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EUNIS: F1.1Europäische Rote Liste: Least Concern

Strauchtundra (EUNIS F1.1): Der Zwergstrauchgürtel der Arktis

Die Strauchtundra (EUNIS-Code F1.1) ist ein baumfreier Lebensraum der südlichen Arktis, geprägt von Zwergsträuchern, Moosen und Flechten. Auf der Europäischen Roten Liste der Lebensräume wird sie als ungefährdet (Least Concern) eingestuft.

Einordnung

Originalbezeichnung
Shrub tundra
EUNIS
F1.1 – Shrub tundra
EU-28
-
EU-28+
Least Concern

Das Wichtigste in Kürze

Die Strauchtundra (engl. Shrub tundra) ist ein baumfreier Lebensraum der südlichen Arktis. Sie wächst dort, wo das Klima bereits zu kalt für Wälder ist, aber noch ausreichend wärmere Sommer für das Wachstum von niedrigen Sträuchern bietet. Prägend sind Erikagewächse, Weiden, Moose und Flechten.

  • EUNIS-Code: F1.1 (Shrub tundra)
  • Europäische Rote Liste: Least Concern (ungefährdet) – Bewertung für EU28+
  • FFH-Richtlinie: Kein Anhang-I-Lebensraumtyp
  • Verbreitung in Europa: Vor allem in Russland, kleine Vorkommen in Nordnorwegen, Island, Jan Mayen, Bjørnøya und auf Spitzbergen
  • Wichtigste Merkmale: Dominanz von Zwergsträuchern, hohe Moos- und Flechtendiversität, keine Anzeichen von Überweidung oder Erosion

Was ist die Strauchtundra?

Tundra bezeichnet eine baumlose Landschaft, die von Moosen, Flechten, Kräutern und niedrigen Sträuchern beherrscht wird. Sie ist typisch für arktische und subarktische Regionen, in denen der Boden dauerhaft gefroren ist (Permafrost). Die Strauchtundra ist dabei die wärmere Variante der arktischen Tundra und kommt im südlichen Arktisgürtel vor. Sie unterscheidet sich grundlegend von der kälteren Moos- und Flechtentundra (EUNIS F1.2), in der höhere Pflanzen kaum überleben und Moose sowie Flechten dominieren.

Der Begriff „Tundra“ wird manchmal auch für ähnlich aussehende alpine Lebensräume oberhalb der Baumgrenze verwendet. In der wissenschaftlichen Klassifikation – und für diesen Artikel – bezieht er sich jedoch ausschließlich auf die arktischen und subarktischen Lebensräume der Polarregionen.

EUNIS-Klassifikation und Abgrenzung zu anderen Tundratypen

Im europäischen Klassifikationssystem EUNIS (European Nature Information System) ist die Strauchtundra unter dem Code F1.1 erfasst. Die EUNIS-Typologie ordnet terrestrische Lebensräume nach ihren ökologischen Merkmalen. Der direkte Verwandte ist die Moos- und Flechtentundra (F1.2) des mittleren und nördlichen Arktisgürtels, in der die Pflanzendecke fast ausschließlich von Kryptogamen gebildet wird.

Die Abgrenzung erfolgt anhand der Vegetationsstruktur und des Klimas:

MerkmalStrauchtundra (F1.1)Moos-Flechten-Tundra (F1.2)
DominanzZwergsträucher (v. a. Erikagewächse)Moose und Flechten
Arktische Zonesüdliche Arktismittlere und nördliche Arktis
Permafrostsporadischkontinuierlich
Mittlere Jahrestemperaturum 0 °Cdeutlich unter 0 °C
Juli-Durchschnittstemperaturunter 10 °Cdeutlich niedriger

Zudem besteht ein fließender Übergang zu alpinen und subalpinen Zwergstrauchheiden (F2.2a), die unterhalb der Baumgrenze in europäischen Gebirgen vorkommen. Die Unterschiede liegen vor allem in der kürzeren Vegetationsperiode und den niedrigeren Bodentemperaturen der Arktis.

Verbreitung in Europa

Die Strauchtundra ist ein zirkumpolarer Lebensraum, der in Alaska, Kanada, Grönland und Russland weite Flächen einnimmt. Innerhalb Europas findet man den arktischen Bereich (jenseits der klimatischen Waldgrenze) überwiegend in Russland. Nur kleinflächig reicht er an den nördlichen Rändern Islands und Norwegens sowie auf den Inseln Jan Mayen, Bjørnøya und dem Spitzbergen-Archipel (Svalbard) in die europäische Region der EU28+.

Beispiele regionaler Ausprägungen:

  • Finnmark (Nordnorwegen): Die arktische Zone beschränkt sich auf die küstennahen Tieflagen. Hier dominiert die Zwittrige Krähenbeere (Empetrum hermaphroditum) zusammen mit Salix herbacea, Heidelbeere (Vaccinium myrtillus), Rauschbeere (Vaccinium uliginosum), Juncus trifidus und Festuca vivipara. Moose wie Racomitrium lanuginosum und Flechten wie Cetraria cucullata sind sehr häufig.
  • Island: Ähnliche Zwergstrauchgesellschaften kennzeichnen den Tundragürtel. Auf jungen Lavafeldern kommen Gefäßpflanzen nur vereinzelt vor; solche Pionierstadien, die vom Moos Racomitrium lanuginosum (teils mit R. ericoides) beherrscht werden, zählen ebenfalls zur Strauchtundra.
  • Jan Mayen (mittlere Arktis): Auf den niedrigen, ozeanisch geprägten Teilen der Insel dominiert Empetrum hermaphroditum mit denselben Moosen und Flechten. Anders als in anderen Gebieten gibt es hier keine Beweidung.
  • Spitzbergen (Svalbard): Die Strauchtundra ist auf die wärmste Zone, die sogenannte „Innerfjordzone” im zentralen Teil Spitzbergens, beschränkt. Hier fehlt meist der Seenebel, und die Bewölkung ist geringer, sodass ein etwas milderes Klima herrscht. Rund 75 % aller Gefäßpflanzen Svalbards wachsen in diesem Gebiet. Lokal können Empetrum nigrum und Rauschbeere sowie vereinzelt Betula nana (Zwerg-Birke) und Rubus chamaemorus (Moltebeere) auftreten. Die Vegetation gilt als Relikt aus wärmeren Nacheiszeiten.

Lebensraum und Standortbedingungen

Strauchtundra gedeiht unter extremen klimatischen Bedingungen. Der Permafrost ist im südlichen Arktisgürtel nur sporadisch vorhanden, die Jahresmitteltemperatur liegt um den Gefrierpunkt, und selbst im Juli bleibt das Monatsmittel unter 10 °C. Die Vegetationsperiode ist sehr kurz – ein entscheidender Grund, warum Bäume fehlen.

Der Boden ist oft flachgründig und roh, und Wasser kann nur langsam versickern. Diese Kombination aus Kälte, Nährstoffarmut und zeitweiliger Vernässung schafft einen Lebensraum, in dem Zwergsträucher, Moose und Flechten konkurrenzlos sind.

Typisch ist ein Mosaik aus Zwergstrauchheide und Grasland, das durch die Beweidung von Rentieren und Nagetieren entsteht. Bei natürlicher Dynamik wechseln sich Phasen mit dichterer und lichterer Vegetation ab.

Charakteristische Pflanzenarten

Die Flora der Strauchtundra setzt sich aus wenigen, hoch spezialisierten Gefäßpflanzen sowie einer großen Vielfalt an Moosen und Flechten zusammen. Die folgende Übersicht nennt die in den Quelldaten aufgeführten, diagnostisch wichtigen Arten:

GruppeArt wissenschaftlichDeutscher Name (wenn üblich)
GefäßpflanzenBetula nanaZwerg-Birke
Cassiope tetragonaVierkantige Schuppenheide
Empetrum hermaphroditumZwittrige Krähenbeere
Rubus chamaemorusMoltebeere
Salix ssp.verschiedene Weidenarten
Tofieldia pusillaKleine Simsenlilie
Vaccinium uliginosumRauschbeere / Moorbeere
MooseRacomitrium ericoides
Racomitrium lanuginosumWolliges Zackenmützenmoos
FlechtenCladina mitisMilde Rentierflechte
Cladina rangiferinaEchte Rentierflechte
Cladina stellarisSternförmige Rentierflechte
Flavocetraria nivalisSchneeflechte

In Finnmark (Norwegen) werden zusätzlich Salix herbacea, Vaccinium myrtillus, Juncus trifidus und Festuca vivipara als häufige Begleitarten genannt. Auf jungen Lavafeldern Islands kann das Moos Racomitrium lanuginosum absolut dominant auftreten.

Qualitätsmerkmale einer intakten Strauchtundra

Die Europäische Rote Liste der Lebensräume definiert fünf Indikatoren für einen günstigen Erhaltungszustand der Strauchtundra:

  1. Dominanz von Zwergsträuchern – die typische Physiognomie muss erhalten sein.
  2. Keine Anzeichen von Überweidung – insbesondere die Flechtendecke darf nicht großflächig zerstört sein.
  3. Keine Erosionserscheinungen – die empfindliche Bodendecke darf nicht abgetragen werden.
  4. Keine nicht-heimischen Arten – z. B. Lupinus nootkatensis (Lupine), die in Island als invasive Art auftritt.
  5. Hohe Deckung und Diversität von Moosen und Flechten – artenreiche Kryptogamenschichten sind ein Kennzeichen intakter Tundra.

Verringert sich die Flechtendecke durch zu starke Beweidung (Rentiere, Nagetiere), verschwinden besonders empfindliche Arten wie Cladina stellaris und die Vegetation verarmt. Daher sind Beweidungsdruck und Erosionsspuren die wichtigsten praktischen Prüfkriterien vor Ort.

Gefährdung und Schutzstatus

Europäische Rote Liste
Die Strauchtundra wird im Rahmen der European Red List of Habitats (Bewertung für EU28+: alle EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Norwegen, Schweiz und Balkanstaaten) als Least Concern (LC) – also derzeit ungefährdet – eingestuft. Ein Gefährdungskriterium ist in den vorliegenden Daten nicht angegeben; die Einstufung beruht auf der Annahme, dass der Lebensraum in seinem klimatisch begrenzten Areal (noch) stabil ist.

FFH-Richtlinie
Der Lebensraumtyp ist nicht in Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG) aufgeführt. Es gibt folglich keine rechtliche Verpflichtung zur Ausweisung von Schutzgebieten oder zum Monitoring nach Artikel 17 der Richtlinie. Ein europaweiter Bericht zum Erhaltungszustand (Article 17) liegt aus diesem Grund nicht vor und ist in den Quelldaten nicht angegeben.

Weitere Schutzinstrumente
Trotz fehlender FFH-Einstufung genießen viele Vorkommen faktischen Schutz, weil sie in großflächigen Wildnisgebieten oder Nationalparks (z. B. Nordost-Svalbard-Naturreservat) liegen. In den Quelldaten werden keine spezifischen Schutzprogramme genannt.

Bedeutung für die Artenvielfalt

Die Strauchtundra beherbergt eine einzigartige, extrem angepasste Lebensgemeinschaft. Ihr besonderer Wert liegt in der hohen Diversität von Flechten und Moosen, die in wärmeren Klimaten nicht konkurrenzfähig wären. Viele der genannten Rentierflechten (Cladina-Arten) sind nicht nur ein optisches Markenzeichen der Arktis, sondern auch eine unverzichtbare Nahrungsgrundlage für Rentiere.

Für bodenbrütende Vögel und Kleinsäuger sind die dichten Zwergstrauchbestände zudem ein wichtiger Rückzugs- und Brutraum. Durch die enge Verzahnung mit Grasland (Beweidungsmosik) entstehen ökotonale Übergänge, die die biologische Vielfalt lokal noch erhöhen.

Kann man Strauchtundra im Garten oder in kommunalen Grünflächen nachbilden?

Eine vollständige Nachbildung der Strauchtundra in unseren Breiten ist nicht möglich. Die extremen Standortbedingungen – Permafrost, kurze Vegetationsperiode, arktisches Klima – lassen sich weder im Garten noch in öffentlichen Anlagen herstellen. Selbst wenn einzelne Arten wie Zwerg-Birke oder Rauschbeere gärtnerisch verwendet werden können, entsteht dadurch kein funktionierendes Tundra-Ökosystem.

Was sich anregen lässt, ist die Integration torffreier, nährstoffarmer Moorbeete mit winterharten Ericaceen und heimischen Moosen. Diese können die Ästhetik einer Zwergstrauchheide aufnehmen und ein Beitrag zur Förderung einheimischer Insekten sein – sie sind aber kein Ersatz für den geschützten arktischen Lebensraum.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Was unterscheidet die Strauchtundra von der Moos-Flechten-Tundra?

Die Strauchtundra (F1.1) wird von Zwergsträuchern, insbesondere Erikagewächsen, dominiert und besiedelt den wärmeren südlichen Arktisgürtel mit sporadischem Permafrost. Die Moos-Flechten-Tundra (F1.2) ist kälter, hat durchgehenden Permafrost und wird fast ausschließlich von Moosen und Flechten geprägt.

2. Kommt die Strauchtundra auch in Mitteleuropa vor?

Nein. In Mitteleuropa gibt es allenfalls strukturell ähnliche alpine Zwergstrauchheiden oberhalb der Waldgrenze. Die echte Strauchtundra ist an die hohen Breiten der Arktis gebunden und kommt in Europa nur im äußersten Norden sowie auf arktischen Inseln vor.

3. Ist die Strauchtundra durch den Klimawandel bedroht?

Die Europäische Rote Liste weist den Lebensraumtyp derzeit als ungefährdet (Least Concern) aus, nennt jedoch keine spezifischen Bedrohungen. Fachkreise sehen dennoch eine grundsätzliche Empfindlichkeit arktischer Lebensräume gegenüber Temperaturerhöhungen, da sich die Permafrostböden und die Vegetationszonen verändern können.

4. Welche Tiere leben in der Strauchtundra?

Die Quelldaten heben vor allem die Rolle von Rentieren und Nagetieren als Weidetiere hervor. Sie prägen das Vegetationsmosaik und können bei zu hoher Dichte die Flechtendecke schädigen. Weitere typische Tierarten (Schneehühner, Polarfüchse, Lemminge usw.) werden in der Habitatbeschreibung nicht explizit genannt, sind aber in diesen Biotopen oft anzutreffen.

5. Hat die Strauchtundra eine Bedeutung für den Klimaschutz?

Arktische Tundren speichern große Mengen Kohlenstoff in ihren Permafrostböden. Die genaue Rolle als Kohlenstoffspeicher oder -quelle wird in der Klimaforschung diskutiert, ist jedoch in der Roten Liste nicht als Qualitätsmerkmal des Lebensraums aufgeführt. Die Verhinderung von Erosion und der Erhalt der Vegetationsdecke sind dennoch auch für den Bodenschutz wichtig.

Häufige Fragen

Was unterscheidet die Strauchtundra von der Moos-Flechten-Tundra?

Die Strauchtundra (F1.1) wird von Zwergsträuchern, insbesondere Erikagewächsen, dominiert und besiedelt den wärmeren südlichen Arktisgürtel mit sporadischem Permafrost. Die Moos-Flechten-Tundra (F1.2) ist kälter, hat durchgehenden Permafrost und wird fast ausschließlich von Moosen und Flechten geprägt.

Kommt die Strauchtundra auch in Mitteleuropa vor?

Nein. In Mitteleuropa gibt es allenfalls strukturell ähnliche alpine Zwergstrauchheiden oberhalb der Waldgrenze. Die echte Strauchtundra ist an die hohen Breiten der Arktis gebunden und kommt in Europa nur im äußersten Norden sowie auf arktischen Inseln vor.

Ist die Strauchtundra durch den Klimawandel bedroht?

Die Europäische Rote Liste weist den Lebensraumtyp derzeit als ungefährdet (Least Concern) aus, nennt jedoch keine spezifischen Bedrohungen. Fachkreise sehen dennoch eine grundsätzliche Empfindlichkeit arktischer Lebensräume gegenüber Temperaturerhöhungen, da sich die Permafrostböden und die Vegetationszonen verändern können.

Welche Tiere leben in der Strauchtundra?

Die Quelldaten heben vor allem die Rolle von Rentieren und Nagetieren als Weidetiere hervor. Sie prägen das Vegetationsmosaik und können bei zu hoher Dichte die Flechtendecke schädigen. Weitere typische Tierarten (Schneehühner, Polarfüchse, Lemminge usw.) werden in der Habitatbeschreibung nicht explizit genannt, sind aber in diesen Biotopen oft anzutreffen.

Hat die Strauchtundra eine Bedeutung für den Klimaschutz?

Arktische Tundren speichern große Mengen Kohlenstoff in ihren Permafrostböden. Die genaue Rolle als Kohlenstoffspeicher oder -quelle wird in der Klimaforschung diskutiert, ist jedoch in der Roten Liste nicht als Qualitätsmerkmal des Lebensraums aufgeführt. Die Verhinderung von Erosion und der Erhalt der Vegetationsdecke sind dennoch auch für den Bodenschutz wichtig.

Quellen