Unterwasser-Pflanzen auf Schlick: Lebensraumtypen der Ostsee
Unterwasser-Pflanzengesellschaften auf Schlick in der Ostsee sind Lebensräume mit mindestens 10 % Bedeckung durch wurzelnde Pflanzen (einschließlich Armleuchteralgen) in der lichtdurchfluteten Zone. Sie kommen vom Kattegat bis zur Bottenwiek vor, sind nach der Europäischen Roten Liste als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) eingestuft und überschneiden sich mit mehreren FFH-Lebensraumtypen wie Ästuarien (1130) und Küstenlagunen (1150).
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Submerged rooted plant communities on Baltic infralittoral muddy sediment
- EUNIS
- MB632; MB6321; MB6322; MB6323; MB6324; MB6325; MB6326; MB6327; MB6328
- EU-28
- Near Threatened
- EU-28+
- Near Threatened
- FFH-Anhang I
- 1130; 1160; 1650; 1150 – Estuaries; Large shallow inlets and bays; Boreal Baltic narrow inlets; * Coastal lagoons
Das Wichtigste in Kürze
Der Lebensraumtyp „Submers wurzelnde Pflanzengesellschaften auf infralittoralem Schlick der Ostsee“ beschreibt dauerhaft überflutete, weiche Meeresböden im Bereich der Lichtzone mit einem Anteil von mindestens 90 % Feinsediment (Schlick). Die Vegetation besteht zu mindestens 10 % aus wurzelnden Gefäßpflanzen oder Armleuchteralgen (Charales) und kommt in einem breiten Salinitätsbereich der Ostsee vor – von den flachen Lagunen der Beltsee bis in die nördliche Bottenwiek. Der Lebensraumtyp ist auf der Europäischen Roten Liste der Biotoptypen als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) gelistet. Er überschneidet sich mit mehreren geschützten Lebensräumen nach der FFH-Richtlinie (Anhang I), darunter Ästuarien, große flache Buchten und Küstenlagunen.
Was ist der Lebensraumtyp?
Unterwasserpflanzen auf Schlick bilden einen typischen benthischen (am Meeresboden lebenden) Biotop der Ostsee. Sie gedeihen im Infralitoral, also jener flachen Uferzone, die ständig unter Wasser steht und bis zur Grenze der Lichtdurchdringung reicht (photische Zone). Der Boden besteht nahezu vollständig aus Mudden (Schlick), die nach der HELCOM-HUB-Klassifikation mindestens 90 % des Sediments ausmachen.
Die Vegetation setzt sich aus wurzelnden, mehrjährigen Wasserpflanzen zusammen, darunter Laichkräuter, Seegräser, Tausendblatt-Arten und Characeen (Armleuchteralgen). Sie bedecken mehr Fläche als alle anderen aufrecht wachsenden, am Grund haftenden Organismen. Je nach Salzgehalt, Wassertiefe und Wellenbelastung bilden sich charakteristische Artengemeinschaften heraus. Im Datenbestand der Europäischen Roten Liste sind acht Unterbiotope (AA.H1B1 bis AA.H1B8) dokumentiert, die im folgenden Abschnitt näher beschrieben werden.
EUNIS-Typologie: Ein komplexer Code
Das europäische Klassifikationssystem EUNIS (European Nature Information System) erfasst den Lebensraum mit mehreren Codes, die unterschiedliche Ausprägungen und Tiefenzonen abbilden:
- MB632 – Submers wurzelnde Pflanzengesellschaften auf infralittoralem Schlick der Ostsee (übergeordnete Einheit)
- MB6321 – Ostseephotischer Schlick, dominiert von Laichkraut (Potamogeton perfoliatus und/oder Stuckenia pectinata)
- MB6322 – Dominanz von Zannichellia-Arten, Ruppia-Arten und/oder Zostera noltei
- MB6323 – Dominanz von Tausendblatt (Myriophyllum spicatum und/oder M. sibiricum)
- MB6324 – Dominanz von Characeen (Armleuchteralgen)
- MB6325 – Dominanz von Spitzblättrigem Nixenkraut (Najas marina)
- MB6326 – Dominanz von Wasserhahnenfuß (Ranunculus spp.)
- MB6327 – Dominanz von Gemeinem Seegras (Zostera marina)
- MB6328 – Dominanz von Sumpfbinsen (Eleocharis spp.)
Die Nummern MB6321–MB6328 korrespondieren mit den biotischen Untertypen der HELCOM-HUB-Klassifikation (AA.H1B1 usw.), während MB632 als gemeinsames Dach dient. In der Roten Liste-Bewertung werden sie als ein gesamter Habitattyp (BAL36) betrachtet.
Die acht Unterbiotope und ihre charakteristischen Arten
Die folgende Tabelle fasst die in der Roten Liste genannten Unterbiotope zusammen. Die Angaben zu Tiefe, Salzgehalt und Wellenexposition stammen aus der Habitatbeschreibung.
| Biotop-Code (HELCOM HUB) | Dominante Arten | Tiefe | Salzgehalt (psu) | Wellenexposition |
|---|---|---|---|---|
| AA.H1B1 | Potamogeton perfoliatus / Stuckenia pectinata (Laichkräuter) | 0,2–4 m | bis 6 | geschützt |
| AA.H1B2 | Zannichellia spp., Ruppia spp., Zostera noltei | 0–4 m | 0–volle Bandbreite | gering bis mäßig |
| AA.H1B3 | Myriophyllum spicatum / M. sibiricum (Tausendblatt) | 0,2–2 m | bis 6 | geschützt |
| AA.H1B4 | Charales (Armleuchteralgen, z. B. Chara tomentosa, Chara aspera) | 0,2–7 m | 2–15 | gering bis mäßig |
| AA.H1B5 | Najas marina (Spitzblättriges Nixenkraut) | 0–1 m | <4 | extrem geschützt |
| AA.H1B6 | Ranunculus spp. (Wasserhahnenfuß) | 0,2–2 m | bis 6 | extrem geschützt |
| AA.H1B7 | Zostera marina (Gemeines Seegras) | 1–6 m | ≥5 | mäßig bis stark |
| AA.H1B8 | Eleocharis spp. (Sumpfbinsen) | 0–2 m | <5 | geschützt |
psu = practical salinity units (Praktische Salinitätseinheit)
Die sieben erstgenannten Biotope siedeln auf ausgeprägt schlickigen Böden; der Seegras-Typ (AA.H1B7) weicht davon ab, da er kaum auf reinem Schlick vorkommt und meist sandigere Substrate bevorzugt. Er ist jedoch Teil des Komplexes, weil er in tieferen Zonen oft die untere Vegetationsgrenze markiert und in Nachbarschaft zu schlickigen Flächen auftritt. Bemerkenswert ist die weite Verbreitungstoleranz der Characeen-Rasen (AA.H1B4), die sowohl niedrigere als auch höhere Salzgehalte besiedeln können und in größeren Tiefen als die anderen Untertypen vorkommen.
Artenvielfalt und ökologische Bedeutung
Zu den kennzeichnenden Arten des gesamten Lebensraumtyps zählen:
- Stuckenia pectinata (Kammförmiges Laichkraut)
- Potamogeton perfoliatus (Durchwachsenes Laichkraut)
- Zostera marina (Gemeines Seegras)
- Ruppia maritima (Meersalde)
- Zannichellia palustris (Sumpf-Teichfaden)
- Myriophyllum spicatum (Ähriges Tausendblatt)
- Najas marina (Spitzblättriges Nixenkraut)
- Chara tomentosa und Chara aspera (Armleuchteralgen)
- Ranunculus peltatus subsp. baudotii (Brackwasser-Hahnenfuß)
- Eleocharis sp. (Sumpfbinse)
Die Bestände erfüllen wichtige Funktionen: Sie stabilisieren den weichen Untergrund, filtern Nährstoffe aus dem Wasser und bieten Jungfischen, Krebstieren und wirbellosen Tieren Lebensraum. Als Primärproduzenten tragen sie zur Sauerstoffproduktion bei. Zudem gelten sie als Bioindikatoren für die Wasserqualität: Die maximale Tiefe, bis zu der wurzelnde Pflanzen vorkommen, wird in mehreren Ostseeanrainerstaaten als Parameter im Rahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie zur Bewertung des ökologischen Zustands genutzt.
Gefährdung und Europäische Rote Liste
In der Europäischen Roten Liste der Biotoptypen (EU28 und EU28+ Bewertung) ist der Lebensraumtyp als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) eingestuft. Dies bedeutet, dass er bei Fortdauern der Belastungen in absehbarer Zeit in die Gefährdungskategorien (Vulnerable, Endangered) abrutschen könnte.
Die Kriterien, die zu dieser Einstufung geführt haben, sind im vorliegenden Quelldatensatz nicht im Einzelnen aufgeführt. Ebenso fehlen detaillierte Angaben zu konkreten Gefährdungsfaktoren (z. B. Eutrophierung, Küstenverbau, mechanische Zerstörung). Die Bewertung beruht jedoch auf der Analyse von Verbreitungsrückgängen, Qualitätsverschlechterungen und prognostizierten Entwicklungen. Erfahrungsgemäß reagieren Unterwasserpflanzenbestände der Ostsee empfindlich auf übermäßigen Nährstoffeintrag, der Algenblüten fördert und das Lichtklima verschlechtert. Auch Schiffsanker, Schleppnetzfischerei und Landgewinnung können lokale Schäden verursachen.
FFH-Anhang I und Schutzstatus
Der Lebensraumtyp überschneidet sich mit vier Lebensraumtypen des Anhangs I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL). Die Querverweise sind mit dem Symbol „#“ versehen, was eine teilweise inhaltliche Deckungsgleichheit signalisiert, aber keine exakte 1:1-Entsprechung:
- 1130 – Ästuarien
- 1160 – Große flache Buchten und Meeresarme
- 1650 – Boreal-baltische schmale Meeresarme
- *1150 – Küstenlagunen (prioritärer Lebensraum)
Praktisch bedeutet dies: Wenn das Habitatsystem dieser Unterwasserwiesen innerhalb einer Fläche liegt, die zugleich als Ästuar oder Bucht im Sinne der FFH-Richtlinie geschützt ist, können die für diese Schutzgüter festgelegten Erhaltungsmaßnahmen auch den wurzelnden Pflanzen zugutekommen.
Der Erhaltungszustand nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie ist im verwendeten Datensatz nicht enthalten. Entsprechende länderübergreifende Bewertungen werden im Rahmen des nationalen Berichtswesens der EU-Mitgliedstaaten für die oben genannten Anhang-I-Typen separat gemeldet, aber nicht für den hier betrachteten baltischen Unterwasserpflanzen-Typ als Ganzes.
Verbreitung in Europa
Der Lebensraum kommt ausschließlich in der borealen Region der Ostsee (biogeografische Region BAL) vor. Er erstreckt sich über das gesamte Salinitätsgefälle von den Beltseelagunen bis in die innersten Teile des Bottnischen Meerbusens. Länderlisten sind im Quelldatensatz nicht enthalten: eine Zuordnung zu einzelnen Staaten ist daher nicht verlässlich möglich. Klar ist jedoch, dass alle Ostseeanrainer mit entsprechend weichen Sedimentböden und geeigneter Lichtverfügbarkeit potenziell geeignete Standorte aufweisen.
Wiederherstellung und Management
Für diesen Habitattyp sind bislang keine europaweit einheitlichen Qualitätsindikatoren vereinbart. In Natura-2000-Gebieten können standortbezogen Referenzwerte und Erhaltungsziele festgelegt sein, die auch die wurzelnden Pflanzengesellschaften adressieren. Als pragmatischer Indikator wird in mehreren Staaten die untere Tiefengrenze der Vegetation herangezogen, weil sie unmittelbar die Lichtverfügbarkeit und damit den Erfolg von Nährstoffreduzierungsmaßnahmen widerspiegelt.
Maßnahmen zur Verbesserung des Erhaltungsgrades zielen vor allem auf die Verringerung der Nährstofffrachten aus Landwirtschaft und Siedlungen sowie auf die Vermeidung direkter mechanischer Störungen (z. B. Fahrrinnenausbau, Ankerverbote in empfindlichen Flachwasserzonen). Da die Roten Liste keine spezifischen Wiederherstellungsnotizen enthält, müssen konkrete Maßnahmen aus den Managementplänen der zuständigen Behörden abgeleitet werden.
Bedeutung für Garten und Kommune
Die Unterwasserwiesen der Ostsee lassen sich nicht direkt in einen Gartenteich übertragen: Sie sind auf die spezifische Brackwasserdynamik, den feinen Schlick und die Tiefenstaffelung angewiesen. Dennoch können Kommunen an der Ostseeküste durch eine nährstoffsensible Abwasser- und Regenwasserbehandlung sowie den Verzicht auf Uferbefestigungen in Flachwasserzonen einen Beitrag zum Schutz dieses Lebensraums leisten. In Binnengärten können naturnahe Teiche mit einheimischen heimischen Unterwasserpflanzen wie Potamogeton oder Myriophyllum zwar keine direkte Kopie sein, aber ein Verständnis für die ökologische Bedeutung von Submersvegetation fördern.
Häufige Fragen
Was sind submers wurzelnde Pflanzengesellschaften auf infralittoralem Schlick der Ostsee?
Es handelt sich um dauerhaft überflutete, schlickige Meeresböden der Ostsee, die im Lichtbereich liegen und zu mindestens 10 % von wurzelnden Gefäßpflanzen oder Armleuchteralgen bedeckt sind. Der Biotoptyp umfasst eine breite Salinitätsspanne von Lagunen in der Beltsee bis zur nördlichen Bottenwiek.
Welche EUNIS-Codes gehören zu diesem Lebensraumtyp?
Die EUNIS-Datenbank führt den Habitattyp unter MB632 sowie den Untereinheiten MB6321 (Laichkraut-Dominanz), MB6322 (Zannichellia/Ruppia), MB6323 (Tausendblatt), MB6324 (Armleuchteralgen), MB6325 (Nixenkraut), MB6326 (Wasserhahnenfuß), MB6327 (Seegras) und MB6328 (Sumpfbinsen).
Wie gefährdet ist der Lebensraum laut Europäischer Roter Liste?
Der Biotoptyp ist in der Europäischen Roten Liste der Habitate (EU28 und EU28+) als „Near Threatened“ (potenziell gefährdet) eingestuft. Spezifische Gefährdungsfaktoren sind im verwendeten Datensatz nicht detailliert genannt, aber die Einstufung deutet auf Rückgänge und Qualitätseinbußen hin.
Mit welchen FFH-Lebensraumtypen überschneidet er sich?
Es bestehen Querverbindungen zu vier Anhang-I-Typen: Ästuarien (1130), große flache Buchten und Meeresarme (1160), boreal-baltische schmale Meeresarme (1650) und prioritäre Küstenlagunen (1150). Die Überschneidung ist jedoch nicht deckungsgleich.
Welche Pflanzen sind charakteristisch?
Zu den kennzeichnenden Arten zählen unter anderem Kammförmiges Laichkraut (*Stuckenia pectinata*), Durchwachsenes Laichkraut (*Potamogeton perfoliatus*), Gemeines Seegras (*Zostera marina*), Meersalde (*Ruppia maritima*), Sumpf-Teichfaden (*Zannichellia palustris*), Tausendblatt (*Myriophyllum spicatum*), Armleuchteralgen (*Chara tomentosa*, *Chara aspera*) und Brackwasser-Hahnenfuß (*Ranunculus peltatus* subsp. *baudotii*).