Posidonia-Wiesen im mediterranen Infralitoral – EUNIS MB252
Posidonia-Wiesen (Posidonia oceanica) im Infralitoral des Mittelmeers (EUNIS MB252) sind ein gefährdeter, prioritärer Lebensraumtyp nach FFH-Annex I 1120. Sie bilden ausgedehnte Seegraswiesen zwischen Wasseroberfläche und 35–40 m Tiefe und beherbergen eine hohe Artenvielfalt. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft sie als „verletzlich“ (Vulnerable) ein.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Posidonia beds in the Mediterranean infralittoral zone
- EUNIS
- MB252
- EU-28
- Vulnerable
- EU-28+
- Vulnerable
- FFH-Anhang I
- 1120 – * Posidonia beds (Posidonion oceanicae)
Das Wichtigste in Kürze
- Was: Von der endemischen Seegrasart Posidonia oceanica aufgebaute Unterwasserwiesen im flachen Küstenbereich (Infralitoral) des Mittelmeers.
- EUNIS-Code: MB252 – Posidonia beds in the Mediterranean infralittoral zone.
- FFH-Lebensraumtyp: Prioritärer Lebensraum 1120 – Posidonia beds (Posidonion oceanicae).
- Gefährdung: Laut Europäischer Roter Liste der Lebensräume (2022) als Vulnerable (verletzlich) eingestuft, sowohl für die EU28 als auch für EU28+.
- Verbreitung: Ausschließlich in der biogeografischen Region MED (mediterran).
- Bedeutung: Posidonia-Wiesen sind ein zentrales Ökosystem des Mittelmeers. Sie stabilisieren Sedimente, produzieren Sauerstoff, binden CO₂ und bieten unzähligen Arten Lebensraum. Gleichzeitig reagieren sie empfindlich auf Umweltveränderungen und dienen als Bioindikator für die Wasserqualität.
- Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
EUNIS-Typologie: MB252 und seine Untertypen
Im europäischen EUNIS-Klassifikationssystem wird dieser marine Lebensraum unter dem Code MB252 geführt. Er deckt die gesamten, von Posidonia oceanica gebildeten Bestände in der flachen, lichtdurchfluteten Zone des Mittelmeers ab. Die Pflanze ist ein Ökosystem-Ingenieur, der durch das Wachstum seiner Rhizome und die Anreicherung von Sedimenten eine charakteristische Struktur bildet – die sogenannte „Matte“. Diese kann mehrere Meter mächtig werden und über Jahrhunderte bestehen.
Folgende Subtypen (Ecomorphosen) werden innerhalb von MB252 unterschieden:
| Subtyp-Bezeichnung | Kurzbeschreibung |
|---|---|
| A5.5351 – Ecomorphosis of striped Posidonia oceanica meadows | Gestreifte Wuchsform, oft durch strömungsbedingte Sedimentverfrachtung. |
| A5.5352 – Ecomorphosis of "barrier-reef" Posidonia oceanica meadows | Riffartige, balkonartige Formationen, die Barrieren bilden können. |
| A5.5353 – Facies of dead "mattes" of Posidonia oceanica without much epiflora | Abgestorbene Mattenstrukturen mit geringem Aufwuchs. |
| A5.5354 – Association with Caulerpa prolifera on Posidonia beds | Vergesellschaftung mit der eingewanderten Grünalge Caulerpa prolifera. |
Dieser Lebensraum ist nicht zu verwechseln mit Seegraswiesen anderer Arten oder Tiefenvorkommen außerhalb des Infralitorals. In klaren Gewässern kann die Wiese bis über 45 m Tiefe vordringen (z. B. vor Korsika oder Malta). Die optimalen Lebensbedingungen liegen jedoch bei 17–20 °C und einem Salzgehalt von 35–39 ‰. Unterhalb von 33 ‰ Salzgehalt verschwindet Posidonia oceanica.
Gefährdung laut Europäischer Roter Liste
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet das Aussterberisiko von Ökosystemtypen nach standardisierten Kriterien. Der Lebensraumtyp MB252 wird in der aktuellen Bewertung (EU28 und EU28+) in der Kategorie Vulnerable (VU) – verletzlich geführt.
Diese Einstufung spiegelt die generelle Anfälligkeit der Posidonia-Wiesen wider. Aufgrund sehr langsamer Rhizomausbreitung (wenige Zentimeter pro Jahr) und seltener sexueller Vermehrung ist die natürliche Wiederbesiedlung gestörter oder zerstörter Flächen extrem langsam. Zwar können die Wiesen verschiedene Substrate besiedeln – von Schlick über Sand bis zu Fels –, bevorzugen aber weiche, organisch reiche Böden, die vielerorts durch menschliche Aktivitäten beeinträchtigt werden.
Bedrohungen (in den vorliegenden Quelldaten nicht einzeln aufgelistet) sind nach allgemeinem Kenntnisstand unter anderem Ankerplätze, Schleppnetzfischerei, Küstenbau, Verschmutzung und die Konkurrenz durch invasive Arten. All diese Faktoren tragen zur Fragmentierung und zum Rückgang der Bestände bei.
Ein spezifisches Kriterium für die Rote-Liste-Einstufung wird in den Quelldaten nicht genannt.
FFH-Lebensraumtyp 1120 – Posidonia-Seegraswiesen
Nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG) sind Posidonia-Wiesen ein prioritärer Lebensraum (Annex I, Code 1120). Das Sternchen (*) kennzeichnet diesen Status und bedeutet, dass die EU-Mitgliedstaaten in besonderem Maße für die Ausweisung von Schutzgebieten verantwortlich sind. Der FFH-Lebensraumtyp 1120 umfasst den gesamten Lebensraum Posidonion oceanicae, also die von Posidonia oceanica gebildeten Wiesengesellschaften im Infralitoral und ggf. angrenzenden Tiefen.
Der Bezug zwischen EUNIS MB252 und FFH 1120 ist direkt: In der Quelldaten-Verknüpfung werden beide mit dem Qualifier „=“ (gleich) ausgewiesen. Gesetzliche Schutzverpflichtungen ergeben sich daher unmittelbar aus dem Anhang I der FFH-Richtlinie. Alle Länder mit Mittelmeerküste, die EU-Mitglied sind, müssen den Erhaltungszustand dieser Wiesen überwachen und über das Artikel-17-Berichtsystem an die EU-Kommission melden. Ein europäischer Erhaltungszustand ist in den verwendeten Daten jedoch nicht spezifisch hinterlegt.
Die ökologische Rolle als biologische Qualitätskomponente wurde auch in anderen EU-Richtlinien verankert. Posidonia oceanica dient als Indikator im Rahmen der Wasserrahmenrichtlinie und wird durch die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie als schützenswerter Meeresbodenlebensraum adressiert.
Der Lebensraum: Infralitorale Posidonia-Wiesen
Die Bezeichnung „infralitoral“ bezieht sich auf die ständig wasserbedeckte Zone unterhalb der Niedrigwasserlinie, die noch von ausreichend Licht für benthische Pflanzen erreicht wird. Posidonia-Wiesen gedeihen typischerweise vom Meeresoberflächenniveau bis etwa 35–40 m Tiefe. In besonders klaren Gewässern können sie auch Tiefen von über 45 m besiedeln.
Die prägende Struktur dieser Wiesen ist die Matte – ein Geflecht aus lebenden und abgestorbenen Rhizomen und Wurzeln, das mit Sedimenten durchsetzt ist. Diese Matte kann über Jahrhunderte wachsen und erfüllt vielfältige Ökosystemfunktionen:
- Sedimentstabilisierung: Das dichte Wurzelwerk verhindert Erosion.
- Küstenschutz: Die Wiese dämpft Wellenenergie und reduziert Strömungen.
- Kohlenstoffspeicherung: Die Matte bindet große Mengen organischen Kohlenstoffs („Blue Carbon“).
- Lebensraumkomplexität: Die dreidimensionale Struktur schafft Nischen für tausende Arten.
Die Blätter von Posidonia oceanica selbst sind 20–80 cm lang und 8–11 mm breit. Sie werden in Büscheln von 4–8 Blättern an den Rhizomspitzen zusammengefasst. Abgestorbene Blätter werden an Strände gespült und bilden dort charakteristische Anhäufungen („Arribazones“), die ebenfalls wichtige ökologische Funktionen erfüllen und die Strände vor Erosion schützen.
Posidonia-Wiesen kommen im gesamten Mittelmeer vor. Sie werden jedoch durch die oben genannten langsamen Regenerationsraten in ihrer Widerstandsfähigkeit eingeschränkt. Einmal zerstörte Matten regenerieren sich selbst unter günstigen Bedingungen kaum innerhalb menschlicher Zeitskalen.
Artenvielfalt in den Posidonia-Wiesen
Die biologische Vielfalt der Posidonia-Wiesen lässt sich grob in drei strukturelle und ökologische Kompartimente gliedern:
1. Endofauna – Leben in der Matte
Im Hohlraumsystem der teilweise meterdicken Matte lebt eine artenreiche Gemeinschaft, die vor allem von Vielborstern (Polychaeten), Muscheln und Krebsen dominiert wird. Typische Vertreter sind:
- Polychaeten: Mediomastus capensis, Neanthes nubila, Lumbrineriopsis paradoxa, Pontogenia chrysocoma.
- Muscheln (Bivalvia): Modiolula phaseolina, Hiatella arctica, Limaria hians.
- Krebse (Crustacea): Upogebia deltaura, Limnoria mazzellae sowie Gourretia denticulata (eine Maulkrebsart).
2. Schattenliebende Bodenschicht (sciaphilous strata)
Unter dem Blätterdach, in gedämpftem Licht, finden sich auf und zwischen den Rhizomen viele Algen, Wirbellose und Stachelhäuter:
- Algen: Halimeda tuna (Kalkalge), Flabellia petiolata, Peyssonnelia squamaria.
- Foraminifere: Miniacina miniacea.
- Stachelhäuter: Seeigel wie Paracentrotus lividus und Sphaerechinus granularis, Seewalzen (Holothuria tubulosa), Seesterne (Echinaster sepositus, Marthasterias glacialis) sowie Schlangensterne (Ophiura ophiura, Ophioderma longicauda).
- Krebse: Nototropis guttatus, Melita palmata, Gammarella fucicola, Cleantis prismatica, Sirpus zariquieyi.
- Muscheln: Die gefährdete Edle Steckmuschel (Pinna nobilis).
- Seescheiden: Halocynthia papillosa, Microcosmus vulgaris.
3. Blattoberfläche und freischwimmende Arten (Phyllosphäre und Vagilfauna)
Auf den Posidonia-Blättern und im freien Wasser zwischen den Blattbüscheln leben zahlreiche festsitzende und bewegliche Organismen:
- Aufwuchsalgen: Pneophyllum fragile, Electra posidoniae, Hydrolithon sp.
- Hydrozoen: Plumularia posidoniae, Sertularia perpusilla sowie Moostierchen (Bryozoa).
- Krebse: Idotea balthica.
- Kopffüßer: Gewöhnlicher Krake (Octopus vulgaris), Gemeiner Tintenfisch (Sepia officinalis).
- Schnecken (Gastropoda): Bittium reticulatum, Calliostoma laugieri, Cerithium vulgatum, Columbella rustica, Gibbula umbilicaris, Tricolia speciosa, Alvania lineata, Rissoa sp., Jujubinus sp. u. v. m.
- Fische: Goldstriemen (Sarpa salpa), Kurzschnäuziges Seepferdchen (Hippocampus hippocampus), Lippfische (Symphodus sp., Coris julis), Mönchsfisch (Chromis chromis), Großer Geißbrassen (Diplodus vulgaris), Kleiner Drachenkopf (Scorpaena porcus).
Diese Vielfalt macht Posidonia-Wiesen zu einem Hotspot der mediterranen Biodiversität und zu einem unverzichtbaren Nahrungs- und Aufwuchsgebiet für kommerziell genutzte Fischarten.
Ökologische Bedeutung und Qualitätsindikatoren
Posidonia oceanica gilt als zuverlässiger biologischer Indikator für die Qualität der Meeresumwelt. Im Zuge der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie wurde die Art als biologische Qualitätskomponente etabliert. Mehrere Deskriptoren – z. B. Deckungsgrad, Blattlänge, Dichte der Blattbüschel, epiphytischer Bewuchs oder das Verhältnis von lebender zu toter Matte – werden zu Indizes kombiniert, um den ökologischen Zustand der Wiesen zu bewerten. Diese Indikatoren kommen sowohl im Rahmen der FFH- als auch der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie zum Einsatz und dienen auf nationaler Ebene dem Monitoring und der Berichterstattung.
Durch ihre Funktion als Sedimentfalle, Wellenbrecher und Kinderstube ist der Erhalt der Posidonia-Wiesen nicht nur ein Artenschutzanliegen, sondern auch ein Beitrag zum Küstenschutz und zur nachhaltigen Fischerei.
Einordnung für Kommunen und interessierte Bürger
Der Lebensraum „Posidonia-Wiesen“ kann nicht im Garten oder in einem Teich nachgebildet werden – er ist strikt an das seichte, saubere Meerwasser des Mittelmeers gebunden. Für Kommunen mit Mittelmeeranrainung ist er jedoch von großer Bedeutung: Bauvorhaben im Küstenbereich, Einleitungen, Tourismus und Schifffahrt müssen so gesteuert werden, dass die Wiesen nicht geschädigt werden. Häufig sind diese Lebensräume als Natura-2000-Gebiete ausgewiesen. Für Bürger, die im Urlaub mit dem Boot unterwegs sind, gilt: Ankern in Posidonia-Wiesen ist vielerorts verboten und sollte grundsätzlich vermieden werden. Nur das Ankern über Sandflächen verhindert mechanische Zerstörung dieser empfindlichen Bestände.
Spaziergänger an mediterranen Stränden begegnen den Posidonia-Bällen („Neptunbälle“) – das sind die durch die Wellenbewegung rundgeschliffenen Faserreste aus Blattscheiden. Sie zeigen die Nähe einer Posidonia-Wiese an und sollten als natürlicher Teil der Küstendynamik akzeptiert werden.
FAQ
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Was ist EUNIS MB252? EUNIS MB252 ist der europaweit einheitliche Code für „Posidonia beds in the Mediterranean infralittoral zone“, also die von Posidonia oceanica gebildeten Seegraswiesen im flachen Mittelmeer. (Quelle: EUNIS-Klassifikation)
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Warum sind Posidonia-Wiesen gefährdet? Die Europäische Rote Liste stuft sie als „verletzlich“ ein, vor allem weil die Pflanze extrem langsam wächst und sich kaum von Störungen erholen kann. Hinzu kommen vielfältige menschliche Einflüsse. (Quelle: European Red List of Habitats 2022)
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Welchen FFH-Status hat der Lebensraum? Der Lebensraum ist als prioritärer Lebensraumtyp 1120 (Posidonia beds (Posidonion oceanicae)) im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet. Das verpflichtet Mitgliedstaaten mit Mittelmeerküste zu besonderen Schutzmaßnahmen. (Quelle: FFH-Richtlinie, Annex I)
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Welche Arten leben typischerweise in Posidonia-Wiesen? Es werden drei Lebensgemeinschaften unterschieden: die Endofauna im Matteninneren (z. B. Modiolula phaseolina, Limaria hians), die schattenliebende Bodenschicht mit Seeigeln, Seesternen und Algen sowie die Phyllosphäre mit Fischen wie dem Seepferdchen Hippocampus hippocampus und vielen Schnecken. (Quelle: Charakteristische Arten gemäß Red List Habitat Description)
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Warum gilt Posidonia oceanica als Indikator für die Wasserqualität? Die Art reagiert empfindlich auf Verschlechterungen der Wasserqualität, Trübung und mechanische Störung. Zustand und Ausdehnung der Wiesen werden deshalb als biologische Qualitätskomponente nach EU-Wasserrahmenrichtlinie verwendet. (Quelle: Habitat Description, Indicators of quality)
Häufige Fragen
Was ist EUNIS MB252?
EUNIS MB252 ist der europaweit einheitliche Code für „Posidonia beds in the Mediterranean infralittoral zone“, also die von Posidonia oceanica gebildeten Seegraswiesen im flachen Mittelmeer.
Warum sind Posidonia-Wiesen gefährdet?
Die Europäische Rote Liste stuft sie als „verletzlich“ ein, vor allem weil die Pflanze extrem langsam wächst und sich kaum von Störungen erholen kann. Hinzu kommen vielfältige menschliche Einflüsse.
Welchen FFH-Status hat der Lebensraum?
Der Lebensraum ist als prioritärer Lebensraumtyp 1120 (*Posidonia beds (Posidonion oceanicae)*) im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet. Das verpflichtet Mitgliedstaaten mit Mittelmeerküste zu besonderen Schutzmaßnahmen.
Welche Arten leben typischerweise in Posidonia-Wiesen?
Es werden drei Lebensgemeinschaften unterschieden: die Endofauna im Matteninneren (z. B. Muscheln und Krebse), die schattenliebende Bodenschicht mit Seeigeln, Seesternen und Algen sowie die Phyllosphäre mit Fischen wie dem Seepferdchen Hippocampus hippocampus und vielen Schnecken.
Warum gilt Posidonia oceanica als Indikator für die Wasserqualität?
Die Art reagiert empfindlich auf Verschlechterungen der Wasserqualität, Trübung und mechanische Störung. Zustand und Ausdehnung der Wiesen werden deshalb als biologische Qualitätskomponente nach EU-Wasserrahmenrichtlinie verwendet.