Pontic upper circalittoral fine mud (MC644): Ein seltener Lebensraum in der Tiefe des Schwarzen Meeres
Der Pontic upper circalittoral fine mud (EUNIS MC644) ist ein mariner Biotoptyp aus feinen Schlämmen im oberen Circalittoral des Schwarzen Meeres. Er liegt in Tiefen zwischen 20 und 50 Metern unterhalb der euphotischen Zone. Die Lebensgemeinschaft wird von Muscheln (z. B. *Mya arenaria*, *Spisula subtruncata*) und Polychaeten (*Melinna palmata*, *Heteromastus filiformis*, *Aricidea claudiae*) dominiert. Auf der europäischen Roten Liste der Biotope gilt er als ‚Data Deficient‘ – die Datengrundlage reicht für eine Gefährdungseinstufung derzeit nicht aus.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Pontic upper circalittoral fine mud
- EUNIS
- MC644
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
Das Wichtigste in Kürze
Der Lebensraumtyp Pontic upper circalittoral fine mud (offizielle Bezeichnung in der EUNIS-Klassifikation: MC644) beschreibt Weichböden aus feinen Schlämmen im oberen Circalittoral des Schwarzen Meeres. Er tritt unterhalb der lichtdurchfluteten Zone in 20 bis 50 Metern Wassertiefe auf. Die artenreiche Bodenfauna besteht vor allem aus grabenden Muscheln und Polychaeten. Wegen fehlender großflächiger Erfassungen stuft die europäische Rote Liste der Biotope den Typ als Data Deficient (Daten unzureichend) ein. Er ist weder im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet noch wurde ein EU-weiter Erhaltungszustand nach Artikel 17 gemeldet. Für Naturgärten oder Kommunenflächen ist dieser submarine Lebensraum nicht übertragbar; der Beitrag soll das ökologische Verständnis für einen wenig bekannten Teil der europäischen Meeresnatur fördern.
Beschreibung und EUNIS-Klassifikation
Der Lebensraumtyp trägt den EUNIS-Code MC644. Der offizielle Name lautet Pontic upper circalittoral fine mud. EUNIS, das europäische Naturinformationssystem, klassifiziert damit einen marinen Biotoptyp, der durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist:
| Merkmal | Ausprägung |
|---|---|
| Substrat | Feine Schlämme (fine mud) |
| Tiefenzone | Oberes Circalittoral |
| Lichtverhältnisse | Unterhalb der euphotischen Zone (keine ausreichende Photosynthese) |
| Tiefenbereich | 20 – 50 m |
| Geografische Region | Ausschließlich im Schwarzen Meer (biogeografische Region BLS) |
| Faunistische Dominanz | Bivalvia (Muscheln) und Polychaeta (Vielborster) |
Der Begriff Circalittoral stammt aus der marinen Zonierung: das obere Circalittoral schließt sich unterhalb der photischen Zone an und reicht bis etwa 50–80 m Tiefe. In diesem Stockwerk fehlt das für die Primärproduktion notwendige Sonnenlicht; die Lebensgemeinschaften sind daher auf organisches Material angewiesen, das aus höheren Wasserschichten herabsinkt. Die vorherrschenden feinen Sedimente bieten grabenden und sedimentfressenden Tieren einen idealen Lebensraum.
Für die Bewertung des Habitats wurden keine einheitlich vereinbarten Qualitätsindikatoren festgelegt. In bestimmten Schutzgebieten (insbesondere Natura-2000-Gebieten) können jedoch standortspezifische Referenzwerte existieren, die beispielsweise Artenvorkommen oder Sedimentparameter umfassen. Die Rote-Liste-Bewertung betont, dass solche Indikatoren bislang nicht harmonisiert sind.
Charakteristische Arten und Lebensgemeinschaft
Die faunistische Zusammensetzung wird von wenigen, aber ökologisch bedeutsamen Wirbellosen geprägt. Die Europäische Rote Liste der Biotope nennt folgende charakteristische Arten:
- Mya arenaria (Sandklaffmuschel) – eine große, tiefgrabende Muschel
- Spisula subtruncata (Dreieckmuschel) – eine flachgrabende, suspensionsfressende Muschel
- Melinna palmata (Fächerwurm) – ein sedentärer Polychaet, der Schleimnetze baut
- Heteromastus filiformis (Kotpillenwurm) – ein unterirdisch grabender, detritusfressender Borstenwurm
- Aricidea claudiae – ein kleiner, im Sediment lebender Polychaet
Diese Arten repräsentieren eine typische Weichboden-Lebensgemeinschaft unter aphotischen Bedingungen. Muscheln wie Mya arenaria und Spisula subtruncata filtern schwebende Partikel oder weiden die Sedimentoberfläche ab. Polychaeten übernehmen die Rolle der Sedimentbewohner: Melinna palmata befestigt Röhren an der Oberfläche, Heteromastus filiformis frisst das Sediment und scheidet es wieder aus (Bioturbation), während Aricidea claudiae als subadulte Form im Porenwasser lebt. Die Artzusammensetzung kann kleinräumig variieren, wird jedoch durch die physikalisch-chemischen Rahmenbedingungen (geringe Sauerstoffsättigung, Temperatur, organische Belastung) im Schwarzen Meer mitbestimmt.
Weitere, nicht in der Liste genannte Arten können die Gemeinschaft ergänzen. Da es sich um einen datenarmen Biotop handelt, ist das Wissen über die gesamte Artenvielfalt lückenhaft.
Verbreitung und biogeografische Einordnung
Die einzige in den Quelldaten verzeichnete biogeografische Region ist BLS – die marine Region des Schwarzen Meeres. Länderlisten oder eine genauere räumliche Aufschlüsselung liegen dem Bewertungsdatensatz nicht bei. Daher lassen sich keine konkreten Vorkommensländer angeben. Allerdings ist das Habitat auf das Pontische Becken beschränkt, also jenes Meeresbecken, das durch die Verbindung zum Mittelmeer (Bosporus, Marmarameer, Dardanellen) hydrologisch eigenständig ist.
Charakteristisch für den Meeresboden des Schwarzen Meeres ist eine ausgeprägte Schichtung: Unterhalb von rund 150–200 m existiert eine sauerstofffreie, schwefelwasserstoffhaltige Zone. Der hier beschriebene Lebensraum liegt mit maximal 50 m Tiefe jedoch oberhalb dieser chemoklinen und damit in einem aeroben Bereich. Trotzdem ist die Sauerstoffkonzentration tiefenabhängig und kann jahreszeitlich schwanken.
Durch die Lage unterhalb der durchlichteten Zone ist der Lebensraum auf den Eintrag von Detritus aus der Wassersäule angewiesen. Die Feinsedimente stammen teils aus Flusseinträgen (vor allem der Donau) und teils aus der biologischen Produktion des darüber liegenden Pelagials.
Gefährdung laut Roter Liste
Der Biotoptyp wurde im Rahmen der Europäischen Roten Liste der Biotope bewertet, und zwar sowohl für die EU-28 als auch für die erweiterte EU28+-Betrachtung. Das Ergebnis lautet in beiden Bewertungsmaßstäben:
Data Deficient (DD) – Unzureichende Datenlage
Diese Einstufung bedeutet nicht, dass das Habitat ungefährdet ist, sondern dass die vorhandenen Informationen nicht ausreichen, um eine der definierten Gefährdungskategorien (von ungefährdet bis vom Aussterben bedroht) verlässlich anzuwenden. Gründe für diese Einstufung können sein:
- lückenhaftes Verbreitungswissen
- keine systematische Erfassung der Flächengröße und -qualität
- fehlende langjährige Beobachtungsreihen zur Entwicklung
- unklare Gefährdungsursachen
Der Bewertungsdatensatz enthält keine spezifischen Bedrohungen und keine Restorationshinweise. Das bedeutet nicht, dass keine Gefahren existieren; sie wurden lediglich nicht im Rahmen dieses europaweiten Assessments erfasst. In der Praxis werden jedoch mögliche Belastungen diskutiert, die für ähnliche marine Weichbodenhabitate typisch sind. Dazu können grundberührende Fischerei (Schleppnetze), Sauerstoffmangel, Verschmutzung durch Nährstoffe und die Auswirkungen der Klimaerwärmung (Schichtungsänderungen) zählen. Ohne konkrete Studien lassen sich solche Belastungen aber nicht auf den MC644 beziehen. Daher gilt: Die wissenschaftliche Basis für eine fundierte Gefährdungsaussage muss erst noch geschaffen werden.
Bezug zu Natura 2000 und FFH-Richtlinie
Der Biotoptyp MC644 ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG) aufgeführt. Ein Anhang-I-Code oder ein dort gelisteter Lebensraumname existieren nicht. Damit besteht keine unmittelbare europarechtliche Verpflichtung zur Ausweisung von Schutzgebieten speziell für diesen Lebensraum.
Dennoch kann der Biotop innerhalb von Natura-2000-Gebieten vorkommen, die für andere Schutzgüter (z. B. marine Säugetiere, Fischarten) ausgewiesen wurden. In solchen Fällen können die Mitgliedstaaten oder ihre Behörden ggf. standörtliche Qualitätskriterien entwickeln, um den Zustand zu überwachen. Die Rote-Liste-Bewertung erwähnt explizit, dass es keine allgemein anerkannten Qualitätsindikatoren gibt, aber dass innerhalb von Natura-2000-Gebieten gebietsspezifische Referenzwerte festgelegt sein können. Darüber hinaus gibt es für diesen Lebensraum keine Meldung zum Erhaltungszustand gemäß Artikel 17 der FFH-Richtlinie. Das ist plausibel, da Artikel 17 nur auf die in den Anhängen gelisteten Lebensräume angewendet wird.
Erhaltungszustand
Da der Lebensraum weder Anhang-I-Status besitzt noch in den Artikel-17-Berichten der EU-Länder auftaucht, liegt kein unionsweiter Erhaltungszustand vor. Es existieren keine länderübergreifenden Bewertungen wie „günstig“, „ungünstig-unzureichend“ oder „ungünstig-schlecht“. Die Beurteilung beschränkt sich auf das Votum der Roten Liste (Data Deficient). Um einen offiziellen Erhaltungszustand zu erhalten, müsste das Biotop entweder in den Anhang I aufgenommen werden oder einem vergleichbaren Monitoring unterzogen werden.
Schutz und denkbare Bedrohungen
Da im Quelldatensatz weder Bedrohungen noch Schutzmaßnahmen verzeichnet sind, können an dieser Stelle nur allgemeine Überlegungen angestellt werden, die sich aus der Ökologie feinsedimentreicher Meeresböden im Schwarzen Meer ableiten – jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder wissenschaftlich abgesicherte Gültigkeit für MC644.
Mögliche Gefährdungsfaktoren für ähnliche Lebensräume:
- Grundschleppnetzfischerei zerstört die Sedimentstruktur und verletzt oder tötet Benthosorganismen. Besonders das Oberflächensediment und die darin lebenden Polychaeten sind betroffen.
- Eutrophierung (übermäßige Nährstoffzufuhr) kann zu saisonaler Sauerstoffarmut über dem Boden führen, die gerade für sessile Arten kritisch ist.
- Verschmutzung durch Schadstoffe (Schwermetalle, POPs) reichert sich in feinkörnigen Sedimenten bevorzugt an und belastet die grabende Fauna.
- Klimabedingte Veränderungen: Erwärmung und veränderte Flusseinträge könnten die Strömungs- und Sauerstoffverhältnisse im oberen Circalittoral verschieben.
Ob und in welchem Ausmaß diese Faktoren tatsächlich auf den Pontic upper circalittoral fine mud einwirken, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Es wäre wünschenswert, wenn künftige Forschungs- und Monitoringprojekte im Schwarzen Meer eine Datengrundlage schaffen, um den tatsächlichen Zustand zu bewerten.
Hausgarten- und Kommunenbezug?
Marine Lebensräume wie dieser lassen sich nicht in den Garten oder auf kommunale Grünflächen übertragen. Das Konzept des Naturkompasses schließt jedoch das Wissen über solche Biotope ein, um das Bewusstsein für die Vielfalt und Schutzbedürftigkeit aller europäischen Lebensräume zu stärken – auch jener, die dem Menschen auf den ersten Blick fern erscheinen. Planer und interessierte Bürger können aus der Beschreibung lernen, wie empfindlich benthische Systeme im Schwarzen Meer sind und dass sie Teil der europäischen Naturverantwortung sind. Maßnahmen, die mittelbar helfen können, sind zum Beispiel die Reduzierung von Nährstoffeinträgen aus der Landwirtschaft in Flüsse, die ins Schwarze Meer münden, oder die Unterstützung nachhaltiger Fischereipraktiken.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
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Was ist der Pontic upper circalittoral fine mud?
Es handelt sich um einen marinen Biotop aus feinen Schlämmen im oberen Circalittoral des Schwarzen Meeres, in 20–50 m Tiefe. Die Bodengemeinschaft wird von Muscheln und Polychaeten dominiert. In der EUNIS-Klassifikation trägt er den Code MC644. -
Welche charakteristischen Arten kommen vor?
Die Rote Liste nennt Mya arenaria, Spisula subtruncata (Muscheln) sowie Melinna palmata, Heteromastus filiformis und Aricidea claudiae (Vielborster). -
Wo wird der Lebensraum gefunden?
Aus den Daten geht ausschließlich die marine biogeografische Region BLS – Schwarzes Meer – hervor. Eine länderspezifische Auflistung liegt nicht vor. -
Ist der Biotoptyp gesetzlich geschützt?
Nein, MC644 ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet und unterliegt somit keiner direkten Schutzverpflichtung nach EU-Recht. In Natura-2000-Gebieten können jedoch lokal Qualitätsziele festgelegt sein. -
Warum ist die Gefährdung mit ‚Data Deficient‘ eingestuft?
Weil die benötigten Informationen über Verbreitung, Flächenentwicklung und Bedrohungen nicht im erforderlichen Umfang vorliegen. Das Fehlen von Daten ist nicht gleichbedeutend mit Ungefährlichkeit; es zeigt lediglich, dass eine fundierte Einstufung derzeit nicht möglich ist.
Quellen
- European Environment Agency: European Red List of Habitats
- EEA Data Share: Red List Habitats Marine
- EUNIS Habitat Classification
- EUNIS Habitats Code Browser Red List
- EEA Article 17 Database Habitats Directive
- European Commission: Habitats Directive
Alle Angaben basieren auf dem EEA-erweiterten Paket der Europäischen Roten Liste der Biotope 2022 und den genannten Quellen. Stand der Rote-Liste-Bewertung: EU28 und EU28+.
Häufige Fragen
Was ist der Pontic upper circalittoral fine mud?
Es ist ein mariner Biotop aus feinen Schlämmen im oberen Circalittoral des Schwarzen Meeres, in 20–50 m Tiefe. Die Bodengemeinschaft wird von Muscheln und Polychaeten dominiert. In der EUNIS-Klassifikation trägt er den Code MC644.
Welche charakteristischen Arten kommen vor?
Die offizielle Liste enthält Mya arenaria, Spisula subtruncata (Muscheln) sowie Melinna palmata, Heteromastus filiformis und Aricidea claudiae (Vielborster).
Wo wird der Lebensraum gefunden?
Die einzige in den Bewertungsdaten verzeichnete biogeografische Region ist BLS – das Schwarze Meer. Länderspezifische Angaben fehlen.
Ist der Biotoptyp gesetzlich geschützt?
Nein, er taucht nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie auf. Innerhalb von Natura-2000-Kulissen können jedoch standortbezogene Qualitätskriterien entwickelt worden sein.
Warum ist die Gefährdung mit ‚Data Deficient‘ eingestuft?
Weil keine ausreichenden Daten über Verbreitung, Flächentrends und konkrete Bedrohungen vorliegen. Das Fehlen von Daten erlaubt keine Einstufung in eine konkrete Gefährdungskategorie – es ist aber auch keine Aussage über die tatsächliche Ungefährlichkeit.