Pontischer exponierter unterer Mediolitoral-Fels – Lebensraum, Arten, Gefährdung
Der pontische exponierte untere Mediolitoral-Fels (EUNIS MA145) ist ein mariner Biotoptyp der Brandungszone im Schwarzen Meer. Er besteht aus freiliegendem Fels mit einem dichten Algenrasen und wird von starker Wellenbewegung, hoher Luftfeuchtigkeit und intensivem Licht geprägt. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft ihn als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) ein. Er ist mit den FFH-Lebensraumtypen 1160 (Flache große Meeresbuchten und -arme) und 1170 (Riffe) assoziiert.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Pontic exposed lower mediolittoral barren rock
- EUNIS
- MA145
- EU-28
- Data Deficient
- EU-28+
- Data Deficient
- FFH-Anhang I
- 1160; 1170 – Large shallow inlets and bays; Reefs
Das Wichtigste in Kürze
- Lebensraum: Ein schmaler Felsstreifen in der unteren Spritzwasserzone (Mediolitoral) an exponierten Küsten des Schwarzen Meeres.
- EUNIS-Code: MA145 – pontischer exponierter unterer Mediolitoral-Fels.
- Kennzeichen: Freiliegender Fels, fast ständig von Wasser bedeckt, mit einem dichten Überzug aus widerstandsfähigen Algen.
- Umweltfaktoren: Starke Wellen, hohe und konstante Feuchtigkeit, intensive Sonneneinstrahlung.
- Europäische Rote Liste: Data Deficient (ungenügende Datengrundlage). Eine Gefährdungseinstufung ist mangels ausreichender Daten nicht möglich.
- FFH-Annex I: Der Biotoptyp wird den Lebensraumtypen 1160 (Flache große Meeresbuchten und -arme) und 1170 (Riffe) zugeordnet. Der Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist in den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
- Verbreitung: Ausschließlich in der biogeografischen Region des Schwarzen Meeres (BLS).
Was ist der pontische untere Mediolitoral-Fels? (EUNIS MA145)
Der Lebensraum „Pontic exposed lower mediolittoral barren rock“ (deutsch: Pontischer exponierter unterer Mediolitoral-Fels) bezeichnet einen marinen Biotoptyp aus der Gruppe der Felslebensräume in der Gezeitenzone. Der Name enthält bereits die entscheidenden Merkmale:
- Pontisch: Bezieht sich auf das Schwarze Meer (Pontus Euxinus).
- Exponiert: Die Standorte sind stark der Wellenbewegung und dem offenen Meer zugewandt.
- Unterer Mediolitoral: Das Mediolitoral ist der Bereich zwischen der Hoch- und der Niedrigwasserlinie, also die bei Ebbe zeitweise trockenfallende Zone. Im unteren Mediolitoral – auch untere Spritzwasserzone genannt – herrscht fast dauerhaft Wasserbedeckung, nur bei extremem Niedrigwasser liegt der Fels kurzzeitig frei.
- Barren rock (Kahlfels): Der Felsuntergrund ist größtenteils nackt, doch wird er hier von einem dichten Algenrasen überzogen.
Dieser Biotoptyp ist im Schwarzen Meer nur ein schmaler Gürtel direkt unterhalb der Wasserlinie. Er wird meist von waagerechten oder schrägen Felsplatten gebildet, die von großen Blöcken oder anstehendem Gestein durchzogen sind. Der ständige Wasserkontakt und die starke mechanische Belastung durch Wellenschlag formen die Lebensgemeinschaft. Terrestrische und süßwasserbeeinflusste Zonen fehlen hier völlig.
EUNIS klassifiziert diesen Lebensraum unter dem Code MA145. Die Systematik des European Nature Information System bildet die natürliche Vielfalt europäischer Habitate ab und erlaubt einen grenzüberschreitenden Vergleich.
Gefährdung und Schutzstatus: Rote Liste und FFH
Europäische Rote Liste der Lebensräume
Im Rahmen der Europäischen Roten Liste der Lebensräume (European Red List of Habitats) wurde der pontische untere Mediolitoral-Fels sowohl für die EU28 als auch für die erweiterte EU28+ als „Data Deficient“ (DD) bewertet. Das bedeutet: Es liegen nicht genügend Daten vor, um eine Aussage über die Gefährdung des Lebensraums zu treffen. Weder eine Einstufung als ungefährdet noch als gefährdet ist wissenschaftlich belastbar möglich. Dieser Status unterstreicht die dringende Notwendigkeit, die Erforschung und das Monitoring dieses speziellen Schwarzmeer-Habitats zu intensivieren.
Die Bewertung erfolgte 2022 auf Basis von Daten, die von der Europäischen Umweltagentur (EEA) zusammengestellt wurden. Kriterien für eine Rote-Liste-Einschätzung wie Arealverlust, qualitative Verschlechterung oder Seltenheit konnten wegen fehlender Langzeitdaten nicht angewandt werden.
FFH-Richtlinie und Annex I
Der Biotoptyp MA145 wird in der offiziellen EUNIS-Referenz zwei FFH-Annex-I-Lebensraumtypen zugeordnet:
- 1160 – Flache große Meeresbuchten und -arme (Large shallow inlets and bays)
- 1170 – Riffe (Reefs)
Diese Zuordnung ist jedoch keine 1:1-Entsprechung, sondern eine sogenannte „#-Verknüpfung“, d.h. MA145 ist nicht deckungsgleich mit diesen beiden Typen, steht aber in engem ökologischen Zusammenhang mit ihnen. Der Felsgürtel kann Teil einer flachen Bucht oder eines Riffsystems sein. Für die Berichterstattung nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie (Erhaltungszustand) liegen laut Quelldaten zum jetzigen Zeitpunkt keine spezifischen Angaben für diesen einzelnen Biotop vor.
Lebensraum und Umweltfaktoren
Der Lebensraum wird durch drei dominante Umweltfaktoren geprägt:
- Starke Wellenbewegung: Die exponierte Lage bewirkt eine hohe hydrodynamische Energie. Sie verhindert die Ansammlung von Sedimenten und selektiert Arten, die fest am Untergrund haften können.
- Hohe, konstante Luftfeuchtigkeit: Da der Fels fast immer unter Wasser liegt oder von Spritzwasser benetzt wird, ist die relative Feuchte durchgängig sehr hoch. Austrocknung tritt nur bei extremen meteorologischen Bedingungen kurzzeitig auf.
- Intensive Sonneneinstrahlung: Das klare, flache Wasser lässt viel Licht bis zum Felsgrund durch. Die Algen sind daher hoher Photosyntheseleistung und gleichzeitig starker UV-Strahlung ausgesetzt.
Zusätzlich spielen die Wasserqualität (Nährstofffracht, Sauerstoffgehalt, Salinität) und die Temperatur des Schwarzen Meeres eine Rolle. Das Schwarze Meer weist einen bemerkenswert niedrigen Salzgehalt (ca. 17–18 PSU) im Vergleich zu den Weltmeeren auf und zeichnet sich durch eine spezielle Schwarzmeer-Endemitenfauna und -flora aus.
Charakteristische Arten und Biodiversität
Die Artenzusammensetzung ist überwiegend algal geprägt. Höhere Pflanzen (Seegräser) fehlen hier. Typisch ist ein dichter Rasen aus fädigen, blättrigen oder krustigen Algen, die an die mechanische Belastung durch Wellen angepasst sind. Die folgende Tabelle listet die charakteristischen Arten für diesen Lebensraum:
| Wissenschaftlicher Name | Deutscher Name (sofern bekannt) | Wuchsform / Rolle |
|---|---|---|
| Urospora penicilliformis | – | Fädige Grünalge, Pionierart |
| Bangia atropurpurea | Purpurbangie | Fädige Rotalge, Erstbesiedler |
| Nemalion helminthoides | Wurmarktiges Nemailon | Gallertige, bandförmige Rotalge |
| Cladophora laetevirens | Grünliche Zweigfadenalge | Büschelige Grünalge |
| Feldmannia irregularis | – | Fädige Braunalge |
| Gelidium pusillum / Gelidium crinale | Zwerg-Gelidium / Krauses Gelidium | Knorpelige Rotalgen, rasenbildend |
| Ceramiales (z.B. Ceramium virgatum, Polysiphonia) | Rotalgen der Ordnung Ceramiales | Vielfältige Formen, häufige Rotalgen |
| Laurencia spp. | – | Kleinbüschelige Rotalgen |
| Corallina spp. | Krustenartige Korallenalgen | Kalkhaltige, gegliederte Algen |
| Grateloupia dichotoma | Gabelige Spaltrute | Breite, flächige Rotalge |
Diese Arten bilden einen mehrschichtigen Algenfilz, der den blanken Fels bedeckt. Kleine Wirbellose wie Schnecken, Krebse und Würmer können in den Algenpolstern Zuflucht und Nahrung finden, sie sind jedoch nicht als eigenständige Charakterarten dokumentiert. Die Biodiversität gilt wegen der kleinen Fläche und der extremen Bedingungen als relativ gering, aber hoch spezialisiert.
Qualitätsmerkmale und Herausforderungen
Ein allgemein anerkanntes Set von Qualitätsindikatoren existiert für MA145 nicht. In den Quelldaten heißt es: „There are no commonly agreed indicators of quality for this habitat“ – es gibt keine allgemein vereinbarten Qualitätsindikatoren. In bestimmten lokalen Kontexten, etwa in geschützten FFH-Gebieten, können jedoch einzelfallbezogene Referenzwerte festgelegt worden sein, die das Vorkommen bestimmter sensitiver Arten, die Wasserqualität oder den Grad der natürlichen Entwicklung (Sukzession) zum Maßstab nehmen.
Mögliche Kenngrößen einer guten Qualität könnten sein:
- Präsenz der charakteristischen Algenarten in erwarteter Häufigkeit
- Abwesenheit von übermäßigen Nährstoffeinträgen (Eutrophierung), die zu einer Verschiebung hin zu nährstoffliebenden Grünalgen führen können
- Natürliche Wellenexposition ohne künstliche Küstenschutzbauwerke, die den Lebensraum zerstören oder fragmentieren
- Geringe mechanische Störung durch Fischerei oder Freizeitaktivitäten
Da es sich um einen in der Brandungszone liegenden, schwer zugänglichen Lebensraum handelt, ist die systematische Erfassung aufwändig. Luftbilder und Tauchgänge werden genutzt, um den Zustand abzuschätzen. Die lückenhafte Datenlage erklärt die Einstufung „Data Deficient“.
Bedeutung für den europäischen Naturschutz
Dieser Lebensraum ist in doppelter Hinsicht bedeutsam:
- Exklusivität: Er kommt nur im Schwarzen Meer vor, einer biogeografisch eigenständigen Region mit besonderen Arten.
- FFH-Bezug: Als Teil der FFH-Lebensraumtypen 1160 und 1170 unterliegt er dem Schutzregime der Habitatsrichtlinie. Die Mitgliedstaaten Bulgarien und Rumänien (sowie weitere Schwarzmeeranrainer) sind gehalten, den günstigen Erhaltungszustand dieser und der assoziierten Typen zu wahren oder wiederherzustellen.
Konkrete, EU-weite Maßnahmenpläne, die ausschließlich MA145 adressieren, sind nicht bekannt. Typischerweise werden Managementpläne für größere Meeresgebiete oder für die übergeordneten FFH-Lebensraumtypen erstellt, innerhalb derer dieser Felsbiotop als ein Baustein fungiert.
Bezug zu Garten und Alltag
Dieser marine Biotoptyp kann nicht 1:1 in einen Hausgarten oder urbanen Raum übertragen werden. Er ist ein rein marines, naturnahes Ökosystem, das auf die Bedingungen des Schwarzen Meeres angewiesen ist. Wer sich für die Ästhetik von Algenrasen oder Felsküsten interessiert, kann sich allenfalls durch die Gestaltung eines Meerwasseraquariums mit Schwarzmeer-Bedingungen inspirieren lassen – ein solches Vorhaben ist jedoch fachlich äußerst anspruchsvoll und nur mit Artenschutzaspekten vereinbar, wenn die Tiere und Pflanzen aus nachhaltigen Quellen stammen.
Für den Naturinteressierten bietet das Wissen über MA145 einen Einblick in die Vielfalt auch der europäischen Meereslebensräume, fernab des eigenen Gartens. Es sensibilisiert für den Wert gering erforschter Biotope und die Notwendigkeit, auch vermeintlich karge Felszonen zu schützen.
FAQ
1. Was genau ist der „pontische exponierte untere Mediolitoral-Fels“?
Es ist ein mariner Lebensraum an der Felsküste des Schwarzen Meeres, ein schmaler Streifen im unteren Bereich der Gezeitenzone, der fast immer mit Wasser bedeckt ist und von widerstandsfähigen Algen bewachsen wird. Sein EUNIS-Code lautet MA145.
2. Warum gilt der Lebensraum als „Data Deficient“?
Die europäische Rote Liste der Lebensräume stuft ihn als „Data Deficient“ ein, weil zu wenige Daten über seine Fläche, seine Verbreitung und seine zeitliche Entwicklung vorliegen. Ohne ausreichende Beobachtungsdaten kann keine Gefährdungsstufe vergeben werden.
3. Welche Arten sind typisch für diesen Biotop?
Charakteristisch sind vor allem Rotalgen wie Bangia atropurpurea, Nemalion helminthoides, Gelidium pusillum/crinale, Arten der Ceramiales, Laurencia, Corallina spp. und Grateloupia dichotoma sowie die Grünalge Cladophora laetevirens und die Braunalge Feldmannia irregularis.
4. In welchem FFH-Lebensraumtyp wird dieser Biotop geführt?
Der Biotop ist den Annex-I-Lebensraumtypen 1160 (Flache große Meeresbuchten und -arme) und 1170 (Riffe) zugeordnet. Eine genaue 1:1-Entsprechung besteht nicht; vielmehr kann er in diesen größeren Typen vorkommen.
5. Kommt der Lebensraum nur im Schwarzen Meer vor?
Ja, laut EUNIS und der Roten Liste ist er ausschließlich in der biogeografischen Region des Schwarzen Meeres (BLS) verbreitet. Andere Meeresgebiete Europas weisen keine Vorkommen auf.
Quellen
- Europäische Umweltagentur: Europäische Rote Liste der Lebensräume (2022)
- EEA DataShare: Enhanced European Red List of Habitats package
- EUNIS Habitat Classification: MA145
- EUNIS Code Browser und Rote-Liste-Verknüpfungen
- Berichtsdatenbank zur FFH-Richtlinie (Artikel 17)
- Europäische Kommission: Habitat Directive – Natur und Biodiversität
Häufige Fragen
Was genau ist der „pontische exponierte untere Mediolitoral-Fels“?
Es ist ein mariner Lebensraum an der Felsküste des Schwarzen Meeres, ein schmaler Streifen im unteren Bereich der Gezeitenzone, der fast immer mit Wasser bedeckt ist und von widerstandsfähigen Algen bewachsen wird. Sein EUNIS-Code lautet MA145.
Warum gilt der Lebensraum als „Data Deficient“?
Die europäische Rote Liste der Lebensräume stuft ihn als „Data Deficient“ ein, weil zu wenige Daten über seine Fläche, seine Verbreitung und seine zeitliche Entwicklung vorliegen. Ohne ausreichende Beobachtungsdaten kann keine Gefährdungsstufe vergeben werden.
Welche Arten sind typisch für diesen Biotop?
Charakteristisch sind vor allem Rotalgen wie Bangia atropurpurea, Nemalion helminthoides, Gelidium pusillum/crinale, Arten der Ceramiales, Laurencia, Corallina spp. und Grateloupia dichotoma sowie die Grünalge Cladophora laetevirens und die Braunalge Feldmannia irregularis.
In welchem FFH-Lebensraumtyp wird dieser Biotop geführt?
Der Biotop ist den Annex-I-Lebensraumtypen 1160 (Flache große Meeresbuchten und -arme) und 1170 (Riffe) zugeordnet. Eine genaue 1:1-Entsprechung besteht nicht; vielmehr kann er in diesen größeren Typen vorkommen.
Kommt der Lebensraum nur im Schwarzen Meer vor?
Ja, laut EUNIS und der Roten Liste ist er ausschließlich in der biogeografischen Region des Schwarzen Meeres (BLS) verbreitet. Andere Meeresgebiete Europas weisen keine Vorkommen auf.