Supramediterrane Garrigue (F6.6) – Kalkreiche Zwergstrauchheide im Mittelmeerraum
Die Supramediterrane Garrigue (EUNIS F6.6) ist eine von niedrigen, meist immergrünen Sträuchern dominierte Pflanzengemeinschaft auf basenreichen, kalkhaltigen Böden in den mittleren Höhenstufen des Mittelmeergebiets. Die Europäische Rote Liste der Lebensräume stuft sie als „nicht gefährdet“ (Least Concern) ein. Sie steht in engem Bezug zum FFH‑Lebensraumtyp 4090 (Endemische oromediterrane Heiden mit Ginster), ist aber nicht mit diesem identisch.
Einordnung
- Originalbezeichnung
- Supramediterranean garrigue
- EUNIS
- F6.6 – Supra-Mediterranean garrigues
- EU-28
- Least Concern
- EU-28+
- Least Concern
- FFH-Anhang I
- 4090 – Endemic oro-Mediterranean heaths with gorse
Das Wichtigste in Kürze
- Lebensraumtyp: Supramediterrane Garrigue (EUNIS F6.6) – eine offene, niedrigwüchsige Strauchvegetation auf Kalk.
- Lage: Mittlere Höhenlagen der Iberischen Halbinsel, Südfrankreichs, der Apenninen und Griechenlands; stets auf basenreichen Untergründen.
- Gefährdung: Europäische Rote Liste der Lebensräume: „nicht gefährdet“ (Least Concern).
- FFH‑Bezug: Annex‑I‑Code 4090 („Endemische oromediterrane Heiden mit Ginster“) umfasst verwandte, aber nicht identische Bestände.
- Zustand: Durch Nutzungsaufgabe und Wiederbewaldung regional rückläufig, aktuell aber weit verbreitet.
Was ist eine Supramediterrane Garrigue?
Der Begriff Garrigue bezeichnet im Mittelmeerraum eine niedrige, von Sträuchern und Halbsträuchern geprägte Vegetationsform auf kalkhaltigen, oft steinigen Böden. Die supramediterrane Ausprägung (EUNIS F6.6) gedeiht oberhalb des typischen Hartlaubgürtels in Höhen zwischen etwa 600 und 1200 m – dort, wo die Wälder aus Stein‑ und Korkeiche, Portugiesischer Eiche oder Iberischem Wacholder nicht voll ausgebildet sind. Charakteristisch sind lückige Bestände aus aromatischen Lippenblütlern (Thymian, Lavendel, Salbei), Ginsterarten und Dornpolsterpflanzen, die gemeinsam einen artenreichen, niedrigen Teppich bilden.
EUNIS‑Definition:
Das europäische Habitat‑Klassifikationssystem EUNIS führt die Supramediterrane Garrigue unter dem Code F6.6 und beschreibt sie als „offenes Buschland auf Kalkgestein mit verholzenden Pflanzen mediterraner Prägung, die Degradations‑Seralstadien in der supramediterranen Stufe darstellen“ (übersetzt nach EEA). Dies bedeutet: Ohne wiederholte Störung würden sich hier lichte Wälder einstellen; die Garrigue ist also ein durch menschliche Nutzung gefördertes Stadium.
Entstehung und historische Bedeutung
Die Supramediterrane Garrigue ist ein Kind der traditionellen Weidewirtschaft. Über Jahrhunderte – verstärkt seit dem Neolithikum (vor etwa 8000 bis 7000 Jahren) – brannten Hirten in den westlichen Mittelmeerländern regelmässig die Flächen ab, um offenes Weideland für Schafe zu schaffen und Gehölzaufwuchs zu unterdrücken. Gleichzeitig wurden Sträucher als Brennholz genutzt und Holzkohle hergestellt.
Diese Bewirtschaftung hat aus ursprünglich isolierten, natürlichen Buschinseln eine großflächige Kulturlandschaft geformt. Die scheinbare Paradoxie – hohe Zahl endemischer Arten trotz intensiver menschlicher Einwirkung – erklärt sich aus der früher starken räumlichen Trennung der einzelnen Vorkommen, die die Artbildung förderte, bevor der Mensch die Bestände weiträumig vernetzte.
EUNIS‑Typologie und Abgrenzung
| Merkmal | Supramediterrane Garrigue (F6.6) | Oromediterrane Heiden mit Ginster (F7.4b) |
|---|---|---|
| Bodentyp | Kalkhaltig (basenreich) | Silikatgestein (sauer) |
| Wichtige Art | Salvia lavandulifolia, Genista scorpius, Thymus vulgaris u. a. | Genista salzmanni |
| Geografischer Schwerpunkt | Baetische Kordillere, Meseta, Pyrenäenvorland, Apennin, Griechenland | Sardinien, Korsika |
| Zugehöriger FFH‑Typ | 4090 (übergreifend, teilweise deckungsgleich) | 4090 |
Die Ähnlichkeit beider Typen ist groß; der entscheidende Unterschied liegt im Bodenchemismus. Auf saurem Gestein der tyrrhenischen Inseln tritt die silikatische Variante (EUNIS F7.4b) auf, die gleichfalls als Feuerfolgevegetation gilt. Beide werden unter dem FFH‑Code 4090 zusammengefasst, sind jedoch nicht identisch.
Gefährdung und Rote‑Liste‑Status
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume (EU28 und EU28+ Bewertung) stuft die Supramediterrane Garrigue als „Least Concern“ (LC) ein – also als nicht gefährdet. Ein spezifisches Gefährdungskriterium wird in den vorliegenden Quelldaten nicht genannt.
Gründe für die Einstufung:
- Das Habitat ist noch weit verbreitet.
- Die typische Artenzusammensetzung ist vielerorts intakt.
- Trotz regionaler Abnahmen besteht keine unmittelbare Bedrohung für die gesamte EU‑Population.
Aktuelle Entwicklung:
Mit der Aufgabe der traditionellen Schafhaltung, der Brennholznutzung und der Köhlerei verbuschen viele Flächen und werden von Wäldern zurückerobert. Wo vor Jahrzehnten noch offene Garrigue dominierte, dehnen sich heute wieder Eichen‑ und Wacholderbestände aus. Damit ist der Lebensraum vielerorts in klarem Rückgang, auch wenn er derzeit nicht in seinem Bestand gefährdet ist.
FFH‑Annex‑I und Artikel‑17‑Berichterstattung
Der FFH‑Lebensraumtyp 4090 („Endemische oromediterrane Heiden mit Ginster“) deckt sowohl die kalk‑ als auch die silikatgeprägten supramediterranen und oromediterranen Ginster‑ und Zwergstrauchheiden ab. Die Crosswalk‑Tabelle der EEA weist F6.6 mit dem Qualifier „#“ diesem Annex‑I‑Code zu, was auf eine teilweise Übereinstimmung hindeutet – die Garrigue F6.6 ist also unter 4090 meldepflichtig, jedoch deckt 4090 ein breiteres Spektrum ab.
Artikel‑17‑Erhaltungszustand:
In den vorliegenden europäischen Quelldaten ist für diesen Biotoptyp kein separates statuses aus dem Artikel‑17‑Berichtszyklus hinterlegt. Möglicherweise wird er unter 4090 aggregiert bewertet; eine pauschale Aussage ist daher nicht möglich.
Merkmale eines guten Zustands
Gut ausgeprägte Supramediterrane Garriguen zeigen folgende Eigenschaften (nach EEA‑Indikatoren, regional unterschiedlich):
| Qualitätsmerkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Niederwüchsige Struktur | Strauchhöhe und -deckungsgrad sind niedrig; der Boden bleibt teils offen. |
| Artenreichtum an Zwergsträuchern | Viele endemische und gefährdete Chamaephyten sind vorhanden. |
| Mäßig dichte Kraut‑ und Moosschicht | Flächige, aber nicht vollständig geschlossene Vegetationsdecke. |
| Geringer Aufwuchs von Hochgräsern und Gehölzen | Kein dominanter Aufwuchs von Brachezeigern wie Brachypodium oder hohen Büschen. |
| Fehlen von Stickstoffzeigern und Neophyten | Kaum nitrophile Arten; keine invasiven Neophyten, die auf starke menschliche Einflüsse hindeuten. |
Diese Indikatoren sind an den jeweiligen Naturraum anzupassen – in den südspanischen Baetischen Kordilleren gelten andere Artengarnituren als in den französischen Pyrenäenausläufern.
Typische Pflanzen und ihre Rolle
Die Artenliste der Supramediterranen Garrigue ist außergewöhnlich reich und umfasst zahlreiche eng begrenzte Endemiten der iberischen Halbinsel und der westlichen Mittelmeerländer. Hier eine Auswahl prägender Gattungen und ihrer Vertreter:
- Thymian (Thymus): Thymus vulgaris, Th. orospedanus, Th. membranaceus – aromatische Polstersträucher.
- Lavendel (Lavandula): Lavandula angustifolia (teilweise subsp. pyrenaica), L. latifolia.
- Salbei (Salvia): Salvia lavandulifolia (mit mehreren Unterarten), S. blancoana, S. phlomoides.
- Ginster (Genista): Genista scorpius, G. hispanica, G. pumila, G. cinerea.
- Sonstige Halbsträucher: Helianthemum appenninum, Fumana ericifolia, Coronilla minima, Staehelina dubia.
- Krautige Begleiter: Aphyllanthes monspeliensis (Blaugras), Carex halleriana, Cephalaria linearifolia.
Eine besonders bemerkenswerte Eigenschaft dieser Gesellschaften ist die Koexistenz von weit verbreiteten mediterranen Arten mit engräumigen Endemiten – ein Erbe der eiszeitlichen Isolation und späteren Ausbreitung durch den Menschen.
Bedeutung für den Naturschutz und regionale Kulisse
Obwohl die Supramediterrane Garrigue kein prioritärer Lebensraum der FFH‑Richtlinie ist, spielt sie eine wichtige Rolle als:
- Refugium für seltene und endemische Pflanzen (z.B. spanische Centaurea‑Arten, Sideritis-Sippen).
- Lebensraum für wärmeliebende Insekten, Reptilien und Brutvögel der offenen Halboffenlandschaft.
- Element traditioneller Kulturlandschaften, die durch extensive Beweidung erhalten werden müssen.
Ihr Vorkommen deckt sich grob mit den montanen Kalkgebieten der westlichen Mediterraneis: Baetische Kordillere (Südspanien), die zentralspanische Meseta, das Pyrenäenvorland und die südlichen Alpenausläufer in Frankreich, der Apennin in Italien sowie Teilregionen von Portugal und Griechenland. In den Quelldaten sind jedoch keine offiziellen Länderlisten hinterlegt; die genannten Gebiete stammen aus der EUNIS‑Beschreibung.
Kann man diesen Biotoptyp im Garten nachbauen?
Eine Supramediterrane Garrigue ist ein von standörtlichen Extremen und langfristiger Nutzung geprägter Lebensraum. Im Privat- oder Kommunalgarten lassen sich Elemente nachempfinden:
- Ein sonniger, magerer Kalkstandort mit durchlässigem Schotter- oder Mineralboden bietet eine Grundlage.
- Typische Arten wie Thymian, Lavendel, Rosmarin, Ginster und Sonnenröschen können in lockerer Anordnung gepflanzt werden.
- Offene Bodenstellen und ein Verzicht auf Düngung unterstützen die typische Struktur.
Ein exakter Nachbau des gesamten Biotoptyps ist jedoch nicht möglich, da die komplexe Artengemeinschaft, die spezifische Bewirtschaftungsgeschichte und die endemischen Arten nicht beliebig reproduzierbar sind. Schon eine kleine Ecke mit mediterranen Subströhrern kann aber das Verständnis für diesen Lebensraum fördern.
FAQ
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Was versteht man unter einer Garrigue?
Eine Garrigue ist eine typisch mediterrane, niedrige Strauchvegetation auf kalkhaltigen Böden. Die supramediterrane Variante wächst in höheren Lagen und wird von winterharten Zwergsträuchern wie Thymian, Ginster und Salbeipflanzen beherrscht. -
In welchen Ländern kommt die Supramediterrane Garrigue vor?
Der Lebensraum findet sich schwerpunktmäßig in Spanien (vor allem Baetische Kordillere und Meseta), Portugal, Südfrankreich (Pyrenäenvorland, südliche Alpenausläufer), Italien (Apennin) und Griechenland. Offizielle nationale Vorkommenslisten fehlen in den Quelldaten. -
Welche Gefährdungskategorie hat der Lebensraum?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet die Supramediterrane Garrigue als „Least Concern“ – nicht gefährdet. Das Habitat ist noch weit verbreitet, wenn auch regional rückläufig. -
Was sind typische Pflanzenarten der supramediterranen Garrigue?
Prägend sind aromatische Halbsträucher wie Thymus vulgaris, Lavandula angustifolia, Salvia lavandulifolia, verschiedene Ginsterarten (Genista scorpius, G. hispanica) sowie zahlreiche endemische Kräuter aus den Gattungen Centaurea, Sideritis und Helianthemum. -
Wie unterscheidet sich die Supramediterrane Garrigue von anderen Garrigue-Typen?
Im Gegensatz zu tieferliegenden (thermomediterranen) Garriguen mit wärmeliebenden Arten dominiert hier eine frosttolerante Strauchflora auf Kalk. Die silikatische Variante (EUNIS F7.4b) auf sauren Böden Sardiniens und Korsikas wird mit der supramediterranen Form unter demselben FFH-Code 4090 geführt, ist aber floristisch eigenständig.
Häufige Fragen
Was versteht man unter einer Garrigue?
Eine Garrigue ist eine typisch mediterrane, niedrige Strauchvegetation auf kalkhaltigen Böden. Die supramediterrane Variante wächst in höheren Lagen und wird von winterharten Zwergsträuchern wie Thymian, Ginster und Salbeipflanzen beherrscht.
In welchen Ländern kommt die Supramediterrane Garrigue vor?
Der Lebensraum findet sich schwerpunktmäßig in Spanien (Baetische Kordillere, Meseta), Portugal, Südfrankreich, Italien (Apennin) und Griechenland. Offizielle nationale Vorkommenslisten fehlen in den Datengrundlagen.
Welche Gefährdungskategorie hat der Lebensraum?
Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet die Supramediterrane Garrigue als „Least Concern“ (nicht gefährdet). Der Typ ist weit verbreitet, aber durch Nutzungsaufgabe regional rückläufig.
Was sind typische Pflanzenarten der supramediterranen Garrigue?
Prägend sind Halbsträucher wie Thymus vulgaris, Lavandula angustifolia, Salvia lavandulifolia, Genista scorpius, G. hispanica sowie viele Endemiten aus den Gattungen Centaurea, Sideritis und Helianthemum.
Wie unterscheidet sich die Supramediterrane Garrigue von anderen Garrigue-Typen?
Sie ist kalkgeprägt und auf mittlere Höhen beschränkt. Die silikatische Variante (EUNIS F7.4b) auf sauren Böden Sardiniens und Korsikas wird unter demselben FFH-Code 4090 geführt, ist aber floristisch anders zusammengesetzt.