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EUNIS: MC645Europäische Rote Liste: Data Deficient

Pontisches unteres Circalittoral-Schlammhabitat (MC645) – ein unbekannter Tiefsee-Lebensraum im Schwarzen Meer

Das pontische untere Circalittoral-Schlammhabitat (EUNIS MC645) ist ein Tiefsee-Lebensraum im Schwarzen Meer in 60–180 m Tiefe. Es zeichnet sich durch völlige Dunkelheit, feinkörnige Schlämme und oft sauerstoffarme (hypoxische) Bedingungen aus. Typische Arten sind die Bohne-Miesmuschel Modiolula phaseolina, Schlangensterne, Vielborster und solitäre Seescheiden. Der Lebensraum gilt aufgrund unzureichender Daten als nicht bewertbar (Data Deficient).

Einordnung

Originalbezeichnung
Pontic lower circalittoral mud
EUNIS
MC645
EU-28
Data Deficient
EU-28+
Data Deficient

Das Wichtigste in Kürze

In 60 bis 180 Metern Tiefe, weit unterhalb der lichtdurchfluteten Zone, erstreckt sich am Grund des Schwarzen Meeres ein verborgener Lebensraum: das pontische untere Circalittoral-Schlammhabitat, in der EUNIS-Klassifikation unter dem Code MC645 geführt. Hier herrschen sauerstoffarme Bedingungen, feinste Sedimente und eine spezialisierte, aber an vielen Stellen noch unerforschte Tierwelt. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft diesen einzigartigen Meeresgrund als „Data Deficient“ ein – zu wenige Daten, um eine Gefährdung sicher zu beurteilen. Der Lebensraumtyp ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet, unterliegt also keinem spezifischen EU-Schutzstatus, und sein Erhaltungszustand wurde bisher nicht flächendeckend erhoben. Damit ist MC645 ein typisches Beispiel für einen marinen Lebensraum, über dessen Bedeutung und Bedrohung wir noch viel zu wenig wissen.

EUNIS-Steckbrief: MC645 und seine Einordnung

Die EUNIS-Datenbank (European Nature Information System) klassifiziert Lebensräume europaweit nach einem hierarchischen System. Der Code MC645 steht dabei für einen spezifischen marinen Benthal-Lebensraum:

MerkmalWert
EUNIS-CodeMC645
Vollständiger NamePontic lower circalittoral mud
HabitatgruppeMarine Lebensräume
Tiefenbereich60–180 Meter
LichtverhältnisseVöllige Dunkelheit (aphotisch)
SedimenttypTerrigen-, Kalk- und biogener Detritusschlamm
SauerstoffbedingungenIn großen Tiefen hypoxisch (sauerstoffarm)
Rote-Liste-Kategorie (EU28 / EU28+)Data Deficient (Daten unzureichend)
FFH-Anhang INicht gelistet
Artikel-17-ErhaltungszustandKeine Bewertung vorhanden
Biogeografische RegionSchwarzes Meer (BLS)

Der Begriff „circalittoral“ stammt aus der Meeresbiologie und bezeichnet die Übergangszone zwischen dem flacheren Infralitoral (noch mit Algenbewuchs) und dem tieferen, rein tierischen Lebensbereich des Bathyals. Das untere Circalittoral (lower circalittoral) ist bereits völlig lichtlos und wird ausschließlich von Tieren besiedelt.

Geografische Verbreitung: Ein Habitat nur im Schwarzen Meer

Der Lebensraumtyp MC645 ist in seinem Vorkommen streng auf das Schwarze Meer (die pontische Region) beschränkt. Seine biogeografische Region ist in den Quelldaten mit BLS (Black Sea) angegeben. Genaue Länderangaben liegen in der zugrunde liegenden Roten-Liste-Bewertung nicht vor, da die Erfassung auf Ebene der Meeresbecken erfolgte. Grundsätzlich kann dieses Schlammhabitat vor den Küsten aller Schwarzmeer-Anrainer auftreten, insbesondere in Gebieten mit entsprechender Tiefe und Sedimentzufuhr der großen Flüsse. Weil das Schwarze Meer ein Binnenmeer mit nur schmaler Verbindung zum Mittelmeer ist und unterhalb von etwa 150–200 Metern oft sauerstofffrei wird, hängt die Ausdehnung von MC645 stark von lokalen Sauerstoff- und Strömungsverhältnissen ab.

Lebensraum und abiotische Faktoren

Der Meeresboden der unteren Circalittoralzone im Schwarzen Meer wird von feinkörnigen, weichen Sedimenten geprägt. Laut den vorliegenden Daten setzt sich das Substrat aus drei Hauptkomponenten zusammen:

  • Terrigenem Schlamm: eingetragen durch Flüsse wie Donau, Dnjepr und Don, reich an mineralischen Partikeln und organischem Material.
  • Kalkhaltigem Schlamm: bestehend aus abgesunkenen Kalkschalen von Planktonorganismen (z. B. Coccolithophoriden) und bodenlebenden Kalkbildnern.
  • Biogenem Detritus: abgestorbene Reste von Pflanzen und Tieren aus höheren Wasserschichten, die auf den Grund rieseln.

In diesen Tiefen dringt keinerlei Licht mehr vor – Photosynthese ist unmöglich. Die Temperatur liegt konstant bei etwa 8–9 °C, und der Salzgehalt ist gegenüber dem Oberflächenwasser durch den Einstrom salzhaltiger Mittelmeerwassermassen erhöht. Entscheidend für die biologische Besiedlung ist die Sauerstoffverfügbarkeit. Während die oberen Circalittoralbereiche noch ausreichend Sauerstoff enthalten, kann der Gehalt in den tieferen Abschnitten von MC645 stark abnehmen. An den tiefstgelegenen Standorten, bei 150–180 Metern, herrschen bereits hypoxische Bedingungen. Das Sediment besteht dort aus periazoischem, kalkhaltigem Weißschlamm – einem extrem feinkörnigen, fast sterilen Substrat, das erst durch die sauerstoffarme Umgebung und fehlende Durchmischung entsteht. Entsprechend verarmt die Fauna in diesen Zonen drastisch.

Charakteristische Arten und Lebensgemeinschaft

Trotz der widrigen Lebensbedingungen beherbergt MC645 eine hochspezialisierte Bodenfauna. Die vorherrschenden Organismen sind Weichboden-Bewohner, die in und auf dem Schlamm leben. Die Beschreibung aus der Europäischen Roten Liste nennt folgende charakteristische Arten:

  • Bohne-Miesmuschel (Modiolula phaseolina): Kleine, dickschalige Muschel, die in lockeren Kolonien auf dem Sediment lebt und stellenweise dominant auftritt.
  • Schlangenstern Amphiura stepanovi: Ein endemischer Schlangenstern des Schwarzen Meeres, der mit seinen Armen Nahrungspartikel aus der Strömung filtert.
  • Vielborster (Polychaeten): Vor allem Terebellides stroemi, eine Art, die mit klebrigen Tentakeln Detritus aus dem Schlamm sammelt.
  • Solitäre Seescheiden (Ascidiella aspersa, Ciona intestinalis, Eugyra): Einzeln sitzende Manteltiere, die Nahrung über einen Filtermechanismus aus dem Wasser holen.
  • Zylinderrosen (Pachycerianthus solitarius): Ein großer Einzelpolyp, der in einer selbstgebauten Schleimröhre im Sediment steckt.
  • Hydrozoen (Bougainvillia ramosa): Kleine Nesseltiere, die als fädige Kolonien auf Hartsubstrat oder Muschelschalen wachsen.
  • Nematoden und Oligochaeten: Winzige Fadenwürmer und Borstenwürmer, die im Sediment leben und organisches Material zersetzen.

Diese Gemeinschaft wird oft von der Bohne-Miesmuschel geprägt. In weniger sauerstoffarmen Bereichen können dichte Bestände dieser Muschel entstehen, die wiederum anderen Arten als Hartsubstrat dienen. Mit zunehmender Tiefe und abnehmendem Sauerstoffgehalt schwindet die Vielfalt; nur noch wenige, besonders widerstandsfähige Arten wie Nematoden und Oligochaeten können dort existieren. Auf den periazoischen Weißschlämmen trifft man fast nur noch auf Bakterienmatten und vereinzelte extremophile Organismen.

Gefährdung: Rote Liste und Schutzstatus

Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+ Bewertung) klassifiziert MC645 als „Data Deficient“ (DD). Das bedeutet, dass die verfügbaren Informationen nicht ausreichen, um den Gefährdungsgrad auch nur annähernd zu beurteilen. Die Kategorie DD ist keine Gefährdungsstufe, sondern ein Hinweis auf großen Forschungsbedarf. In den Quelldaten sind keine spezifischen Bedrohungen oder Gefährdungsfaktoren für diesen Lebensraum verzeichnet.

Schutzstatus nach EU-Recht:

  • FFH-Richtlinie (Annex I): Nicht aufgeführt. Der Lebensraum MC645 ist keinem FFH-Lebensraumtyp direkt zugeordnet. Er könnte jedoch in marinen Natura-2000-Gebieten als charakteristisches Element vorkommen, ohne selbst einen eigenen Schutzzweck zu definieren.
  • Artikel-17-Erhaltungszustand: In der zugrunde liegenden Datenbank der EEA ist kein Eintrag für MC645 vorhanden. Eine flächendeckende Bewertung nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie wurde bisher nicht durchgeführt.

Das Fehlen einer Einstufung ist vor allem auf methodische Hürden zurückzuführen: Tiefere Meeresböden sind schwer zugänglich, Monitoringprogramme existieren kaum, und die natürliche Variabilität der Artengemeinschaften ist nicht dokumentiert. Zudem liegen die Kernverbreitungsgebiete im Schwarzen Meer, das als Binnenmeer spezifische, grenzüberschreitende Forschungsprogramme erfordert.

Herausforderungen und mögliche Gefahren

Obwohl die offizielle Liste keine einzelnen Bedrohungen für MC645 benennt, lassen sich aus den ökologischen Gegebenheiten plausible Stressfaktoren ableiten – allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit, da die Studienlage dünn ist. Mögliche Belastungen für diesen Tiefsee-Lebensraum könnten sein:

  • Eutrophierung und Sauerstoffmangel: Überdüngung durch Flusseinleitungen verstärkt die natürliche Sauerstoffzehrung in tieferen Schichten und könnte den ohnehin schmalen, noch besiedelbaren Bereich weiter einengen.
  • Grundschleppnetzfischerei: Auch wenn nicht belegt, kann der Einsatz von Bodenschleppnetzen in den oberen Circalittoralbereichen das empfindliche Sedimentgefüge mechanisch zerstören und die Artengemeinschaften schädigen.
  • Rohstofferkundung und Schiffsverkehr: Mögliche Störungen durch Verankerungen, Bohrungen oder die Einbringung von Schadstoffen aus der Schifffahrt.
  • Klimawandel: Steigende Wassertemperaturen und veränderte Sauerstofflöslichkeit könnten den hypoxischen Bereich ausdehnen und die Lebensraumgrenzen verschieben.

Solange jedoch keine systematischen Langzeitbeobachtungen vorliegen, bleiben diese Vermutungen hypothetisch. Die Einstufung als Data Deficient ist daher ein dringender Appell an die Meeresforschung, mehr Wissen zu diesem Lebensraum zu generieren.

Forschung und Wissenslücken

Das pontische untere Circalittoral-Schlammhabitat ist für die Wissenschaft noch weitgehend terra incognita. Selbst grundlegende Parameter wie die genaue flächenhafte Ausdehnung, die Variabilität der Sedimenttypen oder die Bestandsdichten der Schlüsselarten sind nur punktuell bekannt. Das Rote-Liste-Dossier vermerkt ausdrücklich: „There are no commonly agreed indicators of quality for this habitat.“

Das bedeutet, es existieren keine standardisierten Kriterien, um den ökologischen Zustand von MC645 zu bewerten. In anderen Meeresbiotopen werden beispielsweise Artenzahlen, Biomasse-Indizes oder das Vorkommen sensibler Zeigertaxa herangezogen. Für diesen Lebensraum fehlen solche Referenzwerte. Nur in einzelnen Natura-2000-Gebieten können standortspezifische Bezugswerte definiert worden sein, aber eine europaweit harmonisierte Methode fehlt.

Der Schwarzmeer-Aktionsplan (Bucharest Convention) und die EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie könnten in Zukunft Rahmenbedingungen für ein verbessertes Monitoring schaffen. Derzeit bleibt MC645 jedoch ein blinder Fleck auf der marinen Naturschutzlandkarte.

Bedeutung für die Artenvielfalt

Trotz der spärlichen Informationen ist die ökologische Bedeutung des Habitats nicht zu unterschätzen. Als Teil des circalittoralen Benthals stellt es eine wichtige Schnittstelle im Stoffkreislauf des Schwarzen Meeres dar. Die Sedimente fungieren als Senke für absinkendes organisches Material und beherbergen mikrobielle Gemeinschaften, die für den Abbau und die Remineralisierung von Nährstoffen entscheidend sind. Die Bohne-Miesmuschel-Bänke können als biogene Riffe fungieren und die lokale Biodiversität erhöhen, indem sie anderen wirbellosen Tieren einen festen Untergrund bieten. Zudem ist der Lebensraum Heimat für mehrere endemische Arten, wie den Schlangenstern Amphiura stepanovi, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Das unterstreicht die regionale Einzigartigkeit und den potenziellen Gefährdungswert – selbst wenn dieser noch nicht bezifferbar ist.

Was bedeutet das für den marinen Naturschutz?

Für den praktischen Naturschutz und die Kommunalpolitik im Schwarzmeerraum ergibt sich aus dieser Datenlage eine klare Handlungsaufforderung: Die Erforschung und das langfristige Monitoring von MC645 sollten gefördert werden. Nur mit belastbaren Daten kann ein angemessener Schutzstatus entwickelt werden. In der Zwischenzeit empfiehlt sich das Vorsorgeprinzip: Eingriffe in mutmaßlich betroffene Tiefenzonen – etwa durch Fischerei oder Infrastrukturprojekte – sollten mit besonderer Vorsicht und begleitenden Untersuchungen erfolgen.

Da MC645 nicht offiziell als FFH-Lebensraumtyp gelistet ist, könnten lokale Behörden oder Schutzgebietsverwaltungen erwägen, diesen Lebensraum als „charakteristischen Bestandteil“ innerhalb bestehender mariner Natura-2000-Gebiete zu dokumentieren. Einzelne, besonders gut erhaltene oder arteriche Vorkommen könnten als sogenannte „Habitatflächen mit besonderer ökologischer Bedeutung“ eingestuft werden, um sie vor direkten Zerstörungen zu bewahren.

Letztlich zeigt das Beispiel MC645, wie lückenhaft unser Wissen über die Tiefseelebensräume vor der Haustür Europas ist – und wie wichtig es ist, diese blinden Flecken zu schließen, bevor irreversible Schäden eintreten.

Fazit

Das pontische untere Circalittoral-Schlammhabitat (MC645) führt ein Schattendasein – buchstäblich in den lichtlosen Tiefen des Schwarzen Meeres und forschungstechnisch als „Data Deficient“ klassifiziert. Seine Besonderheit: extreme Standortbedingungen mit feinen Schlämmen und starker Sauerstoffarmut, eine spezialisierte Fauna aus Muscheln, Stachelhäutern und Seescheiden sowie eine strikt regionale Verbreitung. Ohne Aufnahme in die FFH-Richtlinie und ohne flächendeckende Gefährdungsbewertung bleibt der Erhaltungszustand ungeklärt. Der Datenschatz, den dieser Lebensraum birgt, wartet noch darauf, gehoben zu werden.

Häufige Fragen

Was ist das pontische untere Circalittoral-Schlammhabitat (MC645)?

Es handelt sich um einen marinen Lebensraum im Schwarzen Meer in Tiefen von 60 bis 180 Metern. Der Meeresboden besteht aus feinkörnigen Schlämmen, in die kein Licht dringt. Die Tierwelt wird von der Bohne-Miesmuschel, Schlangensternen und Seescheiden dominiert. In den größten Tiefen wird das Wasser sauerstoffarm und nur noch wenige Arten können überleben.

Warum ist MC645 in der Europäischen Roten Liste als „Data Deficient“ eingestuft?

Die Kategorie Data Deficient bedeutet, dass zu wenig Informationen vorliegen, um die Gefährdung des Lebensraums zu beurteilen. Es fehlen systematische Bestandsdaten, Indikatoren für den guten Zustand und Langzeitbeobachtungen. Die Kategorie ist keine Gefährdungsstufe, sondern zeigt großen Forschungsbedarf auf.

Welche typischen Arten kommen in diesem Lebensraum vor?

Charakteristisch sind die Bohne-Miesmuschel Modiolula phaseolina, der endemische Schlangenstern Amphiura stepanovi, der Vielborster Terebellides stroemi, solitäre Seescheiden wie Ascidiella aspersa und Ciona intestinalis, die Zylinderrose Pachycerianthus solitarius sowie verschiedene Hydrozoen, Nematoden und Oligochaeten.

Wo kommt MC645 vor und wie ist er geschützt?

Der Lebensraum ist auf das Schwarze Meer beschränkt. Genaue Länderangaben liegen nicht vor. Er wird nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie aufgeführt und besitzt daher keinen spezifischen EU-Schutzstatus. Ein Erhaltungszustand wurde bisher nicht bewertet. Innerhalb von marinen Natura-2000-Gebieten kann er dennoch als charakteristisches Element vorkommen.

Welche Bedrohungen sind für MC645 bekannt?

In den offiziellen Quelldaten sind für diesen Lebensraum keine konkreten Bedrohungen verzeichnet. Aufgrund der ökologischen Gegebenheiten könnten jedoch Eutrophierung mit nachfolgender Sauerstoffverknappung, Grundschleppnetzfischerei und klimabedingte Veränderungen der Wasserchemie potenzielle Gefahren darstellen. Belege aus wissenschaftlichen Studien fehlen jedoch weitgehend.

Quellen