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EUNIS: MC243Europäische Rote Liste: Data Deficient

Pontisches zirkalitorales biogenes Detritusboden-Habitat mit unverankerter Form von Phyllophora crispa (MC243)

Der EUNIS-Lebensraumtyp MC243 beschreibt pontische, zirkalitorale Detritusböden mit der freilebenden, kugeligen Form von Phyllophora crispa sphaerica. Er ist nur aus dem Schwarzen Meer bekannt und wird auf der Europäischen Roten Liste der Habitate als „Data Deficient“ (Datenlage unzureichend) geführt.

Einordnung

Originalbezeichnung
Pontic circalittoral biogenic detritic bottoms with unattached form of Phyllophora crispa
EUNIS
MC243
EU-28
Data Deficient
EU-28+
Data Deficient

Das Wichtigste in Kürze

Das Habitat MC243 – „Pontic circalittoral biogenic detritic bottoms with unattached form of Phyllophora crispa“ – ist ein mariner Biotoptyp, der nur im Schwarzen Meer vorkommt. Es handelt sich um gemischte Sedimentböden in der zirkalitoralen Zone, die von einer freischwimmenden, kugeligen Form der Rotalge Phyllophora crispa geprägt werden. Diese sogenannten Phyllophora-Felder bilden einen biogenen Lebensraum, der eine überraschend artenreiche Tiergemeinschaft beherbergt: über 110 wirbellose Arten und 47 Fischarten wurden dort nachgewiesen. Trotz dieser ökologischen Bedeutung ist der Gefährdungsgrad unklar – sowohl in der EU-28 als auch in der erweiterten EU-28+ bewertet die Europäische Rote Liste der Habitate das Vorkommen mit „Data Deficient“ (unzureichende Datenlage). Der Typ ist weder im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet noch liegen flächendeckende Erhaltungszustandsbewertungen nach Artikel 17 vor. Für Naturschutzpraxis und Meeresraumplanung fehlen daher derzeit die wissenschaftlichen Grundlagen.

Was ist das Habitat MC243?

Bei MC243 handelt es sich um ein weichbodenassoziiertes Habitat des Circalitorals – also der Wassertiefe unterhalb der euphotischen Küstenzone, in der die Lichtverhältnisse eine dauerhafte Besiedlung durch mehrzellige Algen noch zulassen, aber höhere Pflanzen fehlen. Die Sedimente reichen von schlickigem Schlamm mit Muschelschill bis zu reinem Schill („shell hash“). Die entscheidende biologische Komponente ist die unverankerte, kugelige Wuchsform der Rotalge Phyllophora crispa, wissenschaftlich als Phyllophora crispa sphaerica bezeichnet. Anders als die festsitzenden Formen derselben Art liegt diese Varietät lose auf dem Meeresboden. Durch Wasserbewegung werden die Algenkugeln umgelagert und können so flächige Phyllophora-Felder ausbilden, die große Teile des Gewässerbodens bedecken.

Diese freischwimmende Lebensweise ist eine Besonderheit des Schwarzen Meeres. Vergleichbare biogene Detritus-Habitate aus anderen europäischen Meeren sind nicht identisch; MC243 ist daher ein endemisches Habitat des pontischen Beckens. Die Algenkugeln selbst schaffen eine dreidimensionale Mikrostruktur, die zahlreichen Kleintieren als Versteck, Laichplatz und Nahrungsquelle dient. Durch das Absterben und Zerfallen der Algen wird zudem organisches Material in das Sediment eingetragen, was die benthische Nahrungskette ankurbelt.

EUNIS-Klassifikation und biogeografische Einordnung

In der Europäischen Naturinformationssystematik (EUNIS) ist der Lebensraum unter dem Code MC243 geführt. Der vollständige Pfad ordnet ihn den marinen Lebensräumen im Schwarzen Meer zu. Die aktuelle Zuordnung basiert auf dem Europäischen Rote-Liste-Projekt 2022, das für diesen Habitattyp die Kennung BLSA5.xy verwendet. Die biogeografische Region ist ausschließlich BLS (Black Sea). Länderlisten werden in den verfügbaren Quelldaten nicht ausgewiesen, da die genaue Verbreitung innerhalb des Schwarzen Meeres nicht abschließend kartiert ist. Bekannt sind Vorkommen aus dem nordwestlichen Schelf, insbesondere aus dem historischen und heutigen Bereich des sogenannten „Kleinen Phyllophora-Feldes“.

Die Anbindung an das Natura-2000-System ist lückenhaft: Der Habitattyp erscheint nicht in Anhang I der FFH-Richtlinie und besitzt damit keinen unmittelbaren Schutzstatus nach europäischem Naturschutzrecht. Ebenso wenig existieren für MC243 Artikel-17-Berichtspflichten oder harmonisierte Erhaltungsziele. Für die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie kann der Typ jedoch als benthisches Habitatmerkmal eine Rolle spielen, sofern nationale Monitoringprogramme dies aufgreifen.

Charakteristische Lebensgemeinschaften und Artenvielfalt

Ein Phyllophora-Feld ist weit mehr als eine Algenansammlung. Die lose liegenden Algenkugeln bilden zusammen mit der Detritusauflage einen mikrohabitat-reichen Lebensraum, der eine spezialisierte Fauna beherbergt. Nach den Angaben der Europäischen Roten Liste wurden in den nordwestlichen Feldern des Schwarzen Meeres über 110 Arten wirbelloser Tiere und 47 Fischarten gezählt. Bei einer Bestandsaufnahme des „Kleinen Phyllophora-Feldes“ im Jahr 2000 dominierten drei Großgruppen das Makrozoobenthos:

  • Mollusken (Weichtiere) – die arten- und individuenreichste Gruppe,
  • Polychaeten (Vielborster) – wichtige Sedimentumsetzer und Nahrungsquelle,
  • Crustaceen (Krebstiere) – darunter Flohkrebse, Asseln und Garnelen.

Diese wirbellosen Tiere bilden das Nahrungsnetz, das den Fischreichtum der Felder erst ermöglicht. Viele der 47 nachgewiesenen Fischarten nutzen die Strukturen als Juvenilhabitat, Laichgrund oder Jagdrevier. Die ökologische Funktion ähnelt damit der von Seegraswiesen oder Muschelbänken: Es entsteht ein Produktivitäts-Hotspot auf einem ansonsten eher artenarmen Weichboden.

Eine genaue Artenliste typischer oder diagnostischer Arten wird in den Quelldaten nicht geführt; die Rote-Liste-Bewertung beschränkt sich auf die genannten Zahlen und systematischen Gruppen. Für die Qualitätsbewertung vor Ort werden jedoch häufig das Vorhandensein charakteristischer Arten sowie deren Abundanz als biotische Indikatoren herangezogen.

Qualitätsindikatoren und Bewertung des Erhaltungszustands

Die Europäische Rote Liste der Habitate beschreibt für marine Lebensräume mehrere mögliche Indikatoren der Qualität. Für MC243 werden diese wie folgt zusammengefasst:

  • Biotische Indikatoren: Anwesenheit charakteristischer Arten (vor allem der Rotalge selbst und der zugehörigen Wirbellosenfauna), Fehlen invasiver oder störungsanzeigender Arten sowie ausgewogene Trophieindizes.
  • Abiotische Indikatoren: Wasserqualitätsparameter (Sauerstoffsättigung, Nährstoffkonzentrationen), Sedimentzusammensetzung und -stabilität, Ausmaß mechanischer Störungen (z.B. durch Grundschleppnetze).
  • Strukturelle und funktionelle Indizes: trophische Ebenen, Diversitätsindizes und – bei zyklischen Veränderungen – die Sukzessionsstadien des Habitats.

Trotz dieser Prinzipien existieren für MC243 keine allgemein anerkannten, harmonisierten Qualitätsindikatoren. In bestimmten Schutzgebieten (z.B. Natura-2000-Gebieten im Schwarzen Meer) können jedoch lokal spezifische Referenzwerte und Schwellen festgelegt worden sein. Da der Habitattyp weder FFH-Anhang I unterliegt noch einem systematischen Artikel-17-Monitoring, bleibt die Bewertung seines Erhaltungszustands Einzelfall abhängig. Die Einstufung als „Data Deficient“ auf der Roten Liste spiegelt genau diese Daten- und Bewertungslücke wider: Es ist nicht möglich, einen europaweiten Gefährdungstrend zu benennen, weil belastbare Monitoringdaten fast vollständig fehlen.

Gefährdung und Schutzstatus: Europäische Rote Liste

Die Europäische Rote Liste der Habitate hat MC243 sowohl für den EU-28-Raum als auch für die erweiterte EU-28+ (inklusive UK, Norwegen, Schweiz, Balkanländer) mit der Kategorie „Data Deficient“ bewertet. Ein Gefährdungskriterium (wie A1, B2 etc.) wird nicht genannt, da die Datengrundlage für eine quantitative Analyse nicht ausreicht. Die Anwendung der IUCN-Kriterien setzt voraus, dass Trends in der Flächenentwicklung, der qualitativen Verschlechterung oder der Seltenheit über mehrere Jahrzehnte bekannt sind. Für MC243 liegen solche Informationen nicht vor.

Potentielle Belastungsfaktoren werden in den Quelldaten nicht spezifiziert. Aus dem Gesamtkontext des Schwarzen Meeres lassen sich jedoch allgemeine Stressoren ableiten, die auf biogene Detritusböden einwirken können:

  • Eutrophierung durch Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft, die zu Sauerstoffmangel in bodennahen Schichten führen kann,
  • Grundschleppnetzfischerei, die die lockeren Algenkugeln mechanisch beschädigt und das Sedimentgefüge zerstört,
  • Klimabedingte Veränderungen von Temperatur und Salzgehalt, die die Physiologie der Rotalge beeinträchtigen könnten.

Ob und in welchem Ausmaß diese Faktoren tatsächlich auf die verbleibenden Phyllophora-Felder einwirken, ist mangels gezielter Untersuchungen nicht dokumentiert. Eine vorsorgliche Betrachtung legt jedoch nahe, den Typ als potentiell gefährdet zu behandeln, bis ausreichende Daten eine Neubewertung zulassen.

Der fehlende Schutzstatus auf europäischer Ebene bedeutet nicht, dass das Habitat schutzlos ist. Nationale Meeresschutzgebiete im Schwarzen Meer (z.B. in Rumänien und Bulgarien) können Phyllophora-Felder als schutzwürdige Biotope führen. Auch über die Bonner Konvention (ACCOBAMS) und das Bukarester Übereinkommen bestehen internationale Verpflichtungen zum Erhalt des gesamten Schwarzmeer-Ökosystems, die indirekt diesem Habitat zugutekommen.

Garten- und Kommunenbezug – ein Hinweis

Da es sich um einen rein marinen Lebensraum in Tiefen unterhalb der Wasseroberfläche handelt, lässt sich MC243 selbstverständlich nicht in einem Garten oder städtischen Grün nachbilden. Die Analogie zu terrestrischen Biotopen endet bei der ökologischen Rolle als strukturgebender Organismus. Für Naturinteressierte und Umweltbildung kann der Typ jedoch als Anschauung dienen, wie biogene Strukturen – ähnlich wie Korallenriffe – die Artenvielfalt in scheinbar monotonen Umgebungen erhöhen. Wer sich für die Meere der EU interessiert, findet in diesem Habitat ein Beispiel für den dringenden Bedarf an mariner Biodiversitätsforschung.

Übersichtstabelle – Fakten zu MC243

MerkmalAusprägung
HabitatnamePontic circalittoral biogenic detritic bottoms with unattached form of Phyllophora crispa
EUNIS-CodeMC243
Rote-Liste-EinstufungData Deficient (EU28 & EU28+)
Biogeografische RegionBLS (Schwarzes Meer)
WassertiefenzoneCircalitoral – Unterhalb der euphotischen Zone
SedimenttypGemischt: schlickiger Schlamm bis reiner Muschelschill
Charakterisierende ArtPhyllophora crispa sphaerica – freilebende Kugelform der Rotalge
Wirbellosen-Arten> 110 Arten, hauptsächlich Mollusken, Polychaeten, Crustaceen
Fisch-Arten47 nachgewiesene Arten
FFH-Anhang INicht gelistet
Artikel-17-ErhaltungszustandKeine Bewertung vorhanden
LänderlisteIn Quelldaten nicht angegeben

FAQ – Häufig gestellte Fragen zu MC243

1. Was versteht man unter „zirkalitoralen biogenen Detritusböden“?

Zirkalitoral bezeichnet den Meeresboden in Tiefen, in die noch genügend Licht für mehrzellige Algen gelangt, aber Seegras und Großalgen nicht mehr dominieren. Biogen bedeutet, dass der Lebensraum durch lebende Organismen geschaffen oder stark geprägt wird. Detritusböden bestehen aus einer Mischung von Sediment und organischen Resten, hier vor allem Schalenbruchstücken.

2. Warum ist die Rotalge Phyllophora crispa so wichtig für diesen Lebensraum?

Phyllophora crispa tritt hier in einer besonderen, kugeligen und unverankerten Form auf, die lose auf dem Meeresboden liegt. Die Algenkugeln bilden eine dreidimensionale Struktur, die als Versteck, Laichplatz und Nahrungsquelle für über 110 Wirbellosen- und knapp 50 Fischarten dient. Ohne diese biogene Struktur würde der Boden eine deutlich ärmere Fauna aufweisen.

3. In welchen EU-Ländern kommt das Habitat vor?

In den aktuellen europäischen Quelldaten wird kein Land explizit aufgeführt, da die Erfassung lückenhaft ist. Vorkommen sind jedoch ausschließlich aus dem Schwarzen Meer bekannt, historisch und aktuell vor allem aus dem nordwestlichen Schelf.

4. Ist das Habitat gesetzlich geschützt?

Nein, MC243 ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet und unterliegt damit keinem direkt zwingenden europaweiten Schutzstatus. Nationale Meeresschutzgebiete können jedoch Phyllophora-Felder einschließen. Die Einstufung als „Data Deficient“ rät zur Vorsorge, eine belastbare Gefährdungsanalyse steht aber aus.

5. Welche Gefahren drohen dem Lebensraum?

Konkrete Gefährdungsangaben liefern die offiziellen Quelldaten nicht. Generell können Nährstoffanreicherung, Grundschleppnetzfischerei und Klimaeinflüsse die empfindlichen biogenen Strukturen schädigen. Die Forschungslücken machen es jedoch unmöglich, das tatsächliche Ausmaß dieser Bedrohungen zu beziffern.

Quellen

Häufige Fragen

Was versteht man unter „zirkalitoralen biogenen Detritusböden“?

Zirkalitoral bezeichnet den Meeresboden in Tiefen, in die noch genügend Licht für mehrzellige Algen gelangt, aber Seegras und Großalgen nicht mehr dominieren. Biogen bedeutet, dass der Lebensraum durch lebende Organismen geschaffen oder stark geprägt wird. Detritusböden bestehen aus einer Mischung von Sediment und organischen Resten, hier vor allem Schalenbruchstücken.

Warum ist die Rotalge *Phyllophora crispa* so wichtig für diesen Lebensraum?

*Phyllophora crispa* tritt hier in einer besonderen, kugeligen und unverankerten Form auf, die lose auf dem Meeresboden liegt. Die Algenkugeln bilden eine dreidimensionale Struktur, die als Versteck, Laichplatz und Nahrungsquelle für über 110 Wirbellosen- und knapp 50 Fischarten dient. Ohne diese biogene Struktur würde der Boden eine deutlich ärmere Fauna aufweisen.

In welchen EU-Ländern kommt das Habitat vor?

In den aktuellen europäischen Quelldaten wird kein Land explizit aufgeführt, da die Erfassung lückenhaft ist. Vorkommen sind jedoch ausschließlich aus dem Schwarzen Meer bekannt, historisch und aktuell vor allem aus dem nordwestlichen Schelf.

Ist das Habitat gesetzlich geschützt?

Nein, MC243 ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet und unterliegt damit keinem direkt zwingenden europaweiten Schutzstatus. Nationale Meeresschutzgebiete können jedoch *Phyllophora*-Felder einschließen. Die Einstufung als „Data Deficient“ rät zur Vorsorge, eine belastbare Gefährdungsanalyse steht aber aus.

Welche Gefahren drohen dem Lebensraum?

Konkrete Gefährdungsangaben liefern die offiziellen Quelldaten nicht. Generell können Nährstoffanreicherung, Grundschleppnetzfischerei und Klimaeinflüsse die empfindlichen biogenen Strukturen schädigen. Die Forschungslücken machen es jedoch unmöglich, das tatsächliche Ausmaß dieser Bedrohungen zu beziffern.

Quellen