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EUNIS: E7.1Europäische Rote Liste: Vulnerable

Temperierte Waldweiden und -wiesen: Lebensraum mit langer Kulturgeschichte (EUNIS E7.1)

Temperate wooded pasture and meadow (EUNIS E7.1, „Atlantic parkland“) sind halboffene, durch traditionelle Beweidung, Mahd und Waldnutzung entstandene Landschaften. Der Biotoptyp ist auf der Europäischen Roten Liste der Lebensräume als „Vulnerable“ (gefährdet) eingestuft, jedoch nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet. Er beherbergt eine hohe Artenvielfalt, darunter alte Baumbestände, epiphytische Flechten und seltene Kräuter, und besitzt große kulturhistorische Bedeutung.

Einordnung

Originalbezeichnung
Temperate wooded pasture and meadow
EUNIS
E7.1 – Atlantic parkland
EU-28
Vulnerable
EU-28+
Vulnerable

Das Wichtigste in Kürze

  • Lebensraumtyp: Halboffene, beweidete oder gemähte Gehölzlandschaften der gemäßigten Zone (nemorale Zone).
  • EUNIS-Code & -Name: E7.1 – Atlantic parkland.
  • Rote-Liste-Status: Vulnerable (gefährdet) – sowohl in der EU28 als auch in der EU28+-Bewertung.
  • FFH-Anhang I: Nicht gelistet.
  • Artikel-17-Erhaltungszustand: In den vorliegenden Quelldaten nicht angegeben.
  • Charakteristisch: Alte, oft pollardierte (geköpfte) Bäume, eine arterreiche Krautschicht und eine enge Bindung an traditionelle Landwirtschaftsformen wie Hute- und Streuobstwiesen.

Was ist eine temperierte Waldweide oder -wiese?

Temperierte Waldweiden und -wiesen (engl. Temperate wooded pasture and meadow) sind offene, mit Bäumen und Sträuchern durchsetzte Landschaften, die durch jahrhundertelange extensive Beweidung, Heumahd und Nieder- oder Mittelwaldwirtschaft entstanden sind. Anders als geschlossene Wälder oder reine Offengrasländer zeichnen sie sich durch ein Mosaik aus Einzelbäumen, Baumgruppen, Gebüschen und beweidetem oder gemähtem Grünland aus. Der EUNIS-Name „Atlantic parkland“ (E7.1) verweist auf die parkartige Struktur, doch der Biotop kommt vom atlantischen Westeuropa bis in die kontinentalen und submediterranen Bereiche der nemoralen Zone vor.

Die Bewirtschaftung folgte meist keinem starren Plan, sondern lokalen Traditionen: In Hudewäldern (abgeleitet von „Hüten“) trieb man Vieh in lichte Wälder; auf Bergweiden (Weidfelder) im Alpenraum, in den Karpaten und auf dem Balkan weideten Rinder, Schafe oder Ziegen unter Fichten, Lärchen oder Buchen; Streuobstwiesen dienten zugleich der Obsterzeugung und der Grasnutzung; in England entstanden aristokratische Parklandschaften und königliche Jagdforste. All diese Ausprägungen sind Teil desselben Habitattyps.

Typische Merkmale und Arten

Baumschicht

Die lichten Kronen werden meist von Laubbäumen gebildet. Häufige und charakteristische Gehölze sind:

  • Stieleiche (Quercus robur), Traubeneiche (Q. petraea), Rotbuche (Fagus sylvatica)
  • Feldahorn (Acer campestre), Spitzahorn (A. platanoides), Bergahorn (Acer pseudoplatanus)
  • Hainbuche (Carpinus betulus), Esche (Fraxinus excelsior), Winter- und Sommerlinde (Tilia cordata, T. tomentosa)
  • Schwarzpappel (Populus nigra), Silberpappel (P. alba), Wildbirne (Pyrus pyraster), Elsbeere (Sorbus torminalis)
  • In kühleren Lagen: Fichte (Picea abies), Lärche (Larix decidua), Kiefern (Pinus spp.)

Alte, knorrige Bäume mit weitem Kronendurchmesser, die nie im geschlossenen Bestand standen, sowie „Kopfweiden“ oder „Kopfbäume“ (pollarded veterans) sind ein auffälliges Kennzeichen.

Strauch- und Krautschicht

Unter dem offenen Kronendach etabliert sich eine vielfältige Bodenvegetation, wobei Beweidung und Mahd das Aufkommen von Jungbäumen und dichten Gebüschen weitgehend unterdrücken. Typische Sträucher sind:

  • Weißdorn (Crataegus laevigata, C. monogyna), Kornelkirsche (Cornus mas), Hasel (Corylus avellana)
  • Gemeiner Wacholder (Juniperus communis), Liguster (Ligustrum vulgaris), Schlehe (Prunus spinosa)
  • Besenheide (Calluna vulgaris) als häufiger Zwergstrauch.

Die Krautschicht setzt sich aus weit verbreiteten Grünlandarten wie Knaulgras (Dactylis), Weidelgras (Lolium), Schneckenklee (Medicago) und Klee (Trifolium) zusammen. Charakteristisch für silvopastorale Systeme sind jedoch auch giftige Pflanzen, die vom Weidevieh gemieden werden und so überleben können, darunter:

  • Affodill (Asphodelus spp.), Diptam (Dictamnus albus), Nieswurz (Helleborus spp.), Pfingstrosen (Paeonia spp.), Kuhschellen (Pulsatilla spp.) und Schwarzer Germer (Veratrum nigrum).

Epiphytische Flechten und Moose wie Arten der Gattungen Evernia, Ramalina, Parmelia sowie Neckera complanata und Leucodon sciuroides besiedeln die alten Bäume und zeigen die oft über Jahrhunderte gewachsene ökologische Kontinuität an.

Ökologische und kulturelle Bedeutung

Durch die halboffene Struktur und die landschaftliche Ausdehnung beherbergen Waldweiden eine außergewöhnliche Artenvielfalt – darunter viele seltene und gefährdete Tiere, Pflanzen und Pilze. Alte, lichte Baumbestände bieten Nistplätze für Vögel wie den Wendehals oder den Wiedehopf, Totholz und Mulmhöhlen sind Lebensraum für zahlreiche Käfer, und der Wechsel von besonnten und beschatteten Grasnarben begünstigt eine reiche Insektenfauna.

Zugleich sind diese Landschaften ein lebendiges Archiv der europäischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Sie drücken lokaltypische Nutzungsformen aus und gelten daher als „High Nature Value Farmland“ (Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert). Ihre Erhaltung ist nicht nur ein Gebot des Naturschutzes, sondern auch der Kulturlandschaftspflege.

Gefährdung und Rote Liste

Die Europäische Rote Liste der Lebensräume bewertet den Biotoptyp „Temperate wooded pasture and meadow“ (E7.1) als Vulnerable (gefährdet). Das gilt für die EU28 ebenso wie für die erweiterte EU28+-Region. Die Einstufung beruht auf einem flächenhaften Rückgang und dem Verlust an Strukturqualität, vor allem durch:

  • Aufgabe der traditionellen Beweidung und Mahd, was zur Verbuschung und Wiederbewaldung führt.
  • Intensivierung der Landnutzung: Entfernung von Gehölzen zur Vergrößerung von Grünlandflächen, Düngung, Umbruch und Einsaat von Wirtschaftsgräsern.
  • Erhöhung der Viehdichten, die eine natürliche Gehölzverjüngung verhindert und Trittschäden verursacht.
  • Ausbreitung nicht einheimischer Baumarten aus Pflanzungen oder invasiven Quellen.

Die Qualitätsindikatoren (siehe nächster Abschnitt) geben Hinweise, woran man einen intakten Lebensraum erkennt und welche Entwicklungen als nachteilig gelten.

Qualitätsindikatoren für einen intakten Lebensraum

  • Hoher Anteil alter, wuchskräftiger Bäume (Veteranen).
  • Ausreichende Verjüngung von lichtbedürftigen Gehölzen.
  • Regelmäßige, extensive Bewirtschaftung, die sowohl den hohen Naturwert als auch den landwirtschaftlichen Ertrag erhält.
  • Geringe Gehölzausbreitung und keine flächige Verbuschung des Grünlands.
  • Keine Abnahme von Beweidungsintensität oder Mahdfrequenz, die unterhalb der Erhaltungsschwelle liegt.
  • Keine landwirtschaftliche Intensivierung (Dünger, Nachsaat, Strukturbeseitigung).
  • Keine Einbringung oder Einwanderung gebietsfremder Gehölze.

Schutzstatus in der EU

Der Habitattyp ist nicht im Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL, 92/43/EWG) aufgeführt. Das bedeutet, dass auf EU-Ebene keine Verpflichtung zur Ausweisung von Schutzgebieten speziell für diesen Biotoptyp besteht und kein förmliches Monitoring nach Artikel 17 der Richtlinie durchgeführt wird. Dennoch können lokale oder nationale Schutzinstrumente greifen, und viele Flächen liegen in Landschaftsschutzgebieten, Natura-2000-Arealen (als Bestandteil anderer Lebensraumtypen) oder werden über Agrarumweltprogramme gefördert. In den vorliegenden Quelldaten ist der Artikel-17-Erhaltungszustand konsequent nicht angegeben.

Untertypen und regionale Ausprägungen (Übersicht)

Die Datenbasis unterscheidet eine Fülle von regionalen Untertypen, die das breite Spektrum dieses Lebensraums zeigen. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Ausprägungen zusammen.

Untertyp / BezeichnungRegionBemerkung
Nemoraler Laub-Hudewald oder Park der planaren bis submontanen Fagetalia-LandschaftenWest- und MitteleuropaKlassische Hudelandschaft, oft mit Eichen und Buchen.
Montaner bis subalpiner Laub-, Nadel- oder Misch-Pastoralwald (Weidfeld)Zentral-, Süd- und SüdosteuropaMeist mit Buche, Fichte oder Ahorn bestockt.
Thermophiler Laub-Hudewald der collinen bis montanen Quercetalia-pubescentis-LandschaftenSüd- und südöstliches EuropaWärmeliebend, oft mit Flaumeichen.
Auen- und Niederungs-Hudewald mit Überflutungsregime der großen StromtälerVor allem östliches und südöstliches EuropaDynamik durch Hochwasser.
Montaner bis subalpiner Nadel-PastoralwaldHochlagen der temperierten ZoneMeist Kiefern- oder Lärchenweiden.
Montaner bis altimontaner Kiefern-Tannen-WaldweideBerge des weiteren MittelmeerraumsÜbergangsformen.
Wacholderheide mit Juniperus communisNordwest- und MitteleuropaWacholder als typischer Weidezeiger, Fagetalia- und Quercetalia-roboris-Landschaften.
Thermophiler Niederwald-WeidewaldSüd- und südöstliches EuropaStockausschlag von Eichen, Hainbuchen u.a.
Subkontinentaler Shibliak auf Weiden der Waldsteppen- und Quercetalia-pubescentis-GebieteSüdöstliches bis südostmitteleuropäisches EuropaStrauchdominierte Weiden.
Submediterraner ShibliakSüdosteuropaÄhnlich, aber in submediterranem Klima.
Hutweiden mit hohem WacholderSüdliche und südmitteleuropäische BergeWeiter verbreitet in Anatolien, Schwarzmeerregion und Nahost.
Aristokratische Parklandschaften und königliche JagdwälderEnglandGestaltet, aber mit alten Bäumen und extensiver Nutzung.

Handlungsmöglichkeiten – was kann getan werden?

Der Erhalt und die Wiederherstellung temperierter Waldweiden setzen eine aktive, auf das jeweilige System abgestimmte Bewirtschaftung voraus. Es geht nicht um Stilllegung, sondern um die Fortführung oder Wiedereinführung einer angepassten Nutzung:

  • Extensive Beweidung mit robusten Rassen, die Gehölzaufwuchs in Schach halten, ohne die Grasnarbe zu zerstören.
  • Regelmäßige, aber späte Mahd auf Wiesenanteilen, um Blütenpflanzen die Samenreife zu ermöglichen.
  • Erhalt alter Bäume und Sicherung ihrer Regeneration durch gezieltes Freistellen oder Nachpflanzen.
  • Verzicht auf Düngung und Pestizide sowie auf die Einsaat nicht heimischer Gräser.
  • Entfernung invasiver Gehölze und Schutz vor Verbuschung durch mechanische Pflege, wo Beweidung nicht ausreicht.

Im Siedlungsbereich oder in Gemeinden lassen sich manche Elemente aufgreifen: Streuobstwiesen, parkartige Grünanlagen mit alten Bäumen und extensiver Mahd können die Struktur nachahmen und zumindest einen Teil der typischen Arten fördern. Eine echte Waldweide mit großem Weidevieh ist aber an spezielle Flächen und Nutzungsrechte gebunden und im Garten nicht nachbaubar.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Was ist eine Hudewald?
Hudewald (auch Hute- oder Hutewald) ist die historische Form der Waldweide, bei der Vieh in lichte Laubwälder getrieben wurde. Die Tiere fraßen Gras, Kräuter und junge Gehölztriebe und verhinderten so eine dichte Strauchschicht, während alte Bäume als Schattenspender und Mastquelle erhalten blieben.

2. Wie wird der Lebensraumtyp in der EUNIS-Klassifikation geführt?
Unter dem Code E7.1 mit dem Namen „Atlantic parkland“. Der Name ist etwas irreführend, weil der Typ nicht auf die atlantische Region beschränkt ist. Der übergeordnete wissenschaftliche Name lautet „Temperate wooded pasture and meadow“.

3. Ist der Biotoptyp durch die FFH-Richtlinie geschützt?
Nein. Er ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet, daher bestehen auf EU-Ebene keine spezifischen Schutzgebietsverpflichtungen. Allerdings können Flächen als Bestandteil anderer geschützter Lebensraumtypen oder nationaler Schutzgebiete erhalten werden.

4. Warum ist der Lebensraum gefährdet?
Vor allem durch die Aufgabe der traditionellen Nutzung (Verbuschung, Wiederbewaldung) und durch landwirtschaftliche Intensivierung wie Grünlandumbruch, Düngung, Beseitigung von Gehölzen und zu hohe Viehdichten.

5. Welche typischen Pflanzen zeigen einen intakten Lebensraum an?
Ein hoher Anteil alter, teils kopfig geschnittener Laubbäume, eine lückige Strauchschicht mit Wacholder oder Weißdorn, sowie spezielle Weidezeiger wie Kuhschellen, Germer oder seltene Flechten auf den Baumstämmen.

Häufige Fragen

Was ist ein Hudewald?

Hudewald (auch Hute- oder Hutewald) ist die historische Form der Waldweide, bei der Vieh in lichte Laubwälder getrieben wurde. Die Tiere fraßen Gras, Kräuter und junge Gehölztriebe und verhinderten so eine dichte Strauchschicht, während alte Bäume als Schattenspender und Mastquelle erhalten blieben.

Wie wird der Lebensraumtyp in der EUNIS-Klassifikation geführt?

Unter dem Code E7.1 mit dem Namen „Atlantic parkland“. Der Name ist etwas irreführend, weil der Typ nicht auf die atlantische Region beschränkt ist. Der übergeordnete wissenschaftliche Name lautet „Temperate wooded pasture and meadow“.

Ist der Biotoptyp durch die FFH-Richtlinie geschützt?

Nein. Er ist nicht im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet, daher bestehen auf EU-Ebene keine spezifischen Schutzgebietsverpflichtungen. Allerdings können Flächen als Bestandteil anderer geschützter Lebensraumtypen oder nationaler Schutzgebiete erhalten werden.

Warum ist der Lebensraum gefährdet?

Vor allem durch die Aufgabe der traditionellen Nutzung (Verbuschung, Wiederbewaldung) und durch landwirtschaftliche Intensivierung wie Grünlandumbruch, Düngung, Beseitigung von Gehölzen und zu hohe Viehdichten.

Welche typischen Pflanzen zeigen einen intakten Lebensraum an?

Ein hoher Anteil alter, teils kopfig geschnittener Laubbäume, eine lückige Strauchschicht mit Wacholder oder Weißdorn, sowie spezielle Weidezeiger wie Kuhschellen, Germer oder seltene Flechten auf den Baumstämmen.

Quellen