung aufweisen, werden aber nicht zur polaren Wüste im engeren Sinne gezählt. EU-Mitgliedstaaten sind in den Verbreitungsangaben der Quelldaten nicht ausdrücklich genannt; der Lebensraum wurde im Rahmen der EU28+-Bewertung (European Red List of Habitats) erfasst.
Charakteristische Pflanzenarten – Leben am Limit
Die Vegetationsbedeckung liegt in der Regel bei 1–10 %, stellenweise kann die Fläche völlig pflanzenfrei sein. Die wenigen Arten wachsen vereinzelt oder in kleinen Gruppen auf offenem Frostschutt. Begünstigte Mikrostandorte (windgeschützt, etwas wärmer) können lokal höhere Deckungsgrade aufweisen. Eine Zusammenstellung der typischen Arten:
Gefäßpflanzen (Auswahl)
- Cerastium nigrescens subsp. arcticum (Arktisches Hornkraut)
- Cerastium regelii (Regels Hornkraut)
- Draba pauciflora (Wenigblütiges Felsenblümchen)
- Draba adamsii, Draba corymbosa
- Luzula confusa (Verwechselte Hainsimse)
- Papaver dahlianum (= P. polare, Polarmohn)
- Phippsia algida (Schnee-Salzschwaden)
- Poa arctica (Arktisches Rispengras)
- Ranunculus sabinii (Sibinischer Hahnenfuß – Russland)
- Saxifraga hyperborea (Nordischer Steinbrech)
- Saxifraga oppositifolia (Gegenblättriger Steinbrech)
- Saxifraga cespitosa (Rasen-Steinbrech)
Moose
- Andreaea blyttii, Andreaea rupestris
- Aulacomnium palustre, Aulacomnium turgidum
- Bryocaulon divergens
- Dicranoweisia crispula, Dicranum elongatum
- Drepanocladus cossonii, Orthothecium chryseon
- Polytrichum spp.
- Sanionia uncinata, Tomentypnum nitens
Flechten
- Alectoria ochroleuca, Allantoparmelia alpicola
- Cetraria nivalis (Schnee-Strauchflechte)
- Lecanora ssp., Lecidea ementiens
- Ochrolechia frigida
- Rhizocarpon spp. (Landkartenflechten)
- Stereocaulon rivulorum (Bach-Strauchflechte)
- Umbilicaria proboscidea, Usnea sphacelata
Eine vermehrte Nährstoffzufuhr, etwa durch langjährige Rentierkolonien auf den Plateaus von Edgeøya, kann üppige Moosdecken aus Tomentypnum nitens fördern. Solche Flächen werden aber klimatisch bereits als Moostundra (F1.2) abgegrenzt.
Indikatoren für eine gute Habitat-Qualität
Da es sich um natürliche Vegetation in kaum vom Menschen beeinflussten Regionen handelt, sind Störungen durch direkte Eingriffe gering. Die größte Gefahr geht vom Klimawandel aus. Folgende Merkmale zeigen einen intakten, naturnahen Zustand an:
- Langfristig stabile, sehr niedrige Vegetationsdeckung – plötzliche Zunahme wäre ein Warnsignal.
- Vorkommen von Arten, die empfindlich auf Veränderungen von Bodenfeuchte und -temperatur reagieren, z. B. Draba adamsii, Cerastium regelii und Saxifraga hyperborea.
- Fehlen langlebiger und nur langsam ausbreitender Arten, die auf eine Erwärmung hindeuten würden – konkret: Silene acaulis (Stängelloses Leimkraut), Dryas octopetala (Weiße Silberwurz), Salix polaris (Polarweide) und Festuca rubra ssp. richardsonii (ein Rotschwingel).
Sobald diese Klimawandelzeiger einwandern, deutet dies auf eine Verschiebung der Vegetationszonen und eine Qualitätsminderung der polaren Wüste hin.
Gefährdung und Rote-Liste-Einstufung
Im Rahmen der European Red List of Habitats (EU28+-Bewertung) wird die polare Wüste in die Kategorie Near Threatened (NT) – potenziell gefährdet – eingestuft. Das bedeutet, dass der Lebensraumtyp zwar noch nicht unmittelbar bedroht ist, bei anhaltenden negativen Einflüssen aber in eine Gefährdungskategorie rutschen könnte.
Hauptbedrohung ist die beschleunigte Erwärmung der Arktis. Bereits geringe Anstiege der Sommerdurchschnittstemperatur können das Konkurrenzgefüge verschieben und ein Vordringen wärmeliebenderer Arten aus der Tundra ermöglichen. Weitere Gefahren sind in den Quelldaten nicht im Detail aufgeschlüsselt; direkte menschliche Eingriffe spielen aufgrund der extremen Lage und Unzugänglichkeit kaum eine Rolle.
FFH-Richtlinie und gesetzlicher Schutz
Die polare Wüste ist nicht als Lebensraumtyp in Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) gelistet. Somit existieren keine spezifischen Verpflichtungen der Mitgliedstaaten zu dessen Überwachung und Schutz nach Artikel 17 der Richtlinie. Der in den Quelldaten hinterlegte Artikel-17-Erhaltungszustand ist daher nicht vorhanden. Schutz und Erforschung dieses hocharktischen Lebensraums hängen maßgeblich von internationalen Abkommen und den nationalen Umweltgesetzen der Länder ab, zu denen die betreffenden Inseln gehören.
Unterschiede zur Moos- und Flechtentundra (F1.2)
Die Abgrenzung zur eng verwandten Moos- und Flechtentundra (EUNIS F1.2) ist anhand der Artenzusammensetzung und Vegetationsstruktur klar möglich:
- In der polaren Wüste fehlen typische Tundraarten wie Seggen (Carex spp.) und Holzgewächse (Salix spp., Dryas octopetala, Silene acaulis) weitgehend.
- Die Vegetationsdecke ist in der polaren Wüste deutlich offener (1–10 %) und nicht von geschlossenen Moos- oder Flechtenteppichen geprägt.
- Gebiete mit dichteren Moosmatten durch Nährstoffeintrag (z. B. Rentierplätze) werden trotz ähnlicher Klimalage bereits der Moostundra zugeordnet.
FAQ
Was genau ist eine polare Wüste?
Die polare Wüste (EUNIS H5.1) ist ein extrem kaltes und trockenes Ökosystem nördlich oder oberhalb der arktischen Tundrazone. Sie zeichnet sich durch Temperaturen unter 2 °C im Sommermittel, weniger als 200 mm Jahresniederschlag und eine sehr lückenhafte Vegetation (1–10 % Deckung) auf Steinen und Kies aus. Holzgewächse und Seggen fehlen.
Wo in Europa kommt die polare Wüste vor?
Hauptvorkommen liegen auf Spitzbergen (Svalbard) – sowohl in den östlichen und nördlichen Tiefländern als auch oberhalb 200–500 m – sowie auf den eisfreien Teilen der russischen Inseln Franz-Josef-Land, Victoria-Insel und Nowaja Semlja in der Barentssee.
Welche Pflanzenarten sind typisch für diesen Lebensraum?
Charakteristische Gefäßpflanzen sind Polarmohn (Papaver dahlianum), Schnee-Salzschwaden (Phippsia algida), Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia), Verwechselte Hainsimse (Luzula confusa) sowie verschiedene Hornkräuter und Felsenblümchen. Dazu kommen eine Reihe von Moosen (z. B. Andreaea spp., Tomentypnum nitens) und Krustenflechten (z. B. Rhizocarpon spp., Ochrolechia frigida).
Gilt die polare Wüste als gefährdet?
Ja, in der Europäischen Roten Liste der Habitate (EU28+-Bewertung) wird sie als Near Threatened (potenziell gefährdet) eingestuft. Hauptgefahr ist die klimabedingte Erwärmung der Arktis, die wärmeliebenden Arten das Vordringen ermöglicht.
Wie erkennt man eine intakte polare Wüste?
Ein guter Zustand zeigt sich durch eine dauerhaft sehr niedrige Vegetationsdecke, das Vorkommen frost- und trockenheitsempfindlicher Arten wie Draba adamsii und das Fehlen von wärmeliebenden Störzeigern wie der Weißen Silberwurz (Dryas octopetala) oder der Polarweide (Salix polaris).
Häufige Fragen
Was genau ist eine polare Wüste?
Die polare Wüste (EUNIS H5.1) ist ein extrem kaltes und trockenes Ökosystem nördlich oder oberhalb der arktischen Tundrazone. Sie zeichnet sich durch Temperaturen unter 2 °C im Sommermittel, weniger als 200 mm Jahresniederschlag und eine sehr lückenhafte Vegetation (1–10 % Deckung) auf Steinen und Kies aus. Holzgewächse und Seggen fehlen.
Wo in Europa kommt die polare Wüste vor?
Hauptvorkommen liegen auf Spitzbergen (Svalbard) – sowohl in den östlichen und nördlichen Tiefländern als auch oberhalb 200–500 m – sowie auf den eisfreien Teilen der russischen Inseln Franz-Josef-Land, Victoria-Insel und Nowaja Semlja in der Barentssee.
Welche Pflanzenarten sind typisch für diesen Lebensraum?
Charakteristische Gefäßpflanzen sind Polarmohn (Papaver dahlianum), Schnee-Salzschwaden (Phippsia algida), Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia), Verwechselte Hainsimse (Luzula confusa) sowie verschiedene Hornkräuter und Felsenblümchen. Dazu kommen eine Reihe von Moosen (z. B. Andreaea spp., Tomentypnum nitens) und Krustenflechten (z. B. Rhizocarpon spp., Ochrolechia frigida).
Gilt die polare Wüste als gefährdet?
Ja, in der Europäischen Roten Liste der Habitate (EU28+-Bewertung) wird sie als Near Threatened (potenziell gefährdet) eingestuft. Hauptgefahr ist die klimabedingte Erwärmung der Arktis, die wärmeliebenden Arten das Vordringen ermöglicht.
Wie erkennt man eine intakte polare Wüste?
Ein guter Zustand zeigt sich durch eine dauerhaft sehr niedrige Vegetationsdecke, das Vorkommen frost- und trockenheitsempfindlicher Arten wie Draba adamsii und das Fehlen von wärmeliebenden Störzeigern wie der Weißen Silberwurz (Dryas octopetala) oder der Polarweide (Salix polaris).